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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Last und Lust der Mühe



dougsahm
19.11.2006, 09:46
Das Thema beschäftigt mich schon länger. Ist es sinnvoll allgemein respektierte Alben häufiger zu hören, obwohl man anfänglich nichts oder wenig damit anfangen kann ?

Ich beantworte diese Frage inzwischen für mich mit „Nein“.

Letzter Auslöser waren für mich die Kommentare zu Joanna Newson „Is“ und Oldhams „The Letting Go“. Z.B. tops sprach davon, dass man schon etwas Mühe aufwenden müsse, um sich Ersteres zu erschließen.
http://www.rollingstone.de/forum/showpost.php?p=992018&postcount=52
Mein Mühebudget ist aber bereits durch Beruf, Sport und Familie ausgeschöpft. Es lohnt sich einfach nicht, sich durch Mühe Alben zu erschließen, wenn man dafür andere Alben, die einen beim ersten Hören bereits begeistern zurückdrängt - meine ich. Grob geschätzt bleibt der erste Eindruck in 98 % der Fälle bestehend. Lohnt es sich für die restlichen 2 % ca. 10-20 % der Musikbeschäftigungszeit aufzuwenden ?

Als junger Mensch wurde meine Mühe 2 x belohnt. Miles Davis und Coltrane habe ich mir permanenter Auseinandersetzung erschließen können. Aber inzwischen gibt es prominente Beispiele, dass das meist nicht gelingt: Zunächst Smiths und Costello, später Nick Drake und Scott Walker und in jüngster Zeit eben Newson, Oldham oder auch Arcade Fire. Ich weiss, dass die genannten Interpreten gut sein sollen / müssen und würde in der Tat gerne das Essentielle daran erkennen wollen. Die Mühe wurde aber nicht belohnt.

Ich will keine Diskussion über die genannten Interpreten anzündeln. Sie dienen nur der Illustration.

Ich will am liebsten Gegenargumente hören, warum es sich lohnt / sich jahrzehntelang lohnen könnte, Mühe aufzuwenden, sich auf den ersten Hördurchgang ungeliebte Interpreten zu erschließen, wenn aufgrund des Zeitbudgets dabei das Geliebte zeitlich in die 2. Reihe gedrängt wird.

Bin beileibe keiner, der ungewohnte Klänge ablehnt. Aber ich habe es satt Mühe aufzuwenden für eine kulturelle Freizeitbeschäftigung. Verfechter der These „man muss sich hin und wieder Alben erarbeiten“, meldet Euch. Würde gerne wissen warum aus Eurer Sicht diese Mühe sinnvoller investiert ist statt sich gleich ohne Umwege mit den Alben zu beschäftigen, die einen begeistern. ((Wenn Kultur mein Beruf wäre, würde ich natürlich Mühe nicht scheuen.))

((PS: Das Argument Horizonterweiterung gilt nicht. Ich höre mit Begeisterung in gleicher Weise die Dellnhauser Musikanten sowie Skerik’s Syncopatet Taint Septet.))

Krautathaus
19.11.2006, 10:42
Bin zwar nicht der Verfechter des "Erarbeitens" (also ein Album 4 Mal hintereinander zu hören), aber daß sich Alben erst nach dem 5. oder 6. Durchgang erschließen, habe ich oft erlebt.

Nur "zwinge" ich mich nicht dazu, sondern ich fühle in der Regel, daß sich mir das Album nicht erschlossen hat und lege es erst mal zur Seite.
Dann höre ich es mir immer wieder mal an, und da können teils auch Tage/Wochen dazwischen liegen. Meine Stimmungslage ändert sich auch täglich, also werde ich das Album in möglichst verschiedenen Stimmungslagen (mal morgens, mal spät nachts etc.) probieren.
Entweder es funktioniert und es "öffnet sich mir", oder es funktioniert nicht und ein "Meisterwerk" bleibt mir verschlossen. Dann kann ich`s auch bleiben lassen...wie z.B. im Fall der The Smiths.
Trotzdem kann es Jahre später (wie kürzlich bei "Grateful Dead") passieren, daß ich aus einer ganz anderen Verbindung (z.B. Ryan Adams) auf einmal den Zugang finde, und dann loslegen kann...

Warum klappts oft gerade beim "Neuen Album vom Neuen Künstler" nicht beim ersten Mal?
Weil ich in der Regel den Künstler und seinen Stil/Vorgehensweise/Charakteristik nicht kenne.
Ich nenne es mal die "Persönlichkeit" des Künstlers.
Wenn ich z.B. von Wilco alle Alben v. "A.M." bis "A ghost is born" gut kenne und den gemeinsamen Nenner herausfilter, bleibt die "Persönlichkeit" v. Tweedy b.z.w. der Stil von Wilco übrig.

Wenn jemand zum ersten Mal "A.M." hört, wird sein erster Eindruck es in die Americana Schiene schieben und ist evtl. mit Vorurteilen behaftet. Das "A ghost is born" würde er in die eher experimentelle rockige Ecke verfrachten und auch hier hat der Hörer evtl Vorurteile.
Sprich der erste eher oberflächliche Eindruck läßt einen nicht weiter vordringen. Auch der Klang (Sound) hindert manchmal das Weiterkommen/tiefer dringen.

Genau dieses gilt es (aus meiner Sicht) zu überwinden. Mal den Sound, Produktion, Stil beiseite lassen, und versuchen die Songs in ihrer "Essenz" zu erfassen.
Wie es Tweedy bei seinen Soloauftritten praktiziert.

Langfristig bleiben Alben bei mir nur dann Dauerbrenner, wenn mir der Kern der Musik/der Songs zusagt. Da helfen oft die einfallsreichsten Arrangements und Produktion nichts.

Mikko
19.11.2006, 11:08
Es fällt mir schwer, hier einen sozusagen "objektiven" Kommentar abzugeben. Denn die Beschäftigung mit Rock- und Popmusik ist mein Job. Und ich muss zugeben, wenn es nicht so wäre, würde ich u.U. eher zu dougsahms Haltung neigen. Andererseits stelle ich immer wieder fest - ähnlich wie es Krautathaus schon andeutete - dass es durchaus lohnt, immer mal wieder zu Platten und Künstlern zurückzukehren, die einem eigentlich fremd oder gleichgültig waren. Unter einem veränderten Blickwinkel, in einer anderen Hörsituation, erschließen sich plötzlich Dinge, die man zuvor gar nicht wahrnahm.
Ich glaube, was doug meint, das sind vor allem auch die "anstrengenden" Platten, die von jedem Hörer eine erhöhte Aufmerksamkeit und ein intensives Beschäftigen verlangen. Wenn einen solche Platten nicht gleich bewegen oder mitnehmen, dann lässt man es gerne sein.
Und ich muss zugeben, dass z.B. die letzte Scott Walker LP zwar zu den faszinierendsten und auf ihre Art großartigsten Platten des Jahres gehört, dass ich sie aber nicht guten Gewissens zu meinen Lieblings-LPs des Jahres zählen kann, weil mir das Zuhören nach wie vor Anstrengung und Mühe abverlangt.
Insofern verstehe ich dougs Haltung sehr gut. Und doch möchte ich ebenfalls darauf bestehen, dass es auch für jemanden, der sich "nur" als Musikliebhaber ohne professionelle Verpflichtung oder Ambition versteht, einfach sinnvoll und ratsam ist, sich auch mit Platten zu beschäftigen, die er nicht zu seinen persönlichen Favoriten zählt. Es erweitert einfach den Horizont. Und es hilft mitunter, die eigenen Favoriten unter ganz anderem Hörwinkel zu goutieren.

Krautathaus
19.11.2006, 11:15
Und doch möchte ich ebenfalls darauf bestehen, dass es auch für jemanden, der sich "nur" als Musikliebhaber ohne professionelle Verpflichtung oder Ambition versteht, einfach sinnvoll und ratsam ist, sich auch mit Platten zu beschäftigen, die er nicht zu seinen persönlichen Favoriten zählt. Es erweitert einfach den Horizont. Und es hilft mitunter, die eigenen Favoriten unter ganz anderem Hörwinkel zu goutieren.

Da kann ich Dir nur mit vollem Herzen beipflichten.

observer
19.11.2006, 11:43
Ich finde es prinzipiell sehr lohnenswert, sich nicht nur vom ersten Eindruck leiten zu lassen, sondern sich auch mal an einer Platte "abzuarbeiten". Oft genug hat das schon zu überraschenden Hörerlebnissen geführt. Es ist mir dann schon mehrmals so ergangen, dass genau diese Alben, die nicht meinem sonstigen Hörspektrum entsprachen, mich am meisten beeindruckt haben.

Es muss aber natürlich ein Impuls gesetzt werden, dass man überhaupt bereit ist, sich mehrmals damit auseinander zu setzen. Das sind dann für mich entweder Anregungen aus dem Freundes- bzw Forumskreis. Leute, deren Geschmacksprofil man einschätzen und einordnen kann. Kritikermeinungen spielen da für mich eher eine untergeordnete Rolle, da in der Regel der persönliche Bezug fehlt. Ein weiterer Grund sind ungewöhnliche Veröffentlichungen von vertrauten Künstlern (sei es unter eigenem Namen oder innerhalb anderer Projekte oder unter anderem Namen). Und manchmal, da komme ich direkt zu dougsahms Ausgangspost zurück, ist es einfach Intuition, dass man spürt, dass ein bestimmtes Album ein großes Potential in sich trägt, was einer tiefer gehenden Beschäftigung bedarf. Und damit meine ich derzeit z.B. auch Joanna Newsom.

Merlot
19.11.2006, 11:44
Es muss ja irgendetwas gegeben haben, um mir ein Album zu kaufen. Egal, wie der Musiker heißt. Oftmals ist es nur ein Track aus diesem Album, wie z.B. "Better Off Without A Wife" von Waits bei "Nighthawks At The Diner". Beim erstmaligen Hörens fand ich das Album sonst langweilig und anstrengend.

Über die Jahre hinweg ist es zu einem meiner Lieblingsalben geworden. Das Beschäftigen über die Jahre hinweg eröffnete mir ein wunderbares Livealbum mit sovielen einzelnen Fragmenten, was mir jeden Track und das Album näher brachte.

Wenn es nicht Waits gewesen wäre, sondern vielleicht ein anderer Künstler... keine Ahnung, ob ich mich damit intensiver beschäftigt hätte. Doch jedes Album verstaubt bei mir einfach nicht, welches ich mir kaufte. Somit sehe ich die Investition in ein Album, gleichzeitig als Auftrag mich damit auseinanderzusetzen... auch wenn es Jahre dauert.

otis
19.11.2006, 12:58
Eine Notwendigkeit sich Platten zu erarbeiten oder sich gar an ihnen abzuarbeiten, die von Kritikern/Freunden etc. empfohlen werden, sehe ich nicht. Wie Observer andeutet, gibt es aber sicher Platten, die man sich aus irgendeinem inneren Grund erforschen möchte, weil sie irgendetwas haben, das einen anlockt.
So höre ich gerade Moondog. Musik, die ich schon vor 35 Jahren wahrgenommen habe; aber erst nach zwei-, dreimaliger Rootsbeschallung im Laufe der letzten Jahre fiel der Groschen. Ich spürte die SOgkraft der Musik. Heute möchte ich ohne seine Musik nicht mehr leben.
Y's lockt mich ein wenig, also werde ich sie anhören. Arcade Fire lockt mich gar nicht.

grizz
19.11.2006, 13:09
Ein Beispiel: Ich habe mir auf Empfehlung meines Plattenhändlers Anfang der 90`er Jahre ein Album von Liquid Jesus mitgenommen ohne es vorher anzuhören.
Beim ersten Hören zuhause, war ich dann der Überzeugung einen ziemlich tiefen Griff ins Klo getan zu haben. Album weggepackt und fast vergessen.
Ein gutes Jahr später, fiel es mir wieder in die Hände und beim vorsichtigen Wiederanhören fand ich es grossartig. Es gehört heute noch zu meinen Favoriten. Was ist da wohl passiert?
War ich beim ersten Hören in der falschen Stimmung? Bin ich damals zu oberflächlich ran gegangen? Ich habe heute noch keine Ahnung!
Es beweisst mir aber, das manche Musik Zeit braucht und man sich immer weiterentwickelt. Wahrscheinlich ist es das was Musik für mich einzigartig macht, man erlebt immer wieder Überraschungen und entdeckt sich und seinen Geschmack immer wieder neu.
Deswegen gehe ich heute mit Musik viel entspannter um, erschliesst sich mir ein Album nicht auf Anhieb, lasse ich es liegen. Höre zu einem späteren Zeitpunkt wieder rein, ob sich was in meiner Wahrnehmung geändert hat. Wenn nicht, packe ich es wieder weg. Vielleicht gefällt es mir in 10 Jahren. Wie gesagt, spannend allemal!

Ah Um
19.11.2006, 13:21
Mir gefallen die Begriffe "Mühe" und "Erarbeiten" in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Auch für mich ist die Beschäftigung mit Musik Hobby und Freizeitvergnügen. Und dieses Vergnügen besteht darin, mich so oft es eben geht hinzusetzen und konzentriert zuzuhören. Das macht mir erheblich mehr Spaß als Musik nur nebenher bei irgendwelchen anderen Tätigkeiten zu konsumieren.
Die Freude besteht dabei zu einem erheblichen Teil im Zuhören selbst. Es geht gar nicht so sehr darum, darauf zu warten, ob etwas nun gefällt oder nicht. Man braucht auch nicht verzweifelt auf "Zugang" zu der Musik zu drängen; die Töne kommen von ganz allein. Man muss nur aufhören, nach gewissen akustischen Schlüsselreizen zu suchen, die einem in der Vergangenheit Freude bereitet haben.
Wenn man das tut (und natürlich einige Erfahrung hat), kann man auch neue Musik schon beim ersten Hören ziemlich zutreffend beurteilen. Wenn ein Album nach wiederholtem Hören zu "wachsen" beginnen sollte, dann spräche das m.E. nicht für das Album, sondern eher gegen mein Urteilsvermögen.
Und die üblichen Kritikerlieblinge kaufe und höre ich soweit möglich. Zum einen, weil die Erfahrung gezeigt hat, dass die Mehrheit der Kritiker in der Regel durchaus richtig liegt. Und zum anderen aus purer Neugier und um Mitreden zu können.

dougsahm
19.11.2006, 13:29
Wenn ein Album nach wiederholtem Hören zu "wachsen" beginnen sollte, dann spräche das m.E. nicht für das Album, sondern eher gegen mein Urteilsvermögen.
Bemerkenswerter Gedanke. Den hatte ich bisher so noch nicht.

... zu manch anderen Meinungen äusser ich mich schon auch noch - wenn mehr Zeit ist - meinerseits...

otis
19.11.2006, 13:35
Ich stimme Ah Um weitgehend zu.

Natsume
19.11.2006, 13:51
Mir gefallen die Begriffe "Mühe" und "Erarbeiten" in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Auch für mich ist die Beschäftigung mit Musik Hobby und Freizeitvergnügen. Und dieses Vergnügen besteht darin, mich so oft es eben geht hinzusetzen und konzentriert zuzuhören. Das macht mir erheblich mehr Spaß als Musik nur nebenher bei irgendwelchen anderen Tätigkeiten zu konsumieren.

Nur stehen diese Begriffe in einem direkten Zusammenhang mit dem bewussten Erleben von Musik.
Egal ob es darum geht, dem Text zu folgen und ihn auszulegen oder musikalische Feinheiten zu entdecken:
die intensive Beschäftigung ist immer auch ein mühevoller Prozess, weshalb man sich den Zugang durchaus
ab und zu auch erarbeiten muss und sollte. Musik, die sofort "funktioniert", finde ich mittlerweile sogar eher langweilig.

Krautathaus' Vorschlag, ein Album zuerst an den Songs zu anzupacken,
halte ich für sinnvoll. Diese Methode hat mir den Zugang zu vielen
Künstlern ermöglicht, für die ich zunächst nicht viel übrig hatte, die
ich nun aber nicht mehr missen möchte (Ryan Adams, The Decemberists,...).

Da hier Joanna Newsom wiederholt als Beispiel genannt wurde: Sie macht es uns auf ihrem neuen Album nun wirklich
leicht, es strotzt geradezu vor großartigen Ideen und Melodien.

Ah Um
19.11.2006, 15:34
Egal ob es darum geht, dem Text zu folgen und ihn auszulegen oder musikalische Feinheiten zu entdecken:
die intensive Beschäftigung ist immer auch ein mühevoller Prozess, weshalb man sich den Zugang durchaus
ab und zu auch erarbeiten muss und sollte. Musik, die sofort "funktioniert", finde ich mittlerweile sogar eher langweilig.

Meine (natürlich angreifbare These) lautet eher: Die Musik selbst "funktioniert" immer unmittelbar. Tut sie das nicht, liegt es am Zuhörer und dessen Einstellung.
Immerhin soll es Leute geben, bei denen auch "The Drift" oder Coltranes "Ascension" unmittelbar funktionieren. Bei "Ys" dürften dies sogar noch einige mehr sein.

Dass konzentriertes Zuhören Voraussetzung zum wirklichen Genuss ist, halte ich für selbstverständlich. Ich wende mich eher gegen die offenbar weit verbreitete Annahme, für den Musikgenuss gelte das gute alte puritanische Motto "Ohne Fleiß kein Preis". Wäre Musikhören Arbeit, würde ich sofort damit aufhören.

Selbstverständlich ist es Arbeit und Mühe, die beim Hören gewonnenen Eindrücke zu verbalisieren und zu systematisieren, zu vergleichen und zu bewerten. Der Job des Kritikers oder Musikwissenschaftlers eben. Die Eindrücke selbst entstehen jedoch von ganz allein.

Daniel_Belsazar
19.11.2006, 16:43
Ich wende mich eher gegen die offenbar weit verbreitete Annahme, für den Musikgenuss gelte das gute alte puritanische Motto "Ohne Fleiß kein Preis". Wäre Musikhören Arbeit, würde ich sofort damit aufhören.

Die Eindrücke selbst entstehen jedoch von ganz allein.

Würde meine Arbeit mir nicht auch grundlegend Vergnügen bereiten, würde ich damit auhören. Anders ausgedrückt: "Mühe" muss nicht notwendigerweise mit fremdbestimmter Sklavenarbeit synonym gesetzt werden. Auch persönliche Weiterentwicklung ist oft mit Mühe verbunden (das wird mir übrigens zurzeit jeden Tag an meinen Kindern immer wieder deutlich).

Und in diesem Sinne gibt es immer auch Musik, die "mühsam" zu hören ist. Die Motivation zum Hören solcher Musik liegt dann wohl weniger in der unmittelbaren sinnlichen "Lust"-Erfahrung, sondern eher in der Erweiterung meines Horizonts, also in Erkenntnisgewinn - was einen mit Befriedigung erfüllen kann. Heißt in Folge auch, dass der Begriff "Eindruck" nicht hinreicht, um die geistige Erkenntnisdimension, die Musik besitzen kann, zu beschreiben.

Ob man sich dieser Mühe unterziehen will, hat in erster Linie mit dem eigenen Willen zu tun. Will ich das oder nicht? Die Antwort auf diese Frage kann beeinflusst sein durch Anknüpfungspunkte wie vorherige Hörerfahrungen oder Empfehlungen von Freunden, Kritikern oder wem auch immer. Oft hängt die Antwort auch von der Situation - sei es die grundlegende Lebenssituation wie z.B. Alter oder aktuelle Umwelt-Einflüsse - ab, in der man sich befindet. Diese Motive finden sich ja auch in verschiedenen Posts zu diesem Thread.

Beantworten kann es am Ende immer nur der Einzelne. Insofern: Ich mühe mich dann, wenn ich der Meinung bin, es lohnt sich. Nicht immer tut es das übrigens, das sind dann Enttäuschungen. Wenn dies bei Empfehlungen bestimmter Personen immer wieder passiert, folge ich den Empfehlungen dieser Personen in der Regel nicht mehr. Gilt umgekehrt genauso.

OldBoy
19.11.2006, 17:34
Ich bin mittlerweile an dem Punkt, dass ich versuche, bereits beim ersten Hören zu entscheiden, ob die Musik gut oder schlecht ist. Ich glaube nicht mehr an Alben, die sich mir nach einer Weile "erschließen". Diese Alben sind nämlich meistens die, die man dann irgendwann nur mag, weil einem die Songs geläufig sind. Das ist zu wenig. Die Musik muss mich beim ersten Mal wenigstens ansprechen. Bestes Beispiel: Die neue Yo La Tengo hab ich nach einem Mal Hören sofort verschenkt, auf die Gefahr hin, dass sie mir nach dem dritten, vierten mal vielleicht ganz gut gefallen hätte. Aber das war mir einfach zu uninteressant..

Flatted Fifth
19.11.2006, 18:40
Die Ausführungen zur Mühe des Erarbeitens erinnert mich ein wenig an die Diskussion über die Wertigkeit von Musik, die hier vor Monaten geführt wurde. Was nichts kostet ist auch nichts wert, war dort die Meinung vieler. War dieser Ansatz in der Wertediskussion noch falsch, würde ich ihn an dieser Stelle wieder gelten lassen. Nichts ist spannender und nachhaltiger als ein Werk, welches man sich erarbeitet hat. Mühen nimmt man dafür in Kauf, wer das nicht tut ist auch nicht bereit für die Eroberung von Musik. Wenn ich nur Musik hören würde, die mir von Anfang an zugänglich ist, wäre ich wahrscheinlich aus frühen Jugendsünden heraus heute ein eingefleischter Phil Collins-Fan...

OldBoy
19.11.2006, 18:52
Die Ausführungen zur Mühe des Erarbeitens erinnert mich ein wenig an die Diskussion über die Wertigkeit von Musik, die hier vor Monaten geführt wurde. Was nichts kostet ist auch nichts wert, war dort die Meinung vieler. War dieser Ansatz in der Wertediskussion noch falsch, würde ich ihn an dieser Stelle wieder gelten lassen. Nichts ist spannender und nachhaltiger als ein Werk, welches man sich erarbeitet hat. Mühen nimmt man dafür in Kauf, wer das nicht tut ist auch nicht bereit für die Eroberung von Musik. Wenn ich nur Musik hören würde, die mir von Anfang an zugänglich ist, wäre ich wahrscheinlich aus frühen Jugendsünden heraus heute ein eingefleischter Phil Collins-Fan...

Ich finde, dass macht nur Sinn bei komplexer Musik wie z. B. Jazz, bei der mir als Laie das Verständnis noch nicht ausreicht, um gleich alles zu verarbeiten, zu verstehen und zu beurteilen. Bei einfach gestrickteren Sachen (Pop, Rock) ist das meiner Meinung nach was ganz anderes, da sollte man viel schneller urteilen können. So glaube ich auch, dass ein erfahrener Jazz- Musiker ein Jazz Album nach einem Hördurchgang bereits sehr gut einordnen kann.

Los, tretet mir in den Arsch!

MelodyNelson
19.11.2006, 18:59
[...]War dieser Ansatz in der Wertediskussion noch falsch, würde ich ihn an dieser Stelle wieder gelten lassen. Nichts ist spannender und nachhaltiger als ein Werk, welches man sich erarbeitet hat. Mühen nimmt man dafür in Kauf, wer das nicht tut ist auch nicht bereit für die Eroberung von Musik. Wenn ich nur Musik hören würde, die mir von Anfang an zugänglich ist, wäre ich wahrscheinlich aus frühen Jugendsünden heraus heute ein eingefleischter Phil Collins-Fan...

Ich denke, mit dieser Argumentation setzt du die Wertediskussion auf einer subjektiven Ebene fort. Bedeutet "erabeiten" für dich, dass man sich ein Werk zu eigen macht, um es ein Stück weit für sich zu besitzen? Wenn dem so ist, kann ich dir beipflichten. Die Alben, die für mich die größte (persönliche) Bedeutung haben, sind auch solche, die mich eine Zeit lang begleitet haben, an denen ich mich gebissen habe, die wuchsen.

Allerdings weiß ich nicht, ob man diesen Ansatz pauschalisieren sollte. man darf nie vergessen, dass Musik ein Ästhetikum ist, eine Ansammlung auditiver Reize, die einen unmittelbar, direkt trifft. Es muss einen Anreiz geben, sich mit einem Song, einem Album zu beschäftigen.

Flatted Fifth
19.11.2006, 19:04
Los, tretet mir in den Arsch!
Bitte:

So glaube ich auch, dass ein erfahrener Jazz- Musiker ein Jazz Album nach einem Hördurchgang bereits sehr gut einordnen kann.
Siehst Du. Komplexität ist relativ, daher macht mein Ansatz bei (vermeintlich) weniger komplexer Musik genauso Sinn. Es ist glaube ich auch nicht die Meisterung der Komplexität, sondern auch ein bewusstes Brechen mit den eigenen Hörgewohnheiten. Schon oft habe ich durchaus musikinteressierten Kollegen mal was vorgespielt, wobei diese sich sofort klingonisch abgewendet haben und mich verständnislos anschauten. Und das war "nur" Ryan Adams...

Flatted Fifth
19.11.2006, 19:12
Es muss einen Anreiz geben, sich mit einem Song, einem Album zu beschäftigen.
Den muss es natürlich geben und Du hast diesen Anreiz ja auch schon genannt: Man besitzt ein Werk für sich. Und ich würde weißgott nicht jedes Album aus sportlichen Gründen versuchen zu ergründen, gewisse Schlüsselreize sind in der Regel schon vorher vorhanden. Ich würde z.B. nie versuchen, ein Heavy Metal-Album für mich zu erforschen, weil mir diese Musik so absolut gar nichts gibt - der von Dir geforderte Anreiz fehlt einfach.

OldBoy
19.11.2006, 19:12
Bitte:

Siehst Du. Komplexität ist relativ, daher macht mein Ansatz bei (vermeintlich) weniger komplexer Musik genauso Sinn. Es ist glaube ich auch nicht die Meisterung der Komplexität, sondern auch ein bewusstes Brechen mit den eigenen Hörgewohnheiten. Schon oft habe ich durchaus musikinteressierten Kollegen mal was vorgespielt, wobei diese sich sofort klingonisch abgewendet haben und mich verständnislos anschauten. Und das war "nur" Ryan Adams...

guter Punkt. Ich bewege mich gerade musikalisch auf schön planierten Bahnen, deswegen habe ich an den Aspekt jetzt noch gar nicht gedacht.

Lengsfeld
19.11.2006, 19:16
... Wenn ich nur Musik hören würde, die mir von Anfang an zugänglich ist, wäre ich wahrscheinlich aus frühen Jugendsünden heraus heute ein eingefleischter Phil Collins-Fan...

Brother?! http://www.cosgan.de/images/smilie/sportlich/a080.gif

(zum Thema selbst vielleicht ein andermal ein paar Gedanken, wenn ich Zeit habe)

Ah Um
19.11.2006, 22:50
Würde meine Arbeit mir nicht auch grundlegend Vergnügen bereiten, würde ich damit auhören. Anders ausgedrückt: "Mühe" muss nicht notwendigerweise mit fremdbestimmter Sklavenarbeit synonym gesetzt werden. Auch persönliche Weiterentwicklung ist oft mit Mühe verbunden (das wird mir übrigens zurzeit jeden Tag an meinen Kindern immer wieder deutlich).

Natürlich ist Arbeit sinnvoll und selbstverständlich gibt es Mühen, die sich lohnen, und zweifellos ist die Welt kein Paradies der automatischen Instant-Befriedigung. Es ist nur so, dass ich das Musikhören dem Bereich der Muße zuordnen möchte, also den Dingen, mit denen man sich um ihrer selbst Willen beschäftigt. Der Gegenbegriff zu Arbeit. Und deshalb bin ich bestrebt, das Musikhören von Kosten-Nutzen-Erwägungen möglichst frei zu halten.
Ich sehe auch, dass dies nicht mit letzter Konsequenz möglich ist. So ist bereits das simple Konzept des "Zuhörens" keineswegs so voraussetzungsfrei und banal, wie das auf den ersten Blick scheinen mag.

Und ja, ich höre häufiger Musik, die man gemeinhin als "mühsam" einstufen würde, namentlich Free Jazz. Und natürlich mochte ich erst die Beach Boys bevor ich zu Ornette Coleman kam. Aber als "mühsam" habe ich die Beschäftigung damit nie empfunden.

Mikko
19.11.2006, 23:38
Die Ansätze der Musik Rezeption sind natürlich durchaus verschieden.
Eine Platte, zu der ich mir einen Zugang erst "erarbeiten" musste, kann mir auf lange Sicht u.U. genauso wichtig und lieb werden wie eine andere Platte, die mich spontan begeistert, die sofort mein Gefühl anspricht. Entscheidend ist - und das wurde ja auch schon mehrfach angesprochen - , ob ich ein Interesse an einer Platte habe. Wie auch immer sich das zunächst begründet. Es kann eine Empfehlung eines Menschen sein, dessen Urteil ich vertraue. Es kann die Lieblingsplatte eines Menschen sein, der mir etwas bedeutet. Mein Interesse kann aussermusikalischen Gründen entspringen. Und was genau Mühe bedeutet und was Lust, das ist individuell sicher auch verschieden. Ganz abgesehen von der Lust der Mühe, die in manchen Fällen auch dazu gehört.
Kosten-Nutzen-Faktoren gehören hier nicht her, da gebe ich Ah Um Recht. Nicht primär jedenfalls. Die Beschäftigung mit Musik gehört zunächst mal zu den eher angenehmen Dingen des Lebens. Umso schöner wenn sie sogar noch honoriert wird. Und damit wir uns nicht falsch verstehen, was ich als Musikredakteur mache, das ist trotzdem Arbeit.

Mark Oliver Everett
20.11.2006, 00:10
mikko hat das für mich ziemlich passend zusammengefasst. so ungefähr seh ich das auch.

Flatted Fifth
20.11.2006, 01:02
Es ist nur so, dass ich das Musikhören dem Bereich der Muße zuordnen möchte, also den Dingen, mit denen man sich um ihrer selbst Willen beschäftigt. Der Gegenbegriff zu Arbeit. Und deshalb bin ich bestrebt, das Musikhören von Kosten-Nutzen-Erwägungen möglichst frei zu halten.


Kosten-Nutzen-Faktoren gehören hier nicht her, da gebe ich Ah Um Recht. Nicht primär jedenfalls.
Ich weiß, worauf ihr hinaus wollt, aber trotzdem sei kurz angemerkt, dass eine Kosten-Nutzen-Betrachtung sehr wohl stattfindet, und zwar durchaus primär. Nur ist der Nutzen bei Euch so hoch (wie bei mir auch), dass die Kosten im Vergleich dazu gar nicht erwähnenswert sind. Positive Bilanz also ohne große Anstrengungen... ;-)

Vega4
20.11.2006, 10:34
Also ich setze mir schon Grenzen. Gefällt mir eine Platte nach dem 8 Hördurchgang noch immer nicht stelle ich sie ins Regal und lass sie mal ca. ein Jahr ruhen. Dann versuche ich einen letzten Anlauf....
Gerade die Alben, für die ich etwas länger gebraucht habe sind heute meine Lieblinge. Oft ist es nicht gerade ein gutes Zeichen, wenn einen die Musik auf Anhieb gefällt. Meistens hat sie dann sehr schnelle Abnutzerscheinungen. Trotzdem zahlen sich auch solche Werke aus. Ist halt Musik für den Augenblick...

Merlot
20.11.2006, 13:00
Schon oft habe ich durchaus musikinteressierten Kollegen mal was vorgespielt, wobei diese sich sofort klingonisch abgewendet haben und mich verständnislos anschauten. Und das war "nur" Ryan Adams...

Bleibt dabei nicht in dir das Gefühl der Ignoranz zurück?

Ich wende mich nicht ab. Jedoch zeigt die Erfahrung in mir, dass bei bestimmten musikalischen Kategorien es zwecklos ist, mich damit auseinanderzusetzen. Fast 4 Jahrzehnte beschäftige ich mich eingehender, wenn auch als Hobby, mit der Musik... von Klassik über Jazz bis hin zum "einfachen" Pop. Ein Timberlake oder eine Hilton werden jedoch niemals eine Chance von mir bekommen, sich auch nur den Hauch von Zeit mit Mühe zu befassen.

Ja, ich bin ignorant... aber diese Ignoranz ist ein Stück Lebenserfahrung und Qualtität. Lieber verzichte ich darauf ein Terry Callier Track jemanden vorzuspielen, als mir Kommentar über meinen außerirdischen Geschmack anzuhören. Der Wert und die Mühe, welche ich Musik zuordne oder aufbringe, ergibt sich im reinen Verständnis meiner Liebe und Freude an jener Musik. Was mich auch unabhängiger von irgendwelchen Rezensionen oder Beurteilungen macht.

thomlahn
20.11.2006, 13:12
Gerade wenn ich von der eigenen Geschacksautobahn mal abfahre, lasse ich die Sachen halt mal liegen, wenn sie sich nicht sofort erschliessen. Das hat schon oft geholfen und nichts mit 'Schönhören' zu tun. Dafür fälle ich mein Urteil im angestammten Genre heute umso schneller.

Bauer Ewald
20.11.2006, 13:46
Das Thema beschäftigt mich schon länger. Ist es sinnvoll allgemein respektierte Alben häufiger zu hören, obwohl man anfänglich nichts oder wenig damit anfangen kann ?

Ich beantworte diese Frage inzwischen für mich mit „Nein“.
...

Tendenziell sehe ich es ähnlich wie Du. Die für mich persönlich wichtigste Frage nach ein- oder zweimaligem Hören eines Albums ist: "Habe ich Lust, das Album oder wenigstens Teile davon gleich nochmal zu hören?" Wenn mir auch nur irgendetwas gefallen hat, ich beim ersten Hören auch nur einmal aufgehorcht habe, dann will ich das. Ansonsten lohnt sich nach meiner Erfahrung eine längere Beschäftigung nicht.

Leider erlebe ich in den letzten Jahren oft einen gegenteiligen Effekt: Alben, die mir beim ersten oder zweiten Hören außerordentlich gut gefallen, nutzen sich schnell ab.

Dick Laurent
20.11.2006, 13:48
Gerade wenn ich von der eigenen Geschacksautobahn mal abfahre, lasse ich die Sachen halt mal liegen, wenn sie sich nicht sofort erschliessen. Das hat schon oft geholfen und nichts mit 'Schönhören' zu tun.
So siehts aus. Liegenlassen ist was ganz wichtiges!
Umso erstaunter bin ich immer, wie hier viele auf Kommando sich neue Alben erschliessen, um dann auch noch zu ähnlichen Ergebnissen zu kommen. Kommt mir alles immer etwas ferngesteuert vor...

Malibu
20.11.2006, 13:49
Da es bei mir selten vorkommt, dass ich eine Platte beim ersten Hören verstehe, hat Entdecken neuer Musik bei mir eigentlich immer etwas mit Mühe zu tun. Allerdings ist diese Mühe ein beträchlicher Anteil des Spaßes, den ich am Musik hören habe. Ist also eigentlich keine Mühe.

Wie viel Aufwand ich dabei treibe, hängt natürlich davon ab, wie viel ich als Gegenleistung erwarte. (D.h. ich werde mich nicht so eingängig um das Werk z.B. Dieter Bohlens oder Bon Jovis kümmern, als dass ich sicher sagen könnte, dass mir wirklich überhaupt kein noch so kleiner Teil ihrer Werke etwas sagt, das wäre zu viel Mühe.) Wenn ich im Laden in ein Album reinhöre, das mich total verwirrt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Platte kaufe, ziemlich hoch.

Ein anderer Aspekt ist, wie viele Chancen ich Künstlern gebe, die allgemein aber nicht von mir anerkannt sind. Meistens läuft es darauf hinaus, dass ich mir alle paar Jahre mal wieder ein Stück antue und prüfe, ob sich etwas verändert hat. Eigentlich investiere ich in letzter Zeit nicht sehr viel in solche Aktionen.

Nes
20.11.2006, 16:50
Mir gefallen die Begriffe "Mühe" und "Erarbeiten" in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Auch für mich ist die Beschäftigung mit Musik Hobby und Freizeitvergnügen. Und dieses Vergnügen besteht darin, mich so oft es eben geht hinzusetzen und konzentriert zuzuhören. Das macht mir erheblich mehr Spaß als Musik nur nebenher bei irgendwelchen anderen Tätigkeiten zu konsumieren.
Die Freude besteht dabei zu einem erheblichen Teil im Zuhören selbst. Es geht gar nicht so sehr darum, darauf zu warten, ob etwas nun gefällt oder nicht. Man braucht auch nicht verzweifelt auf "Zugang" zu der Musik zu drängen; die Töne kommen von ganz allein. Man muss nur aufhören, nach gewissen akustischen Schlüsselreizen zu suchen, die einem in der Vergangenheit Freude bereitet haben.
.

So schauts aus.
100% meine Ansicht.

*Martin*
20.11.2006, 19:25
Ich weiss noch, wie ich über Blood On The Tracks gewettert habe und nun ist es eines meiner liebsten Dylan Alben. Manche Werke haben eben so viel an Klasse, die erschließt sich erst nach vielen vielen Hördurchgängen und selbst dann entdeckt man immer wieder etwas neues! (War mit Highway 61, Blonde On Blonde oder Time Out Of Mind nicht anders.)

Dörte Densing
20.11.2006, 19:40
Mein Mühebudget ist aber bereits durch Beruf, Sport und Familie ausgeschöpft.
Das hast du schön gesagt. Wie das überhaupt insgesamt auch ein toller Beitrag ist.
Ich finde Freunde und Familie auch wichtiger als Joanna Newsom.
Sich Musik schönhören ist so wie sich Männer schöntrinken. Irgendwann macht sich Ernüchterung breit.

nikodemus
20.11.2006, 20:20
Ich weiss noch, wie ich über Blood On The Tracks gewettert habe und nun ist es eines meiner liebsten Dylan Alben.

Stimmt, das hab ich noch im Ohr...aber so ist das manchmal bei Bob oder VU...:-)

Flatted Fifth
20.11.2006, 20:23
Bleibt dabei nicht in dir das Gefühl der Ignoranz zurück?

Ich wende mich nicht ab. Jedoch zeigt die Erfahrung in mir, dass bei bestimmten musikalischen Kategorien es zwecklos ist, mich damit auseinanderzusetzen. Fast 4 Jahrzehnte beschäftige ich mich eingehender, wenn auch als Hobby, mit der Musik... von Klassik über Jazz bis hin zum "einfachen" Pop. Ein Timberlake oder eine Hilton werden jedoch niemals eine Chance von mir bekommen, sich auch nur den Hauch von Zeit mit Mühe zu befassen.

Ja, ich bin ignorant... aber diese Ignoranz ist ein Stück Lebenserfahrung und Qualtität. Lieber verzichte ich darauf ein Terry Callier Track jemanden vorzuspielen, als mir Kommentar über meinen außerirdischen Geschmack anzuhören. Der Wert und die Mühe, welche ich Musik zuordne oder aufbringe, ergibt sich im reinen Verständnis meiner Liebe und Freude an jener Musik. Was mich auch unabhängiger von irgendwelchen Rezensionen oder Beurteilungen macht.
Das ist schon richtig, aber um Ignoranz geht es hier ja gar nicht. Mein Beispiel diente nur zur Veranschaulichung der Tatsache, dass auch wenig komplexe Musik nicht unbedingt eingängig sein muss.
Dein Ansatz ist nachvollziehbar und meiner Meinung auch richtig. In der unüberschaubaren Flut der Musik, welche man umfassend alleine gar nicht kennen kann (außer dagobert natürlich...) muss zwangsläufig eine persönliche Selektion stattfinden. Und ich würde das nicht als ignorant bezeichnen, das klingt so negativ. Nennen wir es Prioritäten setzen... ;-)

nikodemus
20.11.2006, 20:27
Sich Musik schönhören ist so wie sich Männer schöntrinken. Irgendwann macht sich Ernüchterung breit.

Ach Dörte Schnucki, du trinkst zu wenig, sonst hättest du das Problem doch gar nicht...:bier:

Flatted Fifth
20.11.2006, 20:29
Ich finde Freunde und Familie auch wichtiger als Joanna Newsom.
Alles ist wichtiger als Joanna Newsom... ;-)


Sich Musik schönhören ist so wie sich Männer schöntrinken. Irgendwann macht sich Ernüchterung breit.
Und ich dachte immer, nur die Männer trinken sich die Frauen schön...

Aber Spaß beiseite. Es geht hier ja nicht um Schönhören, das wäre Selbstbetrug. Entweder man hat ein Werk für sich entdeckt oder halt nicht. Wenn sich immer noch Ernüchterung breit macht, ist man immer noch nicht am Ziel.

marcos valle
20.11.2006, 22:19
Wenn ein Album nach wiederholtem Hören zu "wachsen" beginnen sollte, dann spräche das m.E. nicht für das Album, sondern eher gegen mein Urteilsvermögen.


das unterschreibe ich auch, jahrzehntelange beschäftigung mit musik lässt antennen wachsen um recht schnell zu spüren was geht oder eben nicht.

bei mir war es füher so, daß das sich "erarbeiten" von abseitigen ,mit allen hörgewohnheiten brechenden platten nur dazu geführt hat ungeliebte leichen im plattenkeller liegen zu haben.

irgendwo steht hier zb noch ESKIMO von den RESIDENTS im regal....

thomlahn
20.11.2006, 22:44
..

thomlahn
20.11.2006, 22:47
Wenn ein Album nach wiederholtem Hören zu "wachsen" beginnen sollte, dann spräche das m.E. nicht für das Album, sondern eher gegen mein Urteilsvermögen.

das unterschreibe ich auch, jahrzehntelange beschäftigung mit musik lässt antennen wachsen um recht schnell zu spüren was geht oder eben nicht.


Hört hört. Und wenn es so ist, soll man es dann halt mit der Musik lassen und doch wieder Modelleisenbahnen sammeln?

marcos valle
20.11.2006, 22:52
mach doch! du wirst sicher passende modelle finden.

OldBoy
20.11.2006, 22:59
das unterschreibe ich auch, jahrzehntelange beschäftigung mit musik lässt antennen wachsen um recht schnell zu spüren was geht oder eben nicht.

bei mir war es füher so, daß das sich "erarbeiten" von abseitigen ,mit allen hörgewohnheiten brechenden platten nur dazu geführt hat ungeliebte leichen leichen im plattenkeller liegen zu haben.

irgendwo steht hier zb noch ESKIMO von den RESIDENTS im regal....

na endlich einer, ders sagt, wies ist!

plüsch
21.11.2006, 12:32
unter meinen liebsten 50 alben sind jedenfalls fast ausschließlich alben, die mir so ziemlich vom ersten moment an zugesagt haben, sprich, die ich mir nicht in irgendeiner form "mühevoll erarbeiten" musste, oder die erst jahre nach dem kauf soweit gewachsen sind (und darunter sind durchaus alben, von denen viele vermeintliche experten behaupten, sie seien "schwierig").
wie siehts denn in dem sinne mit euren lieblingsalben aus?

Natsume
21.11.2006, 12:48
wie siehts denn in dem sinne mit euren lieblingsalben aus?

Einige "The Smiths"-Platten, die ich vor zwei Jahren keine 5 Minuten lang ausgehalten hätte, befinden sich heute unter meinen Favoriten. Die Mühe,
doch nochmal "nachzuhören" lohnt sich in vielen Fällen...

talking head
02.07.2012, 22:25
Lieben Dank an Bonjour ...

... obwohl der Thread schon uralt ist, möchte ich ihn gerne wieder aus der Versenkung heben.

Captain Beefheart - komme ich nach wie vor nicht mir klar.

Bob Dylan - von den hochverehrten Alben mag ich die meisten nach wie vor nicht. Bei Blonde On Blonde sind es inzwischen unzählige Versuche.

Tom Waits - Das kultisch verehrte "Swordfishtrombones" kann mir gestohlen bleiben. Die Frühwerke (vor dem für meine Ohren unhöhrbaren Reibeisengebrummel) überzeugen mich dagegen total.

Dream Theater - mag ich nachdem ich mich mit "Images And Words" einige Zeit und etliche Anläufe auseinandergesetzt habe.

Costello - Mochte ich von Anfang an. Meine beste Freundin hasst ihn bis heute zutiefst :lol:

Die Frage ist dennoch, ob man sich bei dem überaus breit gefächerten musikalischen Agebot überhaupt die Mühe machen sollte, von Kritikern und der Allgemeinheit kultisch verehrte Alben "schönzuhören" statt sie sich wirklich zu erschließen oder darf ich "Nevermind" bis zum Ende meiner Tage einfach Scheiße finden und das auch jedem Fan des Albums (von denen es einige geben soll) auf die Nase binden.

Ich meine ja :lol:

Onkel Tom
03.07.2012, 06:34
Die Frage ist dennoch, ob man sich bei dem überaus breit gefächerten musikalischen Agebot überhaupt die Mühe machen sollte, von Kritikern und der Allgemeinheit kultisch verehrte Alben "schönzuhören" statt sie sich wirklich zu erschließen oder darf ich "Nevermind" bis zum Ende meiner Tage einfach Scheiße finden und das auch jedem Fan des Albums (von denen es einige geben soll) auf die Nase binden.

Ich meine ja :lol:

Ich meine, ja. Man kann ja kaum die Musik hören, die einem sofort gefällt. weil das Angebot einfach zu groß ist. Warum sich also mit solchen Sachen "herumquälen"?

Mikko
03.07.2012, 08:23
Herumquälen sicher nicht, aber bei Platten, die mir von guten Freunden oder Bekannten empfohlen werden, höre ich doch ein- oder zweimal mehr genau hin. Wenn es dann nicht "klick" macht, lass ich es in der Regel auch sein.

Und bei Platten, die eigentlich aufgrund von Genre, Künstler etc. in mein "Beuteschema" passen sollten, da versuche ich dann auch rauszufinden, warum es nicht "klick" macht, falls es das nicht tut.

Und schließlich bemühe ich mich, Platten, denen allgemein eine gewisse Relevanz zugemessen wird, wenigstens so oft zu hören, dass ich mitreden kann respektive mir ein eigenes Urteil bilden kann. Das erfordert nicht zuletzt mein Job.

tolomoquinkolom
03.07.2012, 09:33
Die Frage ist dennoch, ob man sich bei dem überaus breit gefächerten musikalischen Agebot überhaupt die Mühe machen sollte, von Kritikern und der Allgemeinheit kultisch verehrte Alben "schönzuhören" statt sie sich wirklich zu erschließen...

Das Leben ist kürzer als man denkt. Wenn es denn schon sein muss, ist es sicher angenehmer Musik zu hören, die einem selbst gefällt und nicht Kritikern oder der Allgemeinheit. Das Bauchgefühl ist gar kein so übler Ratgeber.

ferry
03.07.2012, 11:24
Meine (natürlich angreifbare These) lautet eher: Die Musik selbst "funktioniert" immer unmittelbar. Tut sie das nicht, liegt es am Zuhörer und dessen Einstellung.


Diese These erscheint mir richtig.
Wenn man sich Musik erschliessen möchte, muss man als Zuhörer zu allererst an seiner Einstellung arbeiten !

tejazz
03.07.2012, 11:53
Auf Empfehlungen aus meinen Freundeskreis höre ich schon mal. Die Platten oder CDs werden dann geborgt und durchgehört. Wenn es nicht gleich gefällt, kann man später ja noch einmal darauf zurückkommen. Sie ist ja in Reichweite.

Manchmal ist es dann auch so, daß man meint, die Platte „hätte irgendwas“. Wenn der Punkt erreicht ist, wird sie mehrmals gehört. Dann kommt die Entscheidung, ob ich sie wirklich haben will oder sie eher nur das Regal weiter verstopft.

„Alte Helden“ haben einen Bonus bei mir, da wird die jeweils aktuelle Platte gekauft, bis der Punkt erreicht ist, an dem eine Neuerwerbung enttäuscht. Die darauffolgende Platte wird dann erst einmal im Laden oder am PC angehört.

Ansonsten reicht meine Zeit einfach nicht, mich den Sachen zu widmen, die von Kritikern oder einer relativ anonymen breiten Masse angepriesen werden.
Zudem ist es doch recht reizvoll, wenn andere Menschen andere Musik mögen, mitunter werden diese dadurch interessanter und die Musik ebenfalls (zumindest für den Augenblick).


Selbst wenn man die Familie und Freunde nicht einrechnet, gibt es noch mehr schöne, interessante Dinge neben der Musik.
Ich kann sowieso nicht allen und allem gerecht werden, also hilft nur Beschränkung, um das Wenige, das ich in Betracht ziehe, auch genießen und würdigen zu können.

Reimarius
03.07.2012, 12:29
Musikhören sollte mir Freude bereiten, mich runterbringen vom Alltagsstress, mich entspannen, vielleicht auch ein bisschen glücklicher machen.
Hört sich doch gut an, nur es ist wie das Leben, nie ganz so einfach. Da gibt es Alben, die kaufe ich, weil sie ins eigene Schema passen, Platten die zur Erweiterung und Neuerung (Abwendung des in letzter Zeit zu oft gehörten Musikstils) dienen.
Dann gibt es Tage an denen ich mich schwer tue, überhaupt etwas zu finden was mir gefällt. Da hilft nur Bewährtes als Einstieg. Bei gewissen Musikstilen fällt mir auch der Bezug zu hellen (Gitarrenmusik) und dunklen Tagen (Progressive Rock) im Hörverhalten auf. Dann gibt es Tage, mit überhaupt viel zu wenig Stunden.
Ich muss allerdings auch zum besseren Verständnis hinzufügen, nicht mehr Alleinherrscher über mein Musik- /Wohnzimmer zu sein. Die Musikstunden sind vergleichsweise zu früher recht wenige geworden und da liegt es in der Natur der Sache schneller auf den Punkt zu kommen.
Kurz gesagt, ich fackel nicht mehr so lange rum wie früher. Gefällt es, wird es gehört, gefällt es nicht sofort, wird es erst wieder in 1-2 Wochen getestet. Versage ich mir dann immer noch ein positives Gefühl für die Musik, gibt es einen letzten Anlauf.
Das Wort Mühe möchte ich möglichst für Dinge die ich in meiner Freizeit tue, streichen. Ich muss niemanden etwas beweisen, außer ich verlange es von mir selbst.

dr.music
03.07.2012, 13:34
@ Reimarius
Mehr oder weniger finde ich mich in Deinem Beitrag ganz gut wieder. Ich musste mehrmals zustimmend schmunzeln. Ja, man gibt sich viel Mühe............:bier:

Jan Lustiger
03.07.2012, 14:41
Mikko hat es oben schon so ähnlich erwähnt: Wenn mir ein Album nicht gefällt, lege ich es erst dann ad acta, wenn mir klar ist, warum eigentlich nicht. Das ist das Negativpendant zum berühmten "Klick-Machen". Ob gut oder schlecht, ich will die Wirkung, die ein Kunstwerk auf mich ausübt, reflektiert haben, ehe ich mir eine (so weit es geht abschließende) Meinung bilde. Daraus ziehe ich dann auch in jedem Fall einen persönlichen Mehrwert, einfach aus einem Interesse für Popkultur heraus.

tejazz
03.07.2012, 15:15
Ein bißchen Anstrengung darf für mich auch mal dabei sein.

Für Stockhausen brauche ich etwas, das geht nicht so schnell.

Auch bei der Rostropovitch/Britten-LP "Sonata in C..." (Decca) waren mehrere Anläufe (bei Britten und auch Debussy, Schumann "lief" gleich) nötig.
Da mußte ich mich schon "durchbeißen". Etwas anders als die alten Italiener (Vivaldi, Corelli, Albinoni, Pergolesi), die ich zuvor gehört habe.

Das muß ich schon als "Mühe" bezeichnen.

Reimarius
03.07.2012, 17:32
@ Reimarius
Mehr oder weniger finde ich mich in Deinem Beitrag ganz gut wieder. Ich musste mehrmals zustimmend schmunzeln. Ja, man gibt sich viel Mühe............:bier:

Gemeinsamkeiten sind immer gut :bier:

talking head
03.07.2012, 21:06
Musikhören sollte mir Freude bereiten ...

Guter Post. Dem ist nichts hinzuzufügen !!!

Nes
04.07.2012, 18:09
Das Leben ist kürzer als man denkt. Wenn es denn schon sein muss, ist es sicher angenehmer Musik zu hören, die einem selbst gefällt und nicht Kritikern oder der Allgemeinheit. Das Bauchgefühl ist gar kein so übler Ratgeber. So ist das.