Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : The Chicago Sound
THELONICA
07.01.2010, 16:32
THE CHICAGO SOUND
HARD BOP*AACM*FREE JAZZ*AVANTGARDE*NOW
Ein neuer Thread mit Schwerpunkt auf der AACM (die Zeit vor AACM bis heute).
Ein Thread indem es nicht nur um die Vergangenheit gehen soll, wofür das NOW
oben steht. Das Now steht auch für jüngere u. ältere Musiker_innen und
deren Veröffentlichungen, was aber nicht als "Label" zu verstehen ist.
Den Titel für den Thread habe ich von der 1957er Wilbur Ware LP übernommen.
Wilbur Ware (1923-1979) gehörte meines Wissens nach nie zur AACM,
aber er stammt aus Chicago und hat im Jazz der 50er Jahre an einigen
essentiellen Aufnahmen mitgewirkt (Monk/Coltrane, Rollins, Monk/Mulligan etc.).
Er hat außerdem Malachi Favors sowie William Parker Unterricht gegeben und
Muhal Richard Abrams widmete ihm auf der LP „Sightsong" den ersten Titel.
Das Album "Sightsong" ist von 1976 und „W.W. (Dedicated to Wilbur Ware)"
heißt der Titel, aber das nur zur Erklärung.
Der Thread ist jedenfalls für verschiedene Eindrücke, Berichte, Sichtweisen
und Anregungen offen. Atom und Napoleon Dynamite dürfen sich natürlich
schon mal angesprochen fühlen.
THELONICA
07.01.2010, 22:27
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/lester.jpg
Lester Bowie’s Brass Fantasy – I Only Have Eyes For You
ECM RECORDS (1985)
Stanton Davis - trumpet, fluegelhorn
Malachi Thompson - trumpet
Bruce Purse – trumpet
Craig Harris – trombone
Lester Bowie – trumpet
Steve Turre – trombone
Vincent Chancey – french horn
Bob Stewart – tuba
Phillip Wilson - drums
I.O.H.E.F.Y. ist kein Meilenstein in der Jazzgeschichte und der Penguin Guide von Richard Cook und Brian Morton zeigt leider auch nur **(*) an, dennoch verdient das Album eine genauere Betrachtung.
Das Album wird mit einer gelungenen Version der Ballade „I Only Have Eyes For You“ eröffnet. Ein Song mit einem ganz speziellen Charakter (dreamlike), der durch die Version der Vocal Group The Flamingos zum Klassiker wurde. The Flamingos waren aus Chicago und im Leben von Lester Bowie spielte
Rhythm & Blues und Soul eine große Rolle. Der Song I.O.H.E.F.Y. ist natürlich perfektes Material für diese Besetzung und das Ensemble folgt dicht der Version der Flamingos.
Danach kommt das Stück „Think“, das eher wie ein interlude klingt. Das 3. Stück „Lament“ von Malachi Thompson baut sich langsam auf und das sparsame Schlagzeug setzt erst später ein. Wer konzentriert zuhören kann, die Ruhe hat und den Sound mag, merkt irgendwann wie stimmig die erste Seite doch ist und entdeckt Schönheit.
Die 2. Seite wird eröffnet mit dem fantastischen „Coming Back, Jamaica“, eine Art Hymne. Erinnert eher an Dub und auch etwas an die Menahan Street Band, die aber viel später kam. Dann folgt mit einem langsamen Intro die Kompostion „Nonet“, die sich zu einem Hard Bop Stück entwickelt. Es erinnert etwas an die LP „Tender Moments“ von Tyner und alte Fernsehserien bzw. Soundtracks der 60er (Benny Golson und J.J. Johnson z.B. haben ja auch Filmmusik gemacht). Das letzte Stück „When The Spirit Returns“ ist langsamer und ein funeral march.
Insgesamt sind bei I.O.H.E.F.Y. wenig Experimente zu hören und manch einem wird das Tempo der Brass Fantasy nicht wirklich zusagen. Das Album mußte ich trotzdem zuerst vorstellen, weil 3 Musiker zur AACM (Association For The Advancement Of Creative Musicians) gehör(t)en, inzwischen aber schon verstorben sind und weil ich es bestimmt schon über 18 Jahre kenne.
Next: Sightsong
redbeansandrice
08.01.2010, 13:35
Tolle Idee für einen Thread!
http://i14.ebayimg.com/05/i/001/25/14/bace_12.JPG
Joe Daley Trio - At Newport '63
Ich dachte, ich lehn mich mal ein Stück weit aus dem Fenster, und schreib was über das Album Joe Daley Trio in Newport von 1963. Daley, nicht zu verwechseln mit dem Tuba-Spieler gleichen Namens ist ein ziemlich vergessener Exponent der Schule der großen Tenorsaxophonisten von Chicago... Sie beginnt mit Leuten wie Gene Ammons, Johnny Griffin, Von Freeman... es sind sehr viele, die wenigsten sind so bekannt geworden, wie sie es verdient hätten... auch Fred Anderson hat hier ganz klare Wurzeln - das sollte wohl auch dessen Albumtitel "The missing link" sagen... Daley würde ich irgendwo in der Mitte zwischen Ammons und Anderson ansiedeln, jedenfalls hat er auch so einen tollen, vollen Saxophonton und seine Musik auf diesem Album steht irgendwo zwischen Hard Bop und Free Jazz. Die anderen beiden Musiker in Daley's Trio sind der Bassist Russell Thorne und der Schlagzeuger Hal Russell, der damals am Anfang seiner Karriere stand und noch kein Multiinstrumentalist war - sollte dieser thread sich so entwickeln, wie ich das gut fände, ist der Name nicht zum letzten Mal gefallen. Thorne hat scheinbar keine weiteren Aufnahmen gemacht und sich in seiner späteren Laufbahn vorwiegend mit Esoterik (http://users.rcn.com/occult/occulus/fastfirst.htm) auseinander gesetzt - umso überraschender sind seine virtuosen Beiträge auf diesem Album.
Ein paar Worte zur Musik... im Hinterkopf höre ich schon wieder diese Stimmen, die sagen "und das soll jetzt Free Jazz sein", die Musik wirkt sehr durchdacht, reflektiert, ein bißchen spröde... die Trio Alben von Sonny Rollins sind ein klarer Bezugspunkt, aber die Musik hier ist viel weniger dicht, einfache, symmetrische Linien; frech könnte man behaupten, es sei sowas wie Rollins trifft neue Musik. Auch an die Tristano Schule (die ja übrigens auch ihre Wurzeln in Chicago hat) hat mich die Musik eine Spur weit erinnert, oder an Steve Lacy... Der große Unterschied zu Tristano, Lacy, der verkopften Seite der Jazz-Avantgarde ist, dass Sound (Wohlklang) hier so eine große Rolle spielt, Thorne's gestrichener Bass, der klassische Jazztenorsaxophonton von Daley stehen weit im Vordergrund... manchmal ruht sich die Musik 10 Sekunden auf einem einzelnen schönen Ton aus... die Intensität die man mit dem Free Jazz verbindet erreicht das Album nur punktuell. Allerdings: Dass die Musiker die Intensität überhaupt so stark variieren ist vielleicht das, was das Album am weitesten in die Nähe des Free Jazz rückt - im Hard Bop ist die Intensität innerhalb eines Stücks ja doch meistens relativ konstant.
Sicherlich ist das hier kein Album für Top 10 Listen, so ganz ausgrereift wirkt das alles noch nicht - aber für mich fasst es schön zusammen, was den Jazz in Chicago ausmacht und nimmt zwar einerseits eine Außenseiterposition ein, steht aber andererseits auch irgendwie in der Mitte zwischen dem Hard Bop der 50er und dem Free Jazz der späten 60er...
Hier (http://www.organissimo.org/forum/index.php?showtopic=6368) und hier (http://www.organissimo.org/forum/index.php?showtopic=26454) gibt es Erinnerungen aus erster Hand an das Daley Trio. Dort gibt es auch eine Diskussion zu den strittigen Fragen "wieviel vom Applaus ist Overdub/wieviel von den Aufnahmen ist tatsächlich aus Newport?"
Jedenfalls steht das Album mit seinem falschen Applaus in der Geschichte des Free Jazz wohl weitgehend allein... Das eine Zitat von Larry Kart fand ich ziemlich erhellend und setze es mal hier hin
As for the Joe Daley Trio, I think it was a mostly mixed marriage or a mis-marriage. Daley seemed to come at outside playing from the outside, so to speak. Unlike the two Russells (especially Thorne at that time--Hal R.'s full-scale emergence lay some years ahead), he didn't feel its logical necessity; for him it was more like decor laid on top of bebop roots. [...] But the trio got better IMO because Thorne and Hal Russell's ideas of how the music should go were winning out over Daley's (this was a turbulent bunch of guys in every way), and understandably Daley was not happy about this; he expressed satisfaction when Thorne left , and he preferred (or said that he preferred) Thorne's more straightahead (at least at that time) replacement Donald Garrett. As I recall, this second version of the Daley Trio was short-lived and was more or less in a Rollins at the Vanguard bag, which probably was where Daley had wanted things to be all along.
Das Album ist scheinbar irgendwie in der Public Domain gelandet (oder so ähnlich) und zwar hier (http://www.archive.org/details/Joe-Daley-Trio_Live-Newport-63). Leider sind die Dateien der letzten beiden Tracks irgendwie beschädigt, auf ebay gibt es auch ein paar Exemplare des Originals.
Daley war später vor allem als Lehrer aktiv. Er taucht nochmal auf einer Liveaufnahme von Kenny Dorham aus Chicago auf (The Charlie Parker Memorial Concert (http://www.amazon.de/Memorial-concert-Dexter-Gordon-Konitz/dp/B000091PGK/ref=sr_1_11?ie=UTF8&s=music&qid=1262944910&sr=8-11), auf zwei Stücken, in der Band außerdem Wilbur Campbell [der Schlagzeuger von "The Chicago Sound"] und Muhal Richard Abrams), außerdem gibt es ein Album zusammen mit seinem Schüler Rich Corpolongo, zwei Saxophone mit Liveelektronik, ich habe es nicht gehört.
@thelonica: Auf dem Album "Folk Bass Spirit Suite" (http://www.deezer.com/de/#music/moye-sissoko-capone/folk-bass-spirit-suite-69409) des Trios (Don) Moye/Sissoko/Capone, findet sich noch eine weitere Wilbur Ware Hommage aus dem erweiterten AACM Umfeld.
Nachtrag: gefühlt steh ich zwar zu einer Chronologie wie Ammons, Griffin, Daley, Freeman (?), Gilmore, Anderson (jedenfalls Ammons und Griffin vorne, Anderson hinten), aber ich sollte wohl dazu sagen, dass es von den Geburtsdaten her anders aussieht - aber da gibt es bei Jazzmusikern dieser Jahrgänge ohnehin viele Überaschungen... Tatsächlich ist es Daley (1919), Freeman (1922), Ammons (1925), Griffin (1928), Anderson (1929), Clifford Jordan (1931), John Gilmore (1931) - irritierend ist die Liste, weil sich diese Künstler sehr unterschiedlich stark weiterentwickelt haben und weil grad Freeman und Anderson fast alle ihre Alben, sagen wir, nach Ammons' Tod aufgenommen haben...
THELONICA
08.01.2010, 20:03
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/muhal.jpg
Muhal Richard Abrams featuring Malachi Favors – Sightsong
Black Saint Records (1976)
Muhal Richard Abrams – piano
Malachi Favors – bass, miscellaneous perc., vocal
Auf dieses Album bin ich gegen Ende des letzten Jahres aufmerksam geworden, nachdem ich intensiv das Album „Nice Guys“ vom Art Ensemble of Chicago“ gehört habe.
Allerdings waren mir schon andere Aufnahmen mit nur Klavier & Bass bekannt (M. Shipp & W. Parker), weswegen ich schon sehr neugierig auf diese älteren Aufnahmen war. Da mir das Spiel vom Bassisten Malachi Favors ausgesprochen gut gefällt, habe ich mich für dieses Album entschieden und habe eine Archie Shepp LP, auf der Favors auch zu hören ist, einfach stehenlassen. Mit Muhal Richard Abrams konnte ich vorher nicht viel anfangen, was wohl noch am Namen lag, den ich mir einfach nicht gut einprägen konnte. Wegen der Vorgeschichte konnte ich dann schneller etwas mit der Musik anfangen, was hier aber auch an der Klarheit liegt, die mit weniger Instrumenten oft erreicht wird.
Von den 7 Stücken hat Abrams 6 komponiert und eines hat M. Favors geschrieben. Abrams hat eine Komposition Wilbur Ware, eine weitere Johnny Griffin und eine dritte der A.A.C.M. gewidmet. Ganz deutlich mit Bezug zu Chicago Musikern bzw. den Wurzeln, aber keineswegs konservativ in der Umsetzung. Auf dem Album hört man fast die ganze Vielseitigkeit von Abrams, der teilweise sehr nach Bud Powell klingt und an anderer Stelle dann fast im Stil eines Ahmad Jamals der 70er spielt (Pausen). Durch das Spiel von Favors, der sehr gut zu ihm passt, wirkt die Musik hypnotisch und flüssig. Malachi Favors konnte wirklich viel am Bass und wer Jimmy Garrison schätzt, dürfte mit Favors sowieso keine Schwierigkeiten haben. Auf der 2. Seite geht es wesentlich mehr in Richtung Avantgarde. Beide Musiker haben hier jeweils ein Solostück und spielen die letzte Kompostion (Unity) wieder zusammen. Malachi Favors hat übrigens schon bei den ganz frühen Aufnahmen von Andrew Hill mitgespielt.
THELONICA
10.01.2010, 03:13
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/kahil.jpg
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/malachi.jpg
Kahil El'Zabar's The Ritual - Sacred Love
Sound Aspect Records (1985)
Lester Bowie - trumpet
Raphael Garrett - clarinet, percussion
Malachi Favors - bass
Kahil El'Zabar - drums, earth drum, sanza, voice
Weiter geht es mit Aufnahmen bei denen Malachi Favors wieder am Bass zu hören ist, nur diesmal handelt sich es sich um ein sehr frühes Album unter Kahil El'Zabar's Namen auf dem eher unbekannten Sound Aspects Label. VÖ: 1988
Es ist ein solides, gutes Album aus den 80ern, das sich von den bereits vorgestellten LPs doch ziemlich unterscheidet. Bowie und Favors sind wegen dem Art Ensemble natürlich alte Bekannte, passen aber perfekt zu Kahil El'Zabar‘s neueren Innovationen. Auf der LP sind nur 4 Stücke und das letzte wurde ganz offensichtlich vor Publikum aufgenommen.
(Recorded November 3, 1985 at „One Flight Up", Chicago).
Los geht es mit dem Thema/Intro von El'Zabar, das er in Variationen auf der Sanza spielt, Bowie kommt später dazu und beide teilen sich das Stück. Nur Sanza und Trompete, mit Bowie, der im Laufe des Stücks zurückhaltender spielt. Track 2 heißt „The Inner Search" und beginnt mit einem schnelleren Tempo und wird mit den anderen beiden Musikern gespielt. Ich gehe stark davon aus, daß El'Zabar die Sanza u. Earth Drum gleichzeitig spielt, aber er hatte hier noch tolle Unterstützung durch Garrett an den Percussions. Die Tonabmischung ist übrigens superb und es wurde schon digital aufgenommen, was mich hier nicht sonderlich stört.
Auf Seite 2 („Earth Song") komm dann richtig gut der hypnotische, druckvolle Groove von Favors zur Geltung. Favors wird erst später zum Einsatz von Kahil El'Zabar’s chants langsam leiser, aber sorgt weiterhin für Spannung. Man fühlt sich an die Bass-Schlagzeug Grooves von der „Africa Brass" erinnert, nur spielt El'Zabar hier hauptsächlich auf der Earth Drum und das Schlagzeug eher minimal. Der afrikanische und auch asiatische Einfluß ist in Nuancen auf der ersten Seite vielleicht noch direkter.
„There Is No Greater Love" ist das letzte Stück, bei dem Kahil El'Zabar ausschließlich Schlagzeug spielt und teilweise sehr nach dem Elvin Jones der 60er Jahre klingt. Gegen Ende wird mit weniger Druck und verändert (auflösender) gespielt.
Produziert wurde von Kahil El'Zabar.
Die sehr gelungenen Photos von Helmut Klien sind von der Rückseite,
wo noch eins von Lester Bowie zu sehen ist. Die Rückseite hat ein
angenehmes und schlichtes Design.
THELONICA
12.01.2010, 00:07
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/artensemble.jpg
ART ENSEMBLE OF CHICAGO – NICE GUYS
ECM RECORDS (1979)
Recorded May 1978
at Tonstudio Bauer
Lester Bowie - trumpet, celeste, bass drum
Joseph Jarman - tenor, alto, soprano & sopranino saxophones,
clarinet, flute, conch shell, vibes, gongs, congas, whistle, vocal
Roscoe Mitchell - alto, tenor and soprano saxophones,
flute, piccolo flute, oboe, clarinet, gongs
Malachi Favors Maghostus - bass, percussion, melodica
Famoudou Don Moye - sun percussion, drums, bells, bike horns,
congas, tympani, marimba bongos, chimes, gongs, conch shell,
whistles, woodblocks, cowbells etc
Eigentlich wollte ich „Nice Guys" hier gar nicht erst vorstellen, weil sicher viele Leute das Album schon mal gehört haben. Dann habe ich es mir aber nochmal anders überlegt.
Das AEOC bietet dem Hörer mit diesen Aufnahmen doch eine ganze Menge, wenn es einfach als reines Studioalbum gehört wird und man ihren legendären Ruf als Performer für einige Momente vergißt. Sicherlich waren sie auch nicht auf all zu viele overdubs angewiesen, ganz wenige vielleicht. Allein schon wegen der Anzahl der unheimlich vielen Instrumente mußte ich mir diese Frage stellen und
möchte das trotzdem gerne genauer wissen.
Zum Album: Fast könnte man sagen, daß hier keiner vom Ensemble musikalisch den Egotrip ansteuerte. Die Experimente kommen vielleicht ein bißchen zu kurz, denn einiges klingt sehr nach Konzept. Aber insgesamt kommt das der Musik wieder zu gute, indem sie gerade ihr Gespür für Melodien, Themen oder schräge Sachen/Sounds präsentiert haben. Trotz all der Stimmungswechsel, der sehr verschiedenen Kompositionen wirkt das Konzept relativ stimmig und Stilbrüche wurden eher wie Übergänge gestaltet.
Es gibt gelungene Anspielungen auf „Tijuana Moods" von Charles Mingus, aber auch einige sehr schöne auf „Kind Of Blue" bzw. generell Miles Davis. Sicherlich sind das die großartigsten Momente.
Das Drumherum und wie sie das gemacht haben ist originell bzw. eigen, weil nach den Anspielungen meistens konsequent was ganz Anderes kommt. Diese Zitate auf dem Album sollte man hier vielleicht unbedingt als einzelne Elemente sehen.
Der 2. Teil von der ersten Seite überraschte mich allerdings doch mit gewagten Experimenten, denn hier trifft Free Jazz/Avantgarde auf ostasiatische, auf afrikanisch klingende Musik und Sounds, die man in leicht anderer Form vielleicht sonst noch von Martin Denny kennt. Aber sehr schön gemacht.
redbeansandrice
12.01.2010, 19:05
http://www.alpha-net.ne.jp/users2/kon9451/ca16.jpg
Frank Strozier - Long Night
Aufnahme: September 12, 1961, Plaza Sound Studios, NY
Label: Jazzland
Frank Strozier (ldr), Frank Strozier (as, f), George Coleman (ts), Pat Patrick (bar, f), Chris Anderson (p), Bill Lee (b), Walter Perkins (d)
ist etwas ausschweifend geworden...
