Das Vibraphon im Jazz

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  • #73089  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Nicht jeder mag das Vibraphon – es ist auch nicht mein bevorzugtes Instrument, aber es gibt eine handvoll Leute, die hervorragende Musik gemacht haben auf den Vibes!

    Ich versuche die Anordnung mal chronologisch. Red Norvo war wohl der erste, der das Instrument (und auch das Xylophon) im Jazz im grösseren Stil eingeführt haben, Lionel Hampton war dann der erste Vulkan, der eruptierte… und Milt Jackson der grosse Virtuose, der die Neuerungen von Charlie Parker aufs Vibraphon übertragen hat.

    Als Basis für die Liste nahm ich mal wieder Berendt (die 1989er Ausgabe in der 1991er Fischer TB Version, muss mir mal eine neuere kaufen) und habe dieses mal ziemlich viel ergänzt… hab das Gefühl die Liste ist ziemlich komplett, zumindst was einigermassen bekannte Leute betrifft.

    Red Norvo
    Lionel Hampton

    Milt Jackson (Sterne)
    Modern Jazz Quartet

    Marjorie Hyams
    Terry Gibbs
    Terry Pollard
    Don Elliott
    Teddy Charles
    Cal Tjader (Sterne)
    Victor Feldman
    Emil Richards
    Joe Roland
    Warren Chiasson
    Jack Hitchcock
    Tubby Hayes

    Earl Griffiths
    Al Francis
    Buddy Montgomery
    Johnny Lytle

    Eddie Costa
    John Rae
    Lem Winchester
    Larry Bunker
    Tommy Vig
    Charlie Shoemake
    Peter Appleyard
    Mike Mainieri

    Gary Burton (Sterne)
    Walt Dickerson (Sterne)
    Bobby Hutcherson (Sterne)
    Tom van der Geld

    Wolfgang Schlüter

    David Friedman
    David Samuels
    Werner Pirchner

    Roy Ayers (Sterne)
    Dave Pike (Sterne)
    Ruth Underwood

    Bobby Naughton
    Gust William Tsilis
    Khan Jamal
    Jay Hoggard
    Gunter Hampel
    Karl Berger (Sterne)

    Joe Locke
    Bryan Carrott
    Stefon Harris
    Steve Nelson

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM - Corona-Extraprogramm im April und Mai: gypsy goes jazz, #99: The Real McCoy - McCoy Tyner (1938-2020), 14.4., 22:00; #100: Tenor Giants - Yusef Lateef (1920-2013), 12.5., 21:00 (2 Stunden!); #101: 9.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #5: The Pain and Joy of ZA Jazz, 23.4., 22:00 | No Problem Saloon, #14: Funky Longtracks, 11.4., 20:30; #15: 28.4., 21:00
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    #7863499  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Beiträge: 48,389

    Über Bobby Hutcherson haben wir uns ja schon mal im Blue Note Thread ausführlich unterhalten, er gehört zu meinen liebsten Vibraphonisten, zumindest was den Zeitraum seiner Blue Note Sessions (und da v.a. die 60er bis ca. 1967/68) betrifft.

    Sonst gefällt mir auch Walt Dickerson sehr gut, dessen Musik ich heute schon den ganzen Morgen lang gehört habe (This Is, Relativity, To My Queen, Unity/Jazz Impressions of Lawrence of Arabia… weiter geht’s mit Impressions of a Patch of Blue, Tell Us Only the Beautiful Thing und den vier, fünf Steeplechase CDs, die ich von ihm habe).

    Milt Jackson gehört natürlich auch zu den grossen, aber ich habe bei ihm über die Flut an Alben keinen Überblick – grossartig sind besonders die Savoy- (und Atlantic-)Aufnahmen und natürlich die frühen Bop Sessions mit Gillespie und Monk.

    Lionel Hampton mag ich auch sehr gerne. Die Aufnahmen mit Oscar Peterson auf Verve sind toll, ebenso die Group Masterpieces Sessions mit Art Tatum.

    Red Norvo dann… ein ganz eigener Sound, der in der Swing-Ära und überhaupt im Jazz seinesgleichen nicht findet. Kenne bisher fast nur Sachen, die er mit Mildred Bailey, seiner Frau, gemacht hat, und natürlich die grossartigen Trios mit Mingus und Tal Farlow, sowie die klassische Session mit Bird und Dizzy.

