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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Mikkos LP Faves



Mikko
23.07.2006, 12:15
Lange angekündigt und nun doch endlich wahr gemacht. Meine "LPs für die Insel" sozusagen. Dass ich ausgerechnet mit meiner Lieblings-LP beginne, hat was mit dem Jubiläum der Platte und mit einem schon vor Monaten gegebenen Versprechen zu tun.

http://www.twang-tone.de/BeatlesRev.jpg

The Beatles – Revolver (Parlophone, 1966)

Aus mehr oder weniger aktuellem Anlass beginne ich mit dieser LP, die sogar auch noch seit Jahren meine absolute Lieblingsplatte ist. Warum das so ist, will ich nun versuchen zu verdeutlichen. Am 5. August 1966 erschien diese LP im UK, das siebente reguläre Beatles Album. D.h. von Album sprach man damals noch nicht. Dieser Begriff machte erst ein paar Jahre später aus LPs mit 10-14 relativ zufällig kompilierten gerade aktuellen Songs Alben, die gleich viel mehr Bedeutung erlangten. In diesem Sinn ist „Revolver“ dann wohl doch schon ein Album. Einerseits spiegeln diese 14 Tracks den Zustand der zu jener Zeit erfolgreichsten Beatband der Welt. Andererseits liefern diese Tracks die Blaupause, die Anleitung für viele Innovationen in der Popmusik, für Veränderungen und grandiose Neuerungen. „Revolver“ fängt den Moment dieser Transition von der popmusikalischen Unschuld zu psychedelischer Exaltiertheit einerseits und dem Ausverkauf der Beatmusik andererseits auf die wunderbarste Weise ein. Diese Platte ist vielschichtig, abwechslungsreich, absolut auf der Höhe ihrer Zeit und sie wird mir niemals langweilig. Obwohl ich beinahe jeden Ton dieser LP auswendig kenne, werde ich nie müde, sie immer und immer wieder zu hören.

Los geht’s mit George Harrisons sarkastischer Hommage an den Steuereintreiber, den Finanzbeamten, den „Taxman“. Knackiger Bass, klasse Gitarrenarbeit! Ein typisches Modstück. Mit seinem Offbeat lädt es sofort zum Tanzen ein. Und es ist der ideale Opener für diese LP. Es folgt „Eleanor Rigby“. Für einen Popsong damals ungewöhnlich erwachsen und ernst. Wer auch immer die Idee mit dem Streichquartett hatte, diese Idee ist genial. Ich denke, ich muss jetzt nicht in aller Ausführlichkeit die Songs erläutern und interpretieren. In der aktuellen Ausgabe von Mojo (Nr. 152 vom Juli 2006) wird genau das auf rund sechs Seiten getan. „I’m Only Sleeping“ ist wundervoll mit seinen kleinen psychedelischen Effekten wie rückwärts laufenden Gitarren, aber auch von seiner Grundstimmung. Dieser Track setzt Maßstäbe für unzählige relaxte Psych-Pop Nummern, die in den nächsten zwei Jahren folgten. Mit „Love You To“ taucht George erstmals richtig in seine indische Musikwelt. Die Aufnahme ist gerade exotisch genug und noch ausreichend konventionell im Songwriting, um einen anzutörnen und mitzunehmen auf die Reise in neue musikalische Gefilde. „Here, There And Everywhere“ lässt mich die Augen schließen und selig träumen. Eine wunderschöne Melodie, sehr angemessen sparsam arrangiert. Ein perfekter Lovesong! Danach wache ich wieder auf und gehe an Bord des „Yellow Submarine“. Natürlich ist das eher ein Kinderlied, das man mit einem gewissen Schmunzeln und Augenzwinkern zur Kenntnis nimmt. Und doch ist es absolut adäquat und genial umgesetzt. Ich liebe diesen Track imgrunde nicht weniger als die anderen auf dieser LP. Weiter geht es mit „She Said She Said“. Ein ziemlicher Schnellschuss, wie ich jetzt las. Nun, dafür ist es ausgesprochen gelungen! Ich liebe diese Rhythmik und diese harmonischen Wendungen. Die Gitarre ist wundervoll. Proto-Raga-Rock, wenn man so will. Mit „Good Day Sunshine“ folgt ein weiterer Track, der von vielen eher abschätzig bewertet wird. Dabei ist das doch der ideale gute-Laune-mir-kann-keiner Popsong! Absolut treffend intoniert und vorgetragen. „And Your Bird Can Sing“ setzt die formidable Stimmung fort und noch einen drauf. Vortrefflicher Jingle Jangle Gitarrenpop! Danach wird es wieder nachdenklich bei „For No One“, fast hätte ich gesagt besinnlich. Aber warum nicht? Wenn eine Beziehung in die Brüche geht, die Liebe erlischt, dann ist es Zeit, sich zu besinnen. Musikalisch ist auch dies sehr einfühlsam und für damalige Popmusik Verhältnisse auch sehr innovativ umgesetzt mit diesem Cembalo (?) und dem englischen Horn. „Doctor Robert“ verbindet wieder ausgesprochen genial schlichten Mod Beat mit dezenter Psychedelia. Keine Ahnung wie sie diesen Gitarrensound hinkriegen. Klingt jedenfalls großartig. Bei „I Want To Tell You“ bedient sich George bei einigen Soundideen, die man heute wohl mit Northern Soul assoziieren würde. Wundervoller Song im übrigen. Weiter in Richtung Soul lehnt sich Paul beim folgenden „Got To Get You Into My Life“, das ich gerade wegen dieses Arrangements mit Bläsern anfangs nicht so sehr mochte. Inzwischen liebe ich auch diese Aufnahme, die ungemein vorwärts drängt und enorme positive Energie versprüht. Der Höhepunkt, wenn man so will, kommt zum Schluss. Mit dieser Aufnahme haben The Beatles Maßstäbe gesetzt! „Tomorrow Never Knows“ ist in jeder Beziehung absolut großartig und genial! Ringos Drums, die Tape Loops, der entrückte Gesang, die Lyrics – alles genau so, wie es sein soll, möchte ich meinen. Und dabei betraten die Vier vollkommenes Neuland mit dieser Produktion. Danach kann nichts mehr kommen, was das noch übertreffen könnte.

Wie gesagt, diese LP fasziniert mich seit Jahren schon. Eigentlich seit Jahrzehnten. Kennen gelernt habe ich sie allerdings nicht zum Zeitpunkt ihres Erscheinens und auch nicht als erste Beatles LP. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich glaube es muss irgendwann 1968 gewesen sein, dass ich diese Platte zum ersten Mal als Ganzes wahrnahm. Gekauft habe ich sie mir aber erst in den frühen 70ern. Da besaß ich von den Beatles bereits einige andere LPs. Richtig oft gehört habe ich die Platte dann so um 1971/72 und vor allem später wieder in den 80er Jahren. Zu meiner Lieblingsplatte hat sich „Revolver“ auch erst dann entwickelt. Für mich ist das die perfekte Pop LP mit allen wesentlichen Aspekten und Facetten, die ich an Popmusik besonders liebe. Das heißt nicht, dass ich andere Platten mit anderen stilistischen und soundmäßigen Schwerpunkten nicht auch schätze. Aber wenn ich eine Wahl zu treffen habe, dann ist dies die Nummer Eins.

kramer
23.07.2006, 12:20
Sehr, sehr cool, Mikko! "Revolver" gehört zwar nicht zu meinen persönlichen Favoriten, aber der Text ist super und ich freue mich schon auf die nächsten LPs!

