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ARTHUR DOYLE - Alabama Feeling (AK-BA, 1978)
November 8th or 9th - I Can't Remember When
Something For Casserlo, Larry & Irma
A Little Linda , Debra, Omita, Barry & Maria
Ancestor
Mother Image, Father Image
Development
a) BaBi Music for Milford & Huge
b) Alabama Soul for Arthur
c) Ramie & Master Charles of the Trombone
Da dankenswerterweise seit ein paar Tagen ein erschwingliches Reissue vorliegt, sollte man diesem Album einen eigenen Thread widmen.
Zum Anfang möchte ich kramers Besprechung aus seinem Faves-Thread zitieren:
"My mother and father had very little education, but the five of us [children] all got university degrees. Three of us got Masters degrees, two got Bachelors of Science. They became schoolteachers and engineers. I'm the crazy one, I'm the black sheep of the family – I was into jazz! There was a jazz station in Birmingham, Alabama. Jazz has always been important in Birmingham."
- Arthur Doyle
Wer heutzutage auf Arthur Doyle stößt, hat meistens den Umweg über Sonic Youth, beziehungsweise Thurston Moore und dessen zurecht vielbeachteten "Top Ten from the Jazz Underground" genommen. Logisch dass Arthur Doyle in jener Liste mit "Alabama Feeling" ganz weit oben vertreten ist. Überhaupt hat Moore einiges für Doyle und dessen langsam aber stetig (zumindest im kleinen Kreis) wachsende Popularität getan. So veröffentlichte er Jahrzehnte nachdem Doyle erstmalig als Leader auf einem Album in Erscheinung getreten war, unter anderem die Alben "The Songwriter" und "More Alabama Feeling" auf seinem eigenen Ectstatic Peace! Label.
Die innige Verbindung Moores zum Free Jazz und speziell zu Doyle mag auf den ersten Blick irritieren. Wer aber um die Koordinaten No Wave, Glenn Branca, Rudolph Grey, The Blue Humans und New York weiß, der wird auch die Quellen seiner Begeisterung kennen und verstehen. Wie aber wurde ein verhältnismäßig obskurer und bis zu seinem Debut kaum auf Platten dokumentierter Musiker, der mehr aus Hilflosigkeit als aus der klaren Zugehörigkeit immer wieder mit dem Label "Free Jazz" versehen wurde, selbst in Jazz-Kreisen kaum bekannt ist und dessen Wurzeln in den Südstaaten und im Rhythm & Blues liegen, zum ungekrönten Helden der New Yorker Loft-Szene, der zusammen mit Bands wie DNA und Mars Headliner-Konzerte spielte?
"I was born the second of five children to Mr. and Mrs. Margaret and Arthur Lee Doyle. The family consists of three boys and two girls. We were born in the south of America. The boys share one bedroom... So many lies have been told about the black family. Not so. On my Alabama Feeling that is what "Mother Image and Father Image" is about".
Arthur Doyle wurde am 26 Juni 1944 in Birmingham/Alabama geboren. Als junger Mann kommt er nach Nashville und spielt in verschiedenen Rhythm & Blues-, Jazz- und Rock-Bands - unter anderem mit Gladis Knight, die neben Coltrane, Ellington und Armstrong ein wichtiger früher Einfluß blieb, der Doyle für immer prägen sollte und ihn später zu einem stilistisch einzigartigen Musiker machte, der sich immer auch als Songwriter sah und im Laufe seiner Karriere einige hundert Songs zu Papier brachte, die leider nur sporadisch und unter widrigen Umständen eingespielt und veröffentlicht wurden. Doyles Weg vom Gospel, Soul und R&B zum Free Jazz war im Gegensatz zu der Entwicklung konstant forschender und Suchender Musiker wie etwa John Coltrane eher Zufällig und hängt neben wichtigen Begegnungen wie der mit Milford Graves unter anderem mit dem Gebrauch eines defekten Mundstücks und der Idee zusammen, abwechselnd in sein Saxophon zu blasen und zu singen. Eine Idee, die ungeahnte Klangdimensionen eröffnete. Doyle hielt die Methode für neu (sie war es nicht) und nannte diese spezielle Spielweise "Voice-O-Phone".
1967 schließlich zog es Doyle nach dem College in Richtung New York, wo er unter anderem Sun Ra, Milford Graves und Sonny Sharrock kennenlernt und an Sessions des Sun Ra Arkestra teilnimmt. Die große Chance mit Sun Ras Arkestra 1969 beim Newport Festival zu spielen, schlägt Doyle jedoch aufgrund lokaler Konzertverpflichtungen aus.
"A friend of mine named Leroy Wilson was walking down the street in Harlem and ran into Milford Graves. Milford was set up there with Amiri Baraka and those cats, and looking for musicians to play the free jazz, so he gave Leroy his number and I called him up. He didn't really like what I was doing, because I was still playing be-bop. He wanted somebody like Albert Ayler, who I didn't know at the time. I played with Milford, Arthur Williams, Hugh Glover and Joe Rigby, and I started working on my own particular style. Free Jazz Soul."
1969 taucht Doyles Name erstmals als Sideman auf einem Album auf, als er mit Noah Howard "The Black Ark", ein ebenso sagenumwobenes wie hervorragendes Album einspielt, das jahrelang kaum zu bekommen war, inzwischen aber auf Bo'Weavil neu aufgelegt wurde. Richard Williams charakterisierte Doyles Spiel auf "The Black Ark" in einem Melody Maker Review folgendermaßen: "He never plays anything you could recognise, just furious blasts of rage. It sounds more like raw energy than anything I've ever heard. He's nasty, man..." Ein Großteil der folgenden Jahre liegt weitgehend im Dunkel. Zwar spielte Doyle unter anderem mit Bill Dixon, Sam Rivers, Andrew Cyrille, Dave Burrell und gründet eine Band mit Charles Stephens und Juma Sultan, Aufnahmen entstehen in dieser Zeit jedoch nicht, was Doyle später einem nervenzusammenbruch und wenig durchsichtigen politischen Problemen zuschrieb: "I just couldn't take all this conspiracy from the United States government. We were up in Harlem with all the revolutionaries. I just wanted to play the music, but we were pushed into something else. Police raiding the clubs, and everything. There was some dirty business with Albert's death. Joe McPhee told me the police had something against me. Sunny Murray and I were talking about this recently, and he says there was some conspiracy thing against free jazz from the beginning. I think the United States government had something to do with it. Between 1972 and 1974 I wasn't working at all. I was in New York, but I was recuperating from my nervous breakdown." Erst 1976 betritt Doyle die Bildfläche erneut, als er mit Milford Graves in einer Live-Session das Album Bäbi aufnimmt - ein weiterer Klassiker des Free Jazz Undergrounds, der nie nachgepresst wurde und heute kaum noch zu finden ist. Bei dieser ekstatischen Session in New Yorks WBAI Free Music Store war auch Rudolph Grey im Publikum, der mit Arthur Doyle zwei Jahre später The Blue Humans gründen sollte, eine Band, die sich in New Yorker No Wave Kreisen einen Namen machte und in Clubs wie Max's Kansas City weiße Kids des Mittelstands in Kontakt mit Free Jazz brachten. Glenn Branca kam auf diesem Weg in Kontakt mit Doyle und Thurston Moore wahrscheinlich ebenfalls. Bevor es aber zur Gründung von The Blue Humans kam, veröffentlichte Doyle sein erstes Album als Leader: "Alabama Feeling". Eingespielt bei einem Live-Auftritt im Herbst 1977 unter suboptimalen Umständen mit Charles Stephens (Posaune), Rashied Sinan (Schlagzeug), Bruce Moore (ebenfalls Schlagzeug) und Richard Williams (elektrischer Bass), erschien "Alabama Feeling" 1978 in einer Auflage von lediglich 1000 Exemplaren auf dem von Arthur Doyle und Charles Tyler geründeten Label DRA.