Anfang der sechziger Jahre in den letzten Jahren seines Bestehens unternahm das Riverside Label eine Reihe von Aktivitäten um den Jazz außerhalb New Yorks zu dokumentieren: Chris Albertson reiste nach New Orleans und Chicago, um die Veteranen der dortigen Jazzszenen aufzunehmen; Cannonball Adderley produzierte Alben von Hard Bop Bands aus Rochester und Washington (und auch das Paul Serrano Quintet aus Chicago); Musiker wie Joe Alexander aus Cleveland und Don Sleet aus San Diego nahmen mit New Yorker Bands ihre einzigen Alben für Riversides Sublabel Jazzland auf. In den Rahmen dieser Aktivitäten gehört auch das Album "Long Night" von Frank Strozier aus dem Jahr 1961, das ich hier vorstellen will. Wie in den liner notes steht handelt es sich hier um ein Wiedersehen von sechs Freunden, die sich in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre auf der Chicagoer Szene kennengelernt hatten (und mittlerweile teilweise in New York lebten). Strozier war Mitte der fünfziger Jahre zusammen mit dem Pianisten Harold Mabern, dem Tenorsaxophonisten George Coleman und dem Trompeter Booker Little aus der gemeinsamen Heimatstadt Memphis nach Chicago übergesiedelt. Little und Coleman hatten sich kurz darauf der Band von Max Roach angeschlossen (und waren unterwegs), während Mabern und Strozier vorwiegend im von Bob Cranshaw und Walter Perkins (den Modern Jazz Two) geleiteten Quintet MJT+3 spielten, das fester in Chicago verwurzelt war und dort einige Alben aufnahm. Das "erklärt" die Präsenz von George Coleman und Walter Perkins auf Long Night. Der Pianist Chris Anderson und der Bassist Bill Lee waren Veteranen der Chicagoer Szene. Komplettiert wird die Band durch den Baritonsaxophonisten Pat Patrick, der vor allem als Sideman von Sun Ra bekannt ist. Patrick hatte in den frühen Fünfziger Jahren schon bei Ra gespielt, als dessen Arkestra noch ein Trio war. Ende 1959 verließ er Ra und zog nach New York. Kurz nach den Sessions zu Long Night im Herbst 1961 zogen die Reste des Arkestras nach New York und Patrick schloss sich der Band wieder an.
(Um die AACM connections zu sichern: Patrick war 1956 auch Mitglied der legendären Andrew Hill Combo mit Malachi Favors, Von Freeman und Wilbur Campbell. In einer früheren Besetzung der MJT+3 spielte auch der junge Muhal Richard Abrams mit.)
Jetzt ein paar Gedanken zu Strozier dem Musiker und zu Long Night: Wenn man sagt, dass Stroziers Musik auf die beste Art und Weise so klingt wie er einen auf dem Album Cover anschaut, ist eigentlich schon eine Menge gesagt. Strozier steht als Altsaxophonist irgendwo zwischen Jackie McLean und Cannonball Adderley. Er ist ein enorm lyrischer Musiker, wenn ich ihm zuhöre habe ich oft das Gefühl, es läuft eine Ballade, dabei ist es gar keine... trotzdem höre ich seinem Saxophonton ganz Eindeutig einen Cry, nicht so deutlich wie bei John Coltrane, sicherlich nicht, aber ein Cry ist es doch... Im Grunde ist er wenig überraschend stilistisch auch nicht so viel anders als George Coleman; nur etwas weniger abgeklärt, etwas verletzlicher, hat aber auch so eine leicht samtige Qualität im Ton. Long Night trifft eine seltene Balance zwischen Arrangements die über die üblichen Head Arrangements hinaus gehen und einer Offenheit, Flüssigkeit, die gerade im Hard Bop eher selten ist. Dazu trägt sicherlich bei, dass die Hälfte der acht Stücke im Quartet aufgenommen sind, und dass der Bläsersatz, der nur aus Saxophonen besteht, ein bißchen wie eine Verlängerung von Stroziers Altsaxophon wirkt. Strozier schafft nämlich, was so nicht vielen Jazz-Musikern seiner Generation auf ihren Alben gelungen ist, dass alles wie eine Erweiterung seiner Stimme klingt; und dass es kohärent genug ist, um wirklich "Album-Feeling" aufkommen zu lassen - obwohl ein großer Teil der Stücke Standards sind (eher unbekannte Standards allerdings). Das hier ist kein modaler Jazz, aber der Einfluss von Kind of Blue ist trotzdem unüberhörbar. Mein Höhepunkt des Albums ist das wunderbar luftige Arrangement des Stücks The Crystal Ball in dem Patrick und Strozier an die Querflöten wechseln. Wer wildes Getrommel sucht, ist bei Long Night an der falschen Adresse, es ist ein prima Album um in die Gegend zu starren, während es draußen dunkel wird, oder wieder hell.
Auch die anderen Alben von Strozier (zwei für Vee-Jay, noch eins für Jazzland) aus dieser Zeit sind zu empfehlen, insbesondere die zwei Quartet Alben, auch mit Chicagoer Musikern (eins davon gibt es auf der CD Version von Long Night als Bonus). Fantastic Frank Strozier ist zusammen mit Booker Little und Miles Davis Rhythmusgruppe um Wynton Kelly aufgenommen, auch nicht schlecht (manche halten es für das beste), aber mir fehlt die Magie von Long Night, es ist viel mehr ein "normales" Hard Bop Album; hier (http://www.deezer.com/de/#music/frank-strozier-booker-little/waltz-of-the-demons-342481) kann man sich einen Eindruck verschaffen.
Strozier zog bald nach den Sessions nach Kalifornien, kehrte Mitte der siebziger Jahre (?) nach New York zurück, wo er bis heute lebt. Anfang der achtziger Jahre zog er sich - angeblich weil er keine gescheiten Saxophonblätter bekommen konnte - von der Jazzszene zurück.
Mehr Trivia:
- Gemessen daran wie unbekannt die MJT+3 sind [ich hab nicht viel von ihnen gehört und es hat mich nicht sooo umgehauen], ist es bemerkenswert, dass sowohl Sonny Rollins als auch Miles Davis ganze Teile der Band in ihre aufnahmen: Rollins heuerte Anfang der sechziger Jahre Cranshaw und Perkins an (Cranshaw hat den Job, glaube ich, bis heute), Miles Davis engagierte 1962 Mabern und Strozier (und dazu George Coleman, den er als einzigen länger dabeibehielt).
- Bill Lee spielte später als Studiomusiker auf Bob Dylans Bringing it all Back home. Sein Sohn ist der Regisseur Spike Lee. Pat Patricks Sohn Deval Patrick ist Governeur von Massachusetts.
- Auch wenn ich noch kein Bild von ihm gesehen hab, auf dem man das hätte ahnen können, ist Strozier Afro-Amerikaner.
- "The Crystal Ball" ist eine Hommage an den (fetten) Pianisten Chris Anderson, der aus meiner Sicht neben Strozierden wesentlichsten Beitrag zum gelingen von Long Night beiträgt.
Links:
- Bei der Red Saunders Foundation (http://hubcap.clemson.edu/~campber/sunra.html) gibt es eine faszinierende Seite zur frühen Geschichte des Sun Ra Arkestras in Chicago.
- Noal Cohen hat in mühevoller Kleinarbeit eine detaillierte Frank Strozier Diskografie (http://www.attictoys.com/jazz/FS_intro.html) angefertigt.
- Samples aus Long Night und einigen anderen oben erwähnten Alben gibt es in dieser schönen Radiosendung: The Memphis Mafia (http://indianapublicmedia.org/nightlights/the-memphis-mafia-mabern-strozier-coleman-and-little/)
THELONICA
14.01.2010, 23:53
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/griffin.jpg
Johnny Griffin –THE BIG SOUL-BAND
Arrangements by Norman Simmons
Riverside Records (1960)
Johnny Griffin – tenor sax
Clark Terry – trumpet
Bob Bryant – trumpet
Julian Priester* – trombone
Matthew Gee - trombone
Pat Patrick* – alto sax
Frank Strozier – alto sax
Edwin Williams – tenor sax
Charlie Davis* – baritone sax
Bobby Timmons – piano, celeste
Harold Mabern – piano, celeste
Bob Cranshaw – bass
Vic Sproles – bass
Charlie Persip – drums
(*spielte bei Sun Ra)
Dieses Album paßt eigentlich nicht so ganz in unseren Thread, denn es ist weiter entfernt vom Hard Bop, außerdem wurden halt einige Traditionals bzw. Spirituals aufgenommen. Die Ursprünge der Musik auf diesem Album reichen also sehr weit zurück zu den Wurzeln. Aber hier haben einige Musiker (7) aus Chicago mitgespielt, die schon lange vor der Gründung von AACM in Chicago aktiv waren, davon haben drei auch mit Sun Ra aufgenommen.
Es gibt ein paar Überschneidungen in der Besetzung zu „Long Night", aber gerade deswegen habe ich es mal ausgewählt. Vorher war mir auch nicht bekannt, daß da Musiker aus dem Umfeld von Sun Ra mitgespielt haben. In den Notes taucht sein Name allerdings nicht auf.
Das gut ausgewählte Songmaterial wurde von Norman Simmons arrangiert und paßt perfekt zu Johnny Griffin's Spiel, der auch die Idee mit dem Thema Spirituals (3) hatte und das mit einer Besetzung in dieser Größe machen wollte. Die restlichen Stücke sind von Simmons, Junior Mance und Bobby Timmons. Das Schöne am Album ist für mich, daß es lässig nach modernem Jazz klingt, dabei aber reichlich Tiefe hat, was wiederum viel mit Klangfarben, auch ruhigeren Passagen und der Besetzung zu tun hat. Johnny Griffin's Spiel klingt hier stellenweise sehr nach Schmerz, aber er machte das sehr souverän mit viel Biss und Swing, dazu gibt es tolle Einsätze vom restlichen Ensemble.
[Vielleicht sollte man das Album vage im Kontext mit der
Bürgerrechtsbewegung sehen - andere deutlichere Beispiele
aus den 50ern u. frühen 60ern gibt es. Gerade im Jazz und im
Folk war die Bürgerrechtsbewegung ein wichtiges Thema, das
sehr früh in unterschiedlicher Weise aufgegriffen wurde.
Riverside hat zudem nie ausschließlich Jazz herausgebracht,
und deswegen macht dieses Album geradezu Sinn.]
THELONICA
17.01.2010, 15:52
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/matana.jpg
Matana Roberts – The Chicago Project
Central Control (2008)
Matana Roberts – saxophone
Josh Abrams – bass
Jeff Parker – guitar
Frank Rosaly – drums
Saxophone on Birdhouse: Fred Anderson
Side 1
Exchange
Thrills
Birdhouse 1
Nomra
Side 2
Birdhouse 2
South By West
For Razi
Birdhouse 3
In einem Interview hat Fred Anderson mal einen Club erwähnt, der den Namen Birdhouse hatte, den er noch vor der Velvet Lounge gemanagt hat. Auf „The Chicago Project" taucht nun das Wort Birdhouse wieder auf.
Es ist das erste Album unter Matana Roberts Namen, obwohl sie vorher schon mit Sticks and Stones aufgenommen hat, dem Trio zu dem noch Chad Taylor und Josh Abrams gehören. Sticks and Stones haben sich 1998 gegründet und es gibt sie scheinbar wohl nicht mehr(?).
Den Tipp zu dem Album bekam ich übrigens erst neulich von redbeansandrice, der meinte man sollte unbedingt etwas darüber schreiben. Das Album wurde ja schon öfters im Forum genannt und einige werden es gut kennen.
Matana Roberts, Fred Anderson und weitere beteiligte Musiker waren mir vor ein paar Wochen noch total unbekannt, sind für mich aber eine schöne Entdeckung und haben mir noch eine ganz andere Richtung aufgezeigt. Roberts u. Anderson spielen mit sehr viel Feingefühl Duette (Birdhouse 1-3) zusammen, dennoch erfordert die Musik starke Konzentration und Geduld beim Anhören.
(Sehr gerne würde man sich noch längere Dialoge zwischen den beiden wünschen.)
Die Quartet-Stücke gehen teilweise vielleicht etwas mehr in Richtung Chamber Jazz, konnten mich aber ebenso begeistern.
Matana Roberts besitzt auf ihre Art viele verschiedene Facetten in ihrem Spiel, die es zu entdecken gibt, erzeugt oft Stimmungen, die sehr dunkel sein können, was ihr vor allem durch die eigenen Kompositionen gelingt. Mit den 3 unterschiedlichen Birdhouse Stücken, die sie mit Fred Anderson spielt, wird die düstere bis traurige Stimmung leicht zurückgenommen, also einen Tick positiver. Das gelingt ihnen großartig im 3. Teil durch rhythmischere und swingende Chants. Diese sanften Wechsel in der melancholischen Stimmung, die durchgängig da ist, sind wahrscheinlich die große Stärke des Albums.
An anderer Stelle wurde schon mehr über Anderson geschrieben, mag jemand hier etwas zu Fred Anderson's weiteren Alben schreiben?
redbeansandrice
18.01.2010, 12:42
Sonny Stitt in Chicago
In diesem Post drei Alben, jeweils Begegnungen von Sonny Stitt mit Chicagoer Saxophonisten, Johnny Board, Nicky Hill und Bunky Green.
Sonny Stitt at the D.J. Lounge
http://4.bp.blogspot.com/_Tm6rbwLR7Es/SLjB8eSYjhI/AAAAAAAAG8A/TxvYqKDst5A/s200/stitt-lp.jpg
June 1961
Sonny Stitt (as, ts), Johnny Board (ts), Eddie Buster (org), Joe Shelton (d)
Move on Over
http://www.freshsoundrecords.com/cp_images/c4710.jpg
June 7 1963
Sonny Stitt (as, ts), Nicky Hill (as,ts), Joe Diorio (g), Eddie Buster (org), Gerald Donovan (d) [nicht ganz das Originalcover, ich weiß...]
Soul in the night
http://image.blog.livedoor.jp/speakeasy124/imgs/3/1/3113bf80-s.jpg
April 15 1966
Bunky Green, Sonny Stitt (as), Bryce Roberson (g), Odell Brown (org), Maurice White (d)
Sonny Stitts Position in der Jazz-Geschichte ist ein bißchen unglücklich. Als Charlie Parker in den vierziger Jahren die Sprache des Jazz grunderneuerte war Stitt einer der ersten, die ihm folgten, auf Aufnahmen aus den vierziger Jahren ist Stitt in der Tat vielleicht der einzige Altsaxophonist, den man ernsthaft mit Parkler verwechseln kann - und darauf wird er oft reduziert, viel mehr als dutzende Parker Schüler, die in den fünfziger Jahren folgten und die Parker in mancher Hinsicht durchaus näher waren. Dass Stitt neben Dexter Gordon und Wardell Gray als Tenorsaxophonist zu den einflussreichsten Musikern in der Generation vor Sonny Rollins zählte wird manchmal noch im Vorbeigehen erwähnt, ein wichtiger Einfluss unter anderem auf John Coltrane. Als sich Ende der fünfziger Jahre die Ästhetik des Jazz änderte, Miles Davis, John Coltrane, Bill Evans die atmosphärischen Meisterwerke schufen, die heute vielleicht als die zentralen Errungenschaften des Jazz gelten, machte Stitt nicht mit: Im wesentlichen soll jedes einzelne von Stitts (ca 150) Alben nur eine Sache beweisen, nämlich dass Sonny Stitt der verdammt nochmal beste Saxophonist der Welt ist. Viele seiner Alben, unter anderem die drei hier vorgestellten, sind Zusammentreffen mit anderen Saxophonisten - nicht deshalb weil zwei Saxophone nebeneinander so lieblich klingen, sondern weil ein Meister am klarsten zu erkennen ist, wenn neben ihm ein kompetenter Handwerker versagt. Diese sportliche Einstellung zu seiner Musik ist vielleicht zunächst befremdlich, implizit erwartet man von einem Bandleader, dass er sich darum kümmert, dass alles auf seinen Alben, in seinen Konzerten perfekt klingt; nicht dass er zum Beispiel bewusst Material auswählt, dem die Mitmusiker nicht gewachsen sind. Insofern ist es vielleicht hilfreich sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Saxophonbattles eine lange Tradition im Jazz haben, dass die Jam Session Ästhetik, die ihre Wurzeln zum Beispiel im Kansas City Swing hatte, erst mit dem Hard Bop so richtig verdrängt wurde... und man könnte sicherlich versuchen zu behaupten, dass genau an diesem Wendepunkt Ende der fünfziger Jahre der Jazz seinen Rückhalt in der Black Community verloren hat (und nicht mit den Revolutionen von Bebop und Free Jazz), oder man könnte versuchen eine Brücke zur Hip Hop Kultur zu schlagen - aber für beides fehlen mir Zeit und wissen. (Und die Wahrheit ist sicherlich ein gutes Stück komplexer. Sehr unterhaltsam dieser Artikel (http://books.google.com/books?id=hEEDAAAAMBAJ&pg=PA60&dq=stitt+cannonball&lr=&as_pt=MAGAZINES&hl=de&cd=1#v=onepage&q=stitt%20cannonball&f=false) von 1958, in dem sich Stitt über seine Kollegen Cannonball Adderley und Paul Desmond, die damals die meisten Umfragen anführten, äußert - man nennt das wohl Signifying. Interessant auch, dass Adderley volle Kanne mitmacht; und dass Adderleys Bandleader Miles Davis meint, John Coltrane sei der wahre Erbe Charlie Parkers...)
Auf dem Boden der Tatsachen lässt sich jedenfalls feststellen, dass Stitt in den fünfziger und sechziger Jahre eine feste Größe auf den Seiten der afroamerikanischen Illustrierten JET war, während John Coltrane dort vor seinem Tod kaum erwähnt wurde (Archivsuche (http://books.google.com/books?atm_aiy=1950&lr=&hl=de&as_pt=MAGAZINES&q=&btnG=Nach+B%C3%BCchern+suchen&as_coll2=+issn%3A0021-5996+), sehr zu empfehlen!). Und dass in McKie's DJ Lounge, dem Club des Disc Jockey's McKie Fitzhugh, in dem das erste hier vorgestellte Album aufgenommen wurde regelmäßig Saxophonbattles mit den local heroes begleitet von Eddie Buster und seiner Combo stattfanden, auch wenn die Meister dieses Formats, Sonny Stitt und Gene Ammons nicht in der Stadt waren. Anzeigen aus dem Chicago Defender 1959/1960, von der Website der Red Saunders Foundation:
http://hubcap.clemson.edu/~campber/archiaad121259p18.jpg
Stitt selbst hat (glaube ich), nicht in Chicago gelebt, aber er war so viel dort, dass George Lewis ihn in einem AACM Buch als Teil der Chicagoer Hard Bop Szene auffasst; Steve Coleman erwähnt, dass Stitt so viel in Chicago war, dass Coleman ihn anfangs für einen Einheimischen hielt (dass er aber Leute in Detroit kennt, die den gleichen Eindruck hatten). Als Anschaungsmaterial bevor es richtig losgeht hier noch ein kleiner Auszug aus dem betreffenden, sehr guten, langen Coleman Interview (http://www.m-base.com/int_volz.html), in dem er sich an seine Frühzeit Ende der siebziger Jahre in Chicago erinnert:
I'll tell you one story I saw with him [Stitt]. There was a saxophone player in Chicago, Guido Sinclair. [...] this guy had certain keys that he could play in, like really, really fluently. He had these certain little phrases and things like that. He kept his fingers really close to the keys, it looked like his fingers weren't moving. One time I saw him with Stitt. Here the guy was whipping all over the place. Stitt was kind of a gladiator kind of guy. So they were playing, and this guy was whipping all over the place, so Stitt saw what was happening and he analyzed the situation. And the next tune he just called off something that he knew the guy couldn't play on. He didn't even know the guy real good but he could tell, he knew just by listening to the way the guy played that he wouldn't be able to handle this. So he called off a tune which was a normal tune but he started off real quickly in a key that he knew the guy couldn't deal with. The guy fell out of his place, all of a sudden all the speed and everything came to a complete stop. And Stitt was still able to do all the Stitt shit.[..]
