Brasilien

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  • #10238711  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 3,831

    Vor einiger Zeit in der jede-CD-5 Euro-Kiste gefunden:

    Elis Regina & Antonio Carlos Jobim – Elis & Tom (1974)

    Liederabend mit Elis Regina und Antonio Carlos Jobim. Zwei brasilianische Nationalheilige, der Professor und der Wonneproppen, denke ich wenn ich mir das Cover anschaue. Und die Musik auf diesem Album ist auch von diesem Gegensatz geprägt, vor allem bei der Jahrundertaufnahme von Águas de Março, das Elis und Tom im Duett singen, sich gegenseitig den Ping Pong-Ball zuspielen, Jobim anscheinend ganz beherrscht aber gerade dadurch provokant, womit er Elis beinahe aus der Fassung bringt bis sie fast lachend losprustet. Jobim ist der raffinierte Komponist, Elis die gefühlvolle Interpretin, die sich im Verlauf von 37-minuten durch ein emotionales Spektrum von sprühender Lebensfreude bis zu Tode betrübt hangelt. Ob Elis Regina diese Stimmungschwankungen selbst auch so erlebt hat? Mit 36 Jahren beförderte sie sich unfreiwillig mit einem Cocktail aus Kokain und Alkohol ins Jenseits.

    Bossa Nova beeinflusst, aber nicht nur, einiges ist jazzy und es gibt auch einige Stücke mit eleganten Orchesterarrangements.

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    "Alive, alive, I want to get up and jive / I want to wreck my stockings in some jukebox dive" (Joni Mitchell)
    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #10238845  | PERMALINK

    duplo

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    Beiträge: 2,470

    Reizendes Video, @friedrich, und natürlich ein großartiges Lied.

    Eine phantastische Sängerin war übrigens auch die im Alter von 32 Jahren verstorbene Sylvia Telles. Ihr Spitzname war Dindi, und Jobim hatte ihr eigens ein Lied gleichen Titels geschrieben, dass sie auch mehrfach selber aufgenommen hat. Aber die brasilianische Fachwelt hält diese Version mit Rosinha de Valença an der Gitarre für die beste.

    Die Akademie Brasilianischer Populärer Musik in Rio hat die Aufnahme unter die 50 wichtigsten in der Geschichte der brasilianischen Musik gewählt. Mich packt sie jedes Mal.
    Das Traurige ist, dass Sylvia Telles ein paar Tage nach eben dieser Aufnahmen im dichten Verkehr von Rio in ein Auto lief und sofort verstarb.

    Es gibt auch noch mehr Video Footage von ihr mit Rosinha de Valença:

    Vom Song ‚Dindi‘ gibt es natürlich etliche Interpretationen, von Jobim, Astrud Gilberto, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughn usw., aber alle auf Englisch.

    zuletzt geändert von duplo

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    #10239599  | PERMALINK

    shirl

    Registriert seit: 16.11.2015

    Beiträge: 356

    @friedrich

    Bis zum Album mit Jobim hat Elis Regina, wenn ich mich nicht irre, KEINEN Song von Jobim aufgenommen.
    Das ist bemerkenswert, da sie immer ein Händchen für gute Songscheiber hatte.
    Durch ihre Songauswahl hat Elis Regina einigen Newcomern zu ihrem Platz in der MPB verholfen.

    Ich habe ein paar Bücher über brasilianische Musik, irgendwo wurde von dem angespannten Verhältnis Regina/ Jobim berichtet.
    Wenn nur mein Portugiesisch nicht so eingerostet wäre, würde ich nachschlagen

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    #10239629  | PERMALINK

    shirl

    Registriert seit: 16.11.2015

    Beiträge: 356

    Hier ein Link um sich ein- oder weiterführend mit brasilianischen Musikrichtungen, Künstlern & Platten zu beschäftigen:

    http://www.slipcue.com/music/brazil/brazillist.html

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    #10239637  | PERMALINK

    go1
    Gang of One

    Registriert seit: 03.11.2004

    Beiträge: 5,084

    shirl Bis zum Album mit Jobim hat Elis Regina, wenn ich mich nicht irre, KEINEN Song von Jobim aufgenommen. Das ist bemerkenswert, da sie immer ein Händchen für gute Songscheiber hatte. Durch ihre Songauswahl hat Elis Regina einigen Newcomern zu ihrem Platz in der MPB verholfen. Ich habe ein paar Bücher über brasilianische Musik, irgendwo wurde von dem angespannten Verhältnis Regina/ Jobim berichtet. Wenn nur mein Portugiesisch nicht so eingerostet wäre, würde ich nachschlagen

    Auf Elis Regina in London von 1969 sind „Wave“ und „How Insensitive (Insensatez)“ drauf; die Sache mit den Jobim-Songs kann sich also nur auf frühere Studio-Aufnahmen beziehen. Bei den Aufnahmen für Elis & Tom gab es wohl Streit, weil Elis ihren Ehemann Cesar Camargo Mariano als Arrangeur und Pianisten mitbrachte, während Jobim eigentlich Ogerman gewollt hätte. Letztlich haben die Spannungen zwischen Elis und Tom dem Album aber ja nicht geschadet.

