Alan Shorter

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    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    ich habe das alles schon mal in einem anderen forum gepostet – aber ich höre gerade „iditus“ aus marion browns JUBA-LEE und shorters solo fährt mir da wieder durch mark und bein – also möchte ich hier die möglichkeit eröffnen, ein paar sachen zu shorter zusammenzutragen.

    for me it’s NEW music! – alan shorter (1932-1987)

    „when he spoke, when he played, his phrasing was both ‚timid‘ and staccato, full of whisperings and outbursts, zigzags and silences. harrowed and harrowing. complex and mysterious: strange by dint of its innuendo.“ (philippe carles)

    immerhin – es gibt einen wikipedia- und einen allmusic-eintrag. in letzterem fällt die diskrepanz auf zwischen dem biografischen überblick und den rezensionen der beiden veröffentlichungen von alan shorter; diese drei texte sind allerdings auch von drei unterschiedlichen autoren. rechtfertigt chris kelsey den fehlenden erfolg des trompeters aus dem umstand, dass er erstens nicht das talent des jüngeren bruders wayne, außerdem zweitens eine „irgendwie geartete begrenztheit“ auf seinem instrument gehabt habe, hält er ihm wenigstens zugute, dass sein werk trotzdem „auf eine art berührend“ sei. in der rezension der ersten platte ORGASM (1969) spricht scott yanow allerdings von einem „beinahe-klassiker“ und von den „durchgehend erfindungsreichen ideen“ des musikers. brandon burkes nüchterne beschreibung der zweiten veröffentlichung TES ESAT (1970) erwähnt, dass es shorter auch als sideman verstanden habe, musik seinen stempel aufzudrücken und dass diese leader-session menschen mit einem offenen ohr richtung avantgarde „durchaus spaß machen“ könne. seine erklärung für die marginale präsenz des musikers in der jazz-diskografie ist, dass shorters musik alles andere als kommerziell ausgerichtet gewesen sei und außerdem gekoppelt war an einen „eher ungesunden lebensstil“.

    über alan shorters lebensstil liest man so einiges und in der regel entsteht daraus das bild eines schrägen, wenn nicht gar psychisch auffälligen menschen, dessen lebensweg sich immer wieder zwischen den USA und europa, zwischen avantgarde, großen sprüchen und upper-eastside-szene verliert und dessen musikalischen existenzbezeugungen in der regel „out of print“ sind. der z.t. hohe sammlerwert der veröffentlichungen, an denen er beteiligt war, die insider-wertschätzung in vielen foren und unter „nicht-offiziellen“ jazz-kennern, die versuche, ORGASM und TES ESAT zwischendurch in aufwendigen liebhaber-editionen zugänglich zu machen (erstere in der VERVE ELITE EDITION, zweitere in der FREE-AMERICA-serie von universal), haben auch das ihrige dazu beigetragen, aus alan shorter eine obskure figur am äußersten rand der jazzgeschichte zu machen, die als freie projektionsfläche für die sackgasse des „free jazz“, für die existenz gestörter persönlichkeiten in kreativszenen, für tragische lebenswege der vom willkürlichen kanon ausgeschlossenen künstler usw. dienen kann.

    ich möchte gar nicht in diese kerbe hauen und versuchen, hier eine nebenfigur als hauptfigur zu rehabiliteren und ihr die ihr gebührende wertschätzung zu verschaffen. denn shorter ist für mich keine romantische figur eines durch unglückliche umstände in vergessenheit geratenen künstlers – dazu kenne ich ihn und sein potential nicht gut genug.
    worum es mir geht, ist ganz konkret eine stimme und das, was sie in mir auslöst. ich kann das phänomen alan shorter dabei kaum kontextualisieren. ich habe in michelle mercers in langen gesprächen mit wayner shorter entstandenem buch „footprints“ kaum aussagen über ihn gefunden, noch weniger im netz und nichts in jazzführern. am ehesten in den liner notes der platten bzw. den texten der cd-editionen. und bei leroi jones steht ein bisschen was, denn er kommt wie die shorters aus newark und hat sie aufwachsen und großwerden sehen. was ich aber eigentlich nur habe, sind eine handvoll musikalische beispiele seiner stimme und eine hommage.