Jetzt zu den drei Alben... vorneweg muss ich sagen, dass ich in der Sprache des Bop nicht so bewandert bin, dass ich sagen könnte, wer hier wo nach Punkten gewonnen hat - ganz so übel abgezogen wie Sinclair im obigen Zitat wird aber keiner der drei Partner.
1) At the DJ Lounge, live eben dort aufgenommen, ist vermutlich das unspektakulärste der drei Alben. Stitts Opponent hier, Johnny Board, hat sonst so weit ich sehen kann, keinen Modern Jazz aufgenommmen und ist weitgehend vergessen. Damals war er aber lokal immerhin so bekannt, dass JET als Boards Vater und Mutter starben, eine Notiz für seine Leser abdruckte. Board war lange in Lionel Hamptons Band, spielte bei BB King, Bobby Blue Bland... steht aber ganz eindeutig in der Chicagoer Tenorsaxophontradition, blöd gesagt, ein etwas langsamerer, bluesigerer Johnny Griffin, der sich von dem flinkeren Stitt nicht beirren lässt. Es ist kein Fehler, dass dieses Album auf keiner Bestenliste des Jazz zu finden ist, aber es ist ein wunderbar solides, authentisches, bluesiges Dokument seiner Ära.
2) Move on Over. Nicky Hill steht sehr weit oben auf der Liste der Names to drop, wenn man sich als Insider des Chicagoer Jazz ausgeben will. Er hat nicht viel aufgenommen, neben diesem Album vor allem als Sideman von Ira Sullivan, und verstarb weniger Wochen nach den Aufnahmen. (George Lewis illustriert in seinem Buch mit Hill, die Drogenprobleme, der damaligen Zeit...) Hill, der hier vorwiegend Altsaxophon spielt, ist ein deutlich interessanterer Solist als Board, so ein leicht quäkiger Sound, der an Von Freeman erinnert, dazu schnelle kurze Phrasen und ein gewisser Mut zur Hässlichkeit, der ihn möglicherweise vage als Pionier des Free Jazz ausweist. Mich packt er von den Saxophonisten, die auf disen Alben zu hören sind eindeutig am meisten. Stitt erhöht die Vergleichbarkeit, indem er sich als leichtfüßigen Altsaxophonisten präsentiert und nicht wie gegen Board als robuster Tenorsaxophonist - aber ich würde ihn hier nicht als Gewinner sehen, Hill überschreitet eindeutig Grenzen, an die sich Stitt nicht heranwagt, Mut zur Hässlichkeit ist im Hard Bop ohnehin relativ rar... Begleitband ist wieder Eddie Busters Band, was vage darauf hindeutet, dass sich auch dieses (Studio)-Album aus einem Battle in der DJ Lounge entwickelt hat. Am Schlagzeug sitzt Gerald Donovan der unter seinem neuen Namen Ajaramu bis heute Mitglied der AACM ist. Außerdem ist der virtuose Gitarrist Joe Diorio in die Band gekommen, ein absolut interessanter Musiker, ich krieg in nicht ganz gefasst, so elegant wie er spielt, sagt immer eine Stimme in meinem Hinterkopf "Burt Bacharach", wenn er ins Zentrum rückt. Vielleicht ein ganz kleines bißchen ein Fremdkörper in der Band, aber ein guter. Hill kommt erst auf der zweiten Seite dazu, die erste Seite der LP ist im Quartet aufgenommen.
Im Kontrast zu Hill und auf dem nächsten Album Bunky Green vielleicht noch ein Wort zu Sonny Stitt als Kopie von Charlie Parker. Dass er von den Phrasen her nah bei Parker ist, keine Frage, auch beim Ton kann ich das bis zu einem gewissen Grad einsehen... Aber irgendwie, um es blumig zu sagen, so wie Charlie Parker "der Gejagte" genannt worden ist (Cortazar), so höre ich Stitt viel mehr als Jäger - die Geschwindigkeit mag die gleiche sein, aber Stitt bewegt sich viel raumgreifender, er wirkt nicht gehetzt, bei ihm ist die Geschwindigkeit viel mehr eine Demonstration von Stärke... in dieser Hinsicht höre ich Hill und Bunky Green fast näher bei Parker als Stitt...
3) Soul in the Night. Während die Eddie Buster Combo auf den ersten beiden Alben ein grundsolides, unaufdringliches jazziges Orgeltrio im Stile von Jimmy Smith ist (vom sonderbaren Sixties-mäßigen Joe Diorio mal abgesehen), gehört dieses Album ganz eindeutig zur nächsten Generation von Orgelalben, die deutlicherer Funk und Soul Einflüsse aufweisen. Der Organist Odell Brown, der damals mit seiner Band den Organizers auch einige eigene Alben aufnahm, arbeitete später auch für Curtis Mayfield und Marvin Gaye, der Schlagzeuger Maurice White gründete Earth, Wind and Fire - das sagt wohl schon einiges... Der Altsaxophonist Bunky Green ist in den letzten Jahren wieder zunehmend aktiver auf der Jazz Szene, auch in Europa, 1960 war er nach Chicago gekommen, eine weitere interessante Übergangsfigur, zum Teil, grad vom Ton her, ganz klar ein Parker Schüler, aber doch mit deutlichen Einschlägen von John Coltrane in seinem Spiel. Mir ist die Rhythmusgruppe insgesamt ein bißchen starr, man könnte fast meinen, die Bläser seien ein Overdub, aber das rückt den Fokus umso mehr auf das Nebeneinander von Stitt und Green, die Schlagabtausche sind hier vielleicht am direktesten und intensivsten - wo gibt es das schon, ein Stück, das direkt mit Fours beginnt, an Stelle der Soli, die üblicherweise vorangehen... und Greens energisches Spiel sorgt dafür, dass auch bei Stitt ordentlich die Funken fliegen...
At the DJ Lounge und Move on Over sind kürzlich zusammen auf CD erschienen ("Move on Over. The Eddie Buster Sides". Auch Soul in the Night ist auf einem Twofer wieder erschienen, den man hier (http://www.deezer.com/de/#music/sonny-stitt-bennie-green-bunky-green/stitt-goes-green-418543) hören kann (ab Track 8, Stitt auf dem linken Kanal, Green auf dem rechten); das erste Album auf dem Twofer ist ein Treffen mit dem Posaunisten Bennie Green, das einen gewissen Eindruck vom stilistischen Unterschied zwischen Soul in the Night und den beiden anderen Alben geben kann. Auch in Chicago aufgenommen, sitzt dort Eddies Bruder Bobby Buster an der Orgel, auch Joe Diorio ist dabei.
Wo ich so viel über Stitt geschrieben hab, noch ein paar allgemeine Hinweise zu seinen Platten: Hier (http://www.allaboutjazz.com/php/article.php?id=26097) gibt es einen ganz passablen Überblick über einige momentan erhältliche Stitt Alben, ich würde insbesondere die Aufnahmen mit Bud Powell (http://www.deezer.com/de/#music/sonny-stitt/sonny-stitt-bud-powell-j-j-johnson-124830) und Barry Harris (http://www.deezer.com/de/#music/sonny-stitt-quartet/tune-up-constellation-418552) herausstreichen.
Bevor sich jemand beschwert: In der Twofer Ausagebe von At the DJ Lounge ist eines von Boards Soli herauseditiert um Platz zu sparen. Die Aufnamen mit Powell gibt es zur Zeit auch günstig in der Box Stitt's Bits. The Bebop Recordings (http://www.deezer.com/de/#music/sonny-stitt/stitt-s-bits-the-bebop-recordings-1949-1952-125486), Stitts Debut am Tenorsaophon und eine absolut essentielle Session des Bebop. Daneben sollte Stitts berühmte Working Band mit Don Patterson und Billy James erwähnt werden, zu hören etwa hier (http://www.deezer.com/de/#music/sonny-stitt/just-the-way-it-was-live-at-the-left-bank-171128), Live At The Left Bank, Stitt am elektrischen Saxophon.
Korrektur: Erstens ist Ajaramu 2006 verstorben, und zweitens war schon Gerold (oder Jerol) Donovan sein erster Künstlername. Ursprünglich hieß er Joe Shelton - die Schlagzeuger auf den beiden Alben mit Eddie Buster sind also die selbe Person...
redbeansandrice
18.01.2010, 13:08
hier noch nachgeschoben eine zweiter Annonce
http://hubcap.clemson.edu/~campber/archia100860p26.jpg
und ein Wort zur Besetzung von Big Soul Band: Neben Sun Ra gibt es noch weitere Bezüge zur Chicagoer Szene, es scheint eine Art Reunion Album zu sein... die MJT+3 sind mit Cranshaw, Mabern und Strozier vertreten, Simmons und Sproles waren Anfang der fünfziger Jahre in der Hausband des Beehive Klub in Chicago (und sind unter anderem auf Chicagoer Aufnahmen von Charlie Parker zu hören), Bobby Bryant ist in Chicago aufgewachsen, Eddy Williams sagte mir nichts, wird aber von Henry Threadgill als einer der wichtigen Tenoristen im Chicago seiner Jugend genannt... ("John Gilmore, Eddie Williams, Eddie Harris, Clifford Jordan, Von Freeman, Gene Ammons, Jay Peters", hier (http://www.jazzhouse.org/library/index.php3?read=panken3)); Matthew Gee kam nicht aus Chicago, spielte aber mit Griffin Ende der vierziger Jahre in der R&B Band des Trompeters Joe Morris, in der unter anderem der legendäre Chicagoer Gitarrist George Freeman (Bruder von Von) dabei war... (außerdem nicht ganz gleichzeitig Elmo Hope, Percy Heath, Philly Joe Jones - eine erstaunliche Besetzung...)
Als sich Ende der fünfziger Jahre die Ästhetik des Jazz änderte, Miles Davis, John Coltrane, Bill Evans die atmosphärischen Meisterwerke schufen, die heute vielleicht als die zentralen Errungenschaften des Jazz gelten, machte Stitt nicht mit: Im wesentlichen soll jedes einzelne von Stitts (ca 150) Alben nur eine Sache beweisen, nämlich dass Sonny Stitt der verdammt nochmal beste Saxophonist der Welt ist. Viele seiner Alben, unter anderem die drei hier vorgestellten, sind Zusammentreffen mit anderen Saxophonisten - nicht deshalb weil zwei Saxophone nebeneinander so lieblich klingen, sondern weil ein Meister am klarsten zu erkennen ist, wenn neben ihm ein kompetenter Handwerker versagt. Diese sportliche Einstellung zu seiner Musik ist vielleicht zunächst befremdlich, implizit erwartet man von einem Bandleader, dass er sich darum kümmert, dass alles auf seinen Alben, in seinen Konzerten perfekt klingt; nicht dass er zum Beispiel bewusst Material auswählt, dem die Mitmusiker nicht gewachsen sind. Insofern ist es vielleicht hilfreich sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Saxophonbattles eine lange Tradition im Jazz haben, dass die Jam Session Ästhetik, die ihre Wurzeln zum Beispiel im Kansas City Swing hatte, erst mit dem Hard Bop so richtig verdrängt wurde... und man könnte sicherlich versuchen zu behaupten, dass genau an diesem Wendepunkt Ende der fünfziger Jahre der Jazz seinen Rückhalt in der Black Community verloren hat (und nicht mit den Revolutionen von Bebop und Free Jazz), oder man könnte versuchen eine Brücke zur Hip Hop Kultur zu schlagen - aber für beides fehlen mir Zeit und wissen.
Ganz großartiger Text, redbeans, ich habe mal den Abschnitt zitiert, der mir am Wichtigsten erscheint und der mir Zusammenhänge vermittelt hat, die mir vorher nicht klar waren. Von Stitt kenne ich nur "Sonny Side Up" mit Sonny Rollins und Dizzy, das ja auch so ein wenig aus dieser "Battle"-Tradition lebt (und im Penguin Guide abgewatscht wird). Ich mag es eigentlich sehr gerne, sicherlich kein Meisterwerk, aber sehr unterhaltsam. Ansonsten scheint Stitt bei jüngeren Hörern fast vergessen zu sein, man schaue sich nur die armselige Anzahl der Bewertungen bei RYM an. Und der Link zu "Jet" ist auch hochinteressant, vielen Dank (auch an Thelonica, dessen Texte ich auch mit Freude lese)!
THELONICA
24.01.2010, 21:11
Chuck Nessa on AACM, recording....
http://www.delmark.com/rhythm.nessa.htm
thx redbeansandrice
http://www.jazzweekly.com/interviews/cnessa.htm
gypsy tail wind
25.01.2010, 10:22
Danke für diese tollen Posts, da werd ich was zum Lesen haben!
redbeansandrice
25.01.2010, 11:17
@nail: Letztlich ist es mit Stitts Status ein kleines bißchen wie mit Chet Baker, früh nicht ganz ungerechtfertigt einen etwas unattraktiven Stempel aufgedrückt bekommen, dazu so eine typische kaum überschaubare Junkiediskografie mit viel Mittelmaß, und man muss sich ein Stück weit auf ihre Eigenarten einlassen... sonderbar fand ich neulich im Fred Anderson/Von Freeman Artikel in John Corbetts Extended Play den Hinweis, es sei "strange", dass Freeman und Anderson beide das Jam-Session Format so lieben - der Grund ist offensichtlich, dass beide aus dieser Tradition kommen (link (http://books.google.com/books?id=KQ2WFvz6GXUC&pg=PA155&dq=%22fred+anderson%22+corbett&hl=de&cd=1#v=onepage&q=&f=false) zu Corbett, kann mir nicht helfen, der Text nervt mich; "McKeefe Fitch, the famous Chicago booking agent" ist offensichtlich McKie Fitzhugh - keine Ahnung wie einer Chicago Jazz Größe wie Corbett sowas passieren kann...).
Freeman über Stitt (http://www.jazzhouse.org/library/index.php3?read=panken11):
"Well, I'll tell you what had to happen with Sonny Stitt, man. You had to get on the bandstand and play with him to really appreciate him. See, Sonny Stitt was mean, man. Sonny Stitt could play so many different things. And he was just as mean on tenor as he was on alto. In fact, he had another style altogether on tenor. And he played baritone! He played it proficiently. The man was a great saxophone player.[...] The man could just play anything he wanted to play. Sonny to me was amazing. I loved him. And we used to play a lot around in Gary and Evanston and things like that when he'd come in town. Because he loved to battle, you know, and he loved to get you up on that stage and wear you out. And if you wasn't together, brother, he would wear you out! But he was a beautiful cat."
und zum Abschluss - hier (http://www.jazzprofessional.com/interviews/Sonny%20Stitt.htm) ist ein tolles Stitt Interview, sehr witzig wie er sich als der nette Onkel präsentiert, der mit den Kindern singt und durchaus bereit ist sich auf das niedrige Niveau des Publikums und seiner Mitmusiker herabzubegeben - die Arroganz und diesen Sinn fürs Kompetitive kriegt er aber doch nie ganz abgestellt... Kostprobe:
"Jazz is supposed to be a happy thing. You take one of today’s weirdies and put him on the stand with Ben Webster, Don Byas, Illinois Jacquet, Dexter Gordon, Gene Ammons, Al Cohn, Zoot Sims—he’ll go home with his head in his hands. You ain’t supposed to play over people’s heads. You’re trying to give a message to people, and make it as simple as possible for the average man."
Bemerkenswert ist hieran auch, dass Stitt Zoot Sims und Al Cohn mit in den Kreis der umherziehenden Saxophonhelden aufnimmt - in den meisten Büchern stehen die hinter Stan Getz in einem anderen Kapitel.
Hier (http://www.deezer.com/de/#music/sonny-stitt-zoot-sims/complete-recordings-412736), Track 1-6, kann man noch ein Chicagoer Battle Album von Stitt hören, mit Zoot Sims, die Rhythmusgruppe sind John Young (langjähriger Begleiter von Von Freeman und hier der heimliche Star), Sam Kidd und Phil Thomas... Thomas gehörte zusammen mit John Gilmore, Andrew Hill und Wilbur Ware zu der Chicagoer Band, mit der Miles Davis eine Weile probte, bevor er sein erstes Quintet gründete... die Frage, ob und wann Stitt in Chicago lebte hab ich immer noch nicht geklärt gekriegt, jedenfalls erinnert sich Yusef Lateef in seiner Autobiografie, dass er in seiner eigenen Chicagoer Zeit Ende der vierziger Jahre dort täglich mit Stitt geübt hat...
@thelonica: das ist schon eines der großen Märchen des Jazz; Bob Koester erlaubt seinem "Praktikanten" Chuck Nessa, auf seinem finanziell angeschlagenen Blues-Label Delmark aufzunehmen, was er will, und gleich drei Alben, ohne auch nur bei den Sessions vorbeizuschauen; Nessa beginnt daraufhin als erster mit erstaunlicher Zielsicherheit die nächste Welle der Jazzavantgarde aufzunehmen, obwohl er selbst irgendwo gesagt hat, er hätte die Musik damals nicht wirklich verstanden, er hätte nur gespürt dass Mitchell, Abrams... wussten was sie taten. Dann ein Streit zwischen Nessa und Koester über den ich nicht viel weiß, aber jedenfalls endet es so, dass beide das Begonnene fortsetzen, im Prinzip bis heute; in den Katalogen von Delmark und Nessa ist viel vom besten Chicagoer Jazz zu finden; Nessa ist momentan dabei, in einer letzten finanziellen Kamikazeaktion :-) seinen Katalog auf CD herauszubringen, absolut unterstützungswürdig, Roscoe Mitchell, Lester Bowie... ein neues Von Freeman Album (Vonski Speaks) gibt es auch, noch nicht gehört...
@gypsy tail wind: herzlich willkommen!
redbeansandrice
26.01.2010, 13:07
So, ist leider eine halbe Bruchlandung geworden - hier kommt das Titelalbum des Threads:
http://3.bp.blogspot.com/_Y_hqIegUMoA/SdaFGCDGCJI/AAAAAAAAA64/3C7Y59P-iAQ/s400/Wilbur+Ware+-+Chicago+Sound+%5B1957%5D.jpg
Wilbur Ware - The Chicago Sound
Riverside (16 October 1957)
John Jenkins (as)
Johnny Griffin (ts)
Junior Mance (p)
Wilbur Ware (b)
Wilbur Campbell (d)
Frankie Dunlop (d, statt Campbell auf Body and Soul und The Man I Love)
Die Zeit um 1957 war so etwas wie das internationale (also New Yorker) Debut des Chicagoer Hard Bop: Blue Note produzierte Alben der Tenoristen Johnny Griffin, Clifford Jordan (eins mit John Gilmore) und des Altsaxophonisten John Jenkins. Wilbur Ware, der 1956 zusammen mit Ira Sullivan mit einer kurzlebigen Besetzung von Art Blakeys Jazz Messengers nach New York gekommen war, war von Sommer 1956 bis Sommer 1958 einer der meistbeschäftigten Bassisten des Jazz, er war an fast 40 Alben beteiligt (über die Hälfte seiner Diskografie), darunter Klassiker wie Monk's Music und Rollins at the Village Vanguard. Rückblickend sieht das ganze ein bißchen wie ein Schuss in den Ofen aus, nur Griffin konnte hierauf eine langfristigere Karriere aufbauen (zunächst mit einer grandiosen Serie von Alben für Riverside, eins hat Thelonica oben schon vorgstellt). John Jenkins etwa, war in diesem Jahr an 10 Alben für alle vier großen Labels des Hard Bop beteiligt (Prestige, Savoy, Riverside, Blue Note). Erst 1990 trat er noch einmal auf einem Album von Clifford Jordan in Erscheinung, nachdem er jahrelang Schmuck auf Flohmärkten verkauft hatte (oder so ähnlich). (Jordan hatte Anfang der sechziger Jahre nochmal einen zweiten Karrierestart, der erflogreicher verlief...) Was hier im einzelnen schief gelaufen ist, ist mir nicht ganz klar - Tatsache ist, das hier eine gradiose Serie von Alben entstanden ist.
