Alte Musik – Der Mittelalter- und Renaissance-Thread

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  • #90903  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Irgendwie fand ich es schade, meinen Ciconia-Post (der natürlich ein copy/paste-Job ist, klar) einfach im grossen Hör-Thread zu versenken und hoffe, es ergibt sich hier auch sonst der eine oder andere Post – aber bitte keine Cover-Posts, kein Hörtagebuch sondern nur Fragen, Empfelungen, Diskussionen etc. zur Musik des Mittelalters und der Renaissance!

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM - Corona-Extraprogramm im April und Mai: gypsy goes jazz, #99: The Real McCoy - McCoy Tyner (1938-2020), 14.4., 22:00; #100: The Gentle Giant: Yusef Lateef (1920-2013), 12.5., 21:00 (2 Stunden!); #101: 9.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #5: The Pain and Joy of ZA Jazz, 23.4., 22:00 | No Problem Saloon, #14: Funky Longtracks, 11.4., 20:30; #15: 28.4., 21:00
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    #9234007  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Die sämtlichen Werke des Johannes Ciconia, der wohl um 1370 in Lüttich als unehelicher Sohn eines Priesters zur Welt kam und vermutlich nachdem der Stimmbruch seine Zeit als Chorknabe beendet hatte, wie viele aus Lüttich nach Paris ging. Dort studierte er möglicherweise, verkehrte vielleicht in denselben Kreisen von Musiker und Dichtern, denen Giangaleazzo Visconti während seines Studium an der Seine begegnete. Ciconia zog es wohl – wie viele andere – nach Italien, der Glanz der Höfe lockte, eine Karriere wurde angestrebt. Vielleicht lebte er in verschiedenen Städten Italiens, so möglicherweise auch in Rom, wo Kardinal Philippe d’Alençon ihn förderte. Der Kardinal starb 1397. Möglicherweise hat Ciconia sich auf diesem Weg Kenntnis der italienischen Kultur des Trecento verschafft. Nach dem einen Dokument von 1391, das Ciconia mit d’Alençon verbindet (aber keinen Aufenthalt in Rom nachweist), gibt es von 1401 ein neuerliches Dokument, das ihn mit Padua in Verbindung bringt. Im Kodex Mancini (auch Kodex Lucca) in Padua finden sich neun Werke Ciconias, der Kodex wiederum ist im Umfeld des Hofes von Giangaleazzo Visconti in Pavia zusammengestellt worden – jenem Hof, an dem „il fait très beau demourer“, wie Eustache Deschamps (1340–1406) sagte. Der Text von „Una panthera“ zeugt eventuell von Ciconias Aktivität in Pavia, einer möglichen Etappe auf dem Weg nach Padua.

    Stücke wie „Le ray au soleil“ oder „Sus un‘ fontayne“ belegen, dass Ciconia die Kompositionstechniken eines Milieus beherrschte, in dem die französische Kultur mit der italienischen enge Kontakte hatte. Mehrere seiner weltlichen Stücke verweisen darauf, dass er über einige Zeit an einen Hof gebunden war, an dem die Ars subtilior geschätzt wurde. 1401 wird Ciconia vom Erzpriester Francesco Zarbarella eine Pfründe in der Umgebung Paduas gewährt, die ihm 1402 den Eintritt in das Kapitel der Kathedrale von Padua erlauben, wo er 1403 als „Custos“ und „Cantor“ genannt wird. Ciconia war der erste ausländische Musiker, der in der Kathedrale Mitglied des Kapitels wurde.