    also, ganz rudimentär, ein paar beschreibungen seiner musik, eingebettet in die wenigen biografischen daten.

    geboren 1932 also in newark, new jersey. der bruder wayne kommt 15 monate später zur welt. der vater arbeitet in einer fabrik für nähmaschinen, die mutter schneidert und hilft in einem pelzgeschäft aus. also untere mittelklasse. die erziehung der beiden jungs ist ambitioniert und musisch orientiert, aber wohl auch ziemlich nachgiebig. beide sind sehr aufeinander bezogen, teilen schnell ein interesse an obskuren phantasiewelten aus filmen und comic strips, an science-fiction und horror, entwickeln eine art geheimsprache, kommen über die begeisterung für soundtracks zur musik, haben ärger in der schule, ein von anbeginn an(von den eltern gefördertes) rebellisches wesen und als beginnende jazzmusiker sofort eine affinität zum bebop. waynes ruf eines hervorragenden saxophonisten eilt ihm allerdings schnell voraus, während man alan zwar immer einen saxophonkoffer tragen, aber niemals spielen sieht. irgendwann erfährt man, dass er auf flügelhorn umgestiegen ist (angeblich, das hat wayne erzählt, weil ein freund das von alan geliehene tenorsaxophon nie zurückgegeben hat). in den tanzbands, in denen sie partymusik machen sollen, treten sie in schwarzen hipster-anzügen auf und sehen aus wie begräbnisunternehmer. sie üben jeden tag, manchmal zusammen mit grachan moncur (ebenfalls ein junge mit skurrilem geschmack). außenstehende verstehen nicht, worüber die brüder miteinander reden. sie werden als „weird“ bezeichnet, wayne „mr. weird“, alan „doc strange“. auf der howard university wird alan, zusammen mit amiri baraka, 1954 wegen aufsässigen verhaltens suspendiert. auch aus der armee wird alan nach nur 6 monaten wieder entlassen. bis mitte der sechziger verliert sich seine spur, während sein bruder wayne schnell zur sensation wird: bei art blakey, mit eigenen aufnahmen, ab 1964 bei miles davis. als miles in dieser zeit mal auf wayne und seinen bruder trifft, und feststellt, dass alan quasi den gleichen anzug und die gleichen hohen stiefel wie er trägt, sagt er ihm: „hey, du versuchst ja, wie ich auszusehen!“ worauf alan ihm antwortet: „nein, DU versuchst, wie ICH auszusehen!“

    1964 hört man alan shorters flügelhorn zum ersten mal auf platte. in archie shepps impulse-debüt FOUR FOR TRANE, einem der großen klassiker der jazzdiskographie, steht er im originell besetzten bläsersatz der piano-losen band neben shepp, dem grandiosen posaunisten roswell rudd und dem nicht minder faszinierenden altsaxophonisten john tchicai. shepps platte ist eine verbeugung vor dem mentor coltrane, der ihn zu impulse gebracht hat: vier (NAIMA, MR. SYMS, SYEEDA’S FLUTE SONG und COUSIN MARY) der fünf kompositionen sind von ihm, allerdings werden sie neu erfunden (mehr als neu interpretiert) in den fantastischen arrangements von rudd. amiri baraka schrieb die liner notes und hätte diese platte als beleg seiner theorie verkaufen können, dass das „new thing“, die „fire music“ der 60er näher am alten jazz dran ist als die hardbop- und souljazz-platten der 50er. shepp und rudd schöpfen tief aus dem blues, während tchicai und shorter ein verqueeres, leises, melodisches element in die musik tragen. wut und traurigkeit, testosteron und panikattacke als zwei seiten des selbstbewussten minoritäten-statements in wildbewegten und nicht ganz ungefährlichen zeiten. shorter kriegt zwei solo-spots in MR. SYMS und COUSIN MARY und das sind tatsächliche hinhörer. im ersten stück entsteigt seine stimme dem ensemble-thema, manchmal von shepp unterbrochen. jeder ton hat eine verzweifelte schönheit, mit viel luft und poesie in den studiohimmel geworfen, durch die tonarten gejagt, immer wieder mit pause und neuem anlauf. ein risiko, das nichts mit virtuosität zu tun hat, sondern mit purer innerer notwendigkeit. der menschliche appeal entsteht, weil man hört, wie die töne brechen, abstürzen, wie dem menschen die luft ausgeht, was er alles inkauf nimmt, um schönheit zu produzieren. in COUSIN MARY, einem uptempo-blues, zeigt shorter aber sofort darauf, dass man sich keine sorgen um ihn machen muss. nach einer dirty-blues-performance des leaders kommt ein in sich geschlossenes, grandioses solo von shorter. angefangen mit einer melodischen variation des themas, die erst mal eine fette grenze zum solo von shepp zieht, swingt er ein paar takte, steigt dann in die hohen register, weit über die anderen und bringt seine ideen mit präzision und klarheit zuende. am ende, als die band nochmal das thema spielt, nimmt sich shorter das recht auf das letzte wort und lässt nichts anderes als reine schönheit stehen, einen traumhaften ton, mit einem perfekten vibrato in die luft gesetzt. amiri baraka erkennt „strength and beauty“ im spiel von alan shorter, eine fähigkeit, direkt mit seinem gefühl ins fleisch des zuhörers zu stoßen. und er ist sich sicher, dass, wenn shorter sich erst einmal richtig „gefunden habe“, aus ihm etwas ganz großes würde.