The Chicago Sound ist eins der wenigen dieser Alben, das mit einer reinen Chicagoer Band aufgenommen ist. Neben den oben erwähnten Jenkins, Ware und Griffin sind der Pianist Junior Mance und abwechselnd die Schlagzeuger Wilbur Campbell und Frank Dunlop (kein Chicagoer) beteiligt. Viel Debütalbum Stimmung will hier nicht aufkommen, man spürt, dass die Musiker sich seit Jahren kennen, die meisten, insbesondere Griffin und Mance, blicken bereits auf über zehnjährige Karrieren als Profimusiker zurück. Was man - und das weiß ich sehr zu schätzen - fast gar nicht spürt, ist, dass es sich um das Album eines Bassisten handelt, Ware ist große Klasse, aber den Vordergrund überlässt er vor allem den beiden Saxophonisten. Griffin, einer meiner absoluten Lieblingssaxophonisten, präsentiert die ganze Bandbreite seines Könnens: warum er als der schnellste Saxophonist seiner Generation galt, kann man etwa auf Mamma-Daddy hören; auf der grandiosen Ballade Body and Soul erinnert mich die Linienführung, dieses rhapsodische, fast ein bißchen an Coleman Hawkins (etwa Picasso, hier (http://www.deezer.com/de/#music/coleman-hawkins/jazz-masters-34-231769), vielleicht weit hergeholt); Jenkins ist ein etwas subtilerer Musiker, aber definitiv hörenswert, irgendwo zwischen Charlie Parker und Jackie McLean... Auch Mance spielt ein paar schöne Soli, etwa auf Desert Sands, ein typischer Pianist aus der Schule von Bud Powell, ein bißchen rhythmischer und sicherlich auch mit einer Spur Thelonious Monk...
An sich sollte hier jetzt die Essenz des Chicagoer Hard Bop zu hören sein, und, naja, so hör ich das eigentlich auch, Gene Ammons ist nicht allzu fern, und genauso, grad im Ensembleklang der Saxophone, kann man an Sun Ras Chicagoer Band der fünfziger Jahre denken. Ich krieg das mal wieder nicht gescheit formuliert, aber, wenn man Hard Bop definiert als Bebop mit R&B Elementen, verstärkter Bluesigkeit, wie auch immer... dann hört es sich für mich an, als wäre diese Fusion hier viel organischer und natürlicher gelungen ist, als vielleicht in der Musik von Horace Silver; andersrum, wenn man sich die R&B Aufnahmen von Griffin anhört, und dann vergleicht, dann merkt man ganz klar die Wurzeln, aber auf The Chicago Sound kann die Musik atmen, alles zickige ist verschwunden ohne dass es deshalb künstlich wirkt, trotzdem hat die Musik ihren Drang nach vorne nicht verloren, mehr Reste von Bebop Charme sind geblieben als auf vielen der großen Hard Bop Alben auf Blue Note, es gibt eine ausgewachsene Ästhetik und dass ich die nicht auf den Punkt gebracht krieg, kotzt mich an - schaut euch das fabelhafte Coverfoto an - genau so ist die Musik...
ein Stück vom Album auf Youtube, Latin Quarter (http://www.youtube.com/watch?v=3ZtZDfZtmHg), das Griffin eine Woche später nocheinmal auf seinem letzten Blue Note Album "The Congregation" aufgenommen hat (und wenn man die Versionen vergleicht, merkt man vielleicht, was ich mit Drang nach vorne sagen wollte...)
hier (http://www.deezer.com/de/#music/playlist/early-johnny-griffin-36962679) eine Mini-Compilation von Stücken von Joe Morris R&B Band der späten vierziger Jahre auf denen Griffin halbwegs prominent zu hören ist. Die interessanten Gitarrensoli sind von Von Freemans Bruder George Freeman, Posaune spielt Matthew Gee, auf manchen der Stücke sind Leute wie Elmo Hope, Percy Heath, Philly Joe Jones zu hören, für Details siehe die Griffin Diskografie.
Andere Alben in diesem Zusammenhang: die gleiche Band ohne Jenkins und mit einem anderen Schlagzeuger hat noch in Chicago Griffins Debütalbum JG aufgenommen, sehr zu empfehlen, vielleicht in einem späteren Post, noch mehr Bebop und ein klarerer Monkeinfluss - kein Wunder, dass sowohl Griffin als auch Ware später wichtige Aufnahmen mit Monk gemacht haben... Ein weiteres tolles Album mit Ware und Griffin ist Johnny Griffins Way Out, auch ein Quartet Album, diesmal mit Kenny Drew am Klavier; mit Jenkins bin ich noch nicht so weit, Jenkins/Jordan/Timmons auf Prestige mit Clifford Jordan gehört sicherlich auch in den Kreis der Alben, um die es hier geht; das Paul Quinichette Album On the sunnny side mit Jenkins ist jedenfalls prima...
Was ich noch ganz interessant finde... irgendwie fällt es ja schon auf, dass ein guter Teil der Alben aus dieser Richtung (Chicago Sound, Jenkins Jordan Timmons, Jordans Alben mit Charles McPherson und Sonny Red), in der vergleichsweise seltenen Quintetbesetzung mit Alt/Tenorsaxophon aufgenommen sind - und zwar nicht direkt in so einer Battle Tradition, sondern eher kameradschaftlich ;-) das scheint auch irgendwie ein Chocagoer Ding gewesen zu sein [die Brücke zum AEC verkneif ich mir jetzt aber im wesentlichen...]
Diskografien:
Wilbur Ware (http://www.jazzdiscography.com/Artists/Ware/ww-disc.htm)
John Jenkins (http://www.allaboutjazz.com/php/musician_discography.php?id=8038)
Johnny Griffin (http://www.jazzdisco.org/johnny-griffin/discography/)
redbeansandrice
11.02.2010, 11:29
Dave Young
ein kürzerer Post zwischendurch... im Moment scheint es mir hochplausibel, zu sagen, dass sich diese Chicago-Tenor-Schule im wesentlichen aus den Einflüssen von Von Freeman und Gene Ammons speist... insofern fand ich folgendes kürzlich sehr interessant:
Von Freeman: Now, a lot of people say that I have an original sound, but that's not true at all. Where I got that sound and that conception of playing was from a saxophone player named Dave Young. [From Chicago?] Yes. Dave Young used to play with Roy Eldridge and quite a few other guys. To me he was one of the greatest saxophone players I'd ever heard, bar none. He took me under his wing when I was in the Navy, when we were stationed in Hawaii. I said, "Man, how are you getting that tone you get? You have so much projection." And I started using his mouthpiece and his reeds, and he corrected my embrochure a lot. In fact, I would say that most of my formative training on a saxophone was from Dave Young. I had been trying my best to play like Prez and Hawk and whatnot, and his style was what I'd say I was looking for between those two great saxophone players, Prez and Hawk, but it was his own thing and his own way of executing it, and I tried to copy it. I don't think Dave Young plays any more. I think he's still around Chicago, but I don't think he plays any more. He was a few years older than I am. So the sound that I am getting I think is primarily the sound that he was getting. Maybe I've refined it a little bit more in all these years I've been doing it. But the idea for getting that sound came from Dave Young. Great saxophone player.
Ich hab mich dann mal ein wenig auf die Suche gemacht, wenig überaschend war die Red Saunders Foundation Webpage (http://hubcap.clemson.edu/~campber/aristocrat.html) sehr hilfreich, dort gibt es folgende Biografie von Young und auch ein Foto
David A. Young was born on January 14, 1912 in Nashville, Tennessee. His family moved to Chicago when he was a boy; he was a member of the Chicago Defender Newsboy Band under the direction of Major N. Clark-Smith. He began working professionally in 1932. Among the bands he played in were Frankie "Half Pint" Jaxon's, with which he made his first recordings (1933), and Carroll Dickerson's (1936). From 1936 to 1938 he was a member of Roy Eldridge's combo, moving on to the big bands of Fletcher Henderson (1938-1939) and Horace Henderson (1939-1940). Subsequently he worked with Walter Fuller, returned to Eldridge for a time, and recorded in 1942 with Lucky Millinder and Sammy Price. During the first half of 1942 he also spent some time in King Kolax's band. In 1943 he got a significant gig as a leader, taking charge of the off-night band at the Rhumboogie Café on August 2 (the contract was filed on August 19). His contract was renewed on October 21. In November, however, he went back on the road with King Kolax, while Charles Stewart took over the Monday night slot at the Rhumboogie (contract filed November 18).
Young served in the Navy in 1944 and 1945; on returning to Chicago he vowed never to go on the road again (not even to Gary, Indiana, or so he told Charles Walton). He found work as a leader at the Entertainers Cafe (indefinite contract filed on March 21, 1946; another indefinite contract for 4 days a week followed on April 18) before landing the Ritz Lounge gig; in an interview with Dempsey Travis, Young also mentioned working at the Cabin in the Sky during that period. He may have appeared on a January 1946 session backing Dinah Washington under Gus Chappelle's direction; the personnel is still not known with certainty. Young was definitely on two sessions that trumpeter and singer Bill Martin did with a studio band for Hy-Tone; these were recorded around May and September of 1946.
[..]
Dave Young continued in the music business for another four years, but as a Swing saxophonist who neither made the transition to bebop nor adopted the honk, he must have found the changing musical environment less and less congenial. His gig at the Ritz ended in January 1949 (the last Defender ad mentioning his band ran on January 15); his sextet gave way to a quintet led by King Kolax. According to Young's interview with Charles Walton [..., s. den Link unten]), by 1950 he was working primarily in the strip joints of Calumet City. Young made a couple of appearances on Al Benson's TV show (which ran from April through July 1950; see our Sax Mallard page for details), but quit after Benson got into a fistfight with Stuff Smith. In November 1951 Young became an advertising salesman for the Chicago Defender; he was promoted to assistant advertising manager in February 1970, and retired from his job with the newspaper in May 1990. Dave Young died in Chicago on December 25, 1992. (He should not be confused with a much younger musician who played trumpet in Sun Ra's Arkestra in 1955 and 1956, and is said to have left music to become a car salesman.)[und genauso wenig mit dem Tenorsaxophonisten, der bei George Russell spielte, mit dem Bassisten von Element of Crime, einem Bassisten der zB bei Oscar Peterson zu hören ist und ziemlich vielen anderen Leuten ]
http://hubcap.clemson.edu/~campber/daveyoung.jpg
Young ist rechts im Bild, neben Pee Wee Jackson (Trompete) und Goon Gardner (Altsaxophon).
Hier (http://www.deezer.com/de/#music/playlist/dave-young-38255528) hab ich alle Aufnahmen mit Soli von Young gesammelt, die ich finden konnte... Bei den Henderson und Millinder Stücken findet man in der einschlägigen Literatur Unklarheit, ob Young der Solist ist. (Ich persönlich tendier zu Henderson nein, Millinder vielleicht schon). Das zweite Stück von Roy Eldridge hab ich nur dringelassen, weil ich das erste Altsaxophonsolo so toll fand, Young spielt nur im Ensemble. Das Solo ist von Scoops Carey, auch einem Chicagoer... Ob das jetzt Wurzeln des Modern Jazz sind, sei mal dahingestellt, jedenfalls find ich es für 1937 ein absolut bemerkenswertes Solo... Ob Young jetzt den Chicago Sound vorwegnimmt - ich weiß es nicht, aber dass er ein prima Tenorsaxophonist war, das kann man schon hören... (Dass Von Freeman ein bißchen bescheiden ist, kann ja eigentlich keinen überraschen.) Das erste Stück ist von 1933, da ist er offensichtlich noch ein bißchen zickig, sein Stil noch nicht ganz ausgereift... Die als Sammy Price Aufnahmen deklarierten Stücke sind ursprünglich unter dem Namen der Sängerin Mabel Robinson erschienen... das Millinder Stück (Little John Special) ist vor allem deshalb bekannt, weil es eines der ersten "wichtigen" Soli von Dizzy Gillespie enthält...
Das tolle Von Freeman Interview, aus dem ich oben zitiert hab, findet man hier (http://www.jazzhouse.org/library/index.php3?read=panken12). Und diesen Aufsatz von John Litweiler über "Tenor Madness: Chicago Style" (http://web.archive.org/web/20040605163851/www.jazzinstituteofchicago.org/journal/tenormadness/index.htm) kann ich sehr empfehlen...
So... Nachtrag zum Joe Daley Post, hier (http://web.archive.org/web/20031008164730/http://jazzinstituteofchicago.org/index.asp?target=/jazzgram/people/joedaley/daleycontents.asp) findet man noch einiges mehr über ihn. Wenn man auf der Seite rechts auf "Bronzeville" klickt geht es weiter zu Charles Waltons langem Interview mit Dave Young...
Ein Foto von Joe Daley gibt es dort auch...
http://web.archive.org/web/20030709024015/http://jazzinstituteofchicago.org/jazzgram/people/joedaley/images/parker.jpg
(Wie man den Links schon entnehmen kann, hat das Jazz Institute of Chicago mittlerweile eine neue Webpage, auf die sie nur einen Bruchteil ihrer alten Artikel mitgenommen haben...)
Und eine letzte Randbemerkung, kommt in der Young Biografie oben ja schon ein bißchen raus - die Macht dieser Musikergewerkschaften in der damaligen Zeit war mir lange nicht bewusst... wenn man sich zum Beispiel den Abschnitt über den legendären Schlagzeuger Ike Day ("A word seems called for about Ike Day...") auf der oben verlinkten Red Saunders Foundation Seite durchliest, kann man sich eigentlich zunächst mal ziemlich wundern, wie autoritär das alle offenbar ablief, etwa
Assistant Cohn informed the Board that Mr. Hughes had called at his office and complained about Jesse Miller walking off the bandstand while a show was in progress because of an argument with one of the performers. In addition to this, Mr. Hughes complained of Ike Day getting drunk and other members reporting for work late.
Member Miller admitted walking off the stand because he was angry, but stated that he realized he did wrong. He explained that there was no set routine for the show and no music. He stated that Ike Day did get drunk and that he had no show experience, which was the root of all the trouble that they were having.
[....] informed him that Ike Day and Kermit Scott had been unruly all evening. The musicians were outside as well as some of the entertainers. Atkinson, who was in charge of the orchestra during Miller's illness, apparently had no control over Day and Scott, and could not make them play. When he talked to Day, he replied in vulgar and profane language that he didn't care anything about him or Local 208 [die Gewerkschaft]. Scott was drunk and replied in a like manner
(kann man so bruchstückhaft nicht richtig verstehen, but you get the idea... dass es eine Institution gibt, wo man anruft, wenn Musiker besoffen oder mit dreckigen Klamotten auf der Arbeit erscheinen...)
THELONICA
16.02.2010, 21:36
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/fred.jpg
______DUETS 2001
Robert Barry and Fred Anderson
A1. Bouncing A2. Speed Way A3. We
B1. Taps B2. Off Blue B3. Dark Day
Fred Anderson tenor saxophone / Robert Barry drums
Recorded on 5/22/99 at the Empty Bottle, Chicago
Thrill Jockey
Wahrscheinlich werden einige Leute vermuten können, wie es zu diesem Thread gekommen ist. Dabei spielte die Nennung von Fred Anderson’s Namen eine wesentliche Rolle. Sein Name ist an diversen Stellen im Forum zu lesen und einige Forumianer schätzen seine Musik außerordentlich. [Nebenbei bin ich etwas verwundert, daß er noch nicht in Roots gespielt wurde.]. Daß der Mann als Person höchst interessant ist, kann man durch das Lesen diverser Interviews leicht herausfinden. Besonders hervorzuheben ist sicherlich sein langjähriges Management der Velvet Lounge, die schon viele Jahre existiert. Anderson's Konzept der Velvet Lounge scheint überhaupt gut zu funktionieren und hat sicherlich auch mit dem tollen Nachwuchs, der Medienpräsenz vor Ort, dem Support der Nachbarschaft und den (vielen) großartigen Musiker_innen zu tun. Eine ganze Menge Erfahrung von Anderson spielt auch eine Rolle. Mit Hilfe der Interviews kann man sich ein besseres Bild von der Person Fred Anderson machen. Was noch wichtig ist: Viele der älteren Musiker aus Chicago haben ein hervorragendes historisches Gedächtnis und ein Bewußtsein für Traditionen, zudem reichen sie ihr Wissen gerne an eine jüngere Generation weiter. Das scheint auch innerhalb der AACM ein ganz natürlicher Verlauf der Dinge zu sein, der sich über Jahrzehnte entwickelt hat.
[Die Anfänge dieser Entwicklung kann man bis weit in die 40er Jahre zurückverfolgen. George Lewis beschreibt diese Zeit auch in seinem Buch] Fred Anderson ist in diesen Dingen schon lange weit vorne und wahrscheinlich wird sein gesamtes, sowie kreatives Engagement stark unterschätzt.
Anderson Zitat:
“I don't look at [my role] as being a club owner,” Anderson attests. "My main thing is thinking about the music, and making sure the musicians are happy and enjoy playing. If they enjoy playing, they can make the people come in and enjoy them. I'm running this as a musician and a person who loves music. I just sit back and let 'em do what they do, and treat 'em with respect. They know they can be here and play and express themselves. They don’t have to worry about somebody telling them how to play. This is the freedom that people have here. We come here, we don't judge. This is what this place is for.”
Bescheidene und einfache Worte, hinter denen wirklich viel mehr steckt, von einem Mann, der es jedoch genauso gemeint hat. Als Beispiel würde ich auf die exzellente Zusammenarbeit mit Matana Roberts verweisen - parallel zu seiner eigenen Kunst finden diverse Entwicklungen beim Nachwuchs statt, der ihm vermutlich immens wichtig ist. Einiges hat damit zu tun, daß Anderson ein Gründungsmitglied der AACM ist. Fred Anderson wird im Forum noch fast als Geheimtipp gehandelt, während andere Künstler (2009) immer etwas mehr Beachtung bekommen haben, wurde hier bisher noch nichts in größerer Form über seine Musik oder sein Schaffen geschrieben - vielleicht könnte dies eine Art Anfang werden.
Zuerst wollte ich eigentlich nur mal nachhaken, was an Musik aus Chicago aus den letzten Jahren noch auf Vinyl zu bekommen ist. Das Angebot ist leider klein, aber ich bin auf „Duets 2001" von Fred Anderson & Robert Barry und „The Chicago Project" gestoßen, die mir vorher schon von redbeansandrice empfohlen wurde. „Duets 2001" war für mich attraktiv, weil ich mir einen Kurzfilm mit Anderson und dem Drummer Tim Daisy angesehen habe – unheimlich faszinierend was beide dort machen. Den Kurzfilm habe ich durchaus als bewegend empfunden, allerdings hatte ich vorweg noch gar nicht Musik von ihm gehört und war deshalb etwas skeptisch.
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/fredrob.jpg
Beim Anhören dieser Aufnahmen fühlte ich mich dann automatisch an die „Freedom Suite" von Sonny Rollins erinnert, weil der Sound vom Schlagzeug für mich anfangs irgendwie ähnlich klang. Robert Barry macht aber sein eigenes Ding, wobei Max Roach ganz sicherlich einen großen Einfluß auf Robert Barry hatte. Robert Barry ist ein Chicagoer Musiker aus dem unmittelbaren Umfeld von Sun Ra und hat mit ihm seit den 50er Jahren öfters aufgenommen. R. Barry u. Sun Ra hatten eigentlich mit der AACM eher wenig zu tun, obwohl Sun Ra wiederum massiv die AACM beeinflußt hat, was im Interview mit Fred Anderson auf der Innenhülle schön nachzulesen ist. Barry scheint ansonsten eher ein „klassischer" Drummer zu sein, dem ein kleineres Schlagzeug völlig ausreicht, der gar keine weiteren Percussion Instrumente benötigt, oder haben will. Ein idealer Partner für Anderson, weil beide sich gut kennen und es eine Vorgeschichte gibt.