    Die beiden Pianisten/Vibraphonisten Victor Feldman und Eddie Costa (alles, was man finden kann! er starb ja so viel zu früh!) gefallen mir auch sehr gut. Ebenso Teddy Charles (die Sessions mit Mingus, Shorty Rogers…), Cal Tjader (die frühen Fantasy Sessions, das Album mit Stan Getz)…

    Lem Winchester muss ich mal wieder ausführlicher anhören, hab’s als etwas unausgereift in Erinnerung – auch er starb ja viel zu früh (und unter den denkbar dümmsten Umständen, aber er war ja selber schuld).

    Ferner muss ich noch ausführlicher mit Karl Berger, Gunter Hampel und Khan Jamal befassen, die kenne ich alle noch nicht sehr gut (Berger noch am besten, u.a. von Don Cherry).

    --

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    #7863501  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 48,389

    Hab rasch nachgeschaut und meine (vorläufige) Hutcherson Besterung wiedergefunden:

    Dialogue ****
    The Kicker ****
    Components *****
    Happenings ****1/2
    Stick-Up *****
    Oblique ****
    Spiral/Medina (Conn CD) ****
    Patterns ****
    Total Eclipse ****
    Now ***1/2
    San Francisco ***1/2
    Head On ****1/2
    Live at Montreux ****

    Diejenigen vom Mosaic Select kenne ich noch nicht – und es fällt mir schwer, zu differenzieren, da eigentlich alles hervorragend ist. Mit „Dialogue“ (das ich fast als letztes aus der obigen Liste kennenlernte) bin ich jedoch nie ganz warm geworden, ebenso mit „Oblique“ (wohingegen ich bei „Happenings“ fast einen Fünfer gebe, das Cover verdient auch fünfe!). „Head On“ war dann die grosse Überraschung – und ja, die Conn-CD mit dem zusätzlichen Material! Ganz tolle Musik, auch nur knapp unter einem Fünfer für mich!
    Das allerliebste ist für mich aber „Stick Up“, da passt einfach alles!

    (von hier)

    „Dialogue“ muss ich jedenfalls mal wieder hervorsuchen – eine leise Enttäuschung bleib da bisher immer. Hat vielleicht mehr mit meinen Erwartungen zu tun und damit, dass ich die meisten klassischen Alben schon kannte, als „Dialogue“ endlich in der RVG-Reihe wieder greifbar wurde – meine Erwartungen waren jedenfalls enorm.

    --

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    #7863503  | PERMALINK

    dogear

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    Beiträge: 1,208

    schön, dass Wolfgang Schlüter auftaucht, ich denke er ist einer der Großen und fällt sonst leider immer unter den Tisch.

    --

    Der Rock ist ein Gebrauchswert (Karl Marx)
    #7863505  | PERMALINK

    clasjaz

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    Beiträge: 1,695

    Seltsames Instrument, so von weit oben mit Schlägeln auf Tasten zu hauen. :-) Ich kenne viel zu wenig, ein bisschen Jackson, Dickerson und überhaupt zum ersten Mal gerne gehört habe ich das Vibraphon von Hutcherson mit Hill (Judgment!). Dass die beiden sich nicht stören … sondern noch einander geben. Vielleicht liegt das auch an der offenen Verschränkung von Hills Kompositionen, die so viele Möglichkeiten zu spielen anbieten? Oder einfach daran, dass da zwei freundlich zueinander gefunden haben? Ich werde mich auf die Suche machen nach den Hutcherson-Alben, danke für die Erinnerung oder Anregung oder wie man das nennen soll.

    --

    #7863507  | PERMALINK

    icculus66

    Registriert seit: 09.01.2007

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    dogearschön, dass Wolfgang Schlüter auftaucht, ich denke er ist einer der Großen und fällt sonst leider immer unter den Tisch.

    Du sagst es! :-)

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    #7863509  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

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    Ist eigenartig, aber die Besetzung Vibes-Piano-Bass-Drums funktioniert bei Hutcherson aber auch bei Dickerson hervorragend! Irgendwie ist da viel mehr Luft als in den meisten Fällen, in denen sich Gitarristen von einem Piano-Trio begleiten lassen.