    sich ganz zu finden, ist shorter nicht gelungen, war vielleicht auch nie seine absicht. auffällig ist, dass er in john coltranes annäherung an die musikalische welt seines schülers shepp, ASCENSION, nicht teil hat, im gegensatz zu tchicai. warum nur hat er in der legendären session den trompeterplatz von dewey johnson nicht bekommen, der neben freddie hubbard so abfällt, so wenig eigenständig spielt und keine eigene stimme anbietet? wie hätte der minimalistische shorter neben dem feuer hubbards glänzen können, so wie marion brown und tchicai neben den berserkern coltrane und sanders. archie shepp allerding hat immer wieder mit alan shorter gespielt und aufgenommen, vor allem in der zeit, als beide in frankreich lebten. leider kenne ich keine von den anderen platten, auf denen die beiden zusammen zu hören sind.

    archie shepp – amiri baraka – marion brown – alan shorter. man kann hier schon von so etwas wie einer “szene” sprechen. ihr ort war das new yorker greenwich village, rund um den cooper square. einer der integrativsten orte der USA, erinnert sich baraka. die musiker des „new thing“ lebten tür an tür mit avantgardistischen schriftstellern, man hörte die holzflöte von don cherry schon von weitem und die bands von archie shepp ließen beim üben die fenster offen, so dass die ganze nachbarschaft mit diesem sound lebte. ein paar meter weiter war der „five spot“.

    so, wie coltrane archie shepp protegierte, protegierte dieser wiederum marion brown. ein saxophonist, der so ganz anders war und spielte wie er. leise, überlegt, melodisch, ohne kraftmeierei und extasen aus der stille heraus entwickelnd. brown nahm 1965 vier stücke für seine erste platte auf, die mal MARION BROWN, mal MARION BROWN QUARTET genannt wurde. in drei stücken spielte shorter mit, in einem ersetzt ihn der saxophonist benny maupin. es gibt verschiedene ausgaben dieser platte, ich habe die, auf der die drei stücke mit shorter zu hören sind. sie gehört für mich zu den schönsten platten des jazz überhaupt. das erste stück, CAPRICORN MOON, ist eine art calypso, in dur-tonart. nix mit free. es geht über 20 minuten in einem ultracoolen auslassungs-swing von rashied ali, mit minimalistischen akzenten der beiden bassisten ronnie boykins und reggie johnson. marion brown spielt ein herzergreifendes solo, das nicht so ganz von dieser welt scheint. doch sobald alan shorter spielt, entsteht eine andere aura, mitten im klangraum. ebenso wie brown zwischen melodischen linien und kleineren ausbrüchen wechselnd, mit luft und viel raum zwischen dem gespielten, einer unendlich lässigen, losgelösten energie, ein kleines trauriges kammerspiel der sanften und verpeilten. shorters solo ist in seiner dramaturgie so stimmig, dass man es an die wand hängen möchte. aber dieser ton… diese stehen gelassenen, in sich ruhenden, nur leicht bewegten einzeltöne, ohne druck gespielt, die mit jeder wiederholung tiefer gehen. aber auch: ein strukturalistischer zug, eine wie mathematische variation über verschiedene stufen, ein skurriles beharren auf der interessantheit kleiner ideen, die mal hierhin, mal dahin geschickt werden, ohne sich zu entwickeln. ganz nah ist mir das, weil ich es von meinem lieblingstrompeter kenne, graham haynes – sowohl den ästhetizismus des tons wie auch das rhythmische durchexerzieren kleiner melodielinien. das dritte stück (das in anderen ausgaben oft durch das benny-maupin-stück ersetzt wird) ist eine alan-shorter-komposition: MEPHISTOPHELES. ein groove auf einem ton, mit einem pferdefuß, dazu eine gespenstische melodie wie aus einem billigen horrorfilm der 50er. wahrscheinlich eine in der wayne-und-alan-geheimsprache erzählte gruselgeschichte, die unerbittlich in ihrem eigenen rhythmus vorwärts treibt.