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    To Hell with Poverty
    #10239643  | PERMALINK

    shirl

    Registriert seit: 16.11.2015

    Beiträge: 356

    Mea culpa!

    Ich war mir  doch so sicher…

    Elis In London habe ich doch im Regal, Corrida de Jangada ist ganz groß!

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    #10240041  | PERMALINK

    shirl

    Registriert seit: 16.11.2015

    Beiträge: 356

    @go1

    Ich habe in Sachen Regina/ Jobim in Ruy Castros Buch „Bossa Nova – The Sound Of Ipanema“ nachgeschlagen.
    Laut Ronaldo Bôscoli , dem ersten Ehemann von Elis, stand sie seit 1964 auf Kriegsfuß mit Jobim.

    1964 haben Carlos Lyra und Vinicius de Moraes das Album „Pobre Menina Rica“ (armes reiches Mädchen) mit Jobim als Arrangeur geplant, letzten Endes hat Jobim die Arrangements dann aber doch nicht geliefert.

    Jobim hatte Elis Regina als Landei bezeichnet, daß sie nicht glaubhaft die Rolle des armen reichen Mädchens singen könne.
    Elis wurde ausgebootet, statt ihrer sang dann Dulce Nunes ihren Part.

    Nun war Ronaldo Bôscoli jedoch mit Jobim befreundet, bei privaten Feiern mußte man Elis immer wieder daran hindern Jobim bei gemeinsamen Grillfeiern verbranntes Fleisch zu servieren…
    Über die Jahre sind die alten Wunden dann aber doch so weit verheilt, das sie 1969 tatsächlich ihre ersten Jobim Komposition einspielte.

    Das war nicht für „Elis Regina in London“, sondern der Titel „Wave“ auf der gemeinsamen Platte mit Toots Thielemans „Aquarela do Brasil“.

    --

    #10240049  | PERMALINK

    go1
    Gang of One

    Registriert seit: 03.11.2004

    Beiträge: 5,084

    @shirl:

    Danke für die Info! Ich bin gestern beim Nachschlagen auf discogs noch auf ein Album von 1968 gestoßen, Elis Especial, das ein Jobim-Medley enthält (als „Tributo à Tom Jobim“). Kannte ich nicht, gibt’s aber auf YouTube:

    Das Buch von Ruy Castro wollte ich vor Jahren mal lesen, hab’s aber nicht gemacht. Was hältst Du von dem Buch: Kannst Du es empfehlen? Mich würde vor allem interessieren, wie viel man von Castro über die Musik selbst und die Kultur und Gesellschaft der damaligen Zeit erfährt, und wie viel bloß anekdotisch ist?

    zuletzt geändert von go1

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    To Hell with Poverty
    #10240055  | PERMALINK

    shirl

    Registriert seit: 16.11.2015

    Beiträge: 356

    Castro schreibt in seinem Buch, das sie Jobim Songs manchmal in ihren Medleys gebracht hat, so ganz ohne den Nationalheiligen Jobim ging es halt auch nicht.

    zuletzt geändert von shirl

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    #10240065  | PERMALINK

    shirl

    Registriert seit: 16.11.2015

    Beiträge: 356

    Ich kann das Buch empfehlen, es bietet einen fundierten Überblick der Wurzeln und der Blüte der Bossa Nova.
    Es beschreibt die Zeit davor, als es hauptsächlich die Samba, sowie Sinatra-inspirierte Nachtclubmusik gab.

    Als ich das Buch las, hatte ich mich schon einige Jahre mit brasilianischer Musik beschäftigt und wußte zb wer Lucio Alves, Johnny Alf oder Dorrival Caymmi waren. Für völlige Neueinsteiger könnten es vielleicht zu viele neue Namen sein.

    Die Bossa tat ja, was alle Wellen tun, auslaufen.
    Nach wenigen Jahren war es vorüber, die sanfte Musik wurde seichter und amerikanischer.

    Was mich nach wie vor brennend interessiert: was passierte in dem gefühltem Vakuum zwischen der Bossa Nova und der Tropicalia?
    Das sind immerhin einige Jahre.

    Oder welchen Einfluss hatten die Stones im Brasilien der 60er Jahre? Die Beatles wurden schon in den frühen sechziger Jahren gecovert, brasilianische Musik im Stile der Rolling Stones, Coverversionen, sind mir noch nicht bekannt.

    Die frühe Beatlesliebe führte dann zu Sachen wie dieser hier:

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    #10240095  | PERMALINK

    go1
    Gang of One

    Registriert seit: 03.11.2004

    Beiträge: 5,084

    shirlIch kann das Buch empfehlen, es bietet einen fundierten Überblick der Wurzeln und der Blüte der Bossa Nova. Es beschreibt die Zeit davor, als es hauptsächlich die Samba, sowie Sinatra-inspirierte Nachtclubmusik gab. (…) Die Bossa tat ja, was alle Wellen tun, auslaufen. Nach wenigen Jahren war es vorüber, die sanfte Musik wurde seichter und amerikanischer. Was mich nach wie vor brennend interessiert: was passierte in dem gefühltem Vakuum zwischen der Bossa Nova und der Tropicalia? Das sind immerhin einige Jahre.

    Danke.

    Das Auslaufen der Welle hat sich doch Jahre hingezogen, und Tropicalismo beginnt schon 1967 – da liegt gar nicht viel dazwischen. McGowan und Pessanha gehen in ihrem Buch The Brazilian Sound (das ich übrigens empfehle) kurz auf die Zwischenphase ein, am Ende ihres Bossa Nova-Kapitels und am Anfang ihres MPB-Kapitels. Demnach folgt auf den Militärputsch 1964 eine Phase der Politisierung und Radikalisierung (bis die Junta dann ab Dezember 1968 der kulturellen Freiheit ein Ende macht und die Phase der strikten Zensur und harten Repression beginnt). Ein Teil der Musiker schreibt jetzt Songs über Armut,  Not und Unterdrückung statt über „die Liebe, das Lächeln und die Blumen“ (Carlos Lyra zum Beispiel wird politischer). Musiker wie Edu Lobo geben der Bossa Nova einen neuen Dreh, indem sie Folk-Einflüsse einbeziehen. Ab 1965 beginnt die Zeit der großen, im Fernsehen übertragenen Musik-Festivals, bei denen die Songschreiber und Interpreten der MPB-Generation bekannt werden (dabei wird der Begriff der música popular brasileira erst geprägt, in Abgrenzung zur internationalen Popmusik und den Beatles-Epigonen). Darunter sind dann auch schon Gilberto Gil, Caetano Veloso, Gal Costa…

    Edit:
    Und parallel zu den Singer-Songwritern und ihren Protestsongs gibt es ab 1965 auch ein Teen-Pop-Phänomen: „In 1965 the Jovem Guarda (Young Guard) movement arrived, led by Roberto Carlos and Erasmo Carlos. (…) By that time bossa nova musicians had largely turned to social and political themes, singing about the poverty and suffering of poor Brazilians. But a large portion of urban youth did not care about droughts in the Northeast or peasants without land. They worried about more immediate things in their own lives: cars, romance, clothes, and school. Jovem Guarda’s rock ’n‘ roll reflected these concerns“ (S. 203f). „Jovem Guarda“ deshalb, weil so die populäre Fernseh-Show von Roberto und Erasmo Carlos hieß (1965-68).

    zuletzt geändert von go1

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    To Hell with Poverty
    #10240121  | PERMALINK

    shirl

    Registriert seit: 16.11.2015

    Beiträge: 356

    Du hast Recht mit deinen Ausführungen, bin völlig deiner Auffassung, vor 17 Jahren habe ich für sechs Monate in Brasilien gearbeitet, mich in dieser Zeit durch alle mir erreichbaren Musikstile gehört und gekauft, auch die Jovem Guarda und die 2nd Bossa  Nova Welle mit Lobo, Valle etc

    Der Putsch 1964 hat natürlich alles verändert, jede Text mußte durch die Zensur, weshalb die Texte immer abstrakter und verklausuliert wurden. Meine brasilianische Kollegen nannten Künstler dieser Zeit auch eher Dichter als Musiker, da sie über Wahrheiten sangen die niemals den Zensor passiert hätten.

    Bossa war ca 1965 am Ende, Jovem Guarda fing um die Zeit an, Chico betrat 1966 den Ring, aber für mich ist da immer noch eine Lücke vor Caetano, Gil & co, ich glaube da muss noch irgenwas sein.

    zuletzt geändert von shirl

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    #10243915  | PERMALINK

    friedrich

    Registriert seit: 28.06.2008

    Beiträge: 3,831

    Hey @duplo, @shirl und @go1,

    muito obrigado für Eure posts und `tschuldi von mir, dass ich so lange nicht geantwortet habe. Ich war etwas abgelenkt und komme gegenwärtig nicht so recht hinterher, mir die brasilianische Musik anzuhören, die sich bei mir angesammelt hat.

    Dindi? Irgendwo schon mal gehört oder gelesen den Namen, wahrscheinlich habe ich das gleichnamige Lied sogar schon mal gehört, ohne es bewusst wahrgenommen zu haben. Mit Elis Regina hat Sylvia Telles außer den tragischen frühen Tod offenbar gemein, dass ich sie aus meiner, anglo-amerikanisch und/oder europäisch geprägten Perspektive nicht in Kategorien wie Schlager, „Lied“, Entertainment oder Pazz oder Jop einordnen kann. Auf jeden Fall waren beide sicher auch Entertainerinnen – alleine schon die Gestik und die Mimik. Und das Bühnenbild! In Elis Regina bin ich ja ganz verliebt – aber die hätte mein Nervenkostüm sicher in kürzester Zeit zum Einsturz gebracht. Und dabei verstehe ich ja nicht mal, was sie sagt!

    Eigenartig, wenn man bei einem Lied – des Portugiesischen nicht mächtig – nicht ein einziges Wort versteht und mir dadurch der Sinn des Textes völlig unverständlich bleibt.

    Ich muss einiges, was bei mir rumsteht und liegt, mal nach und nach aufmerksam anhören und melde mich dann.

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    #10247265  | PERMALINK

    spiderland77

    Registriert seit: 01.04.2009

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    #10247835  | PERMALINK

    friedrich

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    Beiträge: 3,831

    Various Artists – Beleza Tropical (1989)

    Eine von David Byrne zusammengestellte Compilation, die wohl für viele nordamerikanische Hörer der Erstzugang zu brasilianischer Popmusik war. In den liner notes schreiben Byrne und der in Brasilien aufgewachsen Arto Lindsay von der großen Bedeutung, die Musik als Kommunikationsmittel und Identifikationsobjekt in der brasilianischen Kultur hat und welch wildes Misch-Masch die brasilianische Musik durch freiwillige oder unfreiwillige Migration der verschiedenen brasilianischen Volksgruppen und die bewegte Geschichte Brasiliens ist.

    Liest sich aufregend. Leider hört sich das Album in meinen Ohren aber nicht so aufregend an. Es sind zwar allerlei selbst mir MPB-Anfänger bekannte große Namen von Gilberto Gil über Caetano Veloso und Chico Barque bis zu Milton Nascimento vertreten und einen brasilianischen Superstar wie Maria Bethania lerne ich hier kennen. Aber irgendwas fehlt. Das meiste klingt ganz hübsch, Chico Barques Beitrag Calice hingegen wirkt in diesem Zusammenhang eigenartig ambitioniert, einiges wiederum wirkt etwas folkloristisch und brav. Obwohl Arto Lindsay Bossa Nova und Tropicalismo in den liner notes erwähnt, ist hier davon nichts zu hören. Stattdessen meist Tracks aus den späten 70er und frühen 80ern. Wirklich herausragend ist in meinen Ohren eigentlich nur der mir bislang kaum bekannte Jorge Ben mit drei tracks – vielleicht weil sie sich mit ihrem Rockeinfluss etwas vom Rest absetzen. Da hätte ich mir noch mehr etwas heftigere Pendelausschläge in das eine oder andere Extrem gewünscht. David Byrne hatte zu dieser Zeit bereits Tom Ze entdeckt, eine der interessantesten – aber auch sperrigsten – Gestalten der MPB aber den lässt er hier leider aus.

    Keine schlechte Platte, die durchaus ihre Reize hat, ganz nett, aber selbst als jemand, der sich nicht besonders gut mit MPB auskennt, habe ich – auch Dank @vorgarten und @shirl – schon viel Aufregenderes aus Brasilien gehört.

    Vielleicht sollte ich einfach keine Platte kaufen, auf deren Cover eine junge Frau im Sommerkleid, Sonnenstrahlen und ein aus Palmenblättern geformter Schriftzug abgebildet ist – zwar auf dem Kopf, aber trotzdem.

    Hier ein Video zu Beleza Tropical: https://vimeo.com/43310798

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    "Alive, alive, I want to get up and jive / I want to wreck my stockings in some jukebox dive" (Joni Mitchell)
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