Vega4
23.07.2006, 14:34
Sehr schöner Text!! Werde mir heute wieder mal "Revolver" anhören... :-)

Meloy
23.07.2006, 14:54
Schöner Text und ein sensationelles Album, das ich erst vor kurzem für mich entdeckt habe.
Shame on me... ;-)

tina toledo
23.07.2006, 20:19
Toller Text, Mikko! Bei allen Tracks treffend auf den Punkt gebracht, was sie jeweils auszeichnet, und auch schön, dass du die Platte in der Einleitung kurz im Kontext der Zeit betrachtest und die "Album als Gesamtwerk"- Problematik erwähnst. Ein unfassbar großartiges Album, ebenfalls wohl mein liebstes Album aller Zeiten. Freu mich auf deine nächsten Texte!

latho
23.07.2006, 21:01
Sehr, sehr cool, Mikko! "Revolver" gehört zwar nicht zu meinen persönlichen Favoriten, aber der Text ist super und ich freue mich schon auf die nächsten LPs!
Ich schließe mich in allem an und werde mich demnächst einmal mit der Platte näher beschäftigen.

nite flights
26.01.2007, 14:26
.

beatlebum
26.01.2007, 14:52
Sicherlich nicht mein Lieblingsalbum der Beatles, aber aus meiner Sicht wohl ihr wegweisendstes Werk.

Welches ist das Lieblingsalbum?

Clau
26.01.2007, 16:42
Jawoll Mikko!
Fürwahr eines der ganz ganz großen Meisterwerke. Bahnbrechend. Gute Beschreibungen, ich höre die Platte ähnlich wie Du.

nite flights
26.01.2007, 16:52
.

Mikko
11.05.2010, 12:24
Eigentlich wollte ich in diesem Thread ja meine absoluten Favoriten vorstellen. Und es werden sicher auch LPs dabei sein, die zu meinen Lieblingsplatten gehören.
Aber zunächst stelle ich hier nun einfach mal Platten vor, auf die ich - nicht zuletzt duch das Forum hier - aufmerksam wurde und die ich zumindest für hörenswert halte.

http://www.twang-tone.de/GypsyDoLP.jpg

Gypsy – s/t (DoLP, Metromedia, www.gypsy-queen.net (http://www.gypsy-queen.net))

Durch das Leserforum des Rolling Stone wurde ich auf diese Band und Platte aufmerksam. Und nun habe ich die originale Debüt Doppel-LP der Band relativ günstig bei eBay erstanden. Neugierig gemacht hat mich zunächst das Cover, das – typisch für Zeit und Ort – ein Frauenporträt des tschechischen Jugendstil Malers Alfons Mucha verwendet. Die Band stammt ursprünglich aus Minnesota, war aber 1969/70 die Hausband im „Whisky A Go Go“ in Hollywood. Ihre erste Single „Gypsy Queen“ wurde im Sommer 1970 in den Billboard Charts notiert. Das Doppelalbum „Gypsy“ erschien im selben Jahr. Die Musik darauf ist ausgesprochen zeittypisch. Auch wenn die Band heute als Progressive Act bezeichnet wird, ist sie eher eine typische Westcoast Band mit einem Hang zu schönen, gefälligen Sounds und Harmonien. Die Songs wurden überwiegend vom inzwischen verstorbenen Gitarristen der Band Enrico Rosenbaum geschrieben. Zusammen mit dem Keyboarder Joe Walsh zeichnete er auch für Arrangements und Produktion verantwortlich. Die Stücke auf dem Debüt sind meist recht komplex. Klassische Songstrukturen werden ergänzt durch immer wieder prägnante Solo Passagen von Gitarre oder Orgel, die jedoch nie ausufern oder zum Selbstzweck verkommen. Immer wieder gibt es sehr schöne Vokal Harmonien, die an Beach Boys oder reine Vokal Gruppen wie The Fifth Dimension erinnern. Streicher Arrangements treten hier und da hinzu, und bei den längeren Tracks – immerhin drei der 13 Tracks auf dem Album sind deutlich über sechs Minuten lang – gibt es dann auch diese für Prog Rock typischen mäandernden Keyboard Passagen, die aber immer in sehr schöne Vokal Parts münden und den Eindruck von Hippie Harmonie und Seligkeit noch bestärken. Songwriting und Arrangement sind letztlich näher and Crosby, Stills & Nash als an Genesis. Die komplexen Streicher und Keyboard Passagen bei „The Vision“ zum Beispiel erinnern eher an Broadway Musicals als an die fantastischen Visionen britischer Prog Rocker. Auch der längste Track der Platte „Dead And Gone“ beginnt zunächst als flotte Westcoast Folkrock Nummer, um dann im zweiten Teil Tempo und Stimmung deutlich zu drosseln mit ruhigen Keyboard Clustern. Schließlich werden beide Stränge am Ende zu einem vereint, was bei mir Erinnerungen an „It’s A Beautiful Day“ beschwört. Beim letzten Track der LP werden dann noch mal alle Register gezogen. Es ist der bombastischste und eigentlich musikalisch übertriebenste Track der Platte mit heftigem Phasing auf dem Drums nach dem Vorbild von „In-A-Gadda-Da-Vida“. Auch wenn mir die kürzeren Stücke eher zusagen, diese Platte ist ein gelungenes Gesamtkunstwerk. ***1/2

Mikko
13.05.2010, 10:44
http://www.twang-tone.de/AgilokBlubbo.jpg

The Inner Space – Agilok & Blubbo (LP, Wah Wah Records, www.wah-wahsupersonic.com (http://www.wah-wahsupersonic.com))

The Inner Space sind niemand anderes als Can in einer ersten Inkarnation zwischen Beat, Krautrock, Psychedelia und früher Elektronik. „Agilok & Blubbo“ ist ein Film, ein deutscher Underground Film aus dem Jahr 1968. Die Debütarbeit von Peter Schneider. Und das hier ist der Soundtrack dieses Films. In dieser Form wird die Filmmusik hier zum ersten Mal veröffentlicht. 1968 erschien lediglich eine 7“45 mit dem Titeltrack des Films und dem „Kamera Song“ auf der B-Seite, gesungen von Model Rosi-Rosi, die auch die Hauptrolle im Film spielte. Der Film erzählt eine völlig überdrehte Geschichte aus der linksalternativen Popart Bohéme München-Schwabings. Die wirren Pläne zweier kauziger Revoluzzer werden von dem Model Michaela (Rosi-Rosi) durchkreuzt. Rosi-Rosi spielte im Schwabing der späten Sixties eine ähnliche Rolle wie Uschi Obermaier. Nur wurde sie nicht so bekannt. Ich kenne den Film leider nur aus der Zusammenfassung des Plattencovers. Er ist zur Zeit in keinem Verleih oder auf DVD erhältlich. Den wenigen Ausschnitten nach zu urteilen, die bei YouTube mal zu sehen waren, muss er eine Mischung aus Psych-Out, Blow-Up und Rote Sonne sein. Der Soundtrack hier ist jedenfalls etwas ganz Besonderes. Die Musik ist mal reine Filmmusik, elektronisch zumeist und den Sounds nicht unähnlich, die David Vorhaus und Delia Derbyshire etwa zur gleichen Zeit mit The White Noise produzierten. Dann wieder ist es Sixties Pop, Sunshine Pop mit einem Hang zu Lounge, Easy Listening. Der „Kamera Song“ sticht natürlich heraus. Mit seinem ganz eigenen bizarren Charme erinnert er entfernt an Nico bei Velvet Underground oder auch an französischen Yé Yé Pop. Noch seltsamer ist das „Revolutionslied“, das ebenso gut von Witthüser & Westrupp stammen könnte. Und schließlich hört man dem Soundtrack die klassische und Jazzausbildung der Herren Irmin Schmidt, Holger Czukay und Jaki Liebezeit an. Mit der Musik, die sie nur wenig später als Can machten, hat das noch wenig zu tun. Etwas nervtötend ist das über 10-minütige „Apokalypse“ am Schluss der Platte mit seinen dissonanten Flötentönen über einem treibenden Beat. Das aber ist wohl Absicht. ***1/2