    MEPHISTOPHELES ist die einzige alan-shorter-komposition, die sein bruder wayne auf einer eigenen platte untergebracht hat. überhaupt ist auffällig, wie wenig der berühmte saxophonist für seinen bruder getan hat, obwohl er ihn immer als „wahres original“, als spiegelbild seiner selbst hervorgehoben hat. auf THE ALL SEEING EYE darf alan shorter für ein eigenes stück den trompetenpart von freddie hubbard übernehmen. nach der genesis-fantasie der ersten stücke mit all ihrem aus dreck geborenem glanz kommt MEPHISTOPHELES, alans komposition, als etwas teuflisches, dreckiges, subkulturelles hinterher. was für ein sardonisches, schräges nachtstück zum hell erstrahlenden rest! man weiß beim hören nicht recht: soll man lachen oder sich fürchten? vielleicht steht alan für waynes‘ dunkle seite, die skurrilität, die faszination für monster- und geistermythen, die traurigkeit. und da haben die beiden shorters auch einen verbündeten, der hier auftrumpfen darf: grachan moncur. kompositorisch ist MEPHISTOPHELES nicht weit weg von moncur’s FRANKENSTEIN oder GHOST TOWN. allerdings hat es einen groove, der sich immer wieder aus dem dunklen schält – und der stammt von joe chambers. ein pferdefuß-polyrhythmus, wie beim techno auf 2 und 4 betont. doch nicht die tänzer (hubbard, spaulding, hancock, carter) dürfen hier solieren, sondern die düsterfraktion: wayne, alan und grachan. und alan shorter’s solo ist sooo großartig im rhythmischen verschieben, im luft-zelebrieren (welch eine abwechslung vom stählernen hubbard-ton), im be- und entschleunigen.

    ähnliches passiert in IDITUS aus marion browns zweiter lp JUBA-LEE (1966). wieder eine komposition von alan shorter. beaver harris schlägt hier einen aufreizenden rumpelgroove, der von einem verschatteten klavierakkord von dave burrell in der schwebe gehalten wird. brown, der shorter-playalike moncur und shorter selbst spielen wieder ihren mephistophelischen gruselabend, alan soliert sofort am anfang in unnachahmlicher weise. wie shorters düstere variationen sich immer mehr in den schrei hochschrauben, immer drängender werden, existentieller, menschlicher. wenn man das hört und die kompositionen von grachan moncur und manches von wayne shorter kennt, muss man da auch von einem bestimmten stil sprechen, der da entstanden ist und vielleicht nie richtig gewürdigt wurde.

    etwa um diese zeit verließ alan shorter die USA und ging nach europa. er trat in frankreich und belgien auf, in lokalen avantgarde-zirkeln, in shows und theaterstücken. wayne verlor den kontakt zu ihm. man weiß heute, dass alan ein buch geschrieben hat, eine umfangreiche (700 seiten lange) philosophische spekulation, die keinen verleger interessiert hat. bei auftritten als trompeter wurde er ausgebuht und ausgelacht und er beschimpfte das publikum, dass es noch nicht reif für ihn sei.
    1968 erschien plötzlich ein platte von alan shorter als leader, ORGASM. kurz danach die zweite, TES ESAT. danach kehrte er wieder in die USA zurück und verschwand völlig von der musikalischen bildfläche. 1987, mit 56 jahren, starb alan shorter an einem aorta-riss. kurz zuvor hatte er sich mit einer cousine von herbie hancock verlobt. wayne shorter spricht nach wie vor davon, dass er die kompositionen seines bruders aufnehmen möchte.

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    mich irritiert dieses cover, seit ich es zusammen mit alans musik für mich entdeckt habe. sein spiel mit irgendetwas „muskulösem“ in beziehung zu setzen, finde ich äußerst gewagt. sein ton hat nichts hartes, schon gar nichts stählernes; er stellt sich vielmehr andauernd selbst in frage. vielleicht ist bei ihm sowas ähnliches passiert wie bei abbey lincoln, die jahrelang technisch makellos alberne showtunes gesungen hat, bis thelonious monk zu ihr sagt: „sei nicht so perfekt!“ was unter anderem auslöste, dass sie auf der FREEDOM NOW SUITE von max roach geschrien hat und dafür von den jazzkritikern fast gesteinigt wurde. lincoln und alan shorter sind sich sehr ähnlich in ihrem spielzugang: töne zu produzieren, denen man die emotionen schon im hervorbringen anmerkt. trotzdem ist das bei beiden nicht naiv, sondern eher eine sache des risikos und des selbstbewusstseins, auf „schönklang“ zu verzichten (und damit auf anderer ebene schönheit zu produzieren).

    im inlay der cd gibt es übrigens noch ein zweites foto, ein „sensitives“ portät von shorter, ganz zart und sehr schön, im weißen rollkragenpullover. das wiederum ist trompeterklischee.

    ORGASM

    alan shorter (flh, tp, tambourine), gato barbieri (ts), chalie haden (1,6) oder reggie johnson (2-5) (b), rashied ali (1,6) oder muhammad ali (2-5) (dm).
    rec. 9/1968 und 11/1969. produziert von esmond edwards für polygram/verve.

    PARABOLA / JOSEPH / STRAITS OF BLAGELLAN // RAPIDS / OUTERROIDS / ORGASM

    um es vorwegzunehmen: das ist eine hochkonzentierte, sehr komplexe platte, die überhaupt nicht „orgiastisch“ ist. sexy schon. aber nicht das, was man vielleicht denkt: heiße, schwarze energymusik von bodybuildern, im freejazz-haudrauf-gestus. die sexyness kommt sehr strukturiert daher, wie ein fremdes ritual, präzise, tiefgründig, unergründig, beseelt.

    es gibt momente, die wie ein dunkles tongedicht funktionieren, keine individuellen ausbrüche provozieren, überhaupt kaum egotrips. fast mathematisch reihen sich da töne aneinander nach unbekannten prinzipien, aber von wissenschaftlichem selbstbewusstsein. also etwas nerdig. dann gibt es so nervige struktur-etüden, aus denen dann aber eruptiv freie swing-passagen ausbrechen, mit gato barbieri als deren hauptvollstrecker. leandro barbieri, genannt „gato“, der kater, von kleiner statur, mit großem ton, der argentinien anfang der 1960er richtung europa verließ und bald darauf furore in der band von don cherry machte. er kannte sich also aus mit nicht-in-erster-linie-virtuosen trompetern, die außerhalb der üblichen klischees spielten und komponierten. barbieri also präsentiert sein handwerk der gequetschten höhepunkte (es gibt ja orgasmen und orgasmen), bringt damit alan shorters abgezirkelte etüden erstmal zum einsturz, wird aber dann, sobald der trompeter ansetzt, im hier und jetzt stehengelassen. denn wenn shorter spielt, wird seine musikalische umgebung erstmal unscharf. ein atmen, eine tief/schön/gründige melodie setzt an, wird ausgeatmet, zerschellt in glissandoläufen, hält an in flehenden einzeltönen, die brechen, wieder aufgenommen werden, wieder brechen, kraftlos ausschwingen. die färbung des tons (eindeutig dunkelrot mit gelbsprenklern) erinnert eigentlich an eine posaune, sie hat ihre schwere und ihr volumen. aber, jederzeit zu spüren: da weiß jemand, was er macht. und bereichert, was man das spektrum individueller ausdrücke im jazz nennt. so wie er spielt kein anderer. und was er transportiert, ist von einer inneren konsequenz. keine klischees, nichts, was „im instrument liegt“.

    auf ORGASM stürmt ein ensemble von shorter-kompositionen auf einen ein, suitenähnlich, in sich schlüssig, allerdings auch uneindeutig: haben die stücke humor oder sind sie nur verschroben und also eigentlich zutiefst ernstgemeint? das erste gleich, PARABOLA, hat einen bass-loop, tritt auf der stelle und simuliert doch vorwärtsbewegung, verzögert sich sexy, bevor es wieder am anfang landet. muhammad ali (der bruder von rashied) spielt das wie komponiert als schwarze version eines pink panther themas, streng triolisch, zum mitschnippen (was natürlich niemand machen würde). man merkt, wie er da rauswill, aber es gelingt ihm nicht. RAPIDS dagegen scheint ein rockgroove zu sein, auf einem basston. immer, wenn schwarze rhythmusseligkeit herrscht, flippen die bläser aus. immer, wenn bass und schlagzeug ins free-spiel kommen, spielt zumindest shorter schöne melodien. wichtig ist also: spannung, reibung, kratzen und tricksen, verführen und ausweichen. wie man so zum orgasmus kommen soll, bleibt ein rätsel. großen spaß dabei hat vor allem charlie haden, der bringt die muskulöse männlichkeit hinein (ausgerechnet) und baut druck auf. er gibt eigentlich das falsche zeichen: ornette, harmolodik, mit don cherry als referenz. ORGASM ist düsterer, unergründlicher – und trotzdem hat man wie beim ornette-coleman-quartet den eindruck: die machen revolution und haben viel spaß dabei und kein dogmatisches sendungsbewusstsein. ein hoch auf die nerds und kapitulation vor der sehnsucht, immer alles verstehen zu wollen: jazz ist merkwürdig. jazzmusiker sind merkwürdig.

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    ALAN SHORTER: TES ESAT
    alan shorter (tp, flh), gary windo (ts), johnny dyani (b, p, fl, bells), rené augustus (dm, bells)
    rec. paris 1970 (oder london 1973)

    DISPOSITION // BEAST OF BASH / ONE MILLION SQUARED

    die zweite und letzte alan-shorter-veröffentlichung als leader. doch von leadern und sidemen sprach man ja damals in dieser musik nicht. also eine free session mit ausgedehnten improvisationen und groß bemessenem ausdrucksraum ohne hierarchischen bandbegriff. vier gleichberechtigte spieler also. ein bassist dominiert hier wie zufällig, wechselt aber zwischendurch auch mal ausladend ans klavier, während ausgerechnet der musiker, unter dessen namen das alles dann veröffentlicht wird, von allen beteiligten am wenigsten zu hören ist.

    das label „america“ war neben der aufgrund ihrer spielerausbeutungen übel beleumundeten BYG die zweite chance für amerikanische jazzmusiker, die seit ende der 1960er ins aufmerksamere europa flüchteten (wie shepp, tchicai, wright, cherry und viele andere), aufgenommen zu werden. shorter kam 1965 nach paris, spielte damals vor allem auf shepp-platten mit, aber auch einer mit francois tusques und auf einer von alan silva. von einer der typischen „free blowing sessions“ kann man bei TES ESAT eigentlich nicht sprechen, die drei stücke schillern völlig rätselhaft zwischen sehr starren kompositionselementen und freien soli. shorter hat motivkürzel komponiert, die er zusammen mit dem saxophonisten windo unisono spielt, manchmal sind das nur einzelne töne, wie morsezeichen mal kurz mal lang gehalten, immer in großer lautstärke und immer nahe am einsturz unter dem eigenen gewicht. dazwischen herrscht sehr viel frei- und resonanzraum, in dem bass und schlagzeug fast den nachhall zu begleiten scheinen und teilweise übertönen.

    im ersten stück, DISPOSITION, geht das dann doch schnell über in freie improvisationen. einen gewissen kult-ruf hat hier das solo von gary windo als eines der wildesten, heftigsten, „freeesten“ saxsoli aller zeiten, in dem sich sein hochregistraler ton fast überschlägt, in doppelstimmen zerschneidet, der klangkörper fast platzt. ich bin mir aber nicht ganz sicher (denn die geste dahinter kommt mir gar nicht so berserkerhaft vor), ob da nicht auch die aufnahmetechnik verrückt spielte – da gibt es einige merkwürdige effekte mehr, z.b. ein kanalwandern der instrumente usw. jedenfalls knallt das schon ziemlich ordentlich (windo ist ein ziemlich respektierter britischer saxophonist, der z.b. in der „brotherhood of breath“ band gespielt hat), begleitet vom differenzierten krach des obskuren drummers rene augustus und von glöckchen und schreien von wem auch immer. johnny dyani, ein toller bassist, südafrikaner im europäischen exil, zupft, streicht, pausiert und wechselt mit einer ceciltayloresken klangkaskade noch ans klavier. alan shorter kommt leise und entschieden aus höheren umlaufbahnen ins studio. er spielt melodische traumlinien, macht lange pausen und sucht schließlich den dialog mit dem bassisten. es ist mehr ein teilnehmen am fluss der klänge als ein spotlight, das die anderen abdunkelt. der ton steht – wie üblich – für sich. nicht zerbrechlich, nicht schneidend, ein klarer, schöner ton. ein „erarbeiteter ton“ (thomas borgmann).

    die beiden anderen stücke sind kürzer, die bläser bleiben auf ihren kürzelphrasen hängen, dyani und augustus füllen raum auf. konzeptmusik. freie konzeptmusik? verstanden hat das wohl bis heute keiner. es fehlt die skurrile dunkle eleganz anderer shorter-kompositionen, auch wenn „beast of bash“ wieder auf die übliche comic-faszination hinweist. man würde gerne weiterverfolgen, wo das hingegangen wäre, wo es vielleicht auch, fern von technischen aufzeichnungsgeräten, hingegangen ist. doch das bleibt ein geheimnis, nicht dokumentiert.

    ob dass denn schwarzamerikanischer jazz sei, wurde shorter in großbritannien gefragt. der begriff passe ihm nicht, es sei ja evident, dass er schwarz sei, also gehe es ihm selbstverständlich nicht darum, sondern um teilhabe an einer universellen musik. wie bei william parker später die idee: teilnehmen an den musikalischen bewegungen und energien, die immer schon da sind. „for me it’s new music. I take part in this rare experience, and that is enough for me.“ und dann die schönste selbstbeschreibung: shorter müsse „safarirouten für sich anlegen durch die wilden räume dieses großartigen und schönen abenteuers: musik!“

    in den originalen liner-notes zeichnet die zeitzeugin der afroamerikanischen jazzentwicklungen der 1960er und 70er Jahre, valerie wilmer, ein trauriges bild von alan shorter, das womöglich aber trifft: er sei ein beispiel für die unzähligen bemühten jungen männer, die die straßen der US-amerikanischen großstädte bevölkern, die alle etwas persönliches auf ihrem instrument zu sagen hätten und die die entwicklung der afroamerikanischen musik fortwährend weiterschrieben. für manche sei die straße und die armut wohl die bilanz eines lebens, das damit anfing, schwarz und talentiert geboren worden zu sein – und damit das ende der kreativen suche. für jeden musiker, der dabei bliebe, gäbe es hundert, die es nicht schafften. und es sei eine grausame welt, in der es nur ganz wenigen zugestanden würde, ihrer eigentlichen bestimmung zu folgen.

    da kann man zustimmen. aber man weiß ja gar nicht genug über alan shorter, um feststellen zu können, dass er talentiert, ein visionär, ein wichtiger impulsgeber war oder hätte sein können. es bleiben ein paar töne übrig, vor denen man nun staunend, manchmal wie angewurzelt steht und sie nicht einordnen kann.

    es gibt eine schöne hommage an alan shorter von william parker, das stück SHORTER FOR ALAN am ende seiner cd PETIT OISEAU (aum fidelity 2008). es ist fast 13 minuten lang, im quartett eingespielt, wie auf TES ESAT also mit trompete (lewis barnes), sax (rob brown), bass (parker) und drums (hamid drake). es fängt an mit einer treibenden bassgroovelinie, in die bald die bläser einzelne unisono gespielte motivkürzel einziehen. dann fällt alles in einer kollektivimprovisation auseinander. der raum, den diese verdichtung hinterlässt, nutzen erst parker, dann drake zu spannungsvollen soli, bis der groove wieder einsetzt und die bläserkürzel (vor allem das letzte in der folge klingt original wie von shorter) wiederholt werden. nur ganz kurz improvisieren barnes und brown, erkunden die sounds ihrer instrumente, setzen einzelne töne, bis eine hymnenartige unisono-passage das stück ausklingen lässt.

    william parker schreibt dazu, dass er in den frühen 1970ern und mitte der 1980er öfters mit shorter „herumgehangen“ hat. er gibt den dringenden rat, nichts von dem zu glauben, was an obskuritätsgerüchten über den trompeter im umlauf sei – shorter sei einfach ein tiefsinniger mensch gewesen, ein wunderbarer „human being-musician-composer-improvisor“ im großen mysterium der musik, für den der plan seiner eltern, arzt zu werden, einfach nicht funktioniert hätte.

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    #8610459  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 48,389

    Wow, ziemlich viel Lesestoff! Danke fürs Reinstellen, muss ich mal in Ruhe lesen.
    Eine Kleinigkeit nur: Philippe Carles, ohne „h“.

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    #8610461  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 4,956

    gypsy tail windWow, ziemlich viel Lesestoff! Danke fürs Reinstellen, muss ich mal in Ruhe lesen.
    Eine Kleinigkeit nur: Philippe Carles, ohne „h“.

    right, korrigiert.

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    #8610463  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 4,956

    allgemeine lesefaulheit oder ist das alles zu pseudo-intellektuell? ;-)

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    #8610465  | PERMALINK

    redbeansandrice

    Registriert seit: 14.08.2009

    Beiträge: 7,036

    ich kannt das doch schon alles (wollt evtl kommentieren, wenn ich mal wieder alan shorter gehört hab…), ich versteh es, kann also nicht zu schlimm sein mit dem pseudo-intellektuell ; weiss noch wie ich das wort zum ersten mal gehört hab, wurde in der 10. klasse hinter vorgehaltener hand gesagt, der betreffende ist mittlerweile promovierter philosoph, schwacher trost, ich weiss, und ich weiss, ich poste nicht viel zur zeit – aber ich les schon mit und geh auch nächste woche brav hin, wenn hier der inge brandenburg film läuft…

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    #8610467  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 4,956

    redbeansandriceich kannt das doch schon alles (wollt evtl kommentieren, wenn ich mal wieder alan shorter gehört hab…), ich versteh es, kann also nicht zu schlimm sein mit dem pseudo-intellektuell ; weiss noch wie ich das wort zum ersten mal gehört hab, wurde in der 10. klasse hinter vorgehaltener hand gesagt, der betreffende ist mittlerweile promovierter philosoph, schwacher trost, ich weiss, und ich weiss, ich poste nicht viel zur zeit – aber ich les schon mit und geh auch nächste woche brav hin, wenn hier der inge brandenburg film läuft…

    dem film hätten ein paar länger dahingestellte musikaufnahmen und weniger schnipselakrobatik gut getan, dem forum tut es immer gut, wenn du postest, und jedem tut es gut, alan shorter zu hören. ein freund von mir hat jetzt etwas europa-shepp mit ihm auf vinyl bekommen, da kann ich dann auch noch mal ergänzen.

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    #8610469  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Grad zufällig entdeckt, dass „Orgasm“ im UK als „Parabolic“ mit einem anderen Cover erschienen ist:
    http://www.discogs.com/viewimages?release=1234192

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM - Corona-Extraprogramm im April und Mai: gypsy goes jazz, #99: The Real McCoy - McCoy Tyner (1938-2020), 14.4., 22:00; #100: Tenor Giants - Yusef Lateef (1920-2013), 12.5., 21:00 (2 Stunden!); #101: 9.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #5: The Pain and Joy of ZA Jazz, 23.4., 22:00 | No Problem Saloon, #14: Funky Longtracks, 11.4., 20:30; #15: 28.4., 21:00
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