Josh Abrams im Interview mit Robert Barry (http://www.stopsmilingonline.com/story_detail.php?id=1001)
Das musikalische Niveau ist hier extrem hoch, denn beiden Musikern fällt es leicht gewisse Stimmungen zu erzeugen und natürlich reagieren sie aufeinander; dazu handelt es sich noch um eine Liveaufnahme mit kaum hörbarem Publikum, wodurch die Intimität bzw. Intensität noch verstärkt wird. Die Intensität dieser Aufnahme, die sehr entspannt wirkt, summiert sich aus Leidenschaft, Spielfreude, Wärme und Soul.
Das Spiel von Fred Anderson (LP „Duets 2001") läßt sich leider nicht so einfach analysieren, weil da einfach vieles zusammen kommt. Er spielt zwar keine überflüssigen Noten, läßt sich aber ab und zu vom Rhythmus souverän treiben und kann, das ist abhängig von den Kompositionen, auch druckvoll und schnell spielen. Komposition, Improvisation, Ausdruck und Stimmungen scheinen Anderson gleich wichtig zu sein, jedoch geht das bei ihm stark ineinander über, was schon mit der Vorstellung des Themas beginnen kann. Auf der 2. Seite (Taps, Dark Day) spielt er sogar um einiges sanfter, ohne daß dadurch ein harter Stilbruch entstehen würde. Sicherlich gibt es viel Blues (der Verbindungsaufbau zum Publikum) in der Musik von Anderson, der Gene Ammons für seinen Sound u. das entsprechende Feeling verehrt, nur spielt Anderson Blues natürlich auf eine ganz eigene Art.
Fred Anderson on Gene Ammons:
„He always played these notes, that was..... it was some simple stuff, but it was....the way he would do it, you know, was very incredible, you know. Especially on the blues. I never heard anybody play the blues like Gene Ammons."
Fred Anderson scheint sich außerdem mit Eric Dolphy beschäftigt zu haben, vermute ich. Fred Anderson spielt zwar ausschließlich Tenor, wurde aber auch von Altsaxophonisten beeinflußt (Charlie Parker u. Ornette Coleman sind ihm wichtig), was man am ehesten an seinem Drive/Timing/Feeling (Aufbau) bemerkt. Von Eric Dolphy gibt es jedenfalls ausreichend gute Hörbeispiele in ähnlichen Livesituationen (z.B. Laura).
http://www.jazzinchicago.org/educates/journal/interviews/conversation-fred-anderson
http://www.jazzweekly.com/interviews/fanderson2.htm
redbeansandrice
09.03.2010, 14:19
nochmal ein kurzer Post, bevor es wieder richtig losgeht... manchmal geht es nicht anders, da muss man Musik vorstellen, die es nur als mp3 download gibt ;-) ist aber bei der Klangqualität der Aufnahmen vielleicht verschmerzbar...
The Ronnie Singer Tape
es gibt, grad in diesen regionalen Jazzszenen wie Chicago, immer wieder Künstler, die von ihren Mitmusikern aufs höchste gelobt werden, von denen aber fast keine Spuren erhalten sind... Andrew Hill hat betont, seine drei größten Einflüsse seien Charlie Parker, Thelonious Monk und Ike Day gewesen, von Day sind wohl mehr Aktenvermerke als Aufnahmen erhalten (s. das Ende des Dave Young Posts)... Charles Davis hat kürzlich als einen seiner drei wesentlichen Einflüsse den ziemlich obskuren Chicagoer Saxophonisten Swing Lee O'Neil herausgestrichen, einen frühen Sideman von Sun Ra, dessen wenige Aufnahmen wohl nur mit größter Mühe zu finden sein dürften... und dann gibt es Ronnie Singer, einen Gitarristen, der von den wenigen, die ihn Ende der vierziger Jahre in Chicago oder Anfang der fünfziger Jahre in New York gehört haben, immer wieder in höchsten Tönen gelobt wurde. Singer (ca 1927 - ca 1951), war im Chicago der vierziger Jahre ein Weggefährte von Jimmy Raney und Jimmy Gourley. Gourley hat immer wieder betont wie stark sie sich gegenseitig beeinflusst haben, und welche Vorreiterrolle Singer dabei hatte... In Ira Gitlers Swing to Bop sind eine Reihe weitere Lobeshymnen auf Singer abgedruckt, Lee Konitz, Lou Levy, auch beide mit Wurzeln in Chicago und der Kritiker Dan Morgenstern beschwören Singers verlorenes Potential, ich zitier mal nur Gitler selbst, "He had a spirit, a sound that reminded me of Charlie Christian, that kind of raw sound and power."
Bis vor kurzem endete die Geschichte damit, dass Singer seinen Kopf Anfang der fünfziger Jahre zu lange in ein Ofenrohr gesteckt hatte (absichtlich) und der Nachwelt keine Aufnahmen hinterlassen hatte, auf denen man etwas von seinem Talent hätte hören können (auch keine anderen Aufnahmen, ein Foto war bisher auch nicht zu finden, für mich jedenfalls...). Seit einigen Tagen kann man sich nun die Inhalte eines Tapes, das in den fünfziger Jahren mit Gourley nach Frankreich ausgewandert war, anhören und herunterladen. Vorhin erst habe ich den "Flair" von Tony Fruscellas Open Door Aufnahmen gelobt. Hier ist diese besondere Stimmung des New York der frühen fünfziger Jahre vielleicht noch deutlicher zu spüren; die Jazzwelt blickte an die Westküste, Billie Holiday, Lester Young, Charlie Parker waren scheinbar nur noch Schatten ihrer selbst, aber sie sollten noch für Jahre durch die Stadt schleichen und immer wieder punktuell zu ihrer alten Größe zurückfinden... irgendwie so, Robert Reisner's "Bird: The Legend of Charlie Parker" beschreibt eindrucksvoll diese Szene rund um das Open Door, auch Singer wird irgendwo kurz erwähnt (das Open Door selbst hat er aber, glaub ich, nicht mehr erlebt). Es gibt so eine Konvention, weiße Musiker aus Singers Altersgruppe dem Cool Jazz zuzuordnen, Jimmy Raney hat sich öfters dagegen gewehrt und betont, dass er sich selbst als Bop Musiker sieht; soweit ich das hören kann, allein schon von dem enormen Biss her, mit dem er spielt, bin ich geneigt, auch Ronnie Singer eher im Bebop als im Cool Jazz anzusiedeln...(mehr noch als Raney, die Frage, was Cool Jazz eigentlich ist, ist allerdings eine schwierige, insofern ist das vergleichsweise schwer wasserdicht zu machen...). Die Band auf dem zwanzigminütigen Tape ist ein Quintet, Rhythmusgruppe mit Klavier, Bass, Schlagzeug, ein Trompeter und Singer. Leider sind alle drei Stücke stark editiert, die Mitschnitte von Tea for Two und Donna Lee beschränken sich weitestgehend auf Singers Solo, nur auf Shine, dem Herzstück des Tapes, ist das Thema zu hören dort sind auch vor und nach Singers Solo zwei kurze Trompetensoli (teilweise) übriggegblieben. Der größte Teil von Shine besteht aus Fours, also einem Frage- und Antwort-Spiel zwischen Singer und dem (nicht identifizierten) Trompeter. Der Trompeter spielt in einem interessanten Stil, der Swing- und Bop-Elemente verbindet, für meine Begriffe wiederholt er sich ein bißchen. Das führt einem aber umso eindrucksvoller den grandiosen melodischen Erfindungsreichtum von Singer vor Augen, und eine Zielstrebigkeit, die nicht so recht zu seinem tragischen Ende passen will... "that kind of raw sound and power" trifft es schon ziemlich gut.
Bleibt zu sagen, schade dass es nicht mehr gibt, schade, dass es Singer nicht besser ergangen ist, hier geht es zu den Aufnahmen (http://www.archive.org/details/RonnieSingerLiveInNewYorkEarly1950s).
THELONICA
14.03.2010, 20:44
http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/mikereed1.jpg
Mike Reed
Hier geht es weiter mit dem Drummer, Komponisten und Bandleader Mike Reed, der bei redbeansandrice (muchas gracias) und mir schon für einige inoffizielle Begeisterung gesorgt hat. Ein weiterer engagierter Musiker aus Chicago, obwohl 1974 in Bielefeld geboren, ist Reed schon seit ein paar Jahren in Chicago für vielseitige Impulse zuständig, die er vermitteln kann und dem Chicagoland sehr am Herzen liegt.
Reed: „When I moved back to Chicago after college I really just wanted to play like Philly Joe Jones. I still try to do that, although musically my path has gone quite different.”
___________http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/mikereed.jpg
Hinter Mike Reed's Projekten befindet sich meist auch ein Anliegen, aber vor allem geht es ihm um kreative (musikalische) Aspekte, wobei er historische und kulturelle miteinbezieht. Mike Reed's Ensemble "People, Places & Things" liegt z.B. eine ganze Menge Researcharbeit zu Grunde, mit einigen Parallelen zu unseren bisherigen Erkundigungen. Der Name des Ensembles deutet es eigentlich schon an: Es geht auch um die Zeit und die Musik, die einige Jahre vor der Entstehung der AACM gespielt wurde. P,P&T ist auch eine Hommage an die größtenteils vergessenen Musiker (John Jenkins, Wilbur Campbell, Walter Perkins, Wilbur Ware, MJT+3, John Neely u.a.) dieser Ära (1954-1960). Mike Reed (http://mikereedmusic.com/) selber gibt auf seiner Seite etwas Auskunft über seine eigenen Nachforschungen. (Unter media können da noch viele Aufnahmen angehört werden.)
Kompositionsbeispiele (http://www.482music.com/albums/482-1060.html)
"People": For Frank Strozier, Nicky Hill and King Fleming
"Places": For The Pershing Hotel and Sutherland Lounge
"Things": For Jodie Christian, John Young and Willie Jones
Reed: „It’s so untalked about (1954-1960). It’s so important to the developements that happened after.“
Reed über das Album Proliferation: "We tried to reinvent the music we were covering. In order for it to be as current as it was back then, we had to find ways to incorporate styles and influences of improvising that pertain to us."
Er hat schon ein paar nicht so einfache Konzepte entwickelt, die erstmal unterschiedlich sind, jedoch gut abgestimmt in der Umsetzung auf der Bühne sowie als Aufnahme funktionieren. Mike Reed scheint jedenfalls mit 482Music das passende Label zu haben, auf dem er eigene Projekte verwirklichen kann.
Julian Priester, Art Hoyle, Ira Sullivan, Tomeka Reid, Josh Abrams, Nicole Mitchell, Jeff Parker und Jason Adasiewicz sind nur ein paar der Musiker, die Reed für 2 verschiedene Ensembles gewinnen konnte und mit denen er schon aufgenommen hat. David Boykin sollte ich noch erwähnen.
Reed über J. Priester, Hoyle u. Sullivan: "I want to put these guys in a new context," Reed says, "to show that they're still viable, exciting players trying to do new things."
Reed: "Since there's no piano player, if one of the horn players is soloing, the other one acts as the piano player and comps behind him. If the guy who's comping gets excited, he can take it, and they'll switch back and forth like that. I always hate it when a horn player takes a solo and then he steps aside. And this way, people have to be engaged all the time."
Mike Reed's People, Places & Things feat. Art Hoyle, Julian Priester & Ari Brown
Tour: 27.04.2010, 20:30
Stadtgarten, Musik Triennale Köln (http://www.musiktriennale.de/programm/105808/)
Um nicht weiter zu verwirren, würde ich zum erstmaligen Hören das feine Loose Assembly empfehlen, welches stark von der Kombination Cello/Vibes/Alto Sax profitiert: Last Year's Ghost (http://mikereedmusic.com/lyg.cfm) (482 Music)
___________http://i87.photobucket.com/albums/k124/wolferbest/looseassembly1.jpg
gypsy tail wind
15.03.2010, 08:00
Höre grad das Konzert, das Reed mit "People, Places & Things" letzten Sommer in Sant'Anna Arresi in Sardinien gab. Sehr schön! Danke für den Hinweis!
Allerdings ist das ziemliche Retro-Musik, nicht? Ich hätte jetzt irgendwie etwas ein klein weniger abenteuerliches erwartet, zum Beispiel im Sinne von Von Freeman, dessen Musik an der Oberfläche oft auch sehr nach Mainstream klingt (der allerdings damals schon dabei war, von Retro kann da also keine Rede sein), jedoch beim genaueren Hinhören äusserst facettenreich und faszinierend wird. Greg Ward und Tim Haldeman klingen da im Vergleich ziemlich brav - wenn auch solide und gut!
redbeansandrice
15.03.2010, 18:06
in Sachen Retro... da ich das Konzert (noch) nicht gehört hab, tu ich jetzt mal so, als hättest du dich auf das erste People, Places and Things Album Proliferation bezogen, das mir am präsentesten ist... hier also ein plädoyer für
Mike Reed's People Places and Things - Proliferation
http://content.bandzoogle.com/users/reedmicj/images/content/PPT_Cover_large.jpg
482 Music, 2008
Tim Haldeman (tenor sax, percussion, piano), Mike Reed (drums, piano), Jason Roebke (bass, percussion, piano), Greg Ward (alto saxophone, percussion, piano)
Aus meiner Sicht greift der Retro-Vorwurf nur dann, wenn ein Album auch schon in irgendeinem früheren Jahrzehnt hätte erscheinen können, und so richtig schlimm nur dann, wenn es genau solche Alben damals auch wirklich gegeben hat... Selbst wenn ich ganz fest an Pithecatropus Erectus von Mingus denke, kann ich das bei Proliferation nicht hören. Klar, der Bezugspunkt liegt - wie sie selbst sagen - in Chicago 1954-1960... aber die Musik hört sich für mich nicht an, als käme sie aus dieser Zeit... mal ganz vordergründig, die Saxophonisten, halten ihre Ayler Einflüsse dezent (es gibt sie - etwa Teile der Tenorbegleitung im Altsaxophonsolo bei Sleepy...), aber schon die Tatsache, dass die meisten Soli der beiden Saxophonisten parallel stattfinden hebt die Musik ein gutes Stück vom Hard Bop Mainstream ab... Ist wohl auch das Konzept, siehe das Zitat, das Thelonica oben schon gegeben hat: "Since there's no piano player, if one of the horn players is soloing, the other one acts as the piano player and comps behind him. If the guy who's comping gets excited, he can take it, and they'll switch back and forth like that. I always hate it when a horn player takes a solo and then he steps aside. And this way, people have to be engaged all the time."
Jetzt kann man sagen, der Hard Bop ist doch uralt - aber das ist der Free Jazz letztlich auch, fünfziger oder sechziger Jahre, das macht nicht mehr so viel aus, find ich..., neues zum Free Jazz beizutragen ist nicht weniger retro als neues zum Hard Bop beizutragen. Irgendwie hab ich das Gefühl es geht hier darum, sich eine neue Nische im progressiven Hard Bop zu erspielen, ähnlich den Nischen, die sich Jackie McLean, Andrew Hill, John Patton damals mit ihren progressiveren Blue Note Alben erspielt haben... Eine ähnliche Agenda könnte man auch anderen Alben aus dem Umfeld der "New Austin High School Gang" zu der Haldeman gehört unterstellen, Jason Ajemian's sehr schönem The Art of Dying etwa. Den Chicagoer Hard Bop als Grundlage hierfür zu nehmen, mit seiner Saxophonseligkeit, seinen Dissonanzen, den bluesigen und doch raffinierten Themen, seiner vergleichsweise großen "street credibility", die sich in Leuten wie Von Freeman oder Fred Anderson durch die Jahrzehnte gerettet hat... das sieht mir wie eine sehr gute Idee aus... klar, solche Alben hätte es vielleicht in den sechziger Jahren geben können - aber de facto hat es sie soweit ich weiß nicht gegeben... wie du (ich leg es dir halb in den Mund) richtig sagst, steht dieser Behauptung im wesentlichen das Werk von Von Freeman entgegen, das hier auf jeden Fall noch den einen oder anderen Post verdient hat... Die Art wie hier mit Saxophonklangfarben, Intonation gearbeitet wird, grad auch von Haldeman, erinnert sicherlich an Von Freeman... aber soweit ich das Überblicke hat Freeman nie in so einem Kontext gearbeitet, mit mehreren verwobenen Saxophonstimmen, Wechseln zwischen arrangierten und improvisierten Passagen... ich find das hier ist sehr schöne Musik und sie hat definitiv ihren Platz verdient... Eine Aufforderung an alle, mal die Version von Sleepy auf Proliferation kritisch gegen das Original zu hören... Das Original war das Signature Stück der MJT+3 (siehe Frank Strozier Post), es ist eine bemerkenswert komplexe, abstrakte Komposition - jedenfalls gemessen daran, dass es quasi ein Konkurrenzbeitrag zu Sachen wie Dis Here von Cannonball Adderley war... das Altsaxophonsolo von Frank Strozier ist wunderbar bluesig mit kleinen Raffinessen, die anderen Soli fallen vielleicht ein bißchen ab... die Mike Reed Version spielt für meine Begriffe vielleicht zunächst mal ein bißchen viel von der Eleganz zu Gunsten von erhöhter Bluesigkeit kaputt... aber das ist mehr eine subtile Frage der Leichtfüßig-Schwerfüßig-Balance, die in dem Stück eine große Rolle spielt... das hier ist insgesamt schwerfüßiger, Reeds Schlagzeug illustriert und (vor allem) betont viel mehr, als dass es einen stetigen Puls gibt, das Duett der Saxophone braucht eine Weile bis es mich erreicht, aber wenn es erstmal da ist, ist es mächtig überzeugend, eine viel unmittelbarere Bluesigkeit als im Original, und der Mut zur Hässlichkeit, der mir im Hard Bop jenseits von Mingus und Freeman viel zu oft fehlt... für meine Begriffe ist noch Platz in der Welt für diese Musik...
Streams des Albums gibt es (mit kleinen Lücken) auf Reeds Homepage (http://mikereedmusic.com/proliferation.cfm) und (komplett) bei lastfm (http://www.lastfm.de/music/Mike%2BReed%2527s%2BPeople%2BPlaces%2B%2526%2BThin gs/Proliferation). Das Original von Sleepy kann man hier (http://www.deezer.com/de/#music/mjt-3/walter-perkins-mjt-3-342611) hören.
Auf der oben schon verlinkten Labelseite (http://www.482music.com/albums/482-1060.html) von 482 music kann man noch einiges mehr erfahren, überhaupt ein tolles Label, wenn man sich für den Jazz aus Chicago interessiert...
Mittlerweile gibt es noch zwei weitere Alben von People Places and Things, About Us und (noch nicht erschienen aber auf Reeds Homepage schon zu hören) Stories & Negotiations. Auf letzterem wird die Band hochkarätig erweitert um Ira Sullivan, Art Hoyle, Julian Priester und Jeb Bishop. Wie Thelonica oben schon angekündigt hat, ist die Band im April in Europa (leider mit Ari Brown statt Sullivan...)
gypsy tail wind
22.04.2010, 08:45
Wir haben ein paar mal kurz Henry Threadgill (http://www.pirecordings.com/artist/Henry_Threadgill) erwähnt... ich bin nicht in der Lage, viel schlaues über ihn zu posten, habe erst kürzlich seine pi-CDs und das BlackSaint/SoulNote Box-Set gekauft und noch nicht richtig mit hören angefangen... wollte euch nur darauf hinweisen, dass es hier (http://www.allegro-music.com/) eine kleine Aktion von pi-Titeln gibt (weiss allerdings nicht, ob's noch billigere Möglichkeite gäbe, z.B. direkt beim Label).
Diese pi-CDs sind weder im SoulNote Set noch im geplanten Mosaic Set.
Zudem gibt's drei Threadgills bei About Time Records (http://www.about-time-records.com/) (von denen ich bisher nur die zwei habe, die auch auf CD greifbar sind - beide sind super!).
gypsy tail wind
23.04.2010, 07:49
aus Jazz Review Vol. 2, No. 9, Oct. 1959 (http://www.jazzstudiesonline.org/files/JREV2.9.pdf)
CHICAGO SCENE by
Bob Koester
The active jazz clubs include the Blue Note, the London House and the Sutherland Hotel Lounge, all presenting touring groups, and the C&C Lounge with the NORMAN SIMMONS septet, the Bambu with AL BELLETO, the French Poodle with the JOHN YOUNG t r i o , and the Avenue Lounge with the WALTER PERKINS MJT+3.
Joe Segal holds off-night sessions on Sunday evenings at the French Poodle, on Mondays at the Gate of Horn, and Tuesdays at the Sutherland Hotel, and among the regulars are trumpeter IRA SULLIVAN, tenorist JOHNNY GRIFFIN, and the SUN RA Arkestra (sic) ; the Jodie Christian trio, Richard Evans trio , Chris Anderson and other Chicago musicians frequently appear. Visiting musicians Sonny Stitt, Rolf Erickson, Lee Morgan, Les Spann, Philly Joe and Elvin Jones, Junior Mance and Tommy Flannigan all sat in during recent weeks.
Traditional and revivalist groups based in around Chicago include the Franz Jackson band and LIL ARMSTRONG'S quartet at the Red Arrow, the Charleston Chasers at the Lincoln Lounge in Joliet. Little Brother Montgomery is also working, with a quartet, in Joliet.
Clarinetist ALBERT NICHOLAS recorded two lps for Delmar, one with a septet including FLOYD O'BRIEN, and the other with the ART HODES trio. Argo has signed the RICHARD EVANS trio. Veejay, moving into the jazz field, signed ART BLAKEY, and tenor player WAYNE SHORTER under a separate contract, and recently recorded Walter Perkins with his MJT+3. Tempus recorded another Dave Remington lp, and Albert Nicholas recorded another side for Audiophile with a group including trumpeter Doc Evans.
Da war schon verdammt viel spannendes am Kochen!
MJT+3 muss ich bald mal wiederhören - Strozier vor allem, aber auch Mabern (von dem hab ich die beiden Fantasy Twofers - aber das wär ja dann mehr für den Memphis-Thread...), aber eben auch der wunderbare Walter Perkins (http://www.jazzhouse.org/gone/lastpost2.php3?edit=1078248141).
redbeansandrice
23.04.2010, 08:40
Danke fürs finden! niedlich das "sic" hinter Arkestra... das war die Zeit als "Delmark" noch "Delmar" hieß...
hier ist mal die Besetzung des 1963er Charlie Parker Memorial Concerts, Joe Segals Serie, ist wirklich schade, dass nur von einem (?) Aufnahmen erhältlich sind, das hier war garantiert der Wahnsinn:
Gene Shaw Quintet: Shaw, trumpet; John Tinsey, tenor saxophone; Jim Taylor, piano; Sidney Robinson, bass; Denny Cook, drums.
Joe Daley Trio: Daley, tenor saxophone; Russell Thorne, bass; Hal Russell, drums.
Dodo Marmarosa Trio: Marmarosa, piano; Thorne; Russell.
Roland Kirk Quartet: Kirk, tenor saxophone, strich, manzello, flute; Richard Abrams, piano; Robinson; Gerald Donovan, drums.
tolle Szene, nochmal Danke an Thelonica, dass er meine Augen mal etwas konzentrierter in diese Richtung gelenkt hat...!
jetzt am Dienstag ist im übrigen Mike Reed im Stadgarten in Köln, zwei Konzerte, mittags für umsonst in der Quartett-Besetzung der ersten beiden Alben [werd hier wohl nicht wegkommen, grrr], abends dann mit der erweiterten Band... wird auch im WDR ausgestrahlt (samstag?)
gypsy tail wind
11.05.2010, 13:43
Ein sehr spannender Post von Lazaro Vega (der für Blue Lake Public Radio (http://www.bluelake.org/radio.html) arbeitet), den ich hier (http://www.organissimo.org/forum/index.php?/topic/4986-tyrone-washington-corner/page__view__findpost__p__78892) fand:
There came a time where the notion of 'the tradition' changed. And I remember it well, the day it dawned on me that something wasn't the same any more. I was working at WKAR radio in East Lansing as a board operator (student job) around 1980, and Ken Beechler, the head honcho for cultural programming at the Wharton Center, and long before that the primary, go-to cultural programmer of performing arts at MSU, who knew I loved jazz, took a long pull on his cigarette, looked me in the eye and said, "So you support the "tradition" of jazz." The way he said it, obviously after having gotten wind of something in the air, was not what Arthur Blythe, or Bluiett, or the World Saxophone Quartet, or Muhal, or the Art Ensemble meant when they said the same thing. There was the 'spirit' of tradition, sanctified in recordings, and then there was this new thing, as it turns out, the codification of tradition for polemic reasons.
I don't think the Chicago guys bought that. Von's example of the tradition was one incorporating Bird, Ammons AND Sun Ra, so it was mutable, not in the fickle sense, but just that is wasn't over yet.
And the Chicagoans were living the echoes of their own revolutions in jazz, the 1920's and the 1960's, with the great consolidations of the swing era were a central part of the city. To say noting of the blues.
So in a sense the mathematical implications of Trane's music were heard and felt in Chicago, it's just that they resulted in Anthony Braxton.
Bebop was more of a New York based "movement," while Chicago wasn't as likely to get bogged down in harmonic labyrinths that bop eventually led to (which "caused" the whole hard bop reaction, etc.). Maybe it's the same with 'Trane: there are so many implications to 'Trane's ENTIRE output, why get stuck in a perpetual search for the tonic?
It's almost as if the New York guys you're talking about are like the West Coast guys of the 1950's: that bop was something to revere and tinker with.
Es geht dort noch weiter um Chicago (http://www.organissimo.org/forum/index.php?/topic/4986-tyrone-washington-corner/page__st__80) (u.a. Joe Farrell, Wilbur Campbell etc), auch wenn das dort off-topic ist (darum erwähn ich's auch hier, sonst finden wir's nie wieder :lol: )
redbeansandrice
11.05.2010, 13:55
sehr schöner Fund!
das Interview mit Art Hoyle und Julian Priester, das vor dem Reed Konzert in Köln stattfand war auch sehr interessant in Sachen acceptance von Experimenten auf der Chicagoer Szene... beide waren sich einig, dass diese Akzeptanz vor allem Sun Ra in die Schuhe zu schieben ist, der ja damals die Hausband in Chicagos größtem Nachtklub leitete (dem Club deLisa)... hoffe die Interviews finden ihren Weg ins Internet, gab ja noch bei zwei weiteren Konzerten welche, und die waren echt interessant...
gypsy tail wind
11.05.2010, 14:31
sehr schöner Fund!
das Interview mit Art Hoyle und Julian Priester, das vor dem Reed Konzert in Köln stattfand war auch sehr interessant in Sachen acceptance von Experimenten auf der Chicagoer Szene... beide waren sich einig, dass diese Akzeptanz vor allem Sun Ra in die Schuhe zu schieben ist, der ja damals die Hausband in Chicagos größtem Nachtklub leitete (dem Club deLisa)... hoffe die Interviews finden ihren Weg ins Internet, gab ja noch bei zwei weiteren Konzerten welche, und die waren echt interessant...
Ich werd mir Mühe geben, so es der Taper denn erlaubt (sonst halt unter uns, per PN :-) )
gypsy tail wind
25.06.2010, 11:39
r.i.p. Fred Anderson
http://www.chicagotribune.com/entertainment/chi-100618-fred-anderson-dead,0,1363912.column
redbeansandrice
25.06.2010, 11:47
r.i.p.
gypsy tail wind
14.07.2010, 16:34
Harvey Pekar über Von Freeman (http://jazztimes.com/articles/20623-von-freeman) (JazzTimes Jan/Feb 2001)
gypsy tail wind
19.09.2010, 15:26
http://aacmchicago.org/files/images/muhal_richard_abrams_01_saalfelden2007.jpg
Muhal Richard Abrams (http://aacmchicago.org/muhal-richard-abrams) wird heute 80!
Solo im Millenium Park, Chicago, IL - 2007-08-16 (http://www.youtube.com/watch?v=g1NOKoEXk9U)
gypsy tail wind
03.01.2011, 18:25
Von Freeman & Ed Peterson in Concert (NPR) (http://www.npr.org/2011/01/01/132536011/von-freeman-and-ed-petersen-live-in-chicago)
Von Freeman, tenor sax; Ed Petersen, tenor sax; Willie Pickens, piano; Brian Sandstrom, bass; Robert Shy, drums
Green Mill, Chicago, IL - 2010-12-31
"Anthropology" (Parker)
"Four" (Davis)
"All The Things You Are" (Kern/Hammerstein)
"What is This Thing Called Love?" (Porter)
"Auld Lang Syne" (traditional)
"Things Ain't What They Used To Be" (M. Ellington)
gypsy tail wind
24.02.2011, 23:43
http://secretsociety.typepad.com/darcy_james_argues_secret/images/2007/10/10/matanaglossy4x6_side_1.jpg
Heute abend hat Matana Roberts mit dem ersten Teil ihres Projektes Coin Coin, das den Titel "Gens de Couleur Libre" trägt, in der Roten Fabrik in Zürich gespielt. Barfuss, das Gesicht mit weisser Kreide bestrichen und im langen weissen Kleid steht Roberts vorne rechts auf der Bühne, die Musiker im Halbreis, in der Mitte der Drummer Tomas Fujiwara, links vorne Cellistin Audrey Chen, dazwischen Bassist Jason Ajemian. Auf der anderen Seite, zwischen Fujiwara und Roberts, die Bratschistin Jessica Pavone und die Violinistin Mazz Swift. Also auch ein Streichquartett (in etwas ungewöhnlicher Besetzung) mit Drums und Altsax (sowie Klarinette und Stimme).
Zum Auftakt lässt Roberts einen Sack mit Steinen (oder Murmeln?) herumgehen, jede schütelt den Sack, greift hinein, nimmt sich ein paar Steine heraus, reicht ihn weiter, im Halbkreis herum, derweil die anderen zupfen, leise fiedeln und trommeln... bis Roberts mit einem Schrei auf dem Altsax ins Geschehen eingreift und man merkt, dass man schon mitten drin ist. Im Hintergrund laufen auf einer riesigen Leinwand Bilder durch - die Familiengeschichte von Roberts, ihre weibliche Ahnenlinie, die Wurzeln im Süden in Louisiana, die auch in der Musik verarbeitet werden.
Die Musikerinnen haben auf ihren Notenständern eine grossformatige, zum Ringheft gebundene Partitur (alle dieselbe? Jede eine eigene? Ich weiss es nicht, jedenfalls sind auch Fotos drin, Notenlinien), das ca. 70 minütige Werk wird ohne Unterbrüche präsentiert, besteht aus freien Passagen, aus boppigen Kürzeln, aus Work Song, aus einem Walzer und immer wieder aus mitreissend swingenden Passagen, in denen Fujiwara und vor allem Ajemian mit grossem Drive überzeugen - streckenweise erinnert das etwa an die Musik Mingus', aber auch an die grosse Tradition aus Chicago: das Art Ensemble und die AACM (der Matana Roberts angehört) sind wohl die wichtigsten Referenzpunkte.
Roberts' Suite bringt zusammen, was zusammengehört aber selten zusammenfindet: die ganze Tradition der "great black music" aber auch die europäischen Einflüsse aus Louisiana, alle Arten von Jazz, von bis New Orleans (Louisiana eben). Darein verwoben werden Textfragmente und längere Rezitationen von Roberts, streckenweise von der Band als Echo nachgeflüstert, auf halbem Weg auch ein langer Work Song über die Versteigerung einer Sklavin, in der Roberts (gegen Ende kurz im Wechsel mit Ajemian) den Lead singt und die anderen fünf einen polyphonen, leise brodelnden Chor bilden - in den intensivsten Passagen fiel mir nur etwas vergleichbares ein: die Urlaute, die Abbey Lincoln im Duo mit Max Roach 1960 für die "Freedom Now Suite" aufgenommen hat. Mit derselben Wucht spielt Roberts auch ihr Altsax, streut hier und da auch mal boppige Kürzel ein, kann charmant Säuseln, bricht aber immer wieder aus, mit enorm schwerem Sound, der im tiefen Register am schönsten zur Geltung kommt und manchmal das Gehör fast platzen lässt...
Bassist Ajemian ist wohl insgesamt neben Roberts die gewichtigste individuelle Stimme, auch manchmal im Dialog mit ihr zu hören, während die anderen Streicherinnen zurückhaltend begleiten. Am schönsten ist aber das Zusammenspiel aller, das changiert zwischen beinahe klassischen Passagen, wilden Ausbrüchen, verspielten Pizzicatos - das alles wird aber nie nach europäischem Mass rein intoniert, immer ist eine polyphone Vielfalt zu hören, auch in den kurzen Soli von Chen und Pavone, und ganz besonders im einen wunderbaren längeren Solo von Mazz Swift (die ich zuvor im Gegensatz zu allen anderen überhaupt nicht kannte, nicht mal dem Namen nach).
Roberts spielt manchmal Klarinette, auch kurz in zwei New Orleans-artigen Passagen (die natürlich immer gebrochen werden, ins Gesamtgeschehen eingefügt, durch Roberts' Linse betrachtet und verarbeitet). Auch eine Passage mit simultanem Altsax- und Klarinettenspiel gab es gegen Ende - aber sehr verhalten, auch als eine Art polyphoner Begleitchor anderer Stimmen.
Was bleibt ist ein sehr starkes, musikalisches Erlebnis, ein gelungener Versuch, Familiengeschichte auf persönliche Art und Weise zu betreiben und musikalisch zu verarbeiten und dabei auch die Unterdrückung und den Kampf der Afro-Amerikanerinnen zu thematisieren und auf sehr betroffen machende Weise umzusetzen. Ein sehr starkes Konzert, das sehr von der wuchtigen musikalischen Präsenz und Persönlichkeit von Matana Roberts geprägt war aber dem Kollektiv auch immer wieder Raum für klangliche Explorationen und Zusammenspiel in verschiedenen Kombinationen liess.
Edit: im Sack befanden sich Kieselsteine... hab ich erfahren von jemandem, der am Tag drauf im Bimhuis war, um Roberts zu hören - er ist (im Gegensatz zu mir, leider) nach dem Konzert noch etwas geblieben und hat sich mit den Musikerinnen unterhalten.
THELONICA
25.02.2011, 01:39
Wow! Höre dir unbedingt auch das erste Album von ihr an.
NPR
Matana Roberts' COIN COIN: Live In Concert (http://www.npr.org/blogs/ablogsupreme/2010/06/23/128065079/live-webcast-thursday-matana-roberts-coin-coin-in-concert)
Pictures
http://www.flickr.com/photos/cactusbones/tags/matanaroberts/
gypsy tail wind
25.02.2011, 08:10
Wow indeed!
Danke für den Link - läuft sogar hier an der Arbeit, bin's grad am Anhören, da fehlt natürlich die Intensität des Live-Erlebnisses, aber ist schön!
Der Programmleiter von Fabrikjazz hat übrigens Roberts zum ersten Mal in Finnland gehört - wohl Tampere 2008, wo sie mit dem zweiten "Kapitel" von Coin Coin auftrat (bis auf Fujiwara eine andere Besetzung), von dem ich eine Aufnahme habe (eine weitere von 2006 aus NYC, auch unter dem "Coin Coin" Etikett, habe ich auch noch, muss mal genauer nachschauen).
Das sie (gemäss dem NPR-Blurb) Fred Anderson und Vonski als Mentoren beschreibt macht natürlich perfekten Sinn.
Und ja, ich werde mir mal eine CD kaufen - kann mir allerdings nicht vorstellen, dass das ans Live-Erlebnis heranreicht. Könnte gut sein, dass sie eine Musikerin ist, die man live hören MUSS, um sie richtig zu erleben und zu hören!
gypsy tail wind
20.04.2011, 08:58
Ich hole mal diesen (http://forum.rollingstone.de/showthread.php?p=2444639#post2444639) Teil-Post von gestern noch hier rüber - THELONICA hat schon auf der ersten Seite ein Album von El'Zabar vorgestellt:
http://image.allmusic.com/00/amg/cov200/drg900/g909/g90958amkr7.jpg
Mit "Big M", der zwanzigminütigen Hommage an seinen langjährigen Bassisten Malachi Favors, beginnt Kahil El'Zabars Ritual Trio seine Aufnahme Live at the River East Art Center (Delmark, auch auf DVD erschienen). Billy Bang spielte einige Male als Gast des Trios, das zu diesem Zeitpunkt neben dem Leader aus Ari Brown (ts) und Yosef Ben Israel (b). Über ein dichtes Geflecht aus Trommelrhythmen und gezupfte Geige sowie den tiefen Bass von Israel bläst Ari Brown mit riesigem Ton das Thema.
Was wir hier während etwas über einer Stunde zu hören kriegen ist bestimmt kein grosses Album, aber es ist ein Dokument eines tollen Konzertes, das streckenweise fast mehr nach Party klingt und tief, tief in Chicago verwurzelt ist. Bang, der Zuzüger, spielt für einmal elektrische Violine, entlockt dem Instrument aber im grossen ganzen die selben Klänge wie üblich. El'Zabar slbst sorgt an Drums, Kalimba und diversen Perkussionsinstrumenten und Trommeln für eine Vielfalt an Klängen, der Groove wird nie vernachlässigt und Ari Browns Tenor klingt dabei oft wie durch ein Fenster aus der Vergangenheit herübergerettet, so massiv und schön ist sein Ton.
In "Return of the Lost Tribe" steht der neue Bassist der Band, Yosef Ben Israel mit seinem tollen walkign bass-Spiel im Zentrum, er zieht und treibt die Band durch das Stück, während El'Zabar ein reguläres Drumkit spielt. Brown bläst ein tolles Solo voller Ideen, tief in der Tradition verwurzelt, dann folgt Bang, der sich rasch ans Erforschen der Klänge macht, die sein Instrument hergibt. Dann folgt El'Zabar mit einem Drum-Solo, bevor das Stück ruhig endet.
"Where Do You Want to Go?" stammt als einziges der Stücke nicht vom Leader sondern von Ari Brown. Den Beat trommelt El'Zabar an seinen handdrums, Der Bass trägt das Stück erneut, während Brown die Melodie spielt und Bang mit hohen Sounds drein- und drumherumspielt. Wie schon das vorangegangene Stück dauert auch dieses etwa dreizehn Minuten und die Musiker lassen sich viel Zeit, ihre Ideen zu entwickeln. Hier wird nichts überstürtzt, Phrase für Phrase wird sorsam ausgespielt, variiert, verändert, man folgt Brown und Bang in ihren Soli Ton für Ton - und das ist eine grosse Freude!
"Be Exciting (Kahil Testifies)" ist eine programmatische Ansage von El'Zabar, sie dauert vier Minuten.
Zum Abschluss folgt dann "Oof", die vierte lange Nummer, erneut Malachi Favors gewidmet und von Kalimba und Perkussion eröffnet, bevor Israel wieder einen fetten Bass legt, über dem sich das Stück ganz langsam entfaltet. Brown spielt eine einfach Singsang-Melodie, Israel tritt in den Dialog, Bang schleicht sich ganz leise durch die Hintertür ein. Wunderbar!
Die Musik bereitet mir ungeheuren Spass und erinnert mich immer wieder dran, dass ich mehr aus dem Umfeld von Kahil El'Zabar (Edward Wilkerson, Ernest Dawkins) anhören müsste!
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
In diesem Sinne hab ich mir grad die Delmark CDs "Renaissance of the Resistance" und "Love Outside of Dreams" von Kahil El'Zabar sowie "Cape Town Shuffle" von Ernest Dawkins bestellt.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Und zudem wird hier (http://www.chicagotribune.com/entertainment/music/ct-live-0420-jazz-news-20110419,0,4440333.column) von der Chicago Tribune gemeldet, dass der 87jährige Von Freeman zur nächsten Runde von NEA-Preisträgern gehören soll! About time. . .
gypsy tail wind
24.05.2011, 16:59
Matana Roberts "Coin Coin", Musée Quai Branly, 2010-02-26
http://liveweb.arte.tv/de/video/Matana_Robert_s_Coin_Coin_im_Musee_du_Quain_Branly/
http://a34.idata.over-blog.com/550x211/1/46/27/07/Images-6/Quai-Branly-10-11---5---Matana-Roberts.jpg
Matana Roberts - alto sax, voice, composer
Mazz Swift - violin
Jessica Pavone - viola
Audry Chen - violoncello
Jason Ajemian - bass
Tomas Fujiwara - drums, percussion
Fotos hier:
http://www.flickr.com/search/?q=matana+roberts&f=hp
gypsy tail wind
09.12.2011, 08:54
a note from thulani davis on joseph jarmans health...... (http://www.organissimo.org/forum/index.php?/topic/67430-joseph-jarman-seriously-ill/)
Dear friends,
First, just to reiterate for anyone who didn't get my phone message: The Actors Fund sent Joseph by ambulance yesterday afternoon to Englewood Hospital (only a short distance from where he lives) because he was too weak to stand or walk, and he has been losing his ability to walk over the past two weeks in spite of physical therapy, a cane, a walker, etc.
A CT scan revealed that he had a massive blot clot between the brain and its lining on the left side of his head. We are not sure what caused it, possibly a fall he had after the huge storm here a few weeks back, which Englewood very hard. He has not had a drink since Labor Day, so that was not the issue though alcoholism can cause them to occur spontaneously in later life. The neurosurgeon said it was putting tremendous pressure on his brain. He had emergency surgerytonight to remove the clot -- they had to clear the OR to push him ahead of everyone because he could have died had they waited and would have died had he not gone to the hospital. So I am very grateful he was no longer in his apartment.
By the time the surgeon spoke with him he no longer knew where he was or what year it is, so with Joseph listening I gave permission as nearest next of kin on the phone while in my car heading over there. When I arrived he was in some pain and said he had a terrible pressure on the right side of his head.
The surgery went fine, the surgeon said, and he could not predict how much of his motor and brain function will return, saying finally, "the answer to all your questions is: we have to see day by day." While I was waiting for him to come up in the recovery room he had a seizure, which they tell me is common with brain surgery. As a result he will be in an ICU probably at least two days because they will have to monitor him in case of further seizures. They knocked him back out to stop the seizure, so he was sleeping pretty hard when I saw him. All of his vital signs are being monitored and were doing fine when I left. He has an incision along the left side of his head and a drain taking blood out, all very neatly done up in such a way you would hardly notice so much drama had gone on.
For those of you to whom I sent the phone number, you can ask how he is but will probably not get to speak to him if he's in the ICU.
Here's the number again:
Englewood Hospital
201-894-3000
On two brighter notes, 1) the clot was not on the side the controls him knowing music. 2) This is a very fancy hospital --Gevalia & expresso machines in the stylish cafeteria..but most stunning, the only portrait gracing the hotel-like main lobby is a gorgeous shot of Dizzy Gillespie playing his horn. So Joseph is in the right place.
And if I ever hit the mega millions, I'm going to give some dough to the Actors Fund--right after I take a long vacation.
Douglas, would you let Thurman and Muhal know? I don't have their email. Thanks.
g'nite.
t
gypsy tail wind
23.03.2012, 13:49
http://i1154.photobucket.com/albums/p532/ubu-roi/matanaroberts12_460.png
In ihrem auf zwölf Kapitel angelegten Zyklus „Coin Coin“ macht die Chicagoer Saxophonistin Matana Roberts sich auf die Suche nach den Spuren ihrer Vorfahrinnen im Süden der USA, erschafft dabei eine ganz eigene Lesart ihrer eigenen Geschichte und zugleich der Geschichte der Afro-Amerikaner von der Sklaverei bis in die Gegenwart, in der mit graphischer Notation – der Quilt dient als Modell –, mit Zitaten, Kostümierungen, Tanz und Multimedia-Elementen gearbeitet wird. Chapter One, „Gens de Coleur Libres“ betitelt, handelt von den frühesten Spuren, die Roberts Vorfahrinnen im Süden der USA, genauer in Louisiana hinterliessen, und auch von Marie Thérèze „Coin Coin“ Metoyer, einer legendären Gestalt, die sich im 19. Jahrhundert von ihrem Sklavendasein befreien konnte und gleichsam zur Urfigur der Emanzipation der Afro-Amerikanerinnen wird.
Mit Chapter Two, „Mississippi Moonchile“, geht die Geschichte über ins frühe zwanzigste Jahrhundert, als viele afro-amerikanische Familien den Süden hinter sich liessen und ihr Glück anderswo suchten. Viele von ihnen strandeten in den Town Ships in Chicagos South Side, wo sich schon im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert zehntausende Afro-Amerikaner angesiedelt hatten, die vom Rassismus, den fehlenden Jobs und mangelhaften Bildungsmöglichkeiten genug hatten.
In das ohne Unterbruch gespielte, wohl fünfviertelstündige Konzert flicht Roberts Zeugnisse ein aus vergangenen Epochen, rezitiert mal flüsternd, mal in einen eindringlichen Singsang gleitend, oder auch schreiend Notate und Zitate aus unbekannter Quelle, persönliche Dokumente, Stellen aus Briefen oder Tagebüchern.
Bei Matana Roberts, die rechts vorn am Rand der Bühne steht, führen alle Fäden zusammen, sie dirigiert die Band, lenkt die Musik in Bahnen, gibt Sänger Jeremiah Abiah Einsätze, lässt ihn wieder verstummen, regt einen Dialog von Schlagzeuger Tomas Fujiwara und Trompeter Jason Palmer an oder bläst ein Motiv, das umgehend von der Pianistin Shoko Nagai aufgegriffen zur Basis der folgenden Passage wird. Ein anderes Mal summt Roberts eine einfache Melodie, die Band summt mit, plötzlich spielt Thomson Kneeland dasselbe Motiv auf dem Kontrabass und es wird zum Fundament des nächsten Abschnittes. Die Musikerinnen und Musiker stehen im Halbkreis auf der Bühne, stets im Kontakt miteinander, die Musik entfaltet, öffnet sich Schritt für Schritt in einem konstanten Fluss – M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I, M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I, Mississippi, M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I – so abgedroschen das klingen mag: die Musik von Matana Roberts ist wie die Geschichte, wie das Leben ein Kontinuum aus Hochs und Tiefs, sie schwing sich hoch auf und lässt sich im nächsten Augenblick unvermittelt fallen, auf jubilierende Momente folgen herzzerreissend traurige, die buchstäblich zu Tränen rühren. Mit ihrem Altsaxophon gibt sie die Richtung vor, bläst liedhafte Motive oder rasante, manchmal an Ornette Colemans bluesgetränkt-quirlige Linien gemahnend, reisst Palmer mit, während die Rhythmusgruppe einen unbändig swingenden Freebop spielt. Ein anderes Mal fällt die Band in einen satten Coltrane-Groove, Roberts spielt ihr Alt mit schwerem Ton, bläst hymnische Linien über Fujiwaras Polyrhythmen und Nagais dichte Akkorde, während Kneeland die Musik mit wenigen Tönen zusammenhält.
S-o-m-e-t-i-m-e-s, Some-Times, Sometimes I F-e-e-e-e-e-el, Some-Times I-I-I Feel Like a-a-a-a, Some-Times I F-e-e-e-e-l Like… a Motherless Child – Roberts entführt uns in die Kirche, verarbeitet neben einfachem Blues auch Spirituals, aus denen sie nahtlos in kinderliedhafte Melodien gleitet, die Albert Ayler anklingen lassen. Gesungen wird immer wieder, nicht nur von Abiah, der mit einer tief beeindruckenden Blues-Improvisation ohne Worte eines der grossen Glanzlichter des Abends setzt. Auch Nagai und Palmer singen mit Roberts und Abiah im Chor, das Publikum wird zum mitsummen animiert, die alten Call and Response-Muster werden wieder zum Leben erweckt. Den stillen und umso intensiveren Ausklang des Konzertes machen Roberts und Abiah vor karger Begleitung mit einem gesungenen Duett der alten Gospel-Hymne „In the Garden“ – And He Walks with Me and He Talks with Me, and He Tells Me I Am His Own, … and the Joy We Share as We Tarry There… and the Joy We Share… and the Joy We Share…
Am Ende sitzt man da, ergriffen, schweigend, erschlagen von der Wucht der Musik, zum tiefen Nachdenken gebracht, aber auch erfüllt von einer wunderbaren Wärme (die nicht wohlig ist, zum wohlfühlen ist diese Musik nicht gemacht!) und der Überzeugung, dass man gerade etwas Grosses erleben durfte. Roberts Musik ist komplett, sie scheut keine Grenzen, schert sich nicht um Genres – und es gelingt ihr,
Thank you so very much, Matana – that was fuckin' great!
Flurin Casura / 23. März 2012
„Coin Coin Chapter One: Gens de Couleur Libres” ist als Doppel-LP (10" + CD), CD und Download bei Constellation Records (http://cstrecords.com/cst079/)erschienen
Eine frühe Version von Chapter Two: Mississippi Moonchile ist auf NPR (http://www.npr.org/blogs/ablogsupreme/2010/06/23/128065079/live-webcast-thursday-matana-roberts-coin-coin-in-concert) zu hören
Workshop-Aufnahmen, die Roberts‘ Coin Coin-Musik in ihrer Entstehung dokumentieren, sowie ausgewählte Fragmente aus Konzerten können auf Archive.org (http://archive.org/search.php?query=creator%3A%22Matana+Roberts%22) angehört werden
vorgarten
23.03.2012, 14:58
wow, danke, klingt toll...
Am Ende sitzt man da, ergriffen, schweigend, erschlagen von der Wucht der Musik, zum tiefen Nachdenken gebracht, aber auch erfüllt von einer wunderbaren Wärme (die nicht wohlig ist, zum wohlfühlen ist diese Musik nicht gemacht!) und der Überzeugung, dass man gerade etwas Grosses erleben durfte.
das wäre laut diedrich diederichsen (http://www.spex.de/2011/08/17/tontraeger-rezension-matana-roberts-coin-coin-album-der-ausgabe-333/) (letzter absatz) die typische haltung gegenüber diesem aufführungskonzept - und da läge bei mir (genau wie bei ihm) der kleine einspruch dagegen, bei allem, was ich da ganz toll und sinnlich und überraschend finde -
dass ich dazu gebracht werden soll, in hochachtung vor den biografien der vorfahren von matana roberts ergriffen zu verstummen. es lässt einem doch wenig freiraum im umgang damit, ich muss das auf genau die art und weise annehmen, wie es gedacht ist. das ist tatsächlich kirche, im großen und ganzen. glauben und mitfeiern. bis auf weiteres bin ich aber gerne mit dabei.
gypsy tail wind
23.03.2012, 15:01
Ich verstehe Deinen Einwand, entkräfte ihn aber umgehend, da es bei der Grösse nie ums Konzept oder den Gehalt geht, sondern allein ums Erlebnis im Jetzt bzw. das gerade erlebte, das noch in den Ohren, im Kopf, im Bauch nachbebt. Ich habe mir auch hin und her überlegt, ob ich diesen letzten Abschnitt nicht weglassen wollte, weil das eben falsch rüberkommen könnte.
Mein Zustand nach dem Konzert war nicht anders von dem nach Brözzimonsters Onzetett (na ja, dort pfiffen die Ohren) oder irgendeinem anderen grandiosen und "kozeptlosen" Konzert.
EDIT: Diederichsen gelesen/überflogen - nein, von "kathartischer Erschöpfung" kann nicht die Rede sein. Eher von erfüllter, dummer (weil jenseits jeglichen Denkens stehender) Glückseligkeit.
vorgarten
23.03.2012, 15:11
"einwand" entkräftet!
THELONICA
23.03.2012, 15:24
Diederichsen sollte die Kirche manchmal lieber im Dorf lassen, von mir aus könnte er auch für kurze Zeit (ergriffen von der Performance) verstummen. Nimm' solche Texte nicht all zu ernst. Ich schätze den Mann durchaus sehr und habe kein Problem mit seiner Sichtweise auf das Album. Von Roberts könnte ich mir auch sogar ein relativ "straightes" Post-bop Album vorstellen, vielleicht irgendwann mal, und es wäre wahrscheinlich immer noch sehr hörenswert.
gypsy tail wind
23.03.2012, 16:23
Ich kann mir übrigens schon vorstellen, dass es Leute gibt, die sich so fühlen, wie Diederichsen es beschreibt. Aber das halte ich dann für einen Fall von falsch verknüpften Synapsen beim Rezipienten. Schwieriges Thema, man kann den Produzenten des (Kunst-)Werks ja nicht von jeglicher "Schuld" am Wirken des Werkes vorab freisprechen, aber es geht hier ja nicht um Völkermord, Nazismus oder sonstwas grausiges, wo man genauer hinschauen müsste. Matana kriegt von mir jedenfalls ganz klar einen uneingeschränkten Freispruch :-)
Travis Bickle
23.03.2012, 20:26
...
Am Ende sitzt man da, ergriffen, schweigend, erschlagen von der Wucht der Musik, zum tiefen Nachdenken gebracht, aber auch erfüllt von einer wunderbaren Wärme (die nicht wohlig ist, zum wohlfühlen ist diese Musik nicht gemacht!) und der Überzeugung, dass man gerade etwas Grosses erleben durfte. Roberts Musik ist komplett, sie scheut keine Grenzen, schert sich nicht um Genres – und es gelingt ihr.....
Wunderbar beschrieben, vielen Dank gypsy. Ich wäre noch länger sitzengeblieben, aber man hat uns ja irgendwann beinahe die Stühle unter dem Hintern weggezogen.
Heute hat mir Matana via tumblr meine Frage nach einem Vinyl-Release von Coin Coin Chapter Two beantwortet (note: cst = Constellation Records):
".....not sure honestly. vinyl is very expensive 2 produce and im really greatful 2 don and ian at cst 4 insisting on it….. but i guess 4 chapter 2 we will both have 2 just wait and see! fingers crossed!..."
gypsy tail wind
04.09.2012, 11:01
Ich erlaube mir mal, das hier zu posten - das Festival bringt regelmässig phantastische Konzerte und das Ambiente scheint wunderbar zu sein, leider hab ich's noch nie dahin geschafft ....
7th JAZZ FESTIVAL
22 – 25th November 2012
Poznań POLAND
PRESS INFOS
The spectrum of Chicago jazz is represented - from talented young artists to the legends that helped create the important movements in jazz history. Hear what Chicago sounds like - from the club atmosphere to the grand concert halls, from a classical perspective to the avant-garde. 7th edition of Made in Chicago Jazz Festival - the only one of its kind in Europe!
MADE IN CHICAGO / www.madeinchicago.pl / festival is organized in association with the Jazz Institute of Chicago/ www.jazzinchicago.org and the Poznań Municipality since 2006. It is one of the most remarkable and original concepts on the map of Polish and European jazz festivals. Estrada Poznańska artistic director Wojciech Juszczak / www.estrada.poznan.pl / co-curates this festival with the Jazz Institute of Chicago’s executive director Lauren Deutsch.
The Made in Chicago festival introduces the Polish audience to the entire historical legacy of Jazz in Chicago by assembling a group of musicians who can play in several different music contexts. The idea of the festival is to present different aspects of the Chicago jazz scene, from traditional to the avant-garde, the American musicians playing varied styles of jazz in groups of changing line-ups. The previous projects featured both young, talented musicians, and jazz legends (like Fred Anderson, Roscoe Mitchell, Henry Threadgill, Kahil El Zabar, Douglas Ewart, Ari Brown, Ed Wilkerson Jr., Art Hoyle, Ed House, Mwata Bowden, Ernest Dawkins, Corey Wilkes, Tatsu Aoki, Larry Gray, Josh Abrams, Jason Adasiewicz, Junius Paul, Charles Heath, Saalik Ziyad, Fareed Haque, David Boykin, Robert Irving III, Bobby Broom, Jeff Parker, Mike Allemana, Vincent Davis, Mike Reed, Stephen Berry, Ken Chaney, Justin Dillard, Erwin Helfer, Greg Ward, Jim Baker, Nicole Mitchell, Tomeka Reid, Maia, Myra Melford, Dee Alexander, Maggie Brown, Ann Ward, Duriel E. Harris, Saalik Ziyad, Willie Pickens, Hamid Drake, Orbert Davis, Ernie Adams, Ryan Cohan, Fred Jackson, Rajiv Halim, and so on – together more than 100 musicians during six editions).
Every year, during the festival the city of Poznań could enjoy the unsurpassable atmosphere of Chicago jazz concerts. For these few days, Poznań resounds with the rich legacy of the music – from the traditional to the avant-garde. MADE IN CHICAGO has already developed a tradition of a very special finale, a premiere project prepared by the festival star, and featuring all the invited musicians. In 2006, the festival introduced Nicole Mitchell whose “Harambee” suite was composed specially for the Poznań event; in 2007, Douglas Ewart and his “Inventions” project. In 2008, finale featured a Roscoe Mitchell composition “Cards for Orchestra”, in 2009 Ed Wilkerson’s Jr. compositions “Poznań Rhapsody”.
The fifth edition of Made In Chicago Jazz Festival in 2010 marked the special appearance of AACM’s GREAT BLACK MUSIC ENSEMBLE – the leading 17 piece band of the Chicago’s AACM. The band performed twice. During the first concert, they presented their genuine compositions, while during the second one, the grand finale in Poznan, for the first time since its premiere in Chicago, they played the compositions dedicated to the recently deceased legendary saxophonist, Fred Anderson.
Just months after the premiere at the Chicago Jazz Festival, the artists from Chicago and the Poznan-based an_ARCHE NewMusicEnsmeble played the latest piece by Nicole Mitchell, “Arc of O“, which was a combination of jazz and modern music. The concert has just been published on Cd by the french label RogueArt http://web.roguart.com/shop/album/id/62
On 2011, Made In Chicago festival presented in Poznań a “Tribute to Von Freeman“, with Vonsk’y original rhythm section - Michael Allemana, Michael Raynor and Matt Ferguson and special guests – Ari Brown, Greg Ward, Rajiv Halim and Corey Wilkes. Vonsk’y was too ill to attend the festival.
Furthermore, as part of the festival, free workshops are organized. These, then, provide a unique opportunity for their participants to try the collective creation of music and improvise.
The festival is extensively promoted both on national and local level. A documentary about the 2006 festival, as well as concert recordings of the 2006, 2007. 2008 and 2009 editions were shot for TVP Kultura national channel. Moreover, The Chicago Tribune wrote numerous articles about the event and an extensive report was published by Jazz Times, the American music magazine.
Every year the event brought thousand of spectators to Poznań.
Concerts
VII Made in Chicago Festival 2012 22 - 23 - 24 - 25 NOV. 2012
THURSDAY 22th Nov.
free opening concert
ESTRADA or Pavillon 8.00 PM
Sun Rooms Trio
Mike Reed - drums
Jason Adasiewicz - vibes
Nate McBride – bass
FRIDAY 23th Nov.