Mikko
13.05.2010, 10:47
http://www.twang-tone.de/MMpuzzle.jpg

The Mandrake Memorial – Puzzle (LP, Wah Wah Records, www.mandrakememorial.com (http://www.mandrakememorial.com))

Die dritte und letzte LP der Band aus Philadelphia (USA) erschien im Original 1969. Zu diesem Zeitpunkt war die Band bereits zum Trio geschrumpft. Trotzdem ist diese LP ihr aufwändigstes, vielschichtigstes Album. Ein psychedelisches Konzeptalbum mit klassischen Einflüssen und einem Charakter von Barock-Artrock, der mit typisch britischem Progrock jedoch gar nichts zu tun hat. Vergleiche mit Ars Nova und dem Boston Rock Sound der späten Sixties drängen sich auf. Aber auch die Electric Prunes der David Axelrod Phase fallen mir dazu ein. Vielleicht etwas zu prätentiös, zu opulent das Ganze. Andererseits gibt es da so filigrane feine Parts und Verästelungen, die wiederum aufhorchen lassen. Auf derartige Sounds und Arrangements kam man wohl tatsächlich nur in den ausgehenden Sixties. Inwiefern das Coverbild die Musik inspiriert hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls passt dieses Gemälde von MC Escher sehr gut zu der Platte. Die Musik ist ähnlich verschachtelt und in unendlichem Auf und Ab ineinander verwoben. Stellenweise wirkt sie fast folkloristisch improvisiert. Eine Art Happening mit offenem Ausgang und zugleich ein Puzzle, das vollendet, aufgelöst zu werden trachtet. Jedoch scheint dies völlig unmöglich. Immer wieder öffnet sich ein weiterer Pfad, eine neue Melodie, eine rhythmische Abzweigung. Vor 40 Jahren hätte mich diese Platte in einem abgedunkelten Raum bei Kerzenschein oder Stroboskoplicht und in entsprechender Stimmung gehört in Verzückung versetzt. Heute finde ich sie einfach etwas sehr „strange“. Aber doch auch sympathisch auf ihre Art. ***1/2

Mikko
13.05.2010, 10:51
http://www.twang-tone.de/LPPrettyDebarge.jpg

The Pretty Things – Philippe DeBarge (LP, Ugly Things, www.ugly-things.com (http://www.ugly-things.com))

Diese Platte erschien bereits im Jahr 2008, und die Vinylausgabe ist inzwischen weitgehend vergriffen. Obwohl ich ja regelmäßiger Käufer und Leser von Mike Staxs „Ugly Things“ Fanzine (Buch trifft es ja eher) bin, ist mir die Platte fast entgangen. Kurz gesagt, sie stellt das Bindeglied dar zwischen „SF Sorrow“ und „Parachute“. Entstanden sind die hier versammelten Aufnahmen im Spätsommer 1969 in einem kleinen Studio in London. Das Kuriose daran ist vor allem, dass der Franzose Philippe DeBarge, ein Playboy mit finanzkräftigem familiären Background und einem Faible für britische Popmusik im Allgemeinen und The Pretty Things im Besonderen, nicht nur die Sessions komplett finanzierte und der Band im Vorfeld einen Kurzurlaub in St.Tropez ermöglichte, sondern auch als Leadsänger fungierte. Dick Taylor hatte die Band kurz zuvor verlassen. Aber Phil May und Wally Waller hatten ständig neue Songs zusammen geschrieben, so dass an Material für die Sessions in den Nova Studios kein Mangel herrschte. Produziert wurden die Aufnahmen von May und Waller selbst. Obwohl DeBarge keine musikalischen Erfahrungen hatte, sang er die Leadstimme mehr als passabel. May übte aber auch täglich mit ihm, wie in den Liner Notes zur Platte nachzulesen ist. Die meisten Songs, die damals aufgenommen wurden, spielte die Band später höchstens noch gelegentlich live. Und keiner davon kam auf eine spätere Platte der Pretty Things. Das heißt jedoch keineswegs, dass wir es hier mit Ausschuss zu tun haben. Im Gegenteil! Diese LP ist ein kleines Juwel. Sie knüpft sehr schön an das ja leider ziemlich unterbewertete „SF Sorrow“ an und enthält 12 wunderbare zeittypische Popsongs, die auf’s Vortrefflichste die Atmosphäre zwischen Swinging London und Woodstock einfangen. Dabei klingen die Aufnahmen sogar erstaunlich modern für damalige Verhältnisse. Oder anders gesagt, sie klingen heute überhaupt nicht altbacken, sondern teilweise ganz so, als wären sie erst kürzlich in einem britischen Studio entstanden. Die Platte erschien damals dann doch nicht. DeBarge ging zwar das Geld nicht aus, aber er hatte wohl einige andere Probleme. Bedauerlicherweise starb Philippe DeBarge bereits 1998. Es hätte ihn bestimmt gefreut, dass sein Baby nach fast 40 Jahren doch noch das Licht der Welt erblickt. ***1/2

Mikko
13.05.2010, 10:53
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Mad River – s/t (LP, Capitol, 1968)

