Das Kinojahr 2021 (Achtung, kann Spuren von Spoilern enthalten)

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    motoerwolf

    Registriert seit: 25.10.2006

    Beiträge: 5,527

    Wie letztes Jahr liste ich hier alle 56 Filme, die ich 2021 im Kino gesehen habe, in der Reihenfolge der Sichtung. Darunter sind auch ein paar Filme, die nicht 2021 erstmals im Kino waren. Da ich aber anders als letztes Jahr zu jedem Film zumindest ein paar Zeilen schreiben will, erfolgt das ganze in mehreren Etappen. Hier also die ersten Besprechungen:

    Nomadland (Nomadland, Chloé Zhao, 2020)

    Zhaos Verfilmung eines Sachbuches ist in vielerlei Hinsicht etwas ganz besonderes. Das offensichtlichste ist dabei die Besetzung, denn bis auf die mit Frances McDormand besetzte Hauptrolle, Fern, ist der Film fast ausschließlich mit Menschen besetzt, die sich selbst spielen. Spielfilm und Dokumentation werden dadurch auf eine spannende Weise vermischt. Nomadland zeigt eine Gruppe von Menschen, denen zum Teil durch Krisen des Kapitalismus der materielle Boden unter den Füßen entzogen wurde, einige jedoch habe ihren Weg selbstbestimmt gewählt. Allen gemeinsam ist aber, dass sie das sesshafte Leben aufgegeben haben und nun als Nomaden durch Amerika ziehen, immer auf der Suche nach Arbeit, aber immer auch von dem Wunsch nach Freiheit getrieben. Die gezeigten Menschen sind nach kapitalistischen Kriterien eindeutig Verlierer, doch als solche werden sie nicht porträtiert. Sie alle begegnen ihrem Schicksal mit großer Würde, sie haben ihr neues Leben angenommen trotz all der schwierigen Begleiterscheinungen, die ein Leben on the road mit sich bringt. Angenommen heißt hier nicht nur, dass sie gelernt haben, im Wohnmobil irgendwie zu leben, sondern sie genießen ihre neue Kultur, und selbst wenn sich Chancen ergeben, wieder ein ‚normales‘ Leben zu führen, entscheiden sie sich dagegen. Typisch amerikanisch ist ihnen Mobilität, sowohl in geographischer als auch sozialer Hinsicht, ein hohes Ideal geworden. Neben diesem wunderbar erzählten Inhalt ist aber auch die visuelle Seite des Film grandios. Wenn der Zuschauer Fern durch Amerika begleitet, lernt er das Land und seine vielen unterschiedlichen Landschaften kennen, stets eingefangen in Bildern, die das Fernweh schüren. Nach langen Monaten, die ich wegen der Pandemie kinofrei verbringen musste, war es ein Hochgenuss, als ersten Film Nomadland zu sehen und diese Bilder genießen zu dürfen. Glatte 10/10 Punkten von mir dafür.

    Faking Bullshit (Faking Bullshit, Alexander Schubert, 2020)

    Diese Krimikomödie ist ein deutsches Remake eines schwedischen Films. Der Humor tut niemandem weh, auch wenn es mal um real existierende Probleme wie Rassismus geht, dennoch ist der Film erstaunlich gut gelungen (gerade für eine deutsche Komödie). Ich wurde gut unterhalten, und das ist mir 5,5/10 Punkten wert.

    Freaky (Freaky, Christopher B. Landon, 2020)

    Freaky ist eine gelungene Horrorkomödie, welche auf eine charmante Art den Slasherfilm mit der Körpertauschkomödie vermischt. Schon der Name lehnt sich an eines der Vorbilder an, Freaky Friday – Ein voll verrückter Freitag (Mark Waters, 2003), und nach einem kurzen Vorspann erfahren wir per Einblendung, dass die Haupthandlung an einem Freitag, den 13. spielt, womit auch dem zweiten Einfluss Referenz erwiesen wurde. Der Clou in Freaky ist, dass der Körpertausch zwischen der Highschoolschülerin Millie und einem irren Serienkiller mit dem Titel Blissfield Butcher stattfindet. Beide wachen also in einem Körper auf, der ein anderes Geschlecht hat, einer deutlich anderen Generation angehört und psychisch extrem unterschiedlich aufgestellt ist. Während der Killer im Körper des Mädchens seine jetzt sehr harmlose Erscheinung nutzt, muss Millie damit klar kommen, dass jeder sie für einen Wahnsinnigen hält und sie daher gejagt wird. Gottlob schafft sie es, ihre besten Freunde und auch ihren heimlichen Schwarm von ihrer wahren Identität zu überzeugen, doch die Einwohner der Stadt und die Polizei stehen ihr stets im Wege bei dem Versuch, innerhalb der genreüblichen 24-Stunden-Frist den Tausch rückgängig zu machen. Ganz herrlich sind Szenen, in denen Millie ihren neuen Körper zu benutzen lernt oder wenn sie im falschen Körper ihrem Schwarm ihre Liebe gesteht. Vince Vaughn als Killer / Millie macht einen hervorragenden Job, seine Darstellung einer Teenagerin ist sicher etwas Klischeehaft, aber einfach extrem spaßig anzusehen. Aber nicht nur die komischen Elemente des Drehbuchs sind wirklich gelungen, auch der Horroranteil ist gut umgesetzt. Die Morde sind schön blutig, wie man es sich von einem Slasher erhofft. Ich hatte viel Spaß im Kino, meine Frau ebenso und scheinbar auch der ganze Saal, also stehen 9/10 Punkten nichts im Wege.

    Godzilla vs. Kong (Godzilla vs. Kong, Adam Wingard, 2021)

    Der Film haut mächtig auf die Kacke. Leider bietet er darüber hinaus wenig positives. Die Story ist größtenteils dämlich, die menschlichen Figuren ebenfalls. Innerhalb des Genres ist das alles nur Durchschnitt, neue, aufregende Ideen sucht man vergebens. Immerhin ist aber alles hübsch anzuschauen. 4/10 Punkten.