    Schon 1396 komponierte Ciconia ein Werk zum Andenken an den Tod von Francesco Carrara il Vecchio, was seine frühe Verbundenheit mit Padua dokumentiert. Seine Beziehungen zu d’Alençon und der Herrscherfamilie Paduas, eben den Carrara, waren möglicherweise auch Grund dafür, dass Zabarella ihn protegierte. Padua befindet sich in einer Krise, eine schwere Pest herrscht, erst 1409 wurde die Stadt wieder zur belebten Universitätsstadt, die sie schon unter der Föderung Francesco Il Vecchios gewesen war. Ciconia hinterliess dennoch seine Spuren, wirkte an bedeutenden Ereignissen in Padua und Venedig mit und stand mit herausragenden Persönlichkeiten der Zeit in Kontakt. Ciconia widmet sich in Padua nicht nur der Komposition sondern fasst auch zwei theoretische Abhandlungen ab, „Nova Musica“ und „De proportionibus“, angeblich von 1408 bzw. 1411.

    Die Doppel-CD – eine kleine Box mit dickem dreisprachigem Booklet – öffnet mit den weltlichen Werken Ciconias, 17 an der Zahl, drei in französischer, die restlichen in italienischer Sprache (ein paar lateinische Werke wurden weggelassen). Sie wurden vom Ensemble La Morra unter Leitung von Corina Marti und Michal Gondko eingespielt. Ein Grossteil der Werke kam durch die Entdeckung des Codex Mancini (oder Lucca) 1930 ans Licht. „canto basso chiamato camerale … che piace e che passe ne‘ cuori“. Die Stücke werden von verschiedenen Kombinationen von Männer- aber auch Frauenstimmen dargeboten. In der Zeit kam es vor, dass Frauen sangen und Instrumente spielten, jene von hohem Stand zuhause im geschlossenen Rahmen, Frauen niedrigeren Standes hatten diesbezüglich mehr Freiheiten. Hermann Poll reiste 1397 nach Padua, der österreichische Mediziner und Astrologe, der das Clavicembalum erfand, die erste Version des Cembalos. In Giovanni Gherardi da Pratos „Paradiso degli Alberti“ treten musizierende Mädchen auf, die von einem erwachsenen Mann begleitet singen. Francesco da Barberino hielt es für ratsam, wenn Frauen im ehefähigen Alter ein Instrument erlernten, hält zwar besonders die Saiteninstrumente für geeginet, meint aber, dass jedes dezente, schöne Instrument taugen könne.

    Am Schluss der ersten und auf der ganzen zweiten CD findet man dann das komplette geistliche Werk Ciconias – Motetten, Messsätze, ein paar lateinische Stücke. Sie wurden von Diabolus in Musica unter Antoine Guerber eingespielt. Die acht Motetten – wohl auf eigene Texte Ciconias – sind politischen oder religiösen Persönlichkeiten gewidmet, darunter auch Zarbarella oder der Gegenpabst Alexander V. An Messsätzen sind ein paar Glorias und Credos überliefert, einige offensichtlich paarweise komponiert. Ciconias Messsätze fügen sich in die Schaffensbewegung, die zunächst von Avignon und dann wieder von Rom ausging, wo die polyphone Messe zum Hauptversuchsfeld der Musiker wurde und die Motette ablöste. Kurz nach seinem Tod entstanden die ersten – von Machauts Messe von 1360-65 abgesehen, die ihrer Zeit Jahrzehnte voraus war – vollständigen Zyklen.

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    #9234009  | PERMALINK

    latho
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    Interessant! Wie ist die Musik notiert worden?

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    #9234011  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Die Frage habe ich mir eigentlich noch gar nie gestellt, in den CD-Booklets gibt’s da und dort mal eine Seite aus einem Manuskript … jedenfalls schon in einem System aus Notenlinien, aber stets ohne Taktunterteilung. Hier fand ich was zu einem Ciconia-Manuskript inklusive Transkriptionsversuche – habe es aber noch nicht durchgelesen (Tabulaturen für Saiteninstrumente verstehe ich zudem eh nicht):
    http://mlewon.wordpress.com/2014/02/24/wolf-1-cum-lacrimis/
    Das gibt sicher mal einen guten Eindruck. Interessanter wären wohl Manuskripte mehrstimmiger Werke – ich weiss nicht einmal, wieviel davon wirklich notiert wurde. Es gibt z.B. ja auch Aufnahmen, auf denen heutige Interpreten Instrumentalbegleitungen ergänzen, obwohl davon in den Noten nichts zu finden ist – aber man kann wie es scheint davon ausgehen, dass das damals vorkam. Also Polyphonie rein vokal und dann eben auch mal mit einer kleinen Orgel oder sonstwas.

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    #9234013  | PERMALINK

    latho
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    Danke für die Infos. Ging mir darum, ob es wirklich „mittelalterliche“ Musik gibt oder ob das immer Humbug ist. Anscheinend nicht, wenn das ernsthaft betrieben wird.

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    #9234015  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Ach so – ja klar, es gibt Manuskripte, Abschriften etc. Da wird einiges an ernsthafter Forschung betrieben, gerade im Umfeld der „historischen Aufführungspraxis“ oder wie immer man das nennen will (kurz „HIP“). Oftmals steuern dann auch gleich die Leiter/Dirigenten der Ensembles selbst die kenntnisreichen Liner Notes zu CDs bei, in denen sie berichten und zusammenfassen, wie sie zu den Versionen gekommen sind, die sie aufnehmen. Aber „mittelalterlich“ heisst schon v.a. 13. und noch mehr 14. Jahrhundert. Wie es davor aussieht, weiss ich nicht, aber fürs 14. sieht die Quellenlage ja ganz allegemein (aufkommender Humanismus, Dante, Petrarca etc.) so übel nicht aus. Wie es ganz konkret um Musik-Handschriften steht, weiss ich aber nicht. Mit Mittelaltermärkten und solchem Bullshit hat das jedenfalls wenig zu tun (nehme an das gibt es auch, aber das findet dann wohl ausserhalb des ernsthaften Klassikbetriebes statt).

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    #10923711  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Einer meiner Einkäufe von vorgestern war diese CD, die erste vom kleinen (es handelt sich um die 36. Veröffentlichung), mir bisher unbekannten, aber wie es scheint sehr feinen Labels Obsidian. Ich kannte auch die Mitwirkenden nicht – bis auf Laurie Stras, die ich aber als Co-Autorin eines Buches auf dem hohen Stapel der ungelesenen Musikbücher kenne. Das Ensemble Musica Secreta, das Stras zusammen mit Deborah Roberts leitet, besteht nur aus Frauen. Frauen singen eine Messe von Antoine Brumel? Klar, denn auch in den Frauenkonventen wurde damals gesungen – und wie dem CD-Booklet zu entnehmen ist, war es durchaus üblich, Musik für Frauenstimmen zu adaptieren. Das wurde hier getan und das Resultat überzeugt sehr. Die Lamentationes erklingen hier obendrein komplett, denn es wurden siebzehn weitere Verse entdeckt (im „P.M.“-Manuskript aus Florenz, 1559), die hier wohl zum ersten Mal aufgenommen wurden. Nach den Lamentationes (ca. 45 Minuten) folgen noch einige zumeist kürzere Stücke aus einem anderen Florentiner Manuskript vom Folgejahr, neben mehreren anonymen Stücke auch je eines von Josquin des Prez, Antonio Moro (dem Kompilator der beiden der CD zugrunde liegenden Manuskripte) und Loyset Compère. Bei mir reichte der Name „Brumel“, um die CD auf den viel zu hohen Einkaufsstapel wandern zu lassen, wir hörten dann auch noch rein – neben dem neunköpfingen (inkl. der beiden Leiterinnen) Chor gibt es eine zurückhalten eingesetzte Orgel, die quasi die Bassstimme verdoppelt und enorm eng in den Gesang eingewoben ist, sowie eine Gambe, die aber wohl nur selten zum Einsatz kommt.

    Hier gibt es noch viel mehr Informationen zum Material der Aufnahmen (die Liner Notes von Stras berichten von ihrem – zufälligen – Fund in Florenz) und geben einen ersten Überblick:
    https://musicasecreta.com/from-darkness-into-light

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