Eine der seltsamsten und eigenwilligsten Bands der psychedelischen Ära war diese fünfköpfige Gruppe aus der San Francisco Bay Area. Während die meisten Musikgruppen dieser Szene eine eher optimistische, oft naiv fröhliche Grundeinstellung mitbrachten, war das bei Lawrence Hammond und seinen Mitstreitern anders. Nicht nur klangen deren zum Teil sehr filigrane Kompositionen äußerst abgehoben, sie ließen zumeist auch eine eher dunkle Seite der Psyche erkennen, was sich sowohl in Texten als auch in der Musik manifestiert. Am deutlichsten wird das hier auf ihrem Debütalbum bei „War Goes On“, einem wie improvisiert wirkenden Parforce Ritt durch Jazz, Raga und Blues, der natürlich den endlosen und sinnlosen Vietnamkrieg widerspiegelt bzw. kommentiert. Wohl eher schwer verdaulich diese 12:30 Minuten. Aber schon der Album Opener „Merciful Monks“, obwohl nur 3:40 lang, macht klar, dass es hier nicht um radiofreundliche happy-go-lucky Popmusike geht. Die Gitarren klingen hier und auch beim folgenden „All Time High“ im besten Sinn psychedelisch. So muss man sich Acid Rock vorstellen. Dazu die hohe, schneidende Stimme von Hammond. Immerhin ist der Sound hier schon etwas weniger schrill und höhenlastig als bei der allerersten 7“EP, die bereits 1967 erschien. Bis auf einen wurden die Songs für das Debütalbum 1968 neu eingespielt. Aber auch so behält „Amphetamine Gazelle“ diese völlig überdrehte und gehetzt wirkende Atmosphäre, als wäre die Band auf Speed und Acid gleichzeitig. „Eastern Light“ dagegen hat ein fast abgeklärt majestätische Aura, getragen nicht nur von den Acid Gitarren sondern auch von Piano und Flöte, während Hammonds Stimme über allem thront. Der schönste Track des Albums ist jedoch „Wind Chimes“ mit beinahe indisch anmutenden acid Gitarren über hypnotischen monotonen Rhythmen und den schwebenden Flötentönen im zweiten Teil des Tracks. Das auf seltsame Art verloren wirkende Schlaflied „Hush Julian“ am Ende der LP ist mit 1:10 leider viel zu kurz. Die Platte war ein veritabler Flop seinerzeit. Und auch dieses Re-Issue wird sicher kein Bestseller werden. Es wird jedoch Zeit, dass sich auch bisher Nichteingeweihte mal mit dieser Band und ihrer ungewöhnlichen Musik beschäftigen. Die LP ist übrigens Richard Brautigan gewidmet, einem damals durchaus erfolgreichen Szene Poeten, der die Band nicht nur sehr schätzte sondern auch hin und wieder materiell unterstützte. ****

nail75
13.05.2010, 11:16
Ich habe die Kritiken mit großem Interesse gelesen, kenne ich doch keine der Platten. Die Geschichte der Pretty Things in dieser Zeit war mir vollkommen unbekannt, allein sie zu lesen, war sehr informativ. Ich werde mal in Mad River reinhören, das klingt besonders interessant. Ich mag diese dunkle Strömung in der kalifornischen Musik. :-)

Besonders gut hat mir der aufrichtige Blick zurück gefallen:



Vor 40 Jahren hätte mich diese Platte in einem abgedunkelten Raum bei Kerzenschein oder Stroboskoplicht und in entsprechender Stimmung gehört in Verzückung versetzt.

Onkel Tom
13.05.2010, 11:41
http://www.twang-tone.de/madriver.jpg

Mad River – s/t (LP, Capitol, 1968)



Klingt doch vielversprechend. Die Band steht auch schon länger auf meiner (leider unendlichen) Wunsachliste. Freut mich, dass dir auch die Gypsy gefällt. Ich gebe ihr sogar ****. Werde mich wohl auch noch um deren Album 3 und 4 kümmern.

latho
13.05.2010, 12:14
Danke, wieder mal sehr interessant!

atom
13.05.2010, 12:35
Gut, dass es hier weitergeht, Mikko! Die etwas mageren * * * 1/2 für "Mad River" wundern mich allerdings etwas, wenn ich bedenke welche Alben in deinem anderen Thread schon * * * * 1/2 oder mehr bekommen haben.

Mikko
13.05.2010, 16:21
Gut, dass es hier weitergeht, Mikko! Die etwas mageren * * * 1/2 für "Mad River" wundern mich allerdings etwas, wenn ich bedenke welche Alben in deinem anderen Thread schon * * * * 1/2 oder mehr bekommen haben.Stimmt eigentlich. Tendiere auch eher zu **** (hab's gerade geändert).
Ich lege inzwischen auch etwas strengere Maßstäbe an allgemein. Bei ganz neuen Platten bin ich meist etwas euphorisch, sofern sie mir grundsätzlich gefallen. Das legt sich meist mit der Zeit, so dass ich nach einem Jahr oft einen halben oder sogar ganzen Stern wieder abziehe.

Daniel_Belsazar
16.05.2010, 17:58
http://www.twang-tone.de/MMpuzzle.jpg

The Mandrake Memorial – Puzzle (LP, Wah Wah Records, www.mandrakememorial.com (http://www.mandrakememorial.com))

Die dritte und letzte LP der Band aus Philadelphia (USA) erschien im Original 1969. Zu diesem Zeitpunkt war die Band bereits zum Trio geschrumpft. Trotzdem ist diese LP ihr aufwändigstes, vielschichtigstes Album. Ein psychedelisches Konzeptalbum mit klassischen Einflüssen und einem Charakter von Barock-Artrock, der mit typisch britischem Progrock jedoch gar nichts zu tun hat. Vergleiche mit Ars Nova und dem Boston Rock Sound der späten Sixties drängen sich auf. Aber auch die Electric Prunes der David Axelrod Phase fallen mir dazu ein. Vielleicht etwas zu prätentiös, zu opulent das Ganze. Andererseits gibt es da so filigrane feine Parts und Verästelungen, die wiederum aufhorchen lassen. Auf derartige Sounds und Arrangements kam man wohl tatsächlich nur in den ausgehenden Sixties. Inwiefern das Coverbild die Musik inspiriert hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls passt dieses Gemälde von MC Escher sehr gut zu der Platte. Die Musik ist ähnlich verschachtelt und in unendlichem Auf und Ab ineinander verwoben. Stellenweise wirkt sie fast folkloristisch improvisiert. Eine Art Happening mit offenem Ausgang und zugleich ein Puzzle, das vollendet, aufgelöst zu werden trachtet. Jedoch scheint dies völlig unmöglich. Immer wieder öffnet sich ein weiterer Pfad, eine neue Melodie, eine rhythmische Abzweigung.

Das muss man dir lassen: Du tust was du sagst! Sympathisch, wie immer. Siehst du Puzzle eigentlich als ihr bestes Album, wie beurteilst du die beiden ersten? (Zumindest hast du hier ja mal annonciert, dass du die erste erworben hast).


Vor 40 Jahren hätte mich diese Platte in einem abgedunkelten Raum bei Kerzenschein oder Stroboskoplicht und in entsprechender Stimmung gehört in Verzückung versetzt. Heute finde ich sie einfach etwas sehr „strange“. Aber doch auch sympathisch auf ihre Art. ***1/2

Genauso war's - nur vor 32 Jahren. Avec toutes les accessoires, n'est-ce pas? "Strange" war sie damals allerdings auch schon. Und: Du meinst doch wohl eher Schwarzlicht als ein Stroboskop - das ist doch das Blitzartige für die schnellen Mattenschwinger-Teile (etwa Child in time und so).

Mikko
16.05.2010, 23:26
Das muss man dir lassen: Du tust was du sagst! Sympathisch, wie immer. Siehst du Puzzle eigentlich als ihr bestes Album, wie beurteilst du die beiden ersten? (Zumindest hast du hier ja mal annonciert, dass du die erste erworben hast).Auch die erste finde ich ganz gut, aber die dritte gefällt mir doch am besten. Die zweite kenne ich noch nicht.