ESTRADA 8.00 PM
Harrison Bankhead Sextet
Harrison Bankhead - bass
Mars Williams - sax
Edward Wilkerson - sax
James Anders - violin
Ernie Adams - drums
Avreeayl Ra – percussion
CLUB or Pavillon 10.30 PM
Mary Halvorson Group
Mary Halvorson - guitar
Nate McBride - bass
Tomas Fujiwara - drums
Taylor Ho Bynum – trumpet
SATURDAY 24th Nov.
STRADA 8.00 PM
Living By Lanterns
Mike Reed - drums
Tomas Fujiwara - drums
Tomeka Reid - cello
Joshua Abrams - bass
Greg Ward - sax
Ingrid Laubrock - sax
Taylor Ho Bynum - cornet
Mary Halvorson - guitar
Jason Adasiewicz - vibes
CLUB or Pavillon 10.30 PM
Awekening
Ari Brown - sax
Ken Chaney - piano
Ernie Adams - drums
Harrison Bankhead - bass
T.S. Galloway – trombone
SUNDAY 25th Nov.
ESTRADA 8.00 PM
Blowing in From Chicago
Edward Wilkerson - sax
Ari Brown - sax
Ken Chaney - piano
Ernie Adams - drums
Harrison Bankhead - bass
PAVILLION - WORKSHOPS / FREE materclasses program
FRIDAY 23th Nov.
Ingrid Laubrock – sax 1st set - 10 AM : 13 AM
Greg Ward – sax 2nd set - 2PM : 5PM
SATURDAY 24th Nov.
James Sanders – violin 1st set - 10 AM : 13 AM
Avreeayl Ra – percussion 2nd set - 2PM : 5PM
SUNDAY 25th Nov.
Joshua Abrams – bass 1st set - 10 AM : 13 AM
Tomeka Reid – cello 2nd set - 2PM : 5PM
WORKSHOPS FINAL JAM SESSION 10 P.M.
open jam session - chicago musicians + workshops participants
LIVING BY LANTERNS
Drummer Mike Reed and an amazing young cutting-edge band drawn equally from New York and Chicago explore the music and mythology of another key Chicago player from the era, Sun Ra. For the Chicago JazzFest 2011 Mike Reed was commissioned to create a performance based on the 700 hours of the Sun Ra/El Saturn Audio Collection. Chicago professor, jazz writer John Corbett uncovered a bunch of tapes, writings and artwork from the basement of Ra manager and partner Alton Abraham and saved it from being thrown out as garbage. Mike Reed and Jason Adasiewicz had the privilege to listen and pick from recordings that have never been made public, such as rehearsal tapes, live recordings and vocal Sun Ra recitations. Some of those sounds are the basis for the new composition, while others were used as samples and electronic backgrounds. Premiered at the Chicago Jazz Festival in 2011, for this project he added five young musicians to the Loose Assembly, thus mixing the Chicago and New York scenes: Taylor Ho Bynum - cornet; Ingrid Laubrock - tenor sax; Mary Halvorson - guitar; Nick Butcher - electronics; Tomas Fujiwara – drums.
http://www.mikereedmusic.com/thinkingoutloud.cfm
JASON ADASIEWICZ’S SUN ROOMS
Part of a crew of inventive Chicago musicians who each contribute to each other’s’ projects, vibraphonist Jason Adasiewicz is a vibraphonist, drummer, and composer. His current trio “Sun Rooms” is comprised of vibraphone, bass and drums; an amalgam of rough metallic edges and vibrant harmonics. Adaseiwicz’s aggressive yet lyrical style has helped to define a new era in Chicago’s improvised music scene, along with Sun Rooms band mates drummer Mike Reed and bassist Nate McBride.
http://jasonadasiewicz.com/
HARRISON BANKHEAD SEXTET
Long a mainstay on the Chicago jazz scene as a sought after sideman, bassist Harrison Bankhead assumes the leadership role for the first time with this band that includes long time collaborators Edward Wilkerson on tenor saxophone and clarinets and Avreeayl Ra on percussion, along with Mars Williams on saxophones, James Sanders on violin and Ernie Adams on percussion. The music has a wide ranging experimental flow to it, recalling the likes of Chicago greats such as Fred Anderson and Roscoe Mitchell. Adept at a range of music, Bankhead leaves no question about his capacity for translating his feelings into sound.
http://news.allaboutjazz.com/news.php?id=84006#.UESONqAXLrc
http://www.youtube.com/watch?v=9mHywBwHr00
http://www.youtube.com/watch?v=sW7tNWA0U
http://jazztimes.com/articles/28282-morning-sun-harvest-moon-harrison-bankhead-sextet
BLOWIN’ IN FROM CHICAGO
A Classic Blue Note Album featuring Chicago tenor giants Clifford Jordan and John Gilmore, “Blowin’ in from Chicago“ represented a seminal recording of the world renowned “Chicago Sound in 1957.” Fifty five years later the continuum of that sound is represented by two more generations of Chicago saxophone players. Current tenor giants Edward Wilkerson Jr. and Ari Brown pay homage to their predecessors and make their own statement on the evolution of the Chicago Sound. Pianist Ken Chaney holds up the recording’s Horace Silver seat on piano, Ernie Adams is the conduit for Art Blakey on drums and Harrision Bankhead puts his own spin on Curley Russell’s recorded response on bass.
http://www.youtube.com/watch?v=I0Elamav-ls
AWAKENING
Spiritual jazz funk at it best !!! An excellent funky fusion group from Chicago - and one of the best ensembles in the 70s - which recorded for the Black Jazz label. The group's made up of hip Chicago underground players Ken Chaney (piano, keyboards), Frank Gordon (trumpet), Steve Galloway (trombone), Richard (Ari ) Brown (sax), Bill Henderson (soprano sax), Arlington Davis jr. (drums, percussions), Reggie Willis (bass ). They produced only two albums "Hear Sense and Feel" & "Mirage" for Chicago label Black Jazz Records. Leading up to a new recording of new compositions, the new and old members, featuring Ari Brown, T.S. Galloway and Ken Chaney returned for a live performance in Chicago in 2008.
http://blackjazz.com/009.html
http://kenchaney.webs.com/
More : www.madeinchicago.pl /polish website/
CONTACT:
ESTRADA POZNAŃSKA
Wojciech Juszczak – artistic director
PL 61 – 767 Poznań
ul.Masztalarska 8
+48.61.852.07.92
+ 48. 697.691.740
w.juszczak@estrada.poznan.pl
www.estrada.poznan.pl
www.madeinchicago.pl
gypsy tail wind
11.10.2012, 20:19
https://sphotos-a.xx.fbcdn.net/hphotos-snc6/196391_10150111561352672_3041977_n.jpg
r.i.p. Bill Brimfield
(das Photo hat Chuck Nessa hier (http://www.organissimo.org/forum/index.php?/topic/71623-bill-brimfield-rip/) gespostet)
Ein Auszug aus Neil Tessers Nachruf im Examiner (http://www.examiner.com/article/chicago-trumpeter-bill-brimfield-early-avant-garde-star-dies-at-74?CID=examiner_alerts_article):
In A Power Stronger Than Itself, his monumental history of the AACM, George Lewis discusses a short unpublished biography of Brimfield in which the trumpeter stated, “I had seen [the film] Young Man With A Horn with Kirk Douglas four times and I knew I had to be a trumpet player.” In Evanston, he and Anderson, who was then in his late 20s, utilized the practice rooms in the School of Music at Northwestern University for informal lessons. As Anderson recalled, “I was learning all the tunes, and I taught Brimfield his first Charlie Parker tune. He was then in the high school band, and he was hooked on Louis Armstrong.”
Brimfield got past his flirtation with early jazz soon enough, and in the summer of 1965, he and Anderson performed in the first official AACM concert, at 79th St. and Stony Island, as part of a quintet led by reedist Joseph Jarman. The following year, Brimfield and Anderson recorded the pieces that became "Song For" (Delmark), Jarman’s first album – and only the second to reveal the new music of the AACM.
redbeansandrice
03.02.2013, 22:49
The Ronnie Singer Tape
[...]
Bleibt zu sagen, schade dass es nicht mehr gibt, schade, dass es Singer nicht besser ergangen ist, hier geht es zu den Aufnahmen (http://www.archive.org/details/RonnieSingerLiveInNewYorkEarly1950s).
falls doch wer den post gelesen hat;-) nach jimmy gourley's tape steht jetzt auch eine weitere version des ronnie singer tapes online und sie ist erheblich länger (diese hier kam nicht von jimmy gourley sondern von jimmy stewart (zweiter gitarrist bei gabor szabo), der gitarrist axel hagen hat sie hochgeladen und auch einen schönen text über singer geschrieben)
link:
http://axelhagen.com/ronnie-singer/the-recordings/
gypsy tail wind
05.02.2013, 01:41
Ein paar Stills vom zu kurzen Auftitt des Art Ensemble of Chicago in Moshé Mizrahis Film "Les Stances à Sophie":
http://i1154.photobucket.com/albums/p532/ubu-roi/Sophie08_AEC_zps01555a5e.jpg
http://i1154.photobucket.com/albums/p532/ubu-roi/Sophie09_AEC_zps4e2a5835.jpg
http://i1154.photobucket.com/albums/p532/ubu-roi/Sophie10_AEC_zpsf983395f.jpg
gypsy tail wind
05.02.2013, 01:42
http://i1154.photobucket.com/albums/p532/ubu-roi/Sophie11_AEC_zps594f589a.jpg
http://i1154.photobucket.com/albums/p532/ubu-roi/Sophie12_AEC_zps4da875e6.jpg
http://i1154.photobucket.com/albums/p532/ubu-roi/Sophie13_AEC_zpsa656d23a.jpg
Sehr schöne Bilder, gips. Ich mag Lester Bowie überaus gern, habe ihn auch zweimal live sehen dürfen. Lohnt sich der Soundtrack?
gypsy tail wind
05.02.2013, 11:15
Sehr schöne Bilder, gips. Ich mag Lester Bowie überaus gern, habe ihn auch zweimal live sehen dürfen. Lohnt sich der Soundtrack?
Der Soundtrack ist das Album ganz oben in meiner Chicago-Top-10, die Du ja nachlesen kannst ;-)
Grossartiges Album, allein schon wegen des Openers "Thème de Yoyo" mit Fontella Bass und dem besten Free-Funk-Groove ever!
Hab die Gruppe leider nie live gesehen, aber ein Solo-Konzert von Roscoe Mitchell erlebt, das verdammt stark war!
Travis Bickle
05.02.2013, 15:49
Matana Roberts - Creative Defiance (http://www.newmusicbox.org/articles/matana-roberts-creative-defiance/)
Conducted at the artist’s home in New York City
January 4, 2013—2 p.m.
Filmed, condensed, and edited by Molly Sheridan
Poster image by B. Abrams
Transcribed by Julia Lu
Source: http://www.newmusicbox.org
gypsy tail wind
25.02.2013, 00:30
Zum sensationellen Konzert von Mike Reed und seinem Projekt "Living By Lanterns" kriege ich keinen gescheiten Bericht mehr hin ... aber es war unglaublich toll und ich verweise einfach mal auf die Posts hier:
http://www.organissimo.org/forum/index.php?/topic/14653-what-live-music-are-you-going-to-see-tonight/page__st__2760#entry1259896
Es war das letzte Konzert der Tour, Adasiewicz, der am Vorabend im Amsterdam nicht spielte (krank, unwohl, was weiss ich, seine Vibes standen da, scheint also was kurzfristiges gewesen zu sein), war mit dabei und glänzte, ebenso Mary Halvorson, die drei Bläser Taylor Ho Bynum (Puck!), Matt Bauder (soulful tenor) und Greg Ward (komplettes Alt, da ist einfach alles drin, unglaublich gut!), Joshua Abrams am Bass, die Twin-Drummers Mike Reed und Tomas Fujiwara, die sich manchmal abwechselten aber gemeinsam einen unglaublich mitreissenden Groove hinlegten. Tomeka Reid am Cello war leider etwas zu leise abgemischt, aber ihr Solo-Feature im zweiten Set war grossartig. Das ganze war wirklich Band-Musik, die dennoch allen auch Raum zur individuellen Entfaltung bot. Und bei allen ungraden Metren, rasanten Bebop-Linien und unkonventionellen Einfällen (das Programm basiert ja auf Material von Sun Ra, das Reed und Adasiewicz arrangiert haben) war das Konzert auch ein riesiges Groove-Fest!
vorgarten
26.02.2013, 19:02
soso, dann hat frau schweizer also wieder gemeckert... wie typisch dogmatisch von ihr, zwei gleichzeitig eingesetzten schlagzeugen das existenzrecht zu verweigern.;-)
ernsthaft, klingt sehr toll, was du da erlebt hast. ich kenne von einigen leuten gar nichts, andere wiederum nur in eigenen kontexten. dass sun ra als chicagoer bezugsgröße fungiert, ist ja nichts neues (ist beim exploding star orchestra, in dem reed auch trommelt, glaube ich, ja auch so), finde ich aber sehr nachvollziehbar.
von reed selbst, den ich im adasiewicz-trio toll finde, kenne ich nur die ABOUT US von 2009, die mich leider völlig kalt lässt.
gypsy tail wind
14.03.2013, 20:52
Three Questions for South Side Jazz Great David Boykin (http://www.chicagomag.com/Chicago-Magazine/C-Notes/February-2013/Saxophonist-David-Boykin-on-South-Side-Jazz/#.US6_HKReuto.facebook)
[...]
Chicago has lost a few key figures in the past several years—Fred Anderson, Von Freeman, Jodie Christian. How has this affected the city’s jazz vibe overall, but specifically the South Side scene?
Artistically, each of them represented or upheld a particular style. Fred Anderson and Jodie Christian were first-generation members of the AACM and represented the black avant-garde jazz style. Jodie Chrisitian, in addition to this, was a master of the bebop piano style. Von Freeman was the last Chicago bebop saxophonist with ties to the Charlie Parker era.
[...]
vorgarten
28.03.2013, 15:57
steve coleman über chicago ende der 70er und einen durch von freeman ausgelösten rhytmischen schock:
You could play with professional R ‘n’ B type cats, or there was a lot of blues happening in Chicago, you could play with professional blues musicians, or you could play with cats like Von (Freeman).
There were at least three distinct scenes – Chicago was very segregated then, it was all among black musicians. There were three separate scenes that were all kind of related in some way. At least in terms of the feel thing a lot of them were related. The Blues scene and the R ‘n’ B scene were closer to each other, than with what Von and them were doing. Because you really had to know a lot to do what Von and them did. You had to know harmony and shit like this, so this wasn’t a scene that you could just jump into. I mean if they’re playing 'Days of Wine and Roses', you just can’t come in there and just play pentatonic scales – you had to know something.
So their scene had to be combined with the sophisticated pitch shit they were doing, and the other scenes didn’t. In those scenes you could get away with playing blues licks and pentatonic things and stuff like that. So I did that first, but when I started following Sonny Stitt and these guys around, their shit was way more sophisticated pitch-wise. But the rhythmic thing, they still talked about it in the same way. So I said to myself ‘OK the pitch shit is more sophisticated but they’re still on this rhythm thing’. And the first thing I noticed is that when I played with Von and we’d play ‘Billie’s Bounce’, or anything, how different it felt. I mean I’m playing with him, but I feel like ‘Man, this guy – the weight of what he’s playing, and the feel – just the way it feels and everything, it’s so much different to what I’m doing. I mean I’m playing the same notes, but it’s not even close!’, you know.
And so I started trying to analyze this whole micro-beat thing I was talking about the other day, like why does it feel like that when he’s playing and not when I’m playing? What is it that I’m missing here? What’s happening?
So I started to try to analyze this, not in a way like – I don’t know if you ever saw Vijay Iyer’s essay online where he does this whole computerised kind of thing, in terms of like ‘we measured the beat and it’s 15% behind’ kind of thing – well it wasn’t that you know, it was just trying to figure out what was happening with what these cats were doing. And then I started listening to the drummers and everything.
So that was one kind of shock, was that whole period of figuring that out, and also realizing this stuff had nothing to do with reading music. It had nothing to do with what cats were doing when they read music. This was something completely outside that and it couldn’t even be notated. Even when I started transcribing, I would transcribe something and I would just write ‘lay back’, or ‘pull back’, or whatever, because there was no other way of notating it. But pull back where? How much? None of that was there – there was no information, I just knew what it meant when I saw that sort of like a ‘stickit’ thing {a stickit is a note you write to yourself} once I saw that it reminded me that that had to be done.
And so I realized that their beat was more like this……….it was like this variable amoeba-like thing, but it wasn’t just amoeba anywhere there was a certain concept to how to do it and it just took listening and all that. So that was my first shock with the rhythmic thing and it included the R’n’B thing and stuff like that.
weiter über mel lewis & thad jones, doug hammond u.a. von hier (http://ronanguil.blogspot.ie/2013/03/steve-coleman-on-rhythm-part-1.html).
redbeansandrice
25.04.2013, 21:27
noch so ein tolles Interview, Brad Goode über seine Zeit als gesetzlicher Vormund von Chris Potter, angeblicher illegitimer Sohn Red Rodney, wie Jodie Christian die Band verliess, um sich auf den Weltuntergang vorzubereiten, und vieles mehr (Von Freeman, Lin Halliday, Edde Harris etc)
http://goteamband.com/blog/2012/11/16/brad-goode-interview
gypsy tail wind
25.04.2013, 22:55
das würde ja erklären, warum Potter auf diesen späten Rodney-Aufnahmen mitspielen durfte ;-)
gypsy tail wind
29.04.2013, 23:31
Danke nochmal für den Link zum Goode-Interview - sehr toll! Ganz zu Ende gelesen habe ich es noch nicht, aber was er zu Eddie Harris erzählt ist klasse (überrascht mich aber, mit Verlaub, natürlich nicht!), auch die Geschichte von Lin Halliday ... traurige Sache. Matana Roberts hatte ihn auch erwähnt, vor einem Jahr am Konzert, nachdem Travis Bickle und ich uns lange mit ihr unterhielten.
Ich fand beim Suchen nach was anderem einen spannenden alten Spiegel-Artikel über den Mob in Chicago in den Fünfzigern und frühen Sechzigern:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46272429.html
Es geht zwar nur sehr am Rande um das Nachtleben (Art Adler wird erwähnt, Chef des "The Tradewinds" und "The Black Onyx", dem der Mob einen hübschen Abgang bescherte), aber ich fand die Lektüre gerade ziemlich spannend. Und natürlich kommt auch Frank Sinatra vor, wie könnte es anders sein, wenn es um den Mob geht.
In Ergänzung dazu gibt's hier einen tollen Einblick in das Nachtleben der Stadt im Jahr 1959:
http://iowahawk.typepad.com/iowahawk/2006/12/welcome_convent.html
Bill Doggett (sowie Andrew Hill, Johnny Hartman) tauchen ganz vorne im Inserat des Theater Room auf, auf Seite 7 gibt's dann die Werbung für das Tradewinds (deshalb stiess ich darauf), unten ein Inserat der Red Kelly's Lounge, in der Les Tucker auftritt (http://www.ebay.com/itm/1975-Press-Photo-Les-Tucker-Former-Pianist-Singer-Pose-Cameraman-Music-/261026944746), im Kino gab's "Some Like It Hot" und demnächst "Rio Bravo" und an Showgirls aller Arten bestand wahrlich kein Mangel. Im Jack's Spot ("Continuous Kibitzing") gab's u.a. Patti Page, Tony Bennett, Jo Stafford, Frankie Laine, Dinah Shore und Nat Cole in der neuen Music Box mit 200 Platten.
Schliesslich fand ich gerade noch das hier:
http://guides.lib.uchicago.edu/content.php?pid=66937&sid=1002421
Lohnt sich wohl, da etwas herumzusuchen - und damit übergebe ich redbeans :-)
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