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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Entdeckungsreisen



Mueti
14.03.2008, 12:00
So, nach dem etwas cheesy geratenen Titel will ich kurz erklären worum mir geht. Jeder hier - nehme ich stark an - ist an der Entdeckung neuer Musik interessiert. Allerdings scheinen die meisten irgendwann ein oder mehrere "Spezialgebiete" gefunden zu haben, in denen man sich niedergelassen hat und die gründlich erforscht wurden/werden; so wird man natürlich mit der Zeit mehr oder weniger Experte in diesen Gebieten. Hier im Forum gilt das natürlich am häufigsten für Pop/Rock. Mein Verständnis von allen Stilen ist nur sehr ausschnitthaft und wird es voraussichtlich auch bleiben, da ich mich nie intensiv genug mit einem einzelnen Gebiet beschäftigt habe um zum Kenner, geschweige denn zum Experten zu werden.
Was ich mich frage: Wie kommt es dazu, dass man sich so spezialisiert? Vielleicht erscheint die Frage gerade etwas banal, aber ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Bequemlichkeit? Desillusionierung bezüglich anderer Stile? Etwas ganz anderes?
Alle Gedanken, Kommentare, Verbalattacken und Anregungen zu dem Thema sind gerne gesehen. ;-)

Herr Rossi
14.03.2008, 12:42
Mein Verständnis von allen Stilen ist nur sehr ausschnitthaft und wird es voraussichtlich auch bleiben, da ich mich nie intensiv genug mit einem einzelnen Gebiet beschäftigt habe um zum Kenner, geschweige denn zum Experten zu werden.

Geht mir genauso. Bin eher "Generalist" als Spezialist, was Musik angeht. Das Forum lehrt einem vor allem Demut - ich weiß, dass ich nichts weiß.;-)

Vega4
14.03.2008, 13:39
Geht mir genauso. Bin eher "Generalist" als Spezialist, was Musik angeht. Das Forum lehrt einem vor allem Demut - ich weiß, dass ich nichts weiß.;-)


Genau so ist es! Mir gefallen soviele Musikrichtungen... :-)

Zumindest von einem Freund kenne ich die Gründe der Spezialisierung. Sein Gebiet ist Singer/Songwriter, weil im besonders die Texte interessieren. Indem dieses Genre ja unüberschaubar ist (wenn man wirklich alle Quellen ausschöpft), hat er einfach gar keine Zeit für etwas anderes. Er jagt die ganze Zeit Neuentdeckungen hinterher. Diese "Sucht" ist bei ihm langsam angewachsen. Jetzt bringt er ein Fanzine raus usw.

Staggerlee
14.03.2008, 14:29
Ich selbst bezeichne mich nicht als Generalist, da ich nur eine begrenzte Zeit habe und einen begrenzten Geldbeutel. Des weiteren halte ich es schon für sinnvoll sich mit einigen wenigen Themen etwas ausführlicher zu beschäftigen - ansonsten besteht die Gefahr von Oberflächlichkeit (man beschäftigt sich mit allem und nichts, ein halbwegs fundiertes Urteil ist nicht möglich). Insoweit ist es schon sinnvoll Themenschwerpunkte zu setzen. Der Preis dafür ist, daß ich mich z.B. mit Hip Hop oder Klassik nicht auskenne.

Ich würde mich aber auch nicht als Spezialist bezeichnen, geschweige denn muß ich alles komplett haben. Mich als Spezialist zu bezeichnen wäre schon deswegen anmaßend, da ich nur eine relativ kleine Plattensammlung und nur bedingt Zeit zum lesen habe. Möglichst alles von einem einem Stil/Künstler zu haben halte ich auch für keine sinnvolle Vorgehensweise- eher den Mittleweg.

Ein wesentlicher Punkt warum jemand zum Spezialist wird ist sicherlich die Sozialisation in der Jugend- man versucht sich abzugrenzen von anderen. Dies wird dann nicht selten im Erwachsenenalter zum Hobby, zur Obsession oder zum Fetisch- vielleicht auch um sich die Jugend "zu behalten".