Genauso war's - nur vor 32 Jahren. Avec toutes les accessoires, n'est-ce pas? "Strange" war sie damals allerdings auch schon. Und: Du meinst doch wohl eher Schwarzlicht als ein Stroboskop - das ist doch das Blitzartige für die schnellen Mattenschwinger-Teile (etwa Child in time und so).Ich meinte schon das Stroboskop, gebe Dir aber Recht, Schwarzlicht wäre etwas besser geeignet.

Mikko
11.06.2010, 16:28
http://www.twang-tone.de/LPFox.jpg

The Fox – For Fox Sake (LP, Flash Records)

Kennen gelernt habe ich diese Band vor über 20 Jahren durch die wunderbare Rubble Compilation Reihe auf Bam Caruso Records. Die B-Seite ihrer einzigen Single „Butterfly“ war da enthalten. Ihre LP erschien wie die Single 1970 auf Fontana. Für ihren fröhlichen, lockeren Psych Pop, der ein wenig an die englischen Kaleidoscope erinnert, war es da vermutlich schon viel zu spät. Hervorgegangen sind The Fox aus einer 1965 in Brighton gegründeten Band namens The Beatroute. Ihr Line-Up veränderte sich mehrfach und ihr Sound entwickelte sich gegen Ende der Sixties zu dem mild psychedelischen Folkrock, R&B und Pop, der hier zu hören ist. Die Band hatte in ihrem Heimatort regelmäßig live gespielt und fast jeden bekannten Act supportet, der nach Brighton kam, von The Herd über Cream bis zu David Bowie. Nach und nach verschwanden die Coverversionen aus ihrem Programm, und es wurde schließlich fast nur noch eigenes Material gespielt. Als sie dann Anfang 1970 die Gelegenheit bekamen, in London einige Demos aufzunehmen (so dachten sie jedenfalls), waren sie bestens eingespielt, und die Aufnahmen waren nach knapp 24 Stunden und nur wenigen Overdubs im Kasten. Ihr Management lizenzierte die LP an Fontana. Eine Single wurde ausgekoppelt, bekam allerdings kaum Airplay, und auch die Reviews waren dünn gesät. Nur in Brighton erschien ein Rave Review in einer Lokalzeitung. Dennoch kam es sogar zu einer Lizenzveröffentlichung in USA. Das Management von The Fox war dann aber schwer mit seinen anderen Schützlingen Black Sabbath beschäftigt, deren Erfolg gerade durch die Decke ging. Die Band The Fox löste sich relativ bald aus Mangel an Erfolg auf. Die hier – leider nicht im Originalcover – wiederveröffentlichte LP zerfällt in zwei, eigentlich sogar drei Teile. Da ist zunächst der Folkrock inspirierte Psych Pop, der Seite Eins dominiert. Die Singletracks „Secondhand Love“ und Butterfly“ gehören dazu ebenso wie „Lovely Day“ oder „Look In The Sky“. Dann gibt es eher R&B inspirierte Tracks wie „Goodtime Music“ mit Bluesgitarre und Honky Tonk Piano. Und schließlich ist da noch „Madame Magical“, ein 10-minütiges Rock Stück, das ein wenig an die Canterbury Szene erinnert und die LP würdig beschließt. Diese Vielseitigkeit ist es, die einen heute am meisten erstaunt. Es lohnt sich durchaus, The Fox neu zu entdecken. ***1/2

Mikko
11.06.2010, 16:29
http://www.twang-tone.de/LPPererin.jpg

Pererin – Haul ar yr Eira (LP, Guerssen Records)

Ursprünglich war Pererin eine Progrock Band. Gegründet in Bangor, Wales, Ende der 1970er Jahre, als die Zeichen der Musikwelt eher auf Punk oder Disco standen. Durch die Bekanntschaft mit dem bretonischen Musiker Alain Stivell, entschied man sich jedoch bald, ebenfalls eher traditionelle Musik zu spielen. So entstand eine spannende Mischung aus walisischer Folkmusik und angloamerikanischem Folkrock mit rudimentären Prog Einflüssen. Ich erinnere mich, dass ich damals Ende der 70er neben Punk und New Wave auch zeitgenössischen Folk und Folkrock aus verschiedenen Regionen Europas hörte. Die Debüt LP von Pererin erschien 1980 jedoch in nur 500er Auflage auf einem kleinen lokalen Label, dessen Kontakte offenbar nicht bis nach Berlin reichten. Nun hat das spanische Label Guerssen diese LP wieder zugänglich gemacht. Ich höre sie also zum ersten Mal. Spontan erinnert die Musik an den britischen Folk und Folkrock der frühen 70er. Neben akustischen und elektrischen Gitarren, elektrischer Orgel, Bass und Schlagzeug werden allerdings auch traditionelle walisische Instrumente gespielt. Und schließlich sorgt der Einsatz von Mellotron und Effektgeräten dafür, dass die Musik einen leichten psychedelischen Touch bekommt. Von Prog ist eigentlich nichts zu bemerken. Sehr schön ist der Wechsel zwischen der weiblichen glasklaren Sopranstimme und dem männlichen Tenor. Beide hervorragende Vokalisten. Die Platte erinnert wie gesagt eher an den pastoralen Folkrock solcher Bands wie Pentangle. Flöten, Violine und Mandoline runden das Bild. Seltsamerweise muss ich sogar an Pekka Streng aus Finnland und seine psychedelische Folkmusic denken, wenn ich das hier höre. Ich verstehe zwar kein Wort, das hier gesungen wird, aber allein die Musik nimmt mich gefangen in ihrer beruhigenden Schönheit. ****

Onkel Tom
11.06.2010, 20:06
Hören sich beide sehr gut an. Besonders die letztgenannte hat mein Interesse geweckt. Die gefürchtete Frage: "Gibt´s die auch auf CD"? ;-)

Mikko
11.06.2010, 23:29
Hören sich beide sehr gut an. Besonders die letztgenannte hat mein Interesse geweckt. Die gefürchtete Frage: "Gibt´s die auch auf CD"? ;-)Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Glaube aber schon.

bellebrocken
15.06.2010, 23:28
Hören sich beide sehr gut an. Besonders die letztgenannte hat mein Interesse geweckt. Die gefürchtete Frage: "Gibt´s die auch auf CD"? ;-)


danke für den tollen tipp! klingt hochinteressant und ist genau nach meinem geschmack - stivell, mellow candle etc. höre ich z.b. auch gern... :-)

Mikko
12.07.2010, 23:04
http://www.twang-tone.de/LPIndianSummer.jpg

Indian Summer – s/t (LP, RCA Neon, 1971)