"Alabama Feeling" begeistert aus unterschiedlichen Gründen und es ist ein schwieriges Unterfangen, diese hochemotionale Faszination in Worte zu fassen, denn die meisten Hörer werden nie etwas vergleichbares zu Ohren bekommen haben. Viele werden von der scheinbar wurzellosen Intensität und Kompromißlosigkeit angezogen, in der Doyles Wurzeln im R&B und Bop noch immer eine Rolle zu spielen scheinen, so dass "Alabama Feeling" mit seinen organischen, "ehrlichen" Strukturen erfreulich wenig an die zahlreichen esoterisch geprägten Free Jazz Eskapaden anderer Bands erinnert und auch wenig an die bisweilen verkopfte eurpäische Herangehensweise erinnert, die ohnehin näher an der Avantgarde angesiedelt ist, als viele der im Blues und traditionellen Jazz verwurzelten US-Künstler, wie beispielsweise Albert Ayler, der im Vergleich zu Doyles Spiel auf "Alabama Feeling" fast zahm und zurückhaltend daherkommt. Oder um es mit den Worten von Rudolph Grey (Ed Wood Biograph und Mitglied bei The Blue Humans) zu sagen:
"Listening to the raw emotional power of the first track, "November 8th or 9th, I can't Remember When", you can hear why "Alabama Feeling" is so highly regarded by aficionados of "free and spontaneous" music, to use Arthur Doyle's phrase".
"Alabama Feeling" scheint zu den wenigen Werken zu gehören, die die Bezeichnung "Crossover" zurecht für sich beanspruchen und ebenso in der Tradition eines John Coltrane zu stehen scheint wie auch in der Tradition von The Stooges zur Zeit von "Raw Power". Das alles, gepaart mit manischem Krach, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Diese Kompromißlosigkeit, gepaart mit Originalität und Authentizität wird es auch gewesen sein, die die weißen Mittelklasse-Kids der New Yorker No Wave Szene faszinierte. "Alabama Feeling" Album ist eine wahre Tour de Force, der sich aber jeder zumindest einmal aussetzen sollte. In den meisten Fällen wird das Ergebnis verständnisloses Kopfschütteln sein, in meinem Fall war es Liebe auf den ersten Blick.
"Free Jazz Soul music is what I play. I'm happy underground. There's not much money, but I'm happy. And that's a victory: being happy."
- Arthur Doyle
Ich hoffe auf detailliertes Feedback. Das Album befindet sich inzwischen ja in den Sammlungen einiger Forumianer.
Meine bisherige (schlechte) Tape-Kopie hat mich bisher nicht dazu bewegen können das Album häufig zu hören, so dass ich sehr froh über dieses Reissue bin.
"Alabam Feeling" bietet für mich genau das, was ich am freien Jazz schätze: lyrisch, blues-geerdet und nachvollziehbar. Doyle bietet auf diesem Album eine enorme Bandbreite, man erkennt dabei aber immer wieder seine "Basis" auf die er sich besinnt.
Sandhead
27.06.2009, 17:11
Zu "Alabama Feeling" fällt mir dasselbe ein wie zu der Handvoll Free Jazz Platten die ich bisher kenne: Ich kann sie nicht immer hören, aber wenn ich mich darauf einlasse, ist das Hörerlebnis, wenn auch nicht uneingeschränkt großartig, sehr intensiv in einer Weise, die ich von anderer Musik nicht kenne. Was das Faszinierende ist, könnte ich aber nicht beschreiben, und wie "Alabama Feeling" innerhalb des Genres einzuordnen ist oder was es zu etwas Besonderem macht, kann ich nicht beurteilen. Ich bin also eigentlich ziemlich ratlos...
Sandhead
20.07.2009, 11:49
Da ich an Euren Eindrücken von "Alabama Feeling" interessiert bin und dieser Thread leicht übersehen werden kann, spamme ich ihn mal nach oben.
Ich höre zwar mehr als nur Krach, aber es ist sicher die unzugänglichste Free Jazz Platte, die ich kenne. Das heißt allerdings gar nichts.
dagobert
20.07.2009, 12:10
Ich bin begeistert von diesem Album. Es ist einer der Tipps, den ich ohne das Forum vermutlich nie kennengelert hätte. Die Energie, die in dieser Musik steckt, macht sie für mich zu einer sehr großartigen Platte. Dass sie für manche Hörer als schwer zugänglich gilt, kann ich zwar nachvollziehen, hatte aber selbst überhaupt keine Probleme in dieser Richtung. Bei "Ascension" oder Aylers "Greenwich Village Recordings" tat ich mich wesentlich schwerer, als hier. Bei Alabama Feeling klingt für mich vom ersten Ton an alles sehr stimmig und harmonisch.
Sandhead
20.07.2009, 14:28
An "Ascension" habe ich gar nicht gedacht, aber tatsächlich: Hier bin ich nach jedem Hören perplex, und in dieser Hinsicht ist "Ascension" vergleichbar unzugänglich wie "Alabama Feeling". Wobei dies keine negative Eigenschaft ist; es macht mir im Gegenteil großen Spaß, die Platten wiederholt zu hören und dabei ein wenig von der Irritation aufzulösen. Ich würde dies jedoch nicht tun, wenn die Musik nichts enthielte, was mich unmittelbar anspricht. "Energie" trifft es vielleicht.
Travis Bickle
20.07.2009, 15:07
...Wobei dies keine negative Eigenschaft ist; es macht mir im Gegenteil großen Spaß, die Platten wiederholt zu hören und dabei ein wenig von der Irritation aufzulösen.....
Das ist doch ein guter Ansatz. Ich hatte zu Beginn ähnliche Probleme einen Zugang zu "Alabama Feeling" zu finden. Meine Tape-Kopie habe ich vor einiger Zeit von einem Jazz-Aficionado als "musikalische Herausforderung" zum Geburtstag bekommen. Nach dem ersten Hören habe ich das Tape lachend in die Ecke gelegt und mich wochenlang nicht damit beschäftigt, hatte weder die Zeit noch die Energie die es braucht, dieser Musik aufmerksam zu folgen.
Auch heute noch, nachdem ich mir in der Zwischenzeit einen für mich passenden Zugang zu diesem und ähnlichen Alben verschaffen konnte, kann ich es mir nicht vorstellen diese Musik zu jeder Tages-oder Nachtzeit auf mich wirken zu lassen. Der Moment muss passen. Wenn Du die Platte mit der unbedingten Erwartung auflegst endlich einen Zugang zu finden, wird es nicht funktionieren. Das geht nur durch schrittweises Erarbeiten, denn es gibt zunächst nur wenige klare Momente.
Und beim nächsten Auflegen Deine Abba-Platten ausser Reichweite legen.
Sandhead
20.07.2009, 21:24
Das krieg ich hin, solange die Poster hängenbleiben dürfen.
...und ähnlichen Alben...
Welche?
Sonic Juice
20.07.2009, 21:30
Ohne zu kokettieren, muss ich sagen, dass ich größere Zugangsprobleme zu ABBA-LPs habe als zu Arthur Doyle (und das ist nicht abwertend gegenüber den Schweden gemeint).
Für mich stellt sich die LP derzeit noch als buchstäblich zwiespältiges Vergnügen dar. Seite 1 ist durchweg faszinierend, in der Aufnahme ist eine unglaubliche Energie gespeichert, die vermutlich weniger archaisch und unbehauen ist, als sie zunächst scheint. Faszinierend insbesondere durch die diverse Spuren, die da über- und nebeneinander liegen, sich teils ergänzen, teils konkurrieren und auf ganz unterschiedliche Hintergründe verweisen - von eher traditionellen, melodienahen Motiven bis hin zu Noise, der mir eher euphorisch-energetisch als schmerzhaft-kathartisch vorkommt. Man kann sich jedenfalls während des Hörens je nach Laune und Neugier mal auf die Bläser, mal auf den Rhythmusteppich oder insbesondere auch auf diese sonderbaren und sehr präsenten Bass-Klänge konzentrieren, deren Herkunft und Stuktur mir immer noch spannende Rätsel aufgeben. Gerade die Tieftöne machen diese LP für mich so unverwechselbar.
Seite 1 endet dann sehr plötzlich. Und Seite 2 kann nach meinem jetzigen Empfinden die Spannung nicht ganz aufrechterhalten, das kommt wohl schon durch den erstaunlich leisen Einstieg, aber auch durch den Klang, der mir anders abgemischt vorkommt. Diese präsenten Bässe fehlen nun vollkommen, das Schlagzeug hat öfter Pause, die Improvisationen im Mittelteil wirken auf mich weniger energetisch und getrieben, vielmehr suchender und letztlich auch zielloser.
Den Klang finde ich übrigens - gerade für eine Live-Aufnahme - sehr okay, insbesondere auf Seite 1 klingt das sehr druckvoll und eigen und ich käme garnicht auf den Gedanken, da eine bessere, differenziertere Produktion zu missen.
Das Design ist toll, insbesondere die Übernahme des Wire-Artikels auf dem bedrucken Innersleeve war eine sehr gute Idee.
Meine Pressung ist allerdings nur passabel, einiges Knistern (insbesondere auf S.2) ist sicherlich nicht der Original-LP geschuldet. Ich würde es, insbes. falls es noch weitere solche Befunde gibt, sehr begrüßen, wenn Rank bei der nächsten LP vielleicht noch mehr in Richtung audiophile Pressung gehen würde, gerne für einen angemessenen Aufpreis. Mir kommt der Preis fast schon zu günstig vor. Und die 500 Free Jazz-Fantatiker, die diese LP unbedingt brauchen, würden sicherlich auch 25 € dafür hinlegen.
Meine Pressung ist allerdings nur passabel, einiges Knistern (insbesondere auf S.2) ist sicherlich nicht der Original-LP geschuldet.Da täuscht du dich gewaltig. Die Original-LP knistert gerade auf der zweiten Seite etwas mehr als auf der ersten Seite und zwar auf allen copies und auch auf der Tape-Vorlage. Das hätte auch eine Virgin-Vinyl-Pressung mit 200 Gramm nicht ausmerzen können. Die LP stammt aus dem gleichen Presswerk wie die letzten zwei Singles und da sind mir bis jetzt keine Beschwerden zu Ohren gekommen. Zwar haben wir immer versucht kostengünstig zu arbeiten, aber Kompromisse in Sachen Qualtät gab es bei uns noch nie, sonst hätten wir die Knackser entfernen lassen und mit Rauschunterdrücken gearbeitet.
Sonic Juice
20.07.2009, 21:45
Nun ja, ich denke, ich kann schon zwischen live-Knistern und aufgenommenem Knistern unterscheiden, zumal das echte Knistern natürlich nicht auf dem Lautstärkepegel der Aufnahme liegt und übrigens von der Einlaufrille nahtlos in die Musik übergeht. Oder habt ihr etwa das Knacksen der Einlaufrille ebenfalls originalgetreu übernommen?
Nun ja, ich denke, ich kann schon zwischen live-Knistern und aufgenommenem Knistern unterscheiden, zumal das echte Knistern natürlich nicht auf dem Lautstärkepegel der Aufnahme liegt und übrigens von der Einlaufrille nahtlos in die Musik übergeht. Oder habt ihr etwa das Knacksen der Einlaufrille ebenfalls originalgetreu übernommen?Das Knistern einer Platte und das Knistern auf einer Aufnahme ist nicht immer so leicht zu unterscheiden. Aber wenn die Einlaufrille ebenfalls knistert, dann dürfte das tatsächlich an der Pressung liegen. Bis jetzt sind mir noch keine anderen Pressungen der LP bekannt, die ebenfalls diesen Fehler hätten.
Sonic Juice
20.07.2009, 21:59
Käme mal auf einen Vergleich an, aber das "leichte Knistern an einigen Stellen", von dem Du an anderer Stelle schriebst, ist bei mir stellenweise auch ein durchaus vehementes Knacksen, daher gehe ich einstweilen davon aus, dass das nicht zur Vorlage gehört.
Ohne zu kokettieren, muss ich sagen, dass ich größere Zugangsprobleme zu ABBA-LPs habe als zu Arthur Doyle (und das ist nicht abwertend gegenüber den Schweden gemeint).