    Die ganzen Dickerson-Alben sind in dieser Besetzung entstanden (ausser „Tell Us…“, da sind nur Ware und Cyrille dabei und auf „Unity“ ist neben Cyrille mit Edgar Bateman ein zweiter Drummer dabei).
    Die Musik Dickersons lässt enorm viel Raum, die Bassisten (besonders toll George Tucker auf „To My Queen“!) kommen sehr toll rüber, spielen aber auch alle stark (neben Tucker auch Henry Grimes, Ahmed Abdul-Malik und natürlich auf „Tell Us…“ Wilbur Ware… auf dem Debut spielt der mir unbekannte Bob Lewis, auf dem Album mit Sun Ra spielt Bob Cunningham).
    Sehr toll auch Andrew Cyrille, unter den Freejazz-Drummern – davon kann hier noch nicht die Rede sein – ist er ja wohl einer der feinfühligsten, differenziertesten, und das kommt auch auf diesen frühen Aufnahmen schon sehr gut rüber. Er spielt auf allen genannten Alben ausser „Patch of Blue“ mit Sun Ra, da ist irgendwie für einmal eine komplett andere Band zu hören, Ra, Cunningham und Roger Blank. Ra spielt übrigens auf einigen Stücken auch Cembalo – klingt super! Um der Völlständigkeit willen seien noch die anderen Pianisten erwähnt: Austin Crowe ist zu hören auf „This Is“, „Reflecativity“ und „Lawrence of Arabia“, auf „Unity“ spielt Walter Davis Jr. Sie alle spielen gut, die Alben sind alle zwischen **** und ***** anzusiedeln (oder ****1/2, der klare fünfer ist „To My Queen“).

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    #7863511  | PERMALINK

    redbeansandrice

    Registriert seit: 14.08.2009

    Beiträge: 7,036

    das ist ja eine übersichtliche Liste – kein Wunder, dass ich so selten tolle Vibraphon-Aufnahmen finde, bin ein großer Fan des Instruments; momentane Favoriten sind Milt Jacksons Aufnahmen mit Lucky Thompson, und vieles von Bobby Hutcherson, gibt ja auch tolle Sideman Sachen… bei Dickerson fehlt mir noch der Überblick, ansonsten hab ich nur eine handvoll Alben…

    --

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    #7863513  | PERMALINK

    redbeansandrice

    Registriert seit: 14.08.2009

    Beiträge: 7,036

    ein sehr schönes Album, das ich dieses Jahr „entdeckt“ hab, ist Transfiguration von Rolf und Joachim Kühn mit Karl Berger am Vibraphon – kurz gesagt: näher ist man Out To Lunch hierzulande nicht gekommen, und es ist wirklich ganz schön nah (sample)

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    #7863515  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
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    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 48,389

    redbeansandriceein sehr schönes Album, das ich dieses Jahr „entdeckt“ hab, ist Transfiguration von Rolf und Joachim Kühn mit Karl Berger am Vibraphon – kurz gesagt: näher ist man Out To Lunch hierzulande nicht gekommen, und es ist wirklich ganz schön nah (sample)

    Ja, das war auch für mich eine sehr schöne Entdeckung!
    Überhaupt waren die Rolf Kühn Reissues sehr willkommen! (Hab mir allerdings nur die drei aus den Vor-Fusion-Jahren gekauft.)

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM - Corona-Extraprogramm im April und Mai: gypsy goes jazz, #99: The Real McCoy - McCoy Tyner (1938-2020), 14.4., 22:00; #100: Tenor Giants - Yusef Lateef (1920-2013), 12.5., 21:00 (2 Stunden!); #101: 9.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #5: The Pain and Joy of ZA Jazz, 23.4., 22:00 | No Problem Saloon, #14: Funky Longtracks, 11.4., 20:30; #15: 28.4., 21:00
    #7863517  | PERMALINK

    katharsis

    Registriert seit: 05.11.2005

    Beiträge: 1,737

    Ein guter Thread über ein Instrument, welches ich sehr schätze. Besonders aufmerksam wurde ich auf das Vibraphon durch den Einbezug Bobby Hutchersons auf einigen überdurchschnittlichen Sessions für Blue Note und gerade Stücke wie das grandiose „Catta“ haben nicht zuletzt wegen des Vibraphons eine besondere Bedeutung für mich.
    Auch wenn es um Jazz geht bin ich sehr auf den „klingenden“ Klang eines Instruments fixiert, weswegen ich eigentlich immer ein Klavier als Naht- und Angelpunkt einer Aufnahme benötige. Das Vibraphon kommt dem schon sehr nahe, weshalb es mir in ähnlicher Weise sehr gut gefällt und ich darüber hinaus beide Instrumente in Kombination einfach mag.
    Interessant finde ich auch, wie vielseitig man das Vibraphon spielen kann und wie man doch die jeweilige Tradition des Spielers dahinter zu hören vermag.
    Dennoch würde ich mich sehr über die Ausführungen eines technisch versierten begeistern, worin denn nun die klanglichen und spielerischen Unterschiede zwischen Pike, Hutcherson, Dickerson, u.a. wirklich liegen.

    Rein vom Gefühl her haben Hutcherson und Dickerson bei mir die Nase vorn, da ich einfach am meisten von den beiden kenne.
    Dickerson sehe ich ähnlich wie gypsy tail wind, „To my Queen“ ist einfach ein faszinierendes Album, das – auch wenn es nur drei Stücke hat – eine tolle Bandbreite bietet, vom hart swingenden Bop, bis hin zu fast schon neoklassizistischen Klangexperimenten. Auf der anderen Seite schätze ich die Aufnahmen mit Austin Crowe sehr, der in meinen Augen wohl ein unterrepräsentierter lyrisch versierter Pianist gewesen ist. Besternungen kann ich aus dem Stegreif nicht vornehmen, da mir „Relativity“ noch zu unbekannt ist und die beiden anderen ad hoc auf einer Stufe stehen.

    Bei Hutcherson ist es allerdings anders gewesen, da ich „Dialogue“ als erstes kennengelernt habe. Wie oben schon erwähnt, ist „Catta“ eines meiner liebsten Stücke überhaupt, weshalb dessen Glanz auf das ganze Album abfärbt. Trotzdem ist die Session unglaublich faszinierend und genießt bei mir einen ähnlichen Stellenwert wie „Out to lunch“ oder „Idle Moments“, die den selben Vibraphonisten teilen. Toll finde ich, wie die unterschiedlichsten Einflüsse zu einem Klangteppich verwoben werden, der zum damaligen Zeitpunkt einfach nur neu und anders geklungen haben dürfte. Ich mag diese dunkle, aber funkelnde und elegante Struktur der Musik; das taktisch klug Komponierte, was wiederum durch Hubbard’s direkte Musikalität wieder aufgelockert wird und von Rivers immer weiter zusammengenäht wird. Das Tolle ist diese irgendwie dann doch absolut lose Strukturiertheit, die sich zugleich unheimlich dicht präsentiert.
    Die danach aufgenommenen Sessions schätze ich auch, allerdings wurde mir diese Intensität nicht mehr so spürbar. „Components“ kommt dem sehr nahe. Trotzdem kann ich die Musik weniger greifen. Auf der einen Seite wirkt sie expressiver, forschender und gewagter, andererseits irgendwie auch wieder konventioneller, schematischer. Hubbard und Spaulding (den ich sehr mag) passen einfach wunderbar zusammen, wirken dadurch aber auch „bekannter“ als Hubbard mit Rivers – wenngleich es da ja auch Berührungspunkte gibt.
    Bemerkenswert ist, dass Hutcherson sich emanzipierter zeigt – er trägt immerhin die Hälfte der Kompositionen bei und ist deutlicher im Vordergrund zu hören. Insgesamt fällt mir auf, dass Alben von Hutcherson sehr von Gegensätzen und Spannungen leben, expressiv und kontemplativ zugleich. Chambers trägt sehr viel zum Gelingen der Musik bei und hält die Musik pulsierend, treibend. „Happenings“ ist ein weiteres, tolles Album, welches für mich aber eher zu Gunsten (oder zu Ungunsten) Hancock’s ausfällt. Die Band ist gewöhnlicher und Hutcherson stellt nahezu das komplette Material. Hier fehlt mir ein bißchen die Spannung, die die beiden Vorgänger ausmachte, das ruhige Element tritt mehr in den Vordergrund und die Stücke sind weniger komplex. Vielleicht liegt es irgendwie auch am Fehlen eines Bläsers, wenngleich das natürlich kein Kompliment für Hutch ist – obwohl Hancock weit mehr im Vordergrund steht. „Bouquet“ ist allerdings eine sehr schöne, fast fein ziselierte Miniatur! „Happenings“ besitzt jedoch eines der schönsten Blue Note Cover.
    „Oblique“ mit der nahezu identischen Band habe ich wieder faszinierender in Erinnerung, was an der prominenteren Rolle von Chambers liegen könnte.
    „Stick-up“ führt trotz Henderson und McCoy ein Schattendasein bei mir und befindet sich schon seit langem auf dem Hören-Stapel.
    „Spiral“ habe ich so gut wie gar nicht repräsentiert und als ich eben nachgesehen habe, war ich sehr überrascht, dass Harold Land vertreten ist.
    „Patterns“, das letzte Album, das ich kenne, fand ich immer sehr gewöhnungsbedürftig und im Gegensatz zu den anderen Einspielungen hat sich mir das Album erst später erschlossen. Irgendwie weicht die Musik von den anderen Sessions ab, was darin begründet ist, dass Chambers von seinem ansonsten gewohnten Stil abweicht und irgendwie abstrakte aber an schönen Melodien gebundene Musik komponiert hat. Spaulding gefällt mir hier sehr gut – die Flöte passt toll – und man kann sich fast die Freiheit einbilden, die er genoss, ohne dass Hubbard ihm im Nacken saß. Insgesamt beinahe ein Showcase speziell für Spaulding, der gerade zu jener Zeit zu wenig Aufmerksamkeit genoss.

    Dave Pike kenne ich nahezu von nur zwei Alben, „It’s time…“ sowie „Pike’s Peak“. Der Vergleich ist unfair, aber Pike hat nicht die Raffinesse von Dickerson und nicht das Umfeld von Hutcherson, weswegen seine LPs melodisch sauber und durchaus sehr gut sind, aber nie über das „Normale“ hinaus gehen. „Pike’s Peak“, eine Session mit Bill Evans wird mir zudem durch sein ständiges Mitgesumme verleidet. Ab und an ist das sehr spaßig zu hören, der Musik tut es dann aber doch irgendwann weniger gut….Vibraphonisten!

    Demnächst muss ich mal nach Winchester, Teddy Charles, u.a. anderen suchen, um ein bißchen mehr schreiben zu können.

    --

    "There is a wealth of musical richness in the air if we will only pay attention." Grachan Moncur III
    #7863519  | PERMALINK

    janpp

    Registriert seit: 28.08.2002

    Beiträge: 7,180

    dogearschön, dass Wolfgang Schlüter auftaucht, ich denke er ist einer der Großen und fällt sonst leider immer unter den Tisch.

    im Sommer beim Elbjazz mit seiner jungen Band gesehen (dem Hammerklavier Trio). Herausragend. Sehr gut dementsprechen auch das Livealbum der vier: Four Colours

    Gerade habe ich auch das Dave Pike Set so richtig für mich entdeckt, das hat natürlich mit üblichem Modern Jazz wenig zu tun, sondern ist so eine Art psychedelischer Fusion-Jazzrock, der aber nie zu free ist und sich tendenziell am Klang eines akustischen Jazzquartetts orientiert, manchmal sogar überraschend poppig. gerade die ersten 2-3 Alben halte ich für sehr gelungen

    --

    RAUSCHEN Akustische Irritationen aus Folk, Jazz & beyond. Jeden 2. und 4. Dienstag, 19 Uhr. Auf Tide 96.0. http://www.mixcloud.com/Rauschen/[/URL]
    #7863521  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 48,389

    Danke für Deinen ausführlichen Post, katharsis!
    Machst mir richtig Lust, „Dialogue“ mal wieder neu zu hören und mich vielleicht mal eingehender damit zu befassen!

    katharsis“Oblique“ mit der nahezu identischen Band habe ich wieder faszinierender in Erinnerung, was an der prominenteren Rolle von Chambers liegen könnte.

    Und v.a. daran, dass mit Albert Stinson ein unglaublich toller Bassist dabei ist, denke ich… Cranshaw ist der, der nie stört, aber auch selten richtig auffällt – jedenfalls nehme ich ihn quasi als Default-Blue Note-Bassist jener Jahre (ca. 1963-66) wahr und freue mich stets, wenn statt ihm Paul Chambers oder Ron Carter oder sonst jemand zu hören ist (Richard Davis freut mich dabei am meisten, aber der war ja eher selten auf Blue Note).

    katharsis“Stick-up“ führt trotz Henderson und McCoy ein Schattendasein bei mir und befindet sich schon seit langem auf dem Hören-Stapel.

    Für mich ist es das liebste unter Hutchersons Alben – weil’s so zupackend und direkt ist, dabei aber auch Ornette reinbringt, eine gewisse Freiheit atmet (die eher latent vorhanden ist denn wirklich genutzt wird)… und dennoch ungeheuer lyrisch ist.

    Nimmt mich dann wunder, was Du davon hältst, wenn Du’s mal richtig angehört hast!

    katharsis“Spiral“ habe ich so gut wie gar nicht repräsentiert und als ich eben nachgesehen habe, war ich sehr überrascht, dass Harold Land vertreten ist.

    Die beiden hatten ja über mehrere Jahre hinweg eine gemainsame Band. Später (mit Joe Sample) entwickelte sich das mit E-Pianos und Bässen und Oboen und so in eine Art weichgezeichnete bisschen-experimentelle Jazzrock-Richtung… nicht uninteressant, aber „In San Francisco“ wird nie mein Lieblingsalbum.
    Gut ist hingegen „Total Eclipse“ (mit Chick Corea am Piano), das stammt noch aus der Zeit vor den Experimenten. Gefällt mir glaub ich eine Spur besser als „Spiral“.

    Joe Chambers sticht in der Tat immer wieder heraus auf diesen Alben – sowohl als begabter Komponist wie auch als toller Drummer. Schade, dass er erst zum 60. Geburtstag in den 90ern sein Label-Debut (das mittelprächtige „Mirrors“) realisieren konnte.

    Spaulding dagegen… unterschätzt oder nicht, ich glaub nicht, dass der als Leader bei Blue Note wirklich funktioniert hätte, und ich vermute, dass das Lion auch gewusst hat und dass es deswegen kein Spaulding-Album gibt. Ich kenne ein paar wenige spätere Sachen von ihm als Leader und da fehlt mir irgendwie etwas… eine Richtung? eine spürbare und vermittelte Überzeugung?

    Jedenfalls bin ich keiner der „warum hat bloss Spaulding nie ein Blue Note Album machen dürfen“-Beklager-Fraktion.

    Zurück zu Hutcherson: er spielt auch auf dem tollen Andrew Hill Album „Judgement“ (mit Richard Davis und Elvin Jones) und dann auch auf einem meiner allerliebsten Alben von Lee Morgan, „The Procrastinator“. Mit Wayne Shorter, Herbie Hancock und Ron Carter sind drei Fünftel von Miles‘ zweitem Quintett dabei, das färbt ab und das Album hat diese offene, lyrische Stimmung, die wohl besonders mit Shorter und Hancocks Spiel zusammenhängt. Hutcherson passt perfekt dazu (und man darf sich ruhig auch mal ausmalen, wie gut er mit Miles‘ Quintett hätte klingen können!) und Higgins bringt ein groovigeres Spiel rein als Tony Williams das gemacht hätte. Für mich wohl neben „Search for the New Land“ das schönste Album von Lee Morgan (The Sidewinder käme dann an dritter Stelle, nehme ich an… jedenfalls hatte ich die anderen beiden gestern beim Listen-machen dabei, The Sidewinder war von Anfang an draussen.)

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    #7863523  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 48,389

    JanPPGerade habe ich auch das Dave Pike Set so richtig für mich entdeckt, das hat natürlich mit üblichem Modern Jazz wenig zu tun, sondern ist so eine Art psychedelischer Fusion-Jazzrock, der aber nie zu free ist und sich tendenziell am Klang eines akustischen Jazzquartetts orientiert, manchmal sogar überraschend poppig. gerade die ersten 2-3 Alben halte ich für sehr gelungen

    Ja, das Dave Pike Set mag ich auch gerne. Hab die „Masterpieces“ Compilation von Motor Music (aus den 90ern, als da ein paar MPS CD-Reissues erschienen) und von Most Promising Music auch noch „Live At The Philharmonie“ – Volker Kriegel ist ein perfekter Partner für Pike und Rettenbacher/Baumeister swingen und grooven sehr schön!

    Sonst kenn ich – neben den beiden von katharsis schon erwähnten Alben – auch noch „Manhattan Latin“, da gefällt mir das Cover allerdings fast besser als die (leichtgewichtige, loungige) Musik (aber Attila Zoller hör ich natürlich doch immer gern):

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    #7863525  | PERMALINK

    katharsis

    Registriert seit: 05.11.2005

    Beiträge: 1,737

    Mit Albert Stinson hast Du ebenfalls Recht! Ich dachte, er wäre mir noch von anderen Sessions bekannt, ein Blick bei allmusic verrät mir allerdings das Gegenteil. Just gestern habe ich mir mit großer Freude Moncur’s „Evolution“ angehört – auf dem Hutcherson ebenfalls beteiligt war – und Cranshaw fällt in der Tat kein bißchen auf. Dadurch zwar auch nicht negativ, aber gerade bei solchen Sessions wäre ein tragenderer und solistisch agierender Bassist wünschenswert. Richard Davis wäre da keine schlechte Wahl gewesen.
    „Stick-up“ werde ich dann bald mal hören.
    Um die Zusammenarbeit Hutcherson’s mit Land wusste ich, allerdings habe ich das erst später datiert und da „Spiral“ noch vor „Patterns“ eingespielt wurde, war ich überrascht.

    An Deinen Überlegungen bzgl. Spaulding ist wahrscheinlich etwas sehr wahres dran. Ich kenne auch das ein oder andere Soloalbum von Spaulding aus späteren Jahren und das sind durchaus ambitionierte Hard Bop-Dates. So richtig glänzende Sessions dagegen auch nicht. Hubbard und Spaulding war jenerzeit ein tolles Duo. Vielleicht wäre darum zu Zeiten von „Hub-Tones“ ein ganz gutes Album drin gewesen?

    Hutcherson als Sideman ist ein weiteres, ergiebiges Thema. Die Alben von Al Grey gewinnen durch Hutcherson (ebenso wie durch Billy Mitchell), „One step beyond“ ist mein liebstes von McLean, da Hutcherson den Klavierpart so mühelos ausgestaltet und in der Gruppe mit der fortschrittlichste Musiker ist, der zu schönen mystischen Klängen beiträgt. Dexter Gordon’s „Gettin‘ around“ ist ebenso ein Fall, bei dem Hutcherson zwischen Warm und Kalt alles drauf hat und Gordon so gut spiegeln kann. Burns‘ „Warming up“ zeigt Hutcherson wieder etwas konventioneller, aber auch da macht er eine gute, wenn auch weniger prominente Figur. Großartig finde ich ihn auch auf „Feelin‘ free“ zusammen mit Barney Kessel, Elvin Jones und Chuck Domanico. Tolle Session, wenngleich auch nicht „free“, wie der Titel vermuten lässt.

    Die von Dir genannte „Judgement“ ist ja auch meine liebste Hill-Platte. „The Procrastinator“ habe ich dagegen noch nie gehört, wenngleich ich mich momentan frage, warum dem so ist. Die Band klingt toll!

    Was ich außerdem nicht unerwähnt lassen möchte, ist „Virgo Vibes“ von Roy Ayers in einem Sextett mit Joe Henderson, Charles Tolliver, Herbie Hancock, Reggie Workman und wer das auch immer ist, Bruno Carr. Auf „Glow Flower“ ist eine ausgetauschte Westcoast-Band mit Jack Wilson und Harold Land zu hören. Die Musik ist klischeefreier Hard Bop, der dank Tolliver-Hancock-Henderson durchaus auch avantgardistischere Momente mit einbezieht. Gute Musik, leider überschattet von dem Quark, den Ayers später gemacht hat.

    gypsy tail windSonst kenn ich – neben den beiden von katharsis schon erwähnten Alben – auch noch „Manhattan Latin“, da gefällt mir das Cover allerdings fast besser als die (leichtgewichtige, loungige) Musik (aber Attila Zoller hör ich natürlich doch immer gern):

    Habe ich noch nie gehört, aber da sind eigentlich jede Menge toller Leute dabei.

    --

    "There is a wealth of musical richness in the air if we will only pay attention." Grachan Moncur III
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