Eigentlich ist es ja zu früh für den Indian Summer, der in den USA je nach Quelle so zwischen Ende September und Anfang November eintritt. Aber um die namensgebende Jahreszeit geht es hier eh nicht. Die Band Indian Summer stammt aus Coventry und wurde 1969 gegründet. Das hier ist ihr einziges Album, erschienen 1971 auf dem Prog Label von RCA Neon. Eine sehr typische britische Prog Rock Scheibe, die von allen damals erfolgreichen Bands so ein bisschen hat. Der Gesang erinnert sowohl an Uriah Heeps David Byron wie an Deep Purples Ian Gillan. Die improvisiert wirkenden Keyboard Passagen lassen mich ebenfalls an Deep Purple aber auch an Steve Winwood denken. Über weite Strecken wirkt diese LP wie eine Fingerübung in typischem Prog Rock. Die üblichen Sounds, die Gitarren Keyboard Duelle, die mäandernden Passagen und die breiten Klangflächen, alles ist da. Basis ist ein typisch britischer Hardrock mit Ausflügen zu symphonischem Rock aber auch jazzigen Exkursen vor allem vom Gitarristen. Was fehlt sind herausragende Songs, ungewöhnliche Arrangements oder sonst irgendwas Überraschendes, Ungewöhnliches. Diese Platte ist ein vollkommen durchschnittliche Prog Rock Scheibe ohne Höhepunkte. Einzig der Opener „God Is The Dog“ und das Instrumental „From The Film Of The Same Name“ heben sich ein wenig ab vom Rest, der gefällig unauffällig dahinfließt um nicht zu sagen plätschert. Hätte ich die Platte schon damals gekannt, wäre ich vermutlich ein wenig begeisterter. So werde ich sie wohl früher oder später wieder verkaufen. ***

Mikko
12.07.2010, 23:04
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Barbara Keith – s/t (LP, Reprise Records, 1972)

Auf diese Sängerin aus der New Yorker Boheme der späten Sixties um das Café Wha? wurde ich letztlich durch das Leserforum des deutschen Rolling Stone aufmerksam. Ihre frühen Folk Platten kenne ich so wenig wie die LP der Band Kangaroo, auf der sie mit einem Song und Backing Vocals vertreten ist. Diese LP von 1971 ist allerdings eine tolle Entdeckung. Folkrock ist eine unzureichende Beschreibung. Das hier ist eine tolle Singer/Songwriter Platte, die sich ohne Weiteres in eine Reihe mit den großartigen LPs jener Jahre von Joni Mitchell, Delaney & Bonnie und Lowell Georges Little Feat stellen lässt. George taucht hier übrigens als Gitarrist auf. Und auch andere renommierte Musiker von Jim Keltner bis Spooner Oldham spielen hier mit. Warum Mrs. Keith mit der Produktion nicht zufrieden war, ihren Vorschuss zurück gab und darauf gänzlich aus dem Musik Biz verschwand, ist nicht nur mir vollkommen unverständlich. In allen Reviews, die ich fand, wird ihre kräftige ausdrucksstarke Stimme und ihr ausgereiftes Songwriting gelobt. Dem kann ich mich nur anschließen. Diese Musik bewegt sich souverän zwischen denn Idiomen, Blues, Folk, Country und Rock. Einzig der Opener „All Along The Watchtower“ ist eine Fremdkomposition. Die Interpretation ist eher an die von Jimi Hendrix als an Dylans Original angelehnt. Aber eigentlich ist es eine vollkommen eigene auf ihre Art überzeugende Version, die das mystische, hintersinnige des kryptischen Textes vortrefflich unterstützt. Wie gesagt eine wunderbare Platte, die zudem gar nicht so schwer zu finden war und auch im Original mit rund 15 US Dollar durchaus erschwinglich ist. Feine Sache! ****

otis
12.07.2010, 23:47
Die Keith klingt interessant, aber mir ist nicht klar geworden, warum du die Indian Summer trotz allem zu deinen "Faves" zählst.

Mick67
13.07.2010, 00:18
Die Keith klingt interessant, aber mir ist nicht klar geworden, warum du die Indian Summer trotz allem zu deinen "Faves" zählst.
Man blättere eine Seite zurück:


Eigentlich wollte ich in diesem Thread ja meine absoluten Favoriten vorstellen. Und es werden sicher auch LPs dabei sein, die zu meinen Lieblingsplatten gehören.
Aber zunächst stelle ich hier nun einfach mal Platten vor, auf die ich - nicht zuletzt duch das Forum hier - aufmerksam wurde und die ich zumindest für hörenswert halte....

Mikko
13.07.2010, 07:45
Die Keith klingt interessant, aber mir ist nicht klar geworden, warum du die Indian Summer trotz allem zu deinen "Faves" zählst.Mick67 hat ja schon an meiner Stelle geantwortet. Ich zähle die Indian Summer LP nicht zu meinen Faves, wollte sie aber trotzdem hier vorstellen, da ich sie nun mal erworben habe. Ich hätte sie auch woanders im Forum vorstellen können. Aber das hier ist mein Thread, und da gehört sie eigentlich hin.

Light of Love
13.07.2010, 09:10
Treffende Beschreibung des Indian-Summer-Albums, wobei ich es etwas höher bewerten würde. Für mich ist "Secrets Reflected" der herausragende Track.

Mikko
07.10.2010, 16:19
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Ismo Alanko – Kun Suomi Putos Puusta (LP/CD, Seal On Velvet, 1990)

Es ist vermutlich fast unmöglich, die Bedeutung und Eindringlichkeit dieser Platte jemandem klar zu machen, der weder Finnisch versteht noch mit Finnland allgemein etwas vertrauter ist. Versuchen will ich es trotzdem. Ismo Alanko macht seit seinem 14. Lebensjahr Musik. Er stammt aus Kuopio in Ostfinnland. Seine erste Band war Hassisen Kone. 1978 gegründet und schnell vom Punk zu einer der besten New Wave Bands in Finnland geworden, löste Alanko die Band 1982 bereits wieder auf. In den 80er Jahren war er mit Sielun Veljet unterwegs, die von Industrial Rock über Funk Crossover bis zu Zappa affiner Psychedelia alles ausprobierten inklusive eher missglückter Ausflüge zu Klezmer und anderer jiddischer Musik. Das hier ist also Alankos erstes Solo Album, das zudem in einer Zeit großer politischer und gesellschaftlicher Umbrüche entstand. Um es kurz zu machen, es ist seine Reaktion auf diese Veränderungen, seine Beschreibung der Wende in Finnland. Denn Finnland war sehr stark betroffen von der Wende in Europa. Die sicheren wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion brachen über Nacht weg. Ganze Industriezweige brachen fast völlig zusammen. Tausende wurden in der Folge arbeitslos. Finnland musste sich – zum Teil wenigstens – vollkommen neu orientieren. Davon erzählen die Songs dieser Platte auf eine sehr poetische und zum Teil skurrile Weise. Zugleich ist es wohl auch eine Art persönliche Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Ismo Alankos Geschichte in erster Linie, aber auch die seiner Heimat. Kun Suomi Putos Puusta, als Finnland vom Baum fiel, so heißt das Album und auch der Titelsong, der sehr schön beschreibt, wie die Finnen mit der so unerwartet und plötzlich über sie kommenden Veränderung umgehen und wie sie – nicht fatalistisch – aber doch letztlich unaufgeregt ihr Schicksal annehmen und meistern. Musikalisch ist die Platte sehr abwechslungsreich. Während der Titeltrack eine leicht verschrobene Ballade zwischen altem Folksong und avantgardistischem Chanson ist, gibt es auch Polka, die in Finnland Humppa heißt, wie wir spätestens seit der Gruppe Eläkeläiset wissen. Es gibt Klangcollagen, die in Alankos Industrialzeit verweisen. Es gibt weitere Balladen, die zumindest oberflächlich betrachtet eine Nähe zum Gothic Rock à la The Cure vermuten lassen. Natürlich sind die Texte zum Verständnis des Ganzen eigentlich unverzichtbar. Aber erstens ist Alankos Stimme unvergleichlich beeindruckend in ihrem Ausdruck und zweitens vermittelt natürlich auch schon die Musik ein Gefühl, das zwischen Verdruss und Zweifel auf der einen sowie Hoffnung und Begeisterung auf der anderen Seite alle Facetten durchläuft. Einer der eindringlichsten Tracks ist Hetki Hautausmaalla (ein Moment auf dem Friedhof), den Alanko bereits 1978 am Grab eines verstorbenen Freundes live aufnahm. Nur seine sonore Stimme im schamanischen Singsang, im Hintergrund Donnergrollen eines nahenden Gewitters. Das Stück Meidän Isä (unser Vater) nimmt musikalisch einiges an zeitgenössischem Gothic Rock solcher Bands wie HIM vorweg. Und natürlich ist es viel überzeugender als jene später je waren. Eine altmodische fast traditionelle Humppa Melodie auf traditionellen Instrumenten gespielt beschließt dieses ungewöhnliche und großartige Album. Es wurde in Finnland mit Preisen ausgezeichnet und verkaufte sich ca. 30.000 mal (das entspräche einer halben Million in Deutschland). *****