Ich würde hier für mich nicht von Zugangsproblemen reden, aber auflegen würde ich eine ABBA-LP nicht, wenn ich eine hätte. Diese gern. ;-)
Für mich stellt sich die LP derzeit noch als buchstäblich zwiespältiges Vergnügen dar. Seite 1 ist durchweg faszinierend ... Und Seite 2 kann nach meinem jetzigen Empfinden die Spannung nicht ganz aufrechterhalten, das kommt wohl schon durch den erstaunlich leisen Einstieg, aber auch durch den Klang, der mir anders abgemischt vorkommt. Diese präsenten Bässe fehlen nun vollkommen, das Schlagzeug hat öfter Pause, die Improvisationen im Mittelteil wirken auf mich weniger energetisch und getrieben, vielmehr suchender und letztlich auch zielloser.
Das sehe ich etwas anders. So sehr du mit der Beschreibung der A-Seite auch meine Eindrücke widergibst, so sehr höre ich die zweite Seite anders. Es stimmt, die Drums von Sinan sind großartig auf der Platte und hier weniger vertreten und der Bass auf der ersten Seite war ungemein spannend z.B. in A Little Linda, aber dafür höre ich auf Seite 2 sehr beseelte Momente, beinahe schon spirituell (im besten Sinne). Weit kontemplativer und weniger wirkungsvoll meinetwegen, aber nichtsdestotrotz eher meine Fave-Side. Wenn auch mein Fave Track auf der ersten ist, der erwähnte Linda et al.
Ich wundere mich im Übrigen etwas über mich. Ich habe die Platte jetzt fünfmal gehört (was bei mir häufig ist nach so kurzer Zeit), habe sie jedes Mal ausgesprochen gern gehört. Und ich frage mich, ob ich meine alten Vorurteile gegenüber Free Jazz langsam korrigieren muss. Immerhin habe ich vor fast vierzig Jahren z.B. Brötzmann und Schoof live gesehen, also sind es nicht nur Vorurteile.
Kramer, deinen Hinweis auf Sunny Murray habe ich sehr wohl gelesen und die Platte gerade bestellt. Weitere Tipps bzgl. Free Jazz solltest du hier ruhig geben, wenn auch etwas ausführlicher als beim erwähnten Murray.
Das Knistern einer Platte und das Knistern auf einer Aufnahme ist nicht immer so leicht zu unterscheiden. Aber wenn die Einlaufrille ebenfalls knistert, dann dürfte das tatsächlich an der Pressung liegen. Bis jetzt sind mir noch keine anderen Pressungen der LP bekannt, die ebenfalls diesen Fehler hätten.
Doch das ist bei mir genauso. Auf der zweiten Seite knachst die Einlaufrille und dann sind die ersten Minuten etwas geräuschvoller als Seite 1, aber nie so, dass es mich wirklich stört (und ich bin da relativ empfindlich). Ich habe das sowieso auf die Vorlage geschoben.
Und Seite 2 kann nach meinem jetzigen Empfinden die Spannung nicht ganz aufrechterhalten, das kommt wohl schon durch den erstaunlich leisen Einstieg, aber auch durch den Klang, der mir anders abgemischt vorkommt. Diese präsenten Bässe fehlen nun vollkommen, das Schlagzeug hat öfter Pause, die Improvisationen im Mittelteil wirken auf mich weniger energetisch und getrieben, vielmehr suchender und letztlich auch zielloser.
Ich gehe jetzt nur mal auf den Teil ein, den ich anders beurteile. Ich empfinde den Unterschied zwischen Seite 1 und 2 weit weniger drastisch als Du. Das Schlagzeug ist nur auf "Mother Image, Father Image" abwesend, der Bass allerdings weniger prominent, wobei mir die Perkussion dessen Aufgabe teilweise zu übernehmen scheint. Die Musik wirkt auch nicht ziellos auf mich - im Gegenteil, ich finde es gut, dass man als Zuhörer auch mal einen Moment zum Durchatmen erhält. Das ist eben besagter Track "Mother Image". Die Abmischung des letzten Tracks "Development" ist übrigens schon sehr schlecht (aber vielleicht auch gewollt?)
Insgesamt hat mir der Posaunist Charles Stephens besonders imponiert, mehr sogar als Doyle selbst. Ich verstehe nun, warum der Penguin Guide sein Spiel als "bleary" bezeichnet (allerdings in Bezug auf seine neueren Alben). Ganz so kritisch würde ich ihn jedoch nicht beurteilen, denn er besitzt durchaus mehr als reine Kraft, nämlich wirkliche Leidenschaft, die ihm der Penguin Guide (neueste Auflage) etwas absprechen zu scheinen will.
Mir kommt der Preis fast schon zu günstig vor. Und die 500 Free Jazz-Fantatiker, die diese LP unbedingt brauchen, würden sicherlich auch 25 € dafür hinlegen.
Mir nicht und ich würde nur sehr ungern 25 Euro (+ Versand) bezahlen. Vielleicht auch gar nicht. Glücklicherweise stand das nie zur Debatte.
Ich wundere mich im Übrigen etwas über mich. Ich habe die Platte jetzt fünfmal gehört (was bei mir häufig ist nach so kurzer Zeit), habe sie jedes Mal ausgesprochen gern gehört.
Ich auch. Sie macht mir ebenfalls Spaß.
Doch das ist bei mir genauso. Auf der zweiten Seite knachst die Einlaufrille und dann sind die ersten Minuten etwas geräuschvoller als Seite 1, aber nie so, dass es mich wirklich stört (und ich bin da relativ empfindlich). Ich habe das sowieso auf die Vorlage geschoben.
Glaub mir, es IST die Vorlage.
Declan MacManus
21.07.2009, 19:41
Apropos Vorlage (entschuldigt bitten, wenn ihr das schon irgendwo beantwortet habt): Woher stammt die Platte, die ihr verwendet habt? Aus Doyles Besitz?
Und ich frage mich, ob ich meine alten Vorurteile gegenüber Free Jazz langsam korrigieren muss. Immerhin habe ich vor fast vierzig Jahren z.B. Brötzmann und Schoof live gesehen, also sind es nicht nur Vorurteile.
Wann genau und in welcher Besetzung hast du Brötzmann gesehen? Welche Platten haben zur Entstehung dieser Vorurteile beigetragen? Hast du es damals auch mit Free Jazz aus den USA versucht?
Apropos Vorlage (entschuldigt bitten, wenn ihr das schon irgendwo beantwortet habt): Woher stammt die Platte, die ihr verwendet habt? Aus Doyles Besitz?Nein, aus einer privaten Sammlung.
Declan MacManus
21.07.2009, 19:46
Und die möchte privat, sprich anonym bleiben?
Ich habe übrigens meine Probleme mit der Platte. Auch nach mehrmaligem Hören finde ich noch keinen Bezug dazu. Weder erkenne ich mit der Zeit Strukturen noch nimmt mich etwas anderes gefangen.
Die Platte ist allerdings auch mein erster Berührungspunkt mit dem Free Jazz (und auch in anderen Jazz-Stilen bin ich noch weitgehend jungfräulich). Vielleicht nicht der passende Einstieg?
Und die möchte privat, sprich anonym bleiben?
Nö. Wenn es dir so wichtig ist, dann frage ich nach. Wir haben ja nie direkten Kontakt mit dem Besitzer der Platte gehabt, da alles über Umwege lief. Selbiges gilt für das Artwork, dessen Grundlage wieder aus einer anderen Sammlung stammt. Glaub mir, es ist nicht einfach, jemanden mit einem brauchbaren Exemplar zu finden!
Declan MacManus
21.07.2009, 19:55
Ich hatte nur auf eine interessante Geschichte zur Original-Platte gehofft. Klingt aber nicht so, als ob es sie gäbe.
Habe heute Mittag mal bei popsike geschaut - und glaube dir gern, dass es nicht leicht war.
Kannst du eine Platte empfehlen, die für einen (Free-)Jazz-Novizen eine Ecke zugänglicher ist und doch auf diese hinführt?
Kannst du eine Platte empfehlen, die für einen (Free-)Jazz-Novizen eine Ecke zugänglicher ist und doch auf diese hinführt?Das ist nahezu unmöglich, da die emotionale Komponente beim Free Jazz extrem wichtig ist. Wenn dir Doyle zu komplex, harsch und chaotisch ist, dann versuch es vielleicht einmal mit "Duo Exchange" von Rashied Ali & Frank Lowe oder mit "Spiritual Unity" von Albert Ayler. Gerade das Ayler-Album basiert auf traditionellen Strukturen, die vielleicht einen leichteren Zugang ermöglichen. Von Peter Brötzmann, Cecil Taylor oder Schlippenbach würde ich dir zunächst wahrscheinlich abraten.
Glaub mir, es IST die Vorlage.
Ja, ich glaube es ja - ich war nur etwas verunsichert, weil Dir das Knachsen in der Einlaufrille nicht bekannt war (aber das ist mir eigentlich vollkommen gleichgültig).
Das ist nahezu unmöglich
Sehe ich auch so.
Declan MacManus
21.07.2009, 20:14
Das ist nahezu unmöglich, da die emotionale Komponente beim Free Jazz extrem wichtig ist. Wenn dir Doyle zu komplex, harsch und chaotisch ist, dann versuch es vielleicht einmal mit "Duo Exchange" von Rashied Ali & Frank Lowe oder mit "Spiritual Unity" von Albert Ayler.
Ist notiert. Danke!
Wie war dein Weg zum Free Jazz? Harte Arbeit?
Wie war dein Weg zum Free Jazz? Harte Arbeit?Harte Arbeit sicherlich nicht, aber ein langer (noch immer andauernder) Lernprozess mit der einen oder anderen Sackgasse. Wichtig ist erst einmal herauszufinden, was dir gefallen könnte, denn "den" Free Jazz als eine große Stilrichtung gibt es nicht und die Unterschiede zwischen einzelnen Künstlern und Strömungen sind manchmal so groß wie zwischen Townes Van Zandt und Tom Astor.
Declan MacManus
21.07.2009, 20:42
Das habe ich befürchtet. Aber ich bin lernbegierig.
Wann genau und in welcher Besetzung hast du Brötzmann gesehen? Welche Platten haben zur Entstehung dieser Vorurteile beigetragen? Hast du es damals auch mit Free Jazz aus den USA versucht?
Platten der europ. Avantgarde habe ich nie besessen. Ansonsten Ayler (mag ich!) und den einen oder anderen. Habe mich aber plattenmäßig nie wirklich näher mit Free Jazz beschäftigt
Brötzmann, Schoof und andere habe ich ca. 71 auf einem Free Festival in Köln gesehen und gehört. An viel mehr kann ich mich nicht erinnern. Schoof jedenfalls fand ich damals absolut enttäuschend.
Staggerlee
21.07.2009, 20:59
Ich möchte von Doyle nicht allzuviel ablenken, trotzdem hätte ich eine Frage/Bitte an kramer. Könntest Du etwas zu dem Album Duo Exchange (Ali/Lowe) sagen? Die Duoaufnahmen Coltrane/Ali gehören zu meinen absoluten Favoriten, andererseits kommt das Album von Lowe "Black Beings", erschienen 1973 (also in etwa gleichzeitig mit den Duoaufnahmen), im Penguin Guide nicht sonderlich gut weg. Bedanke mich im Voraus.
weilstein
21.07.2009, 21:13
Den Klang finde ich übrigens - gerade für eine Live-Aufnahme - sehr okay, insbesondere auf Seite 1 klingt das sehr druckvoll und eigen und ich käme garnicht auf den Gedanken, da eine bessere, differenziertere Produktion zu missen.
Das Design ist toll, insbesondere die Übernahme des Wire-Artikels auf dem bedrucken Innersleeve war eine sehr gute Idee.
Meine Pressung ist allerdings nur passabel, einiges Knistern (insbesondere auf S.2) ist sicherlich nicht der Original-LP geschuldet. Ich würde es, insbes. falls es noch weitere solche Befunde gibt, sehr begrüßen, wenn Rank bei der nächsten LP vielleicht noch mehr in Richtung audiophile Pressung gehen würde, gerne für einen angemessenen Aufpreis. Mir kommt der Preis fast schon zu günstig vor. Und die 500 Free Jazz-Fantatiker, die diese LP unbedingt brauchen, würden sicherlich auch 25 € dafür hinlegen.
Sonic, eine audiophile Pressung setzt nicht nur bestes Material voraus, sondern auch eine optimale Quelle für das Mastering. Auch wenn wir das Doppelte investiert hätten, klanglich hätte das keinen Gewinn gebracht. Wir haben bereits vor Wochen darauf aufmerksam gemacht, daß keine originalen Bänder mehr existieren, ebenso auf das Knistern an besagter Stelle. Es ist doch klar, wenn die Vorlage knistert, knistert auch die Reproduktion. Und wenn die Vorlage ein Knistern in der Einlaufrille aufweist, taucht es natürlich auch wieder auf (die 2,5 dB mehr heben das natürlich noch ein wenig an). Eine fehlerhafte Pressung hätten wir überhaupt nicht freigegeben. Übrigens: wir haben in wenigen Wochen mehr als die Hälfte der Auflage an Kunden in den USA verkauft und nicht wenige freudige Emails von begeisterten Fans erhalten. Wenn Du Dich eine Weile mit Doyle und dieser Platte beschäftigst, weißt Du eben um die Schwierigkeit dieser Reproduktion. Ein Robert Johnson Liebhaber würde ebenso wenig ein Rauschen und Knistern beklagen (auch nicht in der Einlaufrille). Vor einigen Jahren erschien z.B. eine Johnson Box, bei der ebenfalls von den Platten gemastert wurde. Als Vorlage wurde schlicht das Exemplar genommen, das am wenigsten knistert. Klar, das Knistern hätte man Reduzieren können, wir haben es aber bewusst nicht gemacht, da dies definitiv den Gesamtklang ungünstig beeinträchtigt hätte.
Auch unser Ziel ist es möglichst immer an die originalen Bänder zu kommen, überhaupt keine Frage. Andererseits wollen wir uns auch nicht solche Schätze entgehen lassen, die man entweder mit zur Verfügung stehenden Mitteln veröffentlicht, oder einfach ignoriert.
PS: Schön geschilderter Eindruck von Alabama Feeling. Freut mich, daß hier jetzt ein kleiner Austausch stattfindet. Auch ich mußte erst ein wenig in die Sache reinwachsen, bin aber, im Gegensatz zu Declan, nicht mehr jungfräulich in puncto Jazz (übrigens Dank etlicher Diskussionen hier im Forum, an denen sich damals auch noch ein gewisser Hat & Beard wortreich beteiligte).
Ich möchte von Doyle nicht allzuviel ablenken, trotzdem hätte ich eine Frage/Bitte an kramer. Könntest Du etwas zu dem Album Duo Exchange (Ali/Lowe) sagen? Die Duoaufnahmen Coltrane/Ali gehören zu meinen absoluten Favoriten, andererseits kommt das Album von Lowe "Black Beings", erschienen 1973 (also in etwa gleichzeitig mit den Duoaufnahmen), im Penguin Guide nicht sonderlich gut weg. Bedanke mich im Voraus."Duo Exchange" ist ein besonders gutes Beispiel für die Essenz des Free Jazz: Kommunikation, Freiheit, Energie und Spielfreude. Ich kenne kein weiteres Duo-Album auf dem das Zusammenspiel der Musiker änhlich energiegeladen und geradezu atemlos-euphorisch ist. Natürlich kannst du von den Coltrane/Ali-Aufnahmen und von "Black Beings" (ich mag das Album übrigens) nicht auf die Qualität von "Duo Exchange" schließen.
Sonic Juice
22.07.2009, 09:56
...Aber wenn die Einlaufrille ebenfalls knistert, dann dürfte das tatsächlich an der Pressung liegen. Bis jetzt sind mir noch keine anderen Pressungen der LP bekannt, die ebenfalls diesen Fehler hätten...
Es ist doch klar, wenn die Vorlage knistert, knistert auch die Reproduktion. Und wenn die Vorlage ein Knistern in der Einlaufrille aufweist, taucht es natürlich auch wieder auf (die 2,5 dB mehr heben das natürlich noch ein wenig an).
Da scheinen mir doch unterschiedliche Wahrnehmungen zu existieren, was nun zur Vorlage gehört und was möglicherweise pressungsbedingt ist.
Es leuchtet mir auch nicht, welchen Sinn das Knacken in der Einlaufrille (meiner LP, nicht der Vorlage!) - also an einer Stelle, an der die Wiedergabe der Musikaufnahme noch gar nicht beginnt - haben sollte.
Ich glaube, dass man hier per Fremddiagnose ohne konkreten Vergleich nicht pauschal sagen kann, ob das stellenweise laute Knacken auf meiner LP nun in jedem Fall unter das "leichte Knistern" fällt, das zum Master gehört oder nicht, zumal ihr sicherlich nicht alle 500 LPs vorher einzeln abgenommen habt und einzelne Abweichungen immer vorkommen können. (Im Übrigen hängt die Frage, wie störend Pressfehler wahrgenommen werden, ja oft auch stark von der Sensibilität des jeweiligen Systems ab, daher mögen andere das Knacken vielleicht nicht so intensiv wahrnehmen wie ich.)
Versteht das deshalb bitte nicht als Vorwurf, lediglich als Feedback. Wenn es sich eher um einen Einzelfall handelt, sollte Euch das natürlich keine Sorgen machen und auch nicht zu einem Wechsel des Fertigungsstätten motivieren. Um das zu evaluieren, ist dieser Thread ja auch da.
Sonic Juice
22.07.2009, 10:45
Um mal zum wichtigen, der Musik zurückzukehren...
Die Platte ist allerdings auch mein erster Berührungspunkt mit dem Free Jazz (und auch in anderen Jazz-Stilen bin ich noch weitgehend jungfräulich). Vielleicht nicht der passende Einstieg?
Mit Free Jazz habe ich auch nur relativ wenig Erfahrung, daher kann ich da, bis auf die Nennung der üblichen Verdächtigen, keinen originellen Tipp geben. Aber wenn man der Entwicklung von John Coltrane in den 60er Jahren chronologisch folgt, wird man ja auch irgendwann auf Alben stoßen, die auf ihre Art nicht weniger radikal sind als "Alabama Feeling". Gegenüber "Interstellar Space" finde ich das vorliegende Album sorgar relativ traditionell und strukturiert.
Für mindestens ebenso nützlich für den Zugang zu Free Jazz (nicht unbedingt für das tiefere Verständnis) halte ich im übrigen die grundsätzliche Auseinandersetzung mit Musik, die Disharmonie, Atonalität, Lärm als Ausdrucksmittel verwendet. Das kann über so unterschiedliche Brücken erfolgen wie die sog. E-Musik (von Strawinski über Schönberg bis zu zeitgenössischen Komponisten), Musik aus anderen Kulturkreisen, Rock (Velvet Underground, The Stooges, Pere Ubu, Sonic Youth...), Industrial, Techno/Electro, Hard- bis Grindcore, Thrash/Death (...) Metal, ...Scott Walker etc. Dass Thurston Moore Free Jazz-Fan ist und Doyle in Clubs gespielt hat, die einen Punk/No Wave-Hintergrund hatten, kommt ja nicht von ungefähr. So divers Gehalt und Audruck dieser Beispiele ist: man kann sich darüber den Reiz von Klängen und Strukturen erschließen, die mit konventionellen Hörgewohnheiten brechen und sich von einer tradierten Harmonie-, Melodie- und Strukturfixiertheit lösen. Vielleicht sucht man dann nicht mehr so oft nach Melodien, an denen man sich festhalten kann, sondern genießt eher die Energie, Radikalität und Leidenschaft, die auch in nahezu schmerzhaften Geräuschen gespeichert sein kann. Zumal vereinzelte wohlklingende oder ruhige Passagen in einem solchen Kontext umso wirkungsvoller sein können.
Pauschal und überspitzt gesagt: Wer "Le Sacre du Printemps" oder "Sister Ray" goutiert, sollte doch eigentlich auf lange Sicht keine unüberwindbaren Probleme mit "Alabama Feeling" haben.
Übrigens gibt es einen Film (vorgarten hat bereits darauf hingewiesen), den ich jedem, der auch nur eine Hauch von Interesse an Free Jazz hegt, dringend empfehlen möchte: "Rising Tones Cross" zeigt nicht nur fantastische Aufnahmen von Charles Gayle, Peter Kowald, William Parker, Rashied Ali, Peter Brötzmann, Charles Tyler, etc., sondern trägt durch ausnahmslos interessante Interviews und Gedanken enorm zum Verständnis der Musik bei. (Kowald geht u.a. auf die unterschiede zwischen Europa und den USA und zwischen der "black scene" und der "white scene" ein). Gedreht wurde der film 1984 in New York und ist hier (http://www.fmp-online.de/fmpcds/DVD_Rising_Tones_Cross_d.htm) zu bekommen.
Für mindestens ebenso nützlich für den Zugang zu Free Jazz (nicht unbedingt für das tiefere Verständnis) halte ich im übrigen die grundsätzliche Auseinandersetzung mit Musik, die Disharmonie, Atonalität, Lärm als Ausdrucksmittel verwendet. Das kann über so unterschiedliche Brücken erfolgen wie die sog. E-Musik (von Strawinski über Schönberg bis zu zeitgenössischen Komponisten), Musik aus anderen Kulturkreisen, Rock (Velvet Underground, The Stooges, Pere Ubu, Sonic Youth...), Industrial, Techno/Electro, Hard- bis Grindcore, Thrash/Death (...) Metal, ...Scott Walker etc. Sehe ich nicht so, zumal du fast ausschließlich weiße Musik und Musiker listest (ein Zufall?), die ohne Ausnahme nach Free Jazz kamen und einen viel verkopfteren "künstlerischen" Ansatz haben als die meisten Free Jazz-Musiker aus den USA, wie eben auch Arthur Doyle. Man muss sich für Free Jazz einfach nur von anerzogenen Hörgewohnheiten lösen und offen dafür sein.
Sonic Juice
23.07.2009, 12:32
"Weiß" ja, kein Zufall, sondern eben das, was mir zu "Krach" im weitesten Sinne aufgrund persönlicher Kenntnisse einfällt.
Aber Strawinski, Schönberg nach Free Jazz, The Stooges, Grindcore verkopft?
Ansonsten stellt das einfach in etwas abstrahierter Form meinen Weg dar, wie ich den berühmten "Zugang" bekommen bzw. die Scheu vor diesen ungwohnten Klängen verloren habe, das ist insofern nur ein möglicher Weg.
Das man sich von anerzogenen Hörgewohnheiten lösen und offen sein soll, ist zwar richtig, aber etwas arg pauschal, wenn nach dem Weg dahin gefragt wird.
"Weiß" ja, kein Zufall, sondern eben das, was mir zu "Krach" im weitesten Sinne aufgrund persönlicher Kenntnisse einfällt.
Aber Strawinski, Schönberg nach Free Jazz, The Stooges, Grindcore verkopft?
Ansonsten stellt das einfach in etwas abstrahierter Form meinen Weg dar, wie ich den berühmten "Zugang" bekommen bzw. die Scheu vor diesen ungwohnten Klängen verloren habe, das ist insofern nur ein möglicher Weg.
Das man sich von anerzogenen Hörgewohnheiten lösen und offen sein soll, ist zwar richtig, aber etwas arg pauschal, wenn nach dem Weg dahin gefragt wird.Natürlich ist mir klar, dass Schönberg und Strawinski nicht nach Free Jazz kamen, verkopfte Musik ist das im Vergleich aber allemal und das gilt für alle von dir genannten Künstler - ohne Ausnahme. Dass "Krach" (Free Jazz ist übrigens kein Krach) einen aber allgemein auf Free Jazz vorbereitet, oder den Zugang erleichert, stimmt einfach nicht. Es gibt keinen "ultimativen" Weg, darum meine "pauschalen" Hinweise. Viel wichtiger scheint es mir, die unterschiedlichen Strömungen des Free Jazz zu unterscheiden, denn einfach nur von Free Jazz zu reden, ist die ultimative, irreführende Pauschalisierung.
Sonic Juice
23.07.2009, 14:09
Dass "Krach" (Free Jazz ist übrigens kein Krach) einen aber allgemein auf Free Jazz vorbereitet, oder den Zugang erleichert, stimmt einfach nicht.
Ich finde zunächst nicht, dass Du mir eine persönlich gemachte Erfahrung kategorisch absprechen kannst, das hat einfach nichts mit richtig oder falsch zu tun, sondern mit individuellen Hörkonditionierungen. Glaub mir, es stimmt in meinem Fall.
Deinen Ansatz, etwas in verkopft (und was ist das Gegenteil? "verbaucht"?) bzw. künstlerisch (gegenüber was? archaisch?) einzuteilen, teile ich nicht. Verstehe auch nicht, warum es für den Genuss von "le sacre du printemps" oder "I Wanna be your dog" mehr Kopfeinsatzes bzw. intellektueller Vorarbeit bedürfen sollte als für "Alabama Feeling" (zumal sich Doyle wohl auch nicht weniger intensiv mit Musiktheorie auseinandergesetzt haben dürfte als etwa Ron Asheton). Dafür brauch man nur offene Ohren und eine gesunde Portion Neugier. Weshalb haben denn viele Leute erstmal Schwierigkeiten mit solchen Platten? Da geht es doch nicht um schwarz oder weiß, intellektuell oder soulful-expressiv, sondern einfach um fehlende bzw. ungewohnte Strukturen und Klänge, die man erstmal nicht als angenehm wahrnimmt (deshalb "Krach" in Anführungszeichen, Du wirst ja wohl gewusst haben, wie ich das meine). Konkret: Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass ein Bender (auch falls er sich bislang wenig mit diesem Genre auseinandergesetzt haben sollte) aufgrund seiner musikalischen Sozialisierung schneller und unkomplizierter Freude an der Platte haben könnte als jemand, der bislang vornehmlich Beach Boys, Beatles und Americana goutiert hat. Reine Mutmaßung, aber zumindest aus Erfahrung abgeleitet.
In Bezug auf die verschiedenen Strömungen des Free Jazz hast Du sicherlich recht, aber hier in diesem Thread geht es nun mal ganz konkret um den Free Jazz in Gestalt von "Alabama Feeling", daher sehe ich das Problem nicht so recht.
Ich finde zunächst nicht, dass Du mir eine persönlich gemachte Erfahrung kategorisch absprechen kannst, das hat einfach nichts mit richtig oder falsch zu tun, sondern mit individuellen Hörkonditionierungen. Glaub mir, es stimmt in meinem Fall.
Deinen Ansatz, etwas in verkopft (und was ist das Gegenteil? "verbaucht"?) bzw. künstlerisch (gegenüber was? archaisch?) einzuteilen, teile ich nicht. Verstehe auch nicht, warum es für den Genuss von "le sacre du printemps" oder "I Wanna be your dog" mehr Kopfeinsatzes bzw. intellektueller Vorarbeit bedürfen sollte als für "Alabama Feeling" (zumal sich Doyle wohl auch nicht weniger intensiv mit Musiktheorie auseinandergesetzt haben dürfte als etwa Ron Asheton). Dafür brauch man nur offene Ohren und eine gesunde Portion Neugier. Weshalb haben denn viele Leute erstmal Schwierigkeiten mit solchen Platten? Da geht es doch nicht um schwarz oder weiß, intellektuell oder soulful-expressiv, sondern einfach um fehlende bzw. ungewohnte Strukturen und Klänge, die man erstmal nicht als angenehm wahrnimmt (deshalb "Krach" in Anführungszeichen, Du wirst ja wohl gewusst haben, wie ich das meine). Konkret: Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass ein Bender (auch falls er sich bislang wenig mit diesem Genre auseinandergesetzt haben sollte) aufgrund seiner musikalischen Sozialisierung schneller und unkomplizierter Freude an der Platte haben könnte als jemand, der bislang vornehmlich Beach Boys, Beatles und Americana goutiert hat. Reine Mutmaßung, aber zumindest aus Erfahrung abgeleitet.
In Bezug auf die verschiedenen Strömungen des Free Jazz hast Du sicherlich recht, aber hier in diesem Thread geht es nun mal ganz konkret um den Free Jazz in Gestalt von "Alabama Feeling", daher sehe ich das Problem nicht so recht.Wir kommen wohl auf keinen gemeinsamen Nenner, da du meiner Meinung nach Dinge miteinander vergleichst, die nichts miteinander zu tun haben. Wenn du sagst, dass du auf dem beschriebenen Weg einen Zugang zum Free Jazz gefunden hast, so mag das für dich funktioniert haben, will mir aber nicht so recht einleuchten. Natürlich würde mich jetzt interessieren, welche Alben und Künstler sich dir auf diesem Weg erschlossen haben.
Sonic Juice
23.07.2009, 19:06
Wir reden hier doch über immer noch über "Alabama Feeling". Auf eine weitergehende Diagnose meines Hörverhaltens, gar mit Nachweisen für Alben, die zu Recht oder zu Unrecht das Label "Free Jazz" tragen mögen oder die ich als dissonant, extrem, lärm-lastig (in Anführungszeichen oder ohne) etc. wahrnehme, möchte ich die Diskussion nun wirklich nicht ausweiten. Zumal ich mehrmals betont habe, dass ich kein Free Jazz-Kenner bin, lediglich dass mich "Alabama Feeling" nicht sonderlich irritiert und ich dies auf eine langjährige Gewöhnung an diverse auf ihre Art extreme oder experimentelle musikalische Ausdrucksformen zurückführe.
Ich verstehe auch nicht so recht, warum Du bei mir so penibel insistierst, Free Jazz sei kein Krach, aber in Deiner eigenen Besprechung gar von "manischem Krach" sprichst.
Was meinst Du denn, was bei Zuhörern zu "verständnislosem Kopfschütteln" (Deine Worte) führen sollte, wenn nicht die von mir umschriebenen Charakteristiken: offene Strukturen/"Krach", die auch bei den von mir genannten anderen Stilen auftauchen? Und was verstehst Du unter verkopft/künstlerisch bzw. was ist der Gegensatz dazu?
Ich verstehe auch nicht so recht, warum Du bei mir so penibel insistierst, Free Jazz sei kein Krach, aber in Deiner eigenen Besprechung gar von "manischem Krach" sprichst.Und ich dachte, ich hätte deutlich genug auf Doyles Sonderstellung innerhalb der Szene hingewiesen. Sogar das hässliche Wort Crossover habe ich aus schierer Verzweiflung benutzt.
Und was verstehst Du unter verkopft/künstlerisch bzw. was ist der Gegensatz dazu? Hör dir mal ein beliebiges Company-Album an, dann weißt du was ich meine.
Sonic Juice
23.07.2009, 19:34
Und ich dachte, ich hätte deutlich genug auf Doyles Sonderstellung innerhalb der Szene hingewiesen. Sogar das hässliche Wort Crossover habe ich aus schierer Verzweiflung benutzt.
Ok, Du schreibst "Crossover" in der Tradition der Stooges. Aber wenn ich dann die Aussage wage, dass eine Beschäftigung mit The Stooges (oder Sonic Youth, über die ja nach Deinen Aussagen auch weiße Mittelklassekids das Album entdeckt haben) auch zu einem Zugang zu Doyle führen kann, kannst Du mir nicht mehr folgen. Da komme ich nicht mehr mit.
Ok, Du schreibst "Crossover" in der Tradition der Stooges. Aber wenn ich dann die Aussage wage, dass eine Beschäftigung mit The Stooges (oder Sonic Youth, über die ja nach Deinen Aussagen auch weiße Mittelklassekids das Album entdeckt haben) auch zu einem Zugang zu Doyle führen kann, kannst Du mir nicht mehr folgen. Da komme ich nicht mehr mit.Es ging ja um den Zugang zu Free Jazz ganz allgemein und nicht zu Doyle/Alabama Feeling speziell und natürlich haben viele vom Free Jazz vollkommen unbeleckte kids zuerst über Moore/SY von Doyle gehört. Das sagt über ihren Zugang zu dem Album aber noch nichts aus.
Wir drehen uns im Kreis, aber da wir uns bei Pere Ubu sowieso in Berlin treffen werden, würde ich vorschlagen, dass wir uns dann nochmal in person darüber unterhalten. Ist einfacher.
Sonic Juice
23.07.2009, 20:22
Es ging ja um den Zugang zu Free Jazz ganz allgemein und nicht zu Doyle/Alabama Feeling speziell ...
Vielleicht habe ich das anfangs zu wenig deutlich gemacht, da mir Dein Problem mit der Einordnung nicht klar war: Mir ging es eigentlich immer konkret um den Anlass von Declans Frage, also den Zugang zu "Alabama Feeling", da ich die Bandbreite des Free Jazz im Allgemeinen zu wenig beurteilen kann. Am allerwenigsten will ich mich in eine Diskussion verfangen, ob "Alabama Feeling" nun als typisches Genrealbum aufzufassen ist. Ob diese trennscharfe Einordnung für den Grund des mutmaßlichen "verständnislosen Kopfschüttelns" relevant ist, sei mal dahingestellt.
Gerne weteres am 3.10. (vielleicht ist Declan dann ja schon dabei). Du besorgst Karten, gelle?
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