Bender Rodriguez
14.03.2008, 20:41
Ich gebe offen zu, eine Neigung zum Komplettisten zu haben, wenn es sich um Veröffentlichungen gewisser (von mir besonders geschätzter) Künstler handelt. Als Musik-"Spezialisten" hingegen stufe ich mich nicht unbedingt ein. Obwohl ich tief in bestimmten, von mir präferierten Musikgenres (z.B. Postpunk, Industrial, 80s Goth, Minimalelectro, NDW vor "NDW" ;-) ...) grabe, stoße ich immer wieder auf Grenzen. Seien es Grenzen, die ein weiteres Erforschen uninteressant machen (jedes - jawohl, jedes - Musikgenre ist nur zu einem gewissen Prozentanteil spannend und ergiebig), oder man stösst auf finanzielle Limits... Ein Beispiel: vor wenigen Jahren noch hatte ich die Ambition, sämtliche "Factory Records"-Veröffentlichungen zusammen zu tragen. Mittlerweile begnüge ich mich damit, die Outputs von Joy Division, New Order und Section 25 komplett im Regal stehen zu haben. Statt dessen interessiere ich mich (aber schon seit einigen Jahren) immer mehr für Musik aus Genres, die ich noch vor einiger Zeit als unvereinbar mit meiner musikalischen "Grundausrichtung" hielt. Seit geraumer Zeit wächst eine kleine Jazz-Abteilung in meinem Regal heran. An alle Jazz-Enthusiasten hier: Bitte mich jetzt nicht überfordern - ich ballere Euch auch bestimmt nicht mit DIY-Minimalelectro-Kleinstauflagen voll, wenn Ihr z.B. Der Plan entdecken solltet... ;-) Danke!

Mittlerweile versteige ich mich zu der Behauptung, daß sich einige Mitforumianer gehörig wundern würden, könnten sie einen tieferen Blick in meine Tonträgerregale werfen...

chrysomeles
14.03.2008, 21:13
Ich selbst bezeichne mich dann zunächst mal als Generalist mit begrenztem Geldbeutel. Das ist manchmal schon sehr, sehr ärgerlich, gerade wenn sich der musikalische Horizont mal wieder erweitert. "Verdammt, schon wieder eine neue Welt, dabei bin ich auf der bis vorgestern noch neuen doch auch gerade erst ein paar Schritte gegangen". Manchmal frustriert das regelrecht, manchmal beglückt das aber auch, weiss ich doch, dass da draußen definitiv noch so unglaublich viel ist dass es nie ein Ende geben wird.
Andererseits heisst selbst Generalist ja noch immer nicht "ich höre alles". Mit einem Faible für Pop kann man das ein oder andere Stück HipHop goutieren, sich an unglaublich viel Rockmusik erfreuen und auch mal in wildester Schwermut ertrinken. Aber man wird vermutlich immer nach dem "Popanker" suchen - findet man diesen dann nicht, ist eben die persönliche Grenze erreicht.
Ich unterstelle einfach mal, dass es den absoluten Generalisten, der sich mit vollem Herzblut wirklich jedem musikalischen Genre hingibt einfach nicht gibt.
Und da wird es wohl eben persönlich, wie mit dem Spinat, den braunäugigen Frauen oder der Religion. Da lernt man im Leben so einiges kennen, wägt ab, prüft und es kristallisiert sich dann eben das ganz eigene Profil heraus.
Klug ist wer dies nicht als gegeben und linear hinnimmt sondern so offen bleibt sich auch von der blauäugigen Blonden um den Finger wickeln zu lassen...

Carrot Flower
17.03.2008, 10:03
Die Entscheidung, einen bestimmten Musikstil, eine Epoche etc. genau zu ergründen, kann zig Gründe haben. Ich würde hier unterscheiden zwischen musikalischer Neigung und Sammlermotivation (wobei Letzteres ohne Spezialisierung wohl unmöglich ist). Wenn man eine Vorliebe für einen Musikstil entwickelt, ist es wahrscheinlich, dass man mehr aus dieser Richtung kennenlernen möchte, ohne aber einen Vollständigkeitsanspruch zu haben. Dabei liegt der Spaß am Nachforschen aber im Musikerlebnis selbst. Ich selbst schließe für mich fast keine Musikrichtung aus (naja, gegen Death Metal, Rap und Tekkno habe ich "weltanschauliche" Vorurteile). Dennoch stelle ich fest, dass mir bestimmte Merkmale meist gefallen. So stoße ich z.B. momentan öfter auf melancholische Musik aus Schweden, die mich begeistert, also fange ich an, mich gezielter in der Richtung zu informieren. Das Interesse liegt aber im Genuss beim Hören oder meinetwegen bei der Textexegese, also quasi Naschkatzenprinzip.
Der Genuss beim Sammeln liegt dagegen doch in der Vollständigkeit oder im "Jagdfieber". Natürlich fängt man sicher meist an, etwas zu sammeln, was einem zusagt, aber ich unterstelle einmal, dass es in jedem Sammelgebiet etwas gibt, das man sich aus inhaltlicher Neigung nicht zugelegt hätte.