Mikko
07.10.2010, 16:20
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Matching Mole – s/t (LP, CBS, 1972)

Durch meine Beschäftigung mit der Canterbury Szene in den letzten Wochen stieß ich auch auf diese LP, die ich damals immer in den Grabbelkisten stehen ließ, obwohl sie doch so ein hübsches an Kinderbücher erinnerndes Cover hat. Die Band wurde von Robert Wyatt gegründet. Mit dabei war u.a. auch der Gitarrist David Sinclair, der zuvor bei Caravan spielte. Der Bandname entstand als Verballhornung der französischen Übersetzung von Soft Machine (bei der Wyatt zuvor trommelte) „Machine molle“. Diese Platte hier verbindet denn auch die ausufernde an Free Jazz orientierte Musik von Soft Machine mit dem eher songorientierten psychedelischen Pop der frühen Caravan. Der Album Opener „O Caroline“ ist ein wunderbares verträumtes Liebeslied, das Wyatt für seine damalige Freundin schrieb. Dies bleibt jedoch das konventionellste Stück auf der Platte. Die fast ausschließlich von Wyatt komponierten Stücke lassen zwar viel Raum für Improvisation und folgen nur bedingt traditionellen Strukturen, aber sie nähern sich eigentlich nie dem anstrengenden Free Jazz, den Soft Machine ab ihrem zweiten Album pflegten. Eher klingt das hier wie die experimentelleren Sachen von Pink Floyds „Ummagumma“ oder auch einzelne Stücke von Robert Fripp bei King Crimson. Es ist eine sehr zeittypische Platte, bei der das Mellotron häufig auf äußerst kluge und überzeugende Weise zum Einsatz kommt. Es wird wenig gesungen, was diejenigen freuen wird, die wie ich mit Wyatts Stimme Probleme haben. Manche der improvisierten Klangcollagen erinnern mich sogar an Tangerine Dream. Keine Ahnung wer da bei wem Inspirationen geholt hat. Ist vielleicht auch Zufall. Und natürlich merkt man auch, dass der Hauptkompositeur vor allem Schlagzeuger ist. Allerlei perkussive Elemente bis hin zum beinahe schon traditionellen Drumsolo sind zu hören. Hätte ich diese Platte damals kennen gelernt, sie gehörte heute womöglich zu meinen Highlights jener Zeit. Aber auch so bietet sie mir genug Hörgenuss, um bei passender Gelegenheit wieder aufgelegt zu werden. ***1/2

nikodemus
08.10.2010, 08:24
Kenne von Matching Mole noch nichts außer dem wunderschönen "O Caroline", eines von Wyatts schönsten und bezaubernsten Melodien, schade dass der Rest wohl nicht mithalten kann, da ich bekanntermaßen ein großer Fan von Wyatts Stimme bin. Falls ich die LP in der Krabbelkiste sehe, wird sie trotzdem mitgenommen.

Mikko
08.10.2010, 09:41
Wie gesagt, "O Caroline" ist untypisch für den Rest. Und in Grabbelkisten findest Du die Platte heute wohl nicht mehr.

Mikko
05.11.2010, 10:03
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Amazing Blondel – Evensong (LP, Island, 1970)

Die Band kenne ich eigentlich auch schon seit fast 40 Jahren, zumindest dem Namen nach. Und als ich nun diese LP (ihr zweites Album) hörte, merkte ich, dass ich die Musik schon lange kenne. Muss ich damals also auch schon mal irgendwo gehört haben, obwohl ich nie Platten der Gruppe besaß. Amazing Blondel waren zunächst ein Duo, das typisch britischen Pop spielte. Ihre erste LP – die ich allerdings nicht kenne – soll noch überwiegend diesen leichtgewichtigen Britpop enthalten. Hier waren sie bereits zu dritt und sehr bemüht, wie eine traditionelle elisabethanische Musikgruppe zu klingen, oder zumindest so wie sie sich traditionelle Musik des 16. Jahrhunderts vorstellten. Dazu gehört, dass sie auf allerlei alten überlieferten Instrumenten spielen: Krummhorn, Laute, Dulcimer, Flöten, Theorbe, Harpsichord u.a. Ihre Songs sind allesamt selbst komponiert, orientieren sich aber an klassischer englischer Folkmusic oder eigentlich eher spätmittelalterlicher und Renaissance Musik, also letztlich doch Kunstmusik. Das hat also mit der Musik, die von Gruppen wie Pentangle, Fairport Convention, Steeleye Span u.a. zur gleichen Zeit gespielt wurde, nur bedingt etwas zu tun. Zu jener Zeit waren Amazing Blondel übrigens nicht die einzigen, die so etwas versuchten. Aber so weit ich weiß, waren sie die Bekanntesten und wohl auch die Überzeugendsten. Ich bin bestimmt kein Experte auf diesem Gebiet, doch klingt diese Platte für mich sehr schön nach solcher Musik, die womöglich schon Shakespeare zur Entspannung und Erbauung hörte. Wie auch immer, die Melodien sind überwiegend sehr angenehm, Gesang und Arrangement umschmeicheln das Ohr. Auch die beiden folgenden LPs, „Fantasia Lindum“ und „England“, setzten diesen Pseudo Renaissance Stil fort und kultivierten ihn noch üppiger. Erst nach Weggang von John Gladwin 1973 wurde die Musik der Band, die sich fortan nur noch Blondel nannte, rockiger. „Evensong“ findet man relativ leicht auch für kleines Geld. ***1/2

Mikko
05.11.2010, 10:03
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Cleaners From Venus – Under Wartime Conditions (LP, Modell Records, 1985)