    Proxima – Die Astronautin (Proxima, Alice Winocour, 2019)

    Kein klassischer Weltraumfilm, sondern eine Auseinandersetzung mit den irdischen Problemen, die ein Ausflug ins All mit sich bringt. Im Zentrum steht dabei die Astronautin Sarah, die eine siebenjährige Tochter hat, die unter der langen Trennung von der Mutter leidet. Denn Sarah fliegt ja nicht nur mal eben ins All, sie muss ja auch ein monatelanges Training durchlaufen, erst in Frankreich, später in Russland, da bleibt für die Familie kaum Zeit. Ihr Mann, gespielt von Lars Eidinger, und auch eine ESA-Gouvernante können den zeitweisen Verlust der Mutter nicht wirklich kompensieren. Der Film ist also eher ein Familiendrama, beschäftigt sich mit der Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zeigt deutlich, dass sich diese Problematik für Mütter anders und intensiver darstellt als für Väter. Trotz aller Zweifel und allen Leidens bleibt Sarah aber ihrem beruflichen Traum treu und weitgehend professionell. Bis kurz vor Ende des Films, in dem sie dann doch ihren „Mutterinstinkten“ folgt und aus der Quarantäne ausbricht, um mit der Tochter gemeinsam die Rakete zu besichtigen. Damit gefährdet sie letztlich die Mission. Nicht etwa deren Stattfinden, da sie heimlich ausbricht, sondern deren Gelingen. Dieses Ende entwertet in meinen Augen den Film völlig, denn es suggeriert, dass Frauen eben doch nicht professionell sein können, dass sie am Ende des Tages doch hormongesteuerte Gefühlswesen sind, die im Zweifel das „kleine“ familiäre Glück über alles andere stellen. Wegen des ärgerlichen Endes gebe ich nur 3,5/10 Punkten. Bis dahin allerdings ist der Film ziemlich gut.

    A Quiet Place (A Quiet Place, John Krasinski, 2018)

    Den Film habe 2018 verpasst und war daher sehr froh, ihn mit dem zweiten Teil zusammen in einem Doublefeature im Kino zum ersten Mal sehen zu dürfen. Zwar ist AQP nicht der ganz große Wurf, der absolute Geniestreich, als der er von einigen dargestellt wurde, aber dennoch ein fesselnder Horrorfilm, der fast alles richtig macht. Zum absoluten Meisterwerk fehlt mir eine noch konsequentere Umsetzung des Prinzips der Stille. Dass die möglich gewesen wäre, beweisen in meinen Augen (bzw. Ohren) die Sequenzen, in denen die Geschichte aus der Perspektive der tauben Tochter gezeigt wird. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, und während des Films sind mir diese Gedanken gar nicht gekommen, dazu war ich zu gefesselt in meinem Sessel. Daher sind 8,5/10 Punkten auf keinen Fall zu viel.

    A Quiet Place 2 (A Quiet Place: Part II, John Krasinski, 2020)

    Etwas schwächer als Teil 1, aber immer noch ein guter Horrorfilm. Fortsetzungen auf diesem Niveau sind keine Selbstverständlichkeit. Oft läuft es ja darauf hinaus, in einer Fortsetzung dem Prinzip schneller, höher, weiter zu huldigen, während man im Prinzip versucht, den ersten Teil einfach zu wiederholen. Auch Krasinski zeigt uns in AQP2 mehr von seiner apokalyptischen Welt, er vergrößert quasi den Ausschnitt. Er wechselt aber auch ein Stück weit die Perspektive, der Fokus geht weg von den Eltern und richtet sich mehr auf die Kinder, wodurch er eben doch nicht nur die alte Geschichte in größerem Rahmen wiederholt. Das Ergebnis ist immer noch sehr fesselnd, aber mir einen halben Punkt weniger wert als Teil 1. Es bleiben 8/10 Punkten.

    Monster Hunter (Monster Hunter, Paul W.S Anderson, 2020)

    Der Film ist laut, schnell, ohne Verschnaufpause und voll auf die Zwölf. Natürlich ist er auch dumm und belanglos, allein, das ist völlig egal. Wer hier Arthouse erwartet hat selbst schuld. Die Handlung ist mit dem Satz Menschen kämpfen gegen Monster erschöpfend erklärt. Die Umsetzung ist aber wirklich klasse, und es macht (nachdem das Hirn ausgeschaltet ist) einfach Spaß, diesen schnörkellosen Actionkracher anzusehen. In diesem Sinne gebe ich die volle Punktzahl von 10/10. Das heißt, der Film leistet genau das, was er verspricht, verdammt solide und spaßige Unterhaltung. Die Punkte sollen ausdrücklich nicht bedeuten, dass hier ein ewiger Klassiker geboten wird, der neue und tiefe Erkenntnisse über das Leben, das Universum und den ganzen Rest bietet.

    Fast & Furious 9 (F9, Justin Lin, 2021)

    In meinen Augen ist das der bisher schlechteste Film der Reihe. Ich bin ja im Prinzip ein eher wohlwollender Kinogänger / Filmegucker, aber hier ist erstens langsam die Luft raus und zweitens sind bei F9 einige Sequenzen so übertrieben, dass sie selbst mir zu blöd sind (z.B. das Fahren über eine einstürzende Hängebrücke, später das Schwingen eines Autos mittels eines Trägerseils dieser Brücke über den Abgrund, siehe Trailer). Wenn das die Qualitätssicherung sein soll, die man sich von Lins Rückkehr auf den Regiestuhl versprach möchte ich nicht wissen, wie der Film ohne ihn ausgesehen hätte. Zwar gibt es auch ein paar ganz nette Szenen, aber die sind relativ rar. Am besten gefällt mir da noch, dass Brian (Paul Walker) noch immer in den Film integriert wird. Für mehr als 4/10 Punkten reicht das aber nicht, und schon die könnten unter Umständen zu hoch gegriffen sein. Allerdings könnte umgekehrt mein Eindruck auch etwas zu negativ sein, weil ich nie ein schlimmeres Publikum als in diesem Film erlebt habe. Dummes Gelaber ohne den Versuch, ein wenig Rücksicht zu nehmen, entsetzlich lautes Popcorn und Nachos, ständige Toilettengänge und haufenweise Menschen, die dauernd auf ihr Handy glotzen, verderben natürlich jeden Film.

    Bad Luck Banging or Loony Porn (Babardeală cu bucluc sau porno balamuc, Radu Jude, 2021)

    BLBOLP will uns das Leben erklären. Dazu bedient sich Jude ungewöhnlicher Mittel. Am Anfang des Films steht der Hardcoreporno, den der Titel verheißt. Den hat die Lehrerin Emilia „Emi“ Cilibiu mit ihrem Mann für private Zwecke gedreht, doch dummerweise ist er auf PornHub gelandet und wurde von Emis SchülerInnen gesehen. Daher muss Emi nach dem dem Vorspann in Teil 1 des Films („Einbahnstraße“) durch Bukarest zu ihrer Vorgesetzten, der Rektorin, laufen. Im Grunde passiert hier weiter nichts, sie begegnet ein paar Menschen (Blumenhändlern, Falschparkern usw) und läuft und läuft. Die Kamera schweift dabei immer mal wieder von Emi ab um zum Beispiel die Fassaden von Ruinen gleichsam abzutasten, wenn Emi an ihnen vorbei läuft. Wirkliche Handlung gibt es erst, als sie bei der Rektorin eintrifft, aber viel passiert auch hier nicht. Es wird lediglich besprochen, dass bezüglich des Skandals ein Elternabend einberufen wurde. Trotz Corona übrigens, der Film setzt nämlich der Pandemie geradezu ein Denkmal. Masken überall, sowie Gespräche über Corona und die Coronadiktatur am Rande verorten den Film zeitlich sehr genau im Hier und Jetzt. Es folgt „Teil 2: Kurzes Wörterbuch der Anekdoten, Zeichen und Wunder“, ca 40 Minuten ohne jede Handlung. Es werden Begriffe genannt und oft sehr zynisch erläutert, von Blowjob über Vergewaltigung, oft mit Bezug zur Rumänischen Vergangenheit und Gegenwart. Dazu gibt es Archivbilder genauso wie extra gedrehtes Material zu sehen. Bilder von Kriegsopfern und Fotzen (sic!) wechseln sich ab, Betrachtungen über Nationalismus oder die Analogie zwischen Kino und der Sage um Perseus und die Medusa stehen gleichberechtigt neben einem gespielten Blondinenwitz. „Teil 3: Praxis und Anspielungen (Sitcom)“ schließlich zeigt den Elternabend, der ein Tribunal über Emi wird. Noch einmal zeigt Jude uns sämtliche widerwärtigen Fratzen der Moderne, Militarismus, Nationalismus, Antisemitismus, Heuchelei, Wichtigtuerei, you name it. So wie der Film drei Teile hat, hat er auch drei Enden. Einen Freispruch, einen Schuldspruch und einen Schuldspruch, in dessen Folge Emi zu Wonder Woman wird, mit einem Netz alle Eltern fängt und sie dann mit einen großen Dildo oral penetriert. Mit klassischem Kino hat das zwischendurch wenig zu tun, hier wird mit den Mitteln der Satire und der Groteske eher ein filmisches Essay zur Lage der (nicht nur rumänischen) Menschheit geliefert. Jude geht hier nicht ein Problem an, sondern alle. Das ist viel gewollt, aber überraschenderweise ist auch viel gelungen, wenn man denn bereit ist, sich darauf einzulassen. Das werden viele nicht sein. Als der Film losging, waren mit mir sechs Menschen im Kino, doch die ersten gingen noch vor dem Vorspann (während des Pornos), der Rest nach ca einer halben Stunde. Eine Wertung mag ich hier nicht geben, aber wer abseitiges Kino verträgt, dem möchte ich eine Empfehlung aussprechen.

    Minari – Wo wir Wurzeln schlagen (Minari, Lee Isaac Chung, 2020)

    Minari zeigt die Geschichte einer koreanischen Familie, die in den 1980er Jahren in Arkansas versucht, eine Farm für koreanisches Gemüse aufzubauen. Überraschenderweise spielt trotz dieses Settings Rassismus nicht nur keine Rolle, sondern die weißen Amerikaner nehmen die Neuankömmlinge sogar sehr freundlich auf. Statt dessen finden Konflikte innerhalb der Familie statt. Nicht alle teilen den Traum des Familienvaters von einer Farm, und je länger die Familie in einem unzureichenden Trailer lebt, desto stärker werden auch die Probleme. Dazu tragen sowohl Rückschläge bei der Entwicklung der Farm als auch die Anwesenheit einer reichlich unkonventionellen Großmutter bei. Und wie so oft bei Einwanderern ist der Spagat zwischen Anpassung an die neue Heimat und dem Treubleiben gegenüber der eigenen Kultur ein schwieriger. Das alles ist präzise beobachtet und warmherzig erzählt, und Minari ist ein kleines, stilles Filmjuwel, dem ich gerne mehr Publikum gegönnt hätte. Leider hat die Coronapandemie es solchen intimen, eher im Arthouse verorteten Filmen noch schwerer gemacht, ein Publikum zu finden. Von mir gibt es 10/10 Punkten.

    Der Mauretanier (The Mauritanian, Kevin Macdonald, 2021)

    Ein sehr eindringlicher Film über Mohamedou Ould Slahi, der nach dem 11. September zu unrecht von Amerikanischen Behörden einer Mittäterschaft beschuldigt und in der Folge ohne Prozess in Guantanamo eingesperrt wird. Er bleibt dort vierzehn Jahre lang und erleidet unterschiedlichste Arten der Folter. Zu seinem Glück hat er aber einen Chefankläger, der von seiner Schuld immer weniger überzeugt ist sowie eine Anwältin, die ihm gegen alle Widerstände bestmöglich verteidigt. Das gute an diesem Film ist, dass er zwar ein Film mit einer Mission ist, der aufklären und anklagen will, der ein Bewusstsein schaffen soll für das Unrecht, dass die USA im Namen des Anti-Terror-Kampfes begangen haben und weiterhin begehen, dass Der Mauretanier aber darüber hinaus auch filmisch sehr gelungen ist. Das ist ja leider keine Selbstverständlichkeit. Der Mauretanier bewegt, macht wütend, wühlt den Zuschauer auf und macht also alles richtig. Ein wichtiger Film, der wohl leider von denen, die ihn am dringendsten sehen müssten, am ehesten ignoriert oder gar angefeindet werden wird. Um so freudiger gebe ich hier (auch politisch motivierte) 10/10 Punkten.

    Black Widow (Black Widow, Cate Shortland, 2021)

    Black Widow ist für mich einer der stärkeren Beiträge zum MCU. Schon der Beginn, der wirklich düster geraten ist, hat mich wirklich gefesselt und ein wenig an Red Sparrow erinnert. Der Ton bleibt natürlich nicht den ganzen Film über, sondern marveltypisch gibt es in der Folge viele humorvolle Szenen, und auch die haben mir gefallen. Cate Shortland hat für mich eine wirklich gut ausgewogene Mischung zwischen beiden Polen gefunden und erzählt eine der interessanteren Originstorys des MCU. Dazu trägt natürlich die von mir verehrte Scarlett Johansson eine Menge bei, aber auch ihre Filmschwester, gespielt von Florence Pugh, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte. Ich bin gespannt, wie sich diese Figur entwickeln wird, denn ein Wiedersehen wird in der Post-Credit-Szene angekündigt. Ansonsten möchte ich ganz ausdrücklich den Showdown von Black Widow loben, den ich grandios fand. Natürlich ist er extrem actionreich, aber im Vergleich zu anderen in der Reihe für mich klar und übersichtlich und frei von Überladung, obwohl wirklich eine Menge auf der Leinwand passiert. 8/10 Punkten vergebe ich, und davon ist ein halber ganz allein für das Intro mit dieser Musik ist.

    Nobody (Nobody, Ilya Naishuller, 2021)

    Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wird der frühere Auftragskiller der US-Regierung Hutch gezwungen, sein langweiliges Familienleben aufzugeben und wieder zur Waffe zu greifen, um sich gegen eine Gangsterbande zur Wehr zu setzen. Erwartet habe ich, schon wegen des Kinoplakates, einen deutlich komödiantischeren Film, als ich dann zu sehen bekam. Besonders die ersten Gewaltszenen sind fast völlig frei von jedem Comic Relief, und einiges was auf der Leinwand passiert, tut schon beim Zuschauen weh. Im Verlauf des Films ändert sich der Ton dann etwas, mit dem Auftauchen von Hutchs Vater und seinem Halbbruder wird der Film zwar nicht weniger brutal, doch die ironisierenden Wortgefechte der drei übertünchen die Gewalt, wie man es aus zahllosen US-Filmen kennt. Mir wäre es lieber gewesen, wenn der raue Ton des Beginns bei gehalten worden wäre, doch viel Spaß macht der Film auf jeden Fall und verdient sein 7,5/ Punkten. Übrigens gibt es auch eine wirklich schön gefilmte Szene zu sehen, in der eine Schallplatte eine wichtige Rolle spielt!

    Die Adern der Welt (Die Adern der Welt, Byambasuren Davaa, 2020)

    Filme, die in der Mongolei spielen und den Alltag einer ganz normalen Familie porträtieren dürften wohl den wenigsten deutschen Zuschauern allzu oft begegnen, allein deswegen schon ist dieser hier absolut sehenswert. Er bietet Einblicke in eine Kultur, die uns weitestgehend fremd ist, die aber, wie der Film deutlich zeigt, durchaus eng mit unserer verwoben ist. Das zeigt sich im Vordringen eines großen Bergbaukonzernes, der den Lebensraum der nomadisch lebenden Familie bedroht, gleichzeitig aber auch eine berufliche Zukunft bietet. Es zeigt sich aber auch im Wunsch des kleinen Helden des Films, des elfjährigen Amra, einmal an Mongolia’s Got Talent teilzunehmen. Wie bei Minari tut es mir auch für diesen Film leid, dass er kein größeres Publikum bekam. So sehr ich das Blockbusterkino liebe, diese kleinen, unaufgeregten Produktionen, die man nur allzu leicht verpassen kann, weil keine Millionen in Werbekampagnen gepumpt werden können, die gehen mir meist so viel näher und bleiben letztlich stärker in Erinnerung. Besonders, wenn sie auch noch so schön fotografiert sind wie diese hier. 10/10 Punkten.

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    And all the pigeons adore me and peck at my feet Oh the fame, the fame, the fame
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    #11671489  | PERMALINK

    grievousangel
    Urusei yatsu

    Registriert seit: 07.09.2013

    Beiträge: 5,559

    Immer wieder eine Freude, deine Besprechungen lesen zu dürfen, danke dafür.  :bye:

    Bin noch nicht ganz durch, aber wenn es hier ohnehin weitergeht, habe ich damit ja keine Eile. Bei der Höhe deiner Wertungen komme ich zwar nicht annähernd hinterher, aber sie spiegeln deinen Enthusiasmus für das Medium in schöner Weise wider. :)

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    http://www.musicmaniac.at/ I think I've got a feeling I've lost inside..
    #11671501  | PERMALINK

    motoerwolf

    Registriert seit: 25.10.2006

    Beiträge: 5,527

    grievousangelImmer wieder eine Freude, deine Besprechungen lesen zu dürfen, danke dafür. Bin noch nicht ganz durch, aber wenn es hier ohnehin weitergeht, habe ich damit ja keine Eile. Bei der Höhe deiner Wertungen komme ich zwar nicht annähernd hinterher, aber sie spiegeln deinen Enthusiasmus für das Medium in schöner Weise wider. :)

    Danke für die Blumen!

    Ich komme mir selbst immer wieder wie eine Reinkarnation von scorechaser vor, der hat auch oft höher bewertet als alle anderen  :yahoo:

    Tatsächlich bin ich froh, mir trotz Beschäftigung mit Filmtheorie letztlich einen naiven Blick auf das Medium und damit eine vielleicht manchmal übergroße Begeisterungsfähigkeit bewahrt zu haben.

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    #11671625  | PERMALINK

    cleetus

    Registriert seit: 29.06.2006

    Beiträge: 16,424

    Schließe mich an, lese deine Rezensionen immer gern und schaue inzwischen gezielt Filme, die du empfiehlst (sehr gut fand ich den Western-Run von vor 3-4 Monaten) bzw oft auch trotzdem, wenn sich der Plot gut anhört. Die neue Black Widow kannst du übrigens in der Serie „Hawkeye“ wiedersehen.

    zuletzt geändert von cleetus

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    Don't be fooled by the rocks that I got - I'm still, I'm still Jenny from the block
    #11671815  | PERMALINK

    kurganrs

    Registriert seit: 25.12.2015

    Beiträge: 7,251

    @motoerwolf: Danke auch von mir. Bin Dir bei den Filmbesprechungen auf der Spur.  ;-)

    #11672381  | PERMALINK

    motoerwolf

    Registriert seit: 25.10.2006

    Beiträge: 5,527

    Danke euch beiden, @cleetus und @kurganrs. Der Western-Run hat übrigens noch nicht aufgehört, inklusive ca zwanzig Kurzfilmen habe ich dieses Jahr 123 Western gesehen.

    Der Rausch (Druk, Thomas Vinterberg, 2020)

    Die Grundidee des Films ist schon mal prima. Es wird behauptet, dass der Mensch prinzipiell 0,5 Promille Alkohol im Blut haben sollte, um in sozialer Hinsicht wirklich gut zu funktionieren. Vier recht ausgebrannte Lehrer wollen das beweisen und starten ein entsprechendes Experiment. Anfangs klappt das ziemlich gut, beruflich und privat geht es bei allen bergauf. Irgendwann kommen sie jedoch auf die dumme Idee, die Beschränkungen des Experiments fallen zu lassen. Das heißt Trinken rund um die Uhr und ohne Promillegrenze…
    Druk (Originaltitel) bezeichnet in Dänemark die dortige Trinkkultur. Wenn hier schon der Alkohol gegen jede Vernunft als harmloses Kulturgut dargestellt wird (ganz im Gegensatz zum bösen Kraut der Schwarzen, dem Marihuana), so wird in Dänemark der Exzess als zur Kultur gehörig empfunden. Gesoffen wird, bis nichts mehr da ist, Geselligkeit ohne Rausch ist kaum denkbar. Vinterbergs Film feiert das nicht, aber als wirklich negativ wird es auch nicht dargestellt. Diese Beschränkung auf das reine Darstellen, der Verzicht auf eine eindeutige Bewertung hat mich positiv überrascht. Dass der Druk in Dänemark tatsächlich ein Problem ist, kann man durchaus konstatieren, aber mir gefällt, dass hier kein Problemfilm gedreht wurde, dass am Ende keine Läuterung erfolgt wie zum Beispiel in vielen amerikanischen Kifferkomödien. Ein gelungener Film, der Komik und Tragik gut zu verbinden weiß und den Zuschauer nicht bevormunden will. Vielleicht aber ein wenig zu lang geraten. 7,5/10 Punkten.

    Home (Home, Franka Potente, 2020)

    Da mich das Privatleben von Schauspielern, Regisseuren und anderen Filmschaffenden meist nicht oder nur am Rande interessiert, war mir nicht bewusst, dass Franka Potente seit Jahren in Amerika lebt. Daher war ich ziemlich überrascht, von einer deutschen Schauspielerin einen solch amerikanischen Film präsentiert zu bekommen. Aber sehr positiv überrascht. Home ist eine gelungene Auseinandersetzung mit den Themen Schuld und Sühne vor einem amerikanischen Kleinstadthintergrund (auch wenn Clovis das von der Einwohnerzahl her nicht ist). Hier gibt es eigentlich nur Verlierer. Die Hauptfigur, Marvin, kehrt nach 17 Jahren Gefängnis, die er wegen Mordes verbüßen musste, in seine Heimatstadt. Dort findet er seine Mutter in der letzten Phase ihrer Krebserkrankung vor und beginnt, sich um diese zu kümmern. Er trifft alte Freunde, deren Probleme mit Drogen sie zerstören, er findet eine Stadt, die ihm nicht vergeben kann. Dabei sind diese Menschen keineswegs moralisch integer. Neben den erwähnten Drogen spielen Alkohol und Gewalt eine Rolle, Kinder werden vernachlässigt und drohen damit die nächste Generation zu stellen, die an Amerika zerbrechen werden. Potente nähert sich diesen Figuren voller Einfühlungsvermögen und blickt zu keinem Zeitpunkt auf sie herab. So gelingt ihr ein nüchterner Blick auf den „White Trash“, der gleichzeitig Verständnis für die Menschen hat, aber ihre sozialen Umstände kritisiert. Ein gewisses Maß an europäischer Perspektive mag man hier feststellen, und diese tut dem Film gut. 9,5/10 Punkte finde ich angemessen.

    Old (Old, M. Night Shyamalan, 2021)

    Eine Gruppe Urlauber muss an einem einsamen Strand feststellen, dass der Ablauf der Zeit nicht normal ist und man extrem beschleunigt altert. Alle Wege vom Strand weg scheinen versperrt, und natürlich ist die Gruppendynamik eine gefährliche. Das Ganze ist optisch gut gemacht und hat eine starke Atmosphäre, aber auch viele Ideen, die nicht wirklich originell sind. Das gilt vor allem für die meisten Figuren. Trotzdem nett und mit 6/10 Punkten für mich fair bewertet.

    Cash Truck (Wrath of Man, Guy Ritchie, 2021)

    Ritchies Remake eines französischen Film ist ein packender, relativ harter und humorloser Actionfilm geworden, der Jason Statham als neues Mitglied einer Securityfirma im Kampf gegen eine Gangsterbande zeigt. Im Verlauf der Geschichte stellt sich heraus, dass selbige so geradlinig dann doch nicht ist, aber hier ins Detail zu gehen wäre zu viel Spoiler. Statham jedenfalls geht in seiner Rolle perfekt auf, die Story ist gut und spannend inszeniert, doch mir persönlich ist der Film zu wenig Guy Ritchie. In dieser Hinsicht hat mir zuletzt The Gentlemen deutlich besser gefallen. Cash Truck hätte auch von jedem anderen Actionroutinier stammen können. Daher gibt es von mir nur 7/10 Punkten.

    The Suicide Squad (The Suicide Squad, James Gunn, 2021)

    James Gunn darf Vollgas geben und tut das dann auch. So gerät TSS zu einem knallbunten, völlig irrsinnigen, extrem brutalen und zynischen Trip ins Superheldengenre, das vom MCU kaum weiter entfernt sein könnte. Auch dort gibt es natürlich seltsame Wesen zu bestaunen, doch so etwas wie den Polka-Dot Man, King Shark, T.D.K. oder gar einen so krassen Endgegner wie eine Riesenseestern hat das MCU bisher nicht zu bieten. Während es dort letztlich immer familiengerecht zugeht und die konventionelle Moral stets im Vordergrund steht, erlaubt sich TSS, auf solche Werte gepflegt zu scheißen. Machen die Avengers in Lagos einen Fehler, wird das über Ewigkeiten zum Thema und das Team darüber fast zerrissen. Wenn die Squad aus Dummheit ein ganzes Dorf von eigentlich verbündeten Rebellen abschlachtet, ist ihnen das kaum mehr als ein „Upps“ wert. Eigentlich ist das sehr viel ehrlicher in der Bewertung der Anwendung von Gewalt, wie sie im echten Leben vorgenommen wird. Denn selbstverständlich würde in den realen USA (und nicht nur dort) wohl kaum jemand um ein paar unschuldige Nigerianer in einen moralischen Konflikt geraten, wie uns First Avenger: Civil War glauben machen will.
    Neben der völlig wahnsinnigen Story glänzt TSS auch mit einer wunderbaren Optik. Bestes und prominentestes Beispiel ist da Harley Quinns Flucht aus einem Folterkeller, der komplett aus ihrer Sicht dargestellt ist. Und Harleys Wahrnehmung ist offensichtlich leicht verschoben, bluten ihre Opfer doch Blumen und Schmetterlinge. Ebenfalls eine schöne Idee ist die Umsetzung einer Rückblende, in der die Geschichte von Ratcatcher 2 erzählt wird. Diese Rückblende findet in ihren Anfang als „Spiegelung“ in einem Fenster, wodurch sie sich wie in einem Panel eines Comics anschaut.
    Alles in allem ein Superheldenfilm wie auf einer Mischung aus Kokain und LSD, ein einziger irrer Trip und ein Highlight im Genre. Ich gebe 10/10 Punkten. Mindestens einer davon ist allein für Margot Robbie.

    Promising Young Woman (Promising Young Woman, Emerald Fennell, 2020)

    Dieser Film war eine echte Überraschung für mich. Erwartet habe ich aufgrund des Trailers und auch des Plakates eine nette Komödie, in der ein paar charakterlich fragwürdige, aber letztlich harmlose Männer durch fiese kleine Racheaktionen geläutert werden. Also etwas, was eigentlich aus der Zeit gefallen wäre und dem Stand der #metoo-Debatte um Jahre hinterherhinkt. Statt dessen sah ich ein Rape-and-Revenge-Drama, das sich den Regeln dieses Genres aber genauso entzieht wie denen der Komödie. Die Hauptfigur, Cassie, ist eine traumatisierte junge Frau, die eine gute Freundin durch Suizid verloren hat. Der Selbstmord war die Folge einer Vergewaltigung. Jahre später bietet sich Cassie eine Gelegenheit, Rache zu üben. Im Gegensatz zu den meisten Rape-and-Revenge-Filmen ist Cassie zwar nicht gerade zimperlich mit ihren Opfern, aber nicht auf Mord aus. Was PYW aber noch deutlicher von anderen Filmen des Genres unterscheidet, ist der Umstand, dass der Zuschauer Cassie gegenüber ständig im Zwiespalt ist. Sie wird sehr deutlich nicht nur als Opfer, sondern auch als Täterin porträtiert, die zum Beispiel auch einen Anwalt angreift, der einen der Vergewaltiger erfolgreich verteidigt hat. Der größte Unterschied zu Filmen wie I spit on your grave ist aber das erschütternde Ende, in dem Cassie keineswegs glücklich und erlöst in den Sonnenuntergang reiten kann.
    PYW ist ein wahnsinnig vielseitiger Film geworden. Komisch und tragisch, romantisch und brutal, uneindeutig und daher zum Denken anregend, ein wichtiger Beitrag zu #metoo. Ein Film, dem ich auch wegen seiner Bedeutung, aber keineswegs nur deswegen mit der vollen Punktzahl bewerten möchte. 10/10 Punkten also.

    Doch das Böse gibt es nicht (Sheytan vojud nadarad, Mohammad Rasoulof, 2020)

    Doch das Böse gibt es nicht ist ein langer Film über das Töten, wobei das eigentliche Töten im Film so gut wie gar nicht zu sehen ist. In vier Episoden, die inhaltlich nur über das Thema verbunden sind, sieht man Menschen, die im Iran Hinrichtungen vollziehen, vollziehen sollen oder vollzogen haben. Die Perspektive ist konsequent die des Henkers, die Opfer kommen im Gegensatz zu so vielen anderen Filmen zum Thema Todesstrafe nicht wirklich vor. Rasoulof interessiert, was das dem Henker meist aufgezwungene Töten mit ihm macht und zeigt ganz unterschiedliche Arten, wie Menschen mit dieser Pflicht umgehen könnten. Und egal, ob der jeweilige Henker dies beruflich macht oder als Wehrdienstleistender dazu gezwungen wird, das Hinrichten lässt keinen der vier unberührt. Teilweise erscheinen die gezeigten Geschichten ein wenig konstruiert, doch das hat mich noch selten gestört. Und da Rasoulof zwar konstruiert, um seine Botschaft zu vermitteln, darüber hinaus aber in meinen Augen auch rein filmisch betrachtet liefert (dazu tragen auch die Schauspieler enorm bei), bin ich ziemlich begeistert aus dem Kino gegangen. Klare Empfehlung meinerseits, der Film hat verdient, gesehen zu werden. Und Rasoulof wünsche ich nur das beste, ich hoffe sehr, dass die Rache des Regimes ihn nicht zerstört. 9,5/10 Punkten.

    The Forever Purge (The Forever Purge, Everardo Valerio Gout, 2021)

    Der neueste Teil der Reihe macht eine Sache anders als die Filme bisher, und die wird schon im Titel verraten. Die Purge ist nicht mehr auf eine Nacht beschränkt, beziehungsweise wird von Terroristen umgedeutet zu einem zeitlich nicht begrenzten Bürgerkrieg gegen alles „unamerikanische“. Dadurch wird ein Film, der eigentlich nicht viel mehr ist als ein Actionfilm mit Horrorelementen, sehr deutlich zum Kommentar auf die Ära Trump. In TFP gibt es die Mauer zu Mexiko bereits, der Rassenhass kennt keine Schranken mehr. Wie so oft in solchen Filmen zeigt sich aber auch hier der Widerspruch zwischen dem Anprangern von Gewalt und der gleichzeitigen Zelebrierung eben dieser. Das nimmt dem Film eine Menge Wucht und reduziert ihn schließlich doch wieder auf einen Genrefilm. Als solcher ist er aber immerhin gelungen und verdient seine 5,5/10 Punkte.

    Kings of Hollywood (The Comeback Trail, George Gallo, 2020)

    Die Grundidee ist wirklich witzig. Ein erfolgloser Produzent will einen Film nur drehen, um seinen Hauptdarsteller dabei durch einen „Unfall“ zu töten, um so an die Versicherungssumme zu kommen. Der Film will eine Liebeserklärung an das alte Hollywood sein, doch leider zerstört ein Übermaß an völlig unzeitgemäßem Klamauk ganz viel Atmosphäre und damit letztlich den Film. Wegen einiger schöner Einzelmomente gebe ich noch 4/10 Punkten. Mit der Besetzung hätte man aber mehr erreichen müssen.

    Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Fabian oder Der Gang vor die Hunde, Dominik Graf, 2021)

    Ein großartiger Film! Graf nimmt sich viel Zeit für die Entwicklung seiner Figuren, die allesamt fantastisch besetzt sind. Albrecht Schuch (Systemsprenger, Berlin Alexanderplatz) ist mal wieder genial, wobei Tom Schilling und Saskia Rosendahl ihm in nichts nachstehen. Die Verknüpfung eines Filmes, der in den Dreißiger Jahren spielt, mit der Gegenwart ist Graf hervorragend gelungen. So beginnt der Film im heutigen Berlin, und während die Kamera in die Tiefen einer U-Bahn-Station abtaucht, gleitet sie zugleich zurück in die Zeit bis zum Beginn der Dreißiger. Graf verknüpft die Zeiten aber vor allem über die optische Ebene, indem er zum Beispiel seine Sets nicht sklavisch an der Zeit orientiert. Er geht sogar so weit, völlig anachronistisch Stolpersteine zu zeigen, über die seine Hauptfiguren hinweglaufen. Außerdem verwendet Graf unterschiedlichstes Filmmaterial, von einigen wenigen Originalaufnahmen über körnigen Film bis hin zu hochauflösenden digitalen Bildern. All dies verbindet sich organisch zu einem Ganzen von gehöriger Wucht, bei dem trotz Überlänge keine Minute zu viel ist. Nach Berlin, Alexanderplatz eine weitere große Literaturverfilmung aus deutschen Landen. Glatte 10/10 Punkten.

    Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings, Destin Daniel Cretton, 2021)

    Da ich die Figur nicht kannte und meistens mit Asia-Kampfkunstfilmen wenig anfangen kann, habe ich von Shang-Chi nicht erwartet, dass er mir besonders gut gefallen würde. Der im Vorfeld größte Pluspunkt des Films war für mich daher die Besetzung der weiblichen Hauptrolle mit der von mir sehr geschätzten Awkwafina. Die liefert hier auch erwartungsgemäß ab, aber auch der Rest des Films hat mich deutlich mehr erreicht als ich vermutet hätte. Es gibt einige wirklich schön gemacht Fights zu bewundern, die Story ist über weite Strecken spannend und gut inszeniert, lediglich der finale Kampf ist mir ein wenig zu unübersichtlich. Das ist noch nicht so krass wie bei Endgame, aber ich mag es etwas übersichtlicher. Trotzdem überwiegt der positive Eindruck bei weitem, ich gebe daher 7,5/10 Punkten.

    Candyman (Candyman, Nia DaCosta, 2021)

    Candyman ist stark, funktioniert aber wahrscheinlich am besten für ein schwarzes amerikanisches Publikum. Man merkt dem Film an, dass er von Jordan Peele (Get out, Us) produziert wurde, #blm ist auch hier wieder das eigentliche Thema. Wer einen einfachen Slasher mit übernatürlichem Aspekt erwartet wird hier nicht voll auf seine Kosten kommen. Der Horror wird trotz einiger hübscher entsprechender Szenen in erster Linie nicht durch den Candyman, sondern durch die Behandlung Schwarzer in einem weiß dominierten Amerika vermittelt. Neben dem Rassismus widmet sich Candyman auch dem Thema Gentrifizierung. Diese Themen anzusprechen ist natürlich ehrenhaft und wünschenswert, aber erst durch die gelungene künstlerische Umsetzung wird daraus mehr als ein überlanges Anklagevideo. Schon im Film selbst gibt es wunderbar komponierte Bilder in rauen Mengen zu sehen, aber herausragend ist dann der Scherenschnittfilm im Abspann. 8/10 Punkten.

    zuletzt geändert von motoerwolf

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    #11672391  | PERMALINK

    stormy-monday
    verdreckter Hilfssheriff

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    Ziemlich geil, was Du hier machst. Ich orientiere mich da gerne an Deinem Geschmack. Wobei ich den Film manchmal erst Jahre später goutiere. Ich war bis auf den ersten Film mit meinem Dad noch nie wegen James Bond im Kino. Habe aber fast alle gesehen.

    Die Stummfilmwochen von Dir waren formidabel.
    Ziemlich blöd, dass ich nie termingerecht in einen Film komme. War das in „Annie Hall“, wo Woody nicht in einen Bergman- Film reinkonnte mit der Angebaggerten, weil der Film schon angefangen hatte?

    Danke!

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    #11672433  | PERMALINK

    krautathaus

    Registriert seit: 18.09.2004

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    motoerwolfA Quiet Place (A Quiet Place, John Krasinski, 2018)A Quiet Place 2 (A Quiet Place: Part II, John Krasinski, 2020) Isaac Chung, 2020)

    Da kann ich dir von der Beschreibung und von der Wertung her genauso zustimmen. Dem zweiten Teil fehlt halt ein bischen das Überraschungsmoment und wenn man die doch etwas beschränkten Möglichkeiten der Handlung berücksichtigt, ist der immer noch recht einfallsreich.

    Keep on rollin!

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    #11672497  | PERMALINK

    nicht_vom_forum

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    krautathaus

    motoerwolfA Quiet Place (A Quiet Place, John Krasinski, 2018)A Quiet Place 2 (A Quiet Place: Part II, John Krasinski, 2020) Isaac Chung, 2020)

    Da kann ich dir von der Beschreibung und von der Wertung her genauso zustimmen.

    Offensichtlich habt ihr deutlich andere Maßstäbe als ich. Ich fand im ersten Teil die Schauspieler und die Kameraführung zwar ordentlich bis gut, aber die Löcher im Worldbuilding und im Plot und die streckenweise (für den Plot notwendige) Dummheit der erwachsenen Charaktere waren für mich derartig unübersehbar, dass ich mich wirklich über die verschwendete Zeit geärgert habe – Suspension of disbelief hin oder her. Auf den zweiten Teil habe ich dann verzichtet.

    --

    Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away.  Reality denied comes back to haunt. Philip K. Dick
    #11672505  | PERMALINK

    motoerwolf

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    stormy-mondayZiemlich geil, was Du hier machst. Ich orientiere mich da gerne an Deinem Geschmack. Wobei ich den Film manchmal erst Jahre später goutiere. Ich war bis auf den ersten Film mit meinem Dad noch nie wegen James Bond im Kino. Habe aber fast alle gesehen.
    Die Stummfilmwochen von Dir waren formidabel.
    Ziemlich blöd, dass ich nie termingerecht in einen Film komme. War das in „Annie Hall“, wo Woody nicht in einen Bergman- Film reinkonnte mit der Angebaggerten, weil der Film schon angefangen hatte?
    Danke!

    krautathausDa kann ich dir von der Beschreibung und von der Wertung her genauso zustimmen. Dem zweiten Teil fehlt halt ein bisschen das Überraschungsmoment und wenn man die doch etwas beschränkten Möglichkeiten der Handlung berücksichtigt, ist der immer noch recht einfallsreich.
    Keep on rollin!

    Auch euch beiden Danke für euer nettes Feedback!
    @stormy-monday: Die Bondfilme kenne ich auch fast alle, habe aber wie du nicht viele davon im Kino gesehen. Ohne jetzt meine Liste zu prüfen würde ich sagen, vor No time to die war es nur Skyfall. Finanziell und zeitlich ist es mir erst seit ca drei Jahren möglich, so viel Zeit im Kino zu verbringen. Seit dem das geht, sehe ich mir fast alles an, was mich nicht regelrecht abstößt, sich terminlich machen lässt und was ich hier ohne stundenlange Fahrerei sehen kann (Censor zum Beispiel konnte ich nicht sehen, der lief hier nirgendwo). Filme wie Bond, aber auch Fast & Furious etc machen auf der großen Leinwand auf jeden Fall mehr Spaß als im Heimkino (wie eigentlich jeder Film), selbst wenn sie nicht so richtig gelungen sein sollten. Einen Kinobesuch bereut habe ich noch nie, selbst wenn der Film richtig mies war.
    Stummfilme schaue ich immer wieder mal, besonders gerne aus der ganz frühen Zeit des Films. Die sind nicht allzu lang und die Entwicklung der Filmsprache zu beobachten ist einfach spannend. Für die längeren Werke aus der Stummfilmzeit, also Filme ab etwa den Zehnerjahren, fehlt mir oft ein bisschen die Geduld, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Dabei gibt es da eigentlich noch so viel zu entdecken.
    Annie Hall stimmt.

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    #11672513  | PERMALINK

    motoerwolf

    Registriert seit: 25.10.2006

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    nicht_vom_forumOffensichtlich habt ihr deutlich andere Maßstäbe als ich. Ich fand im ersten Teil die Schauspieler und die Kameraführung zwar ordentlich bis gut, aber die Löcher im Worldbuilding und im Plot und die streckenweise (für den Plot notwendige) Dummheit der erwachsenen Charaktere waren für mich derartig unübersehbar, dass ich mich wirklich über die verschwendete Zeit geärgert habe – Suspension of disbelief hin oder her. Auf den zweiten Teil habe ich dann verzichtet.

    Hast du die letzten zwei Jahre keinen Kontakt zu Menschen gehabt? Wir sind dumm, verhalten uns irrational. Seit der Pandemie werfe ich Filmcharakteren ihre dummen Handlungen noch weniger vor als früher.
    Als Zeitverschwendung empfinde ich selbst schlechte Filme nicht. Insofern haben wir sicher andere Maßstäbe, was aber ja auch völlig normal und in Ordnung ist.

    --

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    #11672523  | PERMALINK

    krautathaus

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    motoerwolf

    nicht_vom_forumOffensichtlich habt ihr deutlich andere Maßstäbe als ich. Ich fand im ersten Teil die Schauspieler und die Kameraführung zwar ordentlich bis gut, aber die Löcher im Worldbuilding und im Plot und die streckenweise (für den Plot notwendige) Dummheit der erwachsenen Charaktere waren für mich derartig unübersehbar, dass ich mich wirklich über die verschwendete Zeit geärgert habe – Suspension of disbelief hin oder her. Auf den zweiten Teil habe ich dann verzichtet.

    Hast du die letzten zwei Jahre keinen Kontakt zu Menschen gehabt? Wir sind dumm, verhalten uns irrational. Seit der Pandemie werfe ich Filmcharakteren ihre dummen Handlungen noch weniger vor als früher. Als Zeitverschwendung empfinde ich selbst schlechte Filme nicht. Insofern haben wir sicher andere Maßstäbe, was aber ja auch völlig normal und in Ordnung ist.

    Mit manchem irrationalem Verhalten hab ich bei Menschen unter Extremsituationen auch kein Problem. Wahrscheinlich würde ich so ein Horrorszenario keine 20 Minuten überleben.

    --

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    #11672531  | PERMALINK

    motoerwolf

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    Käme beispielsweise eine Zombieapokalypse, wir wären doch schon deshalb völlig aufgeschmissen, weil all unsere Überlebensstrategien aus US-Filmen stammen. Hier in Deutschland findest du aber eben nicht in jedem Haus Waffen und Munition. :yahoo:

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    #11672563  | PERMALINK

    nicht_vom_forum

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    motoerwolf

    nicht_vom_forumOffensichtlich habt ihr deutlich andere Maßstäbe als ich. Ich fand im ersten Teil die Schauspieler und die Kameraführung zwar ordentlich bis gut, aber die Löcher im Worldbuilding und im Plot und die streckenweise (für den Plot notwendige) Dummheit der erwachsenen Charaktere waren für mich derartig unübersehbar, dass ich mich wirklich über die verschwendete Zeit geärgert habe – Suspension of disbelief hin oder her. Auf den zweiten Teil habe ich dann verzichtet.

    Hast du die letzten zwei Jahre keinen Kontakt zu Menschen gehabt? Wir sind dumm, verhalten uns irrational.

    Ich meine keine spontanen Entscheidungen der Personen, sondern Dinge/Handlungen, die nicht dazu passen, dass die Charaktere über ein Jahr in dieser Situation überlebt haben. Mir geht’s um solche Dinge wie den dramaturgisch erforderlichen Wasserfall, an den man geht, um sich mal gepflegt und ungestört anzuschreien, der aber von den Charakteren geflissentlich ignoriert wird, wenn es um so absehbar laute Dinge wie eine Geburt oder die Pflege eines Säuglings geht (oder auch nur um den Brettspielabend). Es gab noch massenhaft anderes (z. B. DEN NAGEL *facepalm* oder die allabendliche Festbeleuchtung), aber dafür müsste ich mir den Film nochmal ansehen, er ist ja jetzt auch schon eine Weile her.

    --

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    grievousangel
    Urusei yatsu

    Registriert seit: 07.09.2013

    Beiträge: 5,559

    motoerwolf

    grievousangelImmer wieder eine Freude, deine Besprechungen lesen zu dürfen, danke dafür. Bin noch nicht ganz durch, aber wenn es hier ohnehin weitergeht, habe ich damit ja keine Eile. Bei der Höhe deiner Wertungen komme ich zwar nicht annähernd hinterher, aber sie spiegeln deinen Enthusiasmus für das Medium in schöner Weise wider. :)

    Danke für die Blumen! Ich komme mir selbst immer wieder wie eine Reinkarnation von scorechaser vor, der hat auch oft höher bewertet als alle anderen Tatsächlich bin ich froh, mir trotz Beschäftigung mit Filmtheorie letztlich einen naiven Blick auf das Medium und damit eine vielleicht manchmal übergroße Begeisterungsfähigkeit bewahrt zu haben.

    Ist ja auch was schönes.  :bye: Bei dir haben schon mehr Filme aus vergangenem Jahr die perfekte 10 geknackt, als ich Werken aus dem gesamten aktuellen Jahrtausend vermutlich zugestehen würde, wenn ich in Punkten und nicht in Sternen bewerten würde. Da ist eine 10/10 für mich doch noch was anderes als fünf Sternchen, die ich natürlich auch nur selten vergebe. :) Bin schon gespannt, wie es weitergeht, keep up the good work!

    --

    http://www.musicmaniac.at/ I think I've got a feeling I've lost inside..
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