Mikko
17.03.2008, 10:51
Einige der hier angesprochenen Fragen wurden in verschiedenen Threads im Philosophicum ja schon gestreift oder sogar ausführlicher diskutiert.

Eine meiner Thesen ist schon seit langem, dass man der Musik, die man in der Pubertät und der Phase des Heranwachsens bis ca. 25 vor allem gehört hat, auch später treu bleibt. Typische Teenager Sünden mal ausgenommen. Auf mich selbst trifft das in weiten Teilen zu.

Sicher gibt es Musikstile bzw. Subgenres, die ich besonders mag, deren typische Klangmuster bei mir einen Pawlowschen Reflex auslösen. Und ganz bestimmt kenne ich mich in bestimmten Teilbereichen auch besonders gut aus. Dennoch bin ich grundsätzlich offen für alles. Allerdings gibt es Genres, zu denen mir ein echter Zugang bisher nicht gelungen ist. Und es gibt ein paar Stilbereiche, bei denen fehlt mir auch weitgehend die Bereitschaft, einen Zugang zu suchen.

Ich würde mich übrigens nicht als Sammler im Sinne von Komplettist bezeichnen. Ich kaufe Vinylschallplatten, um sie zu hören und weil sie mir gefallen. Nie käme ich auf die Idee, ein bestimmtes Genre, Label oder den Output eines Künstlers komplett haben zu müssen. Einzige Ausnahme ist Jimmy Curtiss, mein privates Forschungsgebiet sozusagen.

chrysomeles
18.03.2008, 00:08
Eine meiner Thesen ist schon seit langem, dass man der Musik, die man in der Pubertät und der Phase des Heranwachsens bis ca. 25 vor allem gehört hat, auch später treu bleibt. Typische Teenager Sünden mal ausgenommen. Auf mich selbst trifft das in weiten Teilen zu.

Wenn ich das als der Heranwachsensphase erst seit ein paar Jahren entwachsener noch ergänzen darf: Ich bin ihr nicht durchgehend treu geblieben, stelle jedoch zunehmend fest, dass ich einiges von "früher", was ich dann irgendwann beiseite legte weil etwas aufregend neues um die Ecke kam wohlwollend wiederentdecke. Und das nicht nur nostalgisch erinnernd, sondern aus reinem Interesse an der Musik.

@Mueti:

Deinem Eingangspost entnehme ich dass Du eher ständig nach neuer Musik suchst. Auf der anderen Seite siehst Du, etwas überspitzt wahrgenommen, die Desillusionierten und Bequemen.
Es spielt wohl auch etwas anderes hinein: Wenn ich etwas höre, was mir gefällt, kommt es durchaus vor dass ich einfach mehr davon haben will. Eben nicht direkt wieder neues, ganz anderes, sondern schauen was es da noch gibt. Schliesslich habe ich ja gerade Gefallen gefunden.
Wenn ich also feststelle dass ich tatsächlich ein Herz für Countrymusik haben könnte nachdem ich meine erste "Best Of Johnny Cash" geliehen bekam höre ich mir einige seiner Alben an, schaue nach "verwandten" Künstlern und gehe eben nicht direkt drei Türen weiter in Richtung Speedmetal.
Ist eben vielleicht eine etwas andere Herangehensweise als Deine (und ich bin sicher weit entfernt davon ein "Spezialist" zu sein).
Wie hältst Du das denn?

Whole Lotta Pete
18.03.2008, 00:24
Ohne negatives Ansinnen: Viele hier gefragte Inhalte wurden schon mal in dem Thread "Musikalische Bandbreite (http://forum.rollingstone.de/showthread.php?t=21617)" diskutiert. Ein Blick da rein gibt auch Aufschluss zum Thema Entdeckungen bzw. Festlegung auf Genre.

Mistadobalina
18.03.2008, 00:33
Mich interessiert die Entwicklung der populären Musik von ihren Anfängen bis heute. Das verbietet von vornherein irgendwelche Spezialisierungen. Einiges, das meinen musikalischen Neigungen überhaupt nicht entspricht, wie Metal oder Reggae, klammere ich dabei aus. Anderes wie Country Music (die aus persönlichen Gründen immer ein bisschen jenseits meiner Vorlieben lag) habe ich noch vor mir. Da es also immer noch etwas aufzuarbeiten gilt, ich aber andererseits auch so neugierig auf neue Entwicklungen bin, werde ich wohl bis an mein Lebensende beschäftigt sein.

Mikko
17.06.2008, 10:16
Ich pack das folgende Zitat mal hier hinein.


Wir wissen doch alle, dass es gegenwärtig ungefähr 10.000 Bands gibt, deren Musik wir lieben würden, aber wohl nie kennenlernen werden. So what? Ich halte es mit der Musik wie mit anderen Herzensangelegenheiten auch: Dauerlieben, Bekanntschaften, stürmische Affären. Was davon Bestand hat, zeigt sich von selbst und wird dann eben aus Interesse und ohne dass man sich zwingen muss mehr gepflegt und studiert.
Ich muss nicht immer vorne mitschwimmen, alles Neue sofort mitkriegen, alle Klassiker schon seit Jahrzehnten gekannt haben; bislang hat gute Musik mich immer gefunden. Sela.

Sehr schön gesagt und sehr treffend!

just me
17.06.2008, 10:25
Ohne negatives Ansinnen: Viele hier gefragte Inhalte wurden schon mal in dem Thread "Musikalische Bandbreite (http://forum.rollingstone.de/showthread.php?t=21617)" diskutiert. Ein Blick da rein gibt auch Aufschluss zum Thema Entdeckungen bzw. Festlegung auf Genre.
ja schon, aber es gibt ja auch viele neue user hier die auch gerne was tippen möchten unter einem anderen Aspekt als viele "Alten und weisen" mit 11 000 Einträgen das Thema schon längst gegessen haben
oder?

just me
17.06.2008, 10:29
Mich interessiert die Entwicklung der populären Musik von ihren Anfängen bis heute. Das verbietet von vornherein irgendwelche Spezialisierungen. Einiges, das meinen musikalischen Neigungen überhaupt nicht entspricht, wie Metal oder Reggae, klammere ich dabei aus. Anderes wie Country Music (die aus persönlichen Gründen immer ein bisschen jenseits meiner Vorlieben lag) habe ich noch vor mir. Da es also immer noch etwas aufzuarbeiten gilt, ich aber andererseits auch so neugierig auf neue Entwicklungen bin, werde ich wohl bis an mein Lebensende beschäftigt sein.
oh! Also ohne "no woman no cry" könnte ich keinen heißen Sommer aushalten
so am See mit Blick in die Ferne.... und einer kleinen Träne im Auge
dass es ihn nichtmehr gibt

beetlejuice
17.06.2008, 10:36
Wenn man eine Vorliebe für einen Musikstil entwickelt, ist es wahrscheinlich, dass man mehr aus dieser Richtung kennenlernen möchte, ohne aber einen Vollständigkeitsanspruch zu haben. Dabei liegt der Spaß am Nachforschen aber im Musikerlebnis selbst. Ich selbst schließe für mich fast keine Musikrichtung aus (naja, gegen Death Metal, Rap und Tekkno habe ich "weltanschauliche" Vorurteile). Dennoch stelle ich fest, dass mir bestimmte Merkmale meist gefallen. So stoße ich z.B. momentan öfter auf melancholische Musik aus Schweden, die mich begeistert, also fange ich an, mich gezielter in der Richtung zu informieren.

So wie Du gehe ich auch vor, und ich bin manchmal sehr überrascht, welche Bezüge ich dann finde, wenn mich näher informiere (Einflüsse, Überschneidungen von Genres, etc.). Seit ich Musik höre habe ich Phasen, in denen ich mich bestimmten Richtungen auseinandersetze (meistens durch Einflüsse von Leuten, die ich gut kenne, und seit ich in diesem Forum bin, auch durch Anregungen von Usern hier). Ich greife auch gern noch auf die Erfahrungen von abgeschlossenen Phasen zurück - diese können sogar sehr viele Jahre zurückliegen. Bei mir ist es ein ständiges Neuaufnehmen von Eindrücken, kein Kommen und Gehen.

Carrot Flower
17.06.2008, 11:23
Sehr schön gesagt und sehr treffend!

Vielen Dank.