Eine auf ganz andere Art typisch englische Platte ist diese LP, die übrigens in England nie offiziell erschienen ist. Nicht als LP jedenfalls. Die Cleaners From Venus und vor allem ihr Mastermind Martin Newell waren Teil der Cassette Culture, einer musikalischen Untergrund Bewegung, die ihre Musik ausschließlich auf selbst kopierten Tapes zirkulieren ließ. In diesem Zusammenhang kann ich übrigens zwei Bücher nur wärmstens empfehlen, die ich in Guitars Galore auch schon vor Jahren besprochen habe. Das ist zum einen „Ein Junge aus den Home Counties“ von Armin Müller, der darin akribisch die Geschichte von Martin Newell und den Cleaners From Venus erzählt, und zum anderen „This Little Ziggy“, die Autobiographie von Martin Newell, die bei House Of Stratus 2001 erschien. Ich will deshalb hier auch nicht weiter auf Martins Geschichte eingehen. Nur so viel, er spielte bereits in den 1970ern in einer Glam Rock Band und scheiterte grandios mit seiner Version von Prog, als alle Welt Punk und New Wave hörte. Eine Außenseiter und Eigenbrötler par excellence also. Seit Ende 1980 hatte Newell unter dem Namen Cleaners From Venus Musik produziert und Tapes veröffentlicht, meist allein, zum Teil gemeinsam mit einem gewissen Lawrence Elliot. Dieser verschrobene, liebenswerte Britpop aus dem Untergrund erfreute sich in Westdeutschland einer gewissen Beliebtheit in so genannten „Indie“ Kreisen. Und so kam es, dass „Under Wartime Conditions“ hier als LP erschien, während sich in London kaum jemand für Martins Tapes interessierte. Die Aufnahmen entstanden im Frühjahr 1984 im sprichwörtlichen Bedroom mithilfe einer TEAC 144 Bandmaschine. Demzufolge gibt es meist kein richtiges Schlagzeug, aber die Rhythmusmaschine und die einfallsreiche Percussion ersetzen es, ohne dass es unangenehm auffällt. Die Songs stehen wie gesagt in einer typisch britischen Pop Tradition, die bei der Music Hall beginnt, Sixties Swinging London reflektiert und ähnlich wie bei Andy Partridge vor neuen Experimenten nicht halt macht. Songs wie „Summer In A Small Town“, Lukewarm Lovesong”, “Drowning Butterflies”, „Johnny The Moondog Is Dead“ oder der herausragende “Song For Syd Barrett”, all das ist einfach wundervoll anzuhören. Verbunden sind die Tracks durch kleine Gesprächsfetzen, die den persönlichen Charakter der Platte noch erhöhen. Newell arbeitete in der Folge mit Giles Smith zusammen, den man heute vor allem als Autor von „Lost In Music“ kennt. RCA Hamburg nahm die Cleaners unter Vertrag und veröffentlichte zwei LPs nur in Deutschland, die besser produziert waren, ohne den Charme der Musik weg zu polieren. Letztlich ein beiderseitiger Irrtum, wie man im Nachhinein konstatieren kann. Diese LP hier ist zwar nicht häufig, aber auch nicht wirklich teuer. ****

Mikko
05.11.2010, 10:04
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Nirvana – All Of Us (LP, Island, 1968)

Neben den britischen Kaleidoscope und der Band Tomorrow ist Nirvana eigentlich die Formation, deren Musik den Prototyp britischen Psych Pops darstellt. Und ihre zweite LP „All Of Us“ ist für mich eine der gelungensten und geschlossensten Platten des Pop im Jahr 1968. Nirvana, das waren damals der irische Musiker Patrick Campbell-Lyons und der griechische Komponist und Arrangeur Alex Spyropolous. Ihr Debütalbum „The Story Of Simon Simonpath“ (das ich leider nicht besitze) erschien im Oktober 1967 und war damit noch vor „S.F. Sorrow“, „Arthur“ und „Tommy“ das erste Konzeptalbum der Popmusik. „Rainbow Chaser“, der Opener aus „All Of Us“ erschien als zweite Single des Albums und wurde der größte Charterfolg der Band. Ich sah sie damit im Beat Club, wo sie den Titel natürlich nicht live spielten, sondern ein kollagenhafter psychedelischer Kurzfilm gezeigt wurde. Vorläufer der Video Kultur also. Die LP „All Of Us“ enthält keinen Ausfall. Kein Song ist weniger als hörenswert, einige sind großartig! Dabei ist die Musik im Rahmen des Genres recht vielseitig. Orchester Arrangements wechseln mit kleiner Bandbesetzung. Schwärmerische Harmonien, jubilierende Chöre wechseln mit Harpsichord, Spinett, Flöte, akustischen Gitarren sowie zeittypischen Sound Effekten wie Phasing und Flanging. Eingespielt wurde das alles natürlich von Top Session Musikern und Orchestern. Und so war Nirvana eigentlich nicht in der Lage, diese Musik live zu präsentieren, was damals ein gewisses Manko gewesen sein mag. Produziert wurde die LP, wie schon der Vorgänger, von Chris Blackwell, dem ich solch starke Pop Affinität gar nicht zugetraut hätte. Im Original ist die LP nur für einen dreistelligen Betrag zu finden. ****1/2

Mikko
01.01.2011, 15:13
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Spiritualized – Ladies and Gentlemen We Are Floating in Space (DoLP, Dedicated, 1997)

Diese Doppel-LP gilt vollkommen zu recht als das zentrale Werk der Band um Jason Pierce. Aus Gründen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, ging die Scheibe im Jahr ihres Erscheinens vollkommen an mir vorbei. Und so war ich hoch erfreut, als nun in diesem Jahr (2010) ein Vinyl Re-Issue erschien. Spiritualized ging aus The Spacemen 3 hervor, die Ende der 1980er Jahre zu den bekanntesten Space Rock und Trance Bands des UK gehörten. Ihre Musik klang meist so, als wären Musiker und Toningenieur völlig stoned gewesen im Studio und letzterer nahm die Session mit halber Geschwindigkeit auf. Ein bisschen so klingt auch diese Platte noch. Doch ist das hier nun weit mehr, als Trance Rock von Shoegazern für zugedröhnte Kiffer. Allein die umfangreiche Instrumentierung mit diversen elektrischen Gitarren, Keyboards, verschiedenen Streich-, Blas-, und Zupfinstrumenten und nicht zuletzt dem London Community Gospel Chor weist über schlichten Space Rock weit hinaus. Aber natürlich ist es eine Platte, die im Club oder in der Disco ihre Wirkung genauso entfaltet, wie daheim unter Kopfhörern oder über die Wohnzimmeranlage genossen. Anders als Radioheads „Ok Computer“, das im gleichen Jahr erschien und zumeist die Top Listen anführte, vermittelt diese Platte eine geradezu majestätische Erhabenheit, deren Wirkung sich kontinuierlich steigert, ohne durch Brüche oder melancholische Wendungen gestört zu werden. Es mag seltsam klingen, aber diese Platte hier ist viel eher im Blues und im ursprünglichen R&B geerdet, als der Neo-Prog von Radiohead u.a. Nicht zuletzt beim Opus Magnum des Albums, dem 17 minütigen „Cop Shoot Cop“, wird das deutlich. Und hier ist ja auch Dr. John als Gast am Piano und Mikrofon dabei. Alles in allem ist „Ladies and Gentlemen…“ ein psychedelisches Gospel Album über die Liebe und den Drogenmissbrauch. Bei aller Erhabenheit ist es doch auch wild und ekstatisch. Ein Wahnsinnsalbum. ****

nail75
01.01.2011, 16:01
Ich stimme Dir vollkommen zu, was "Ladies And Gentlemen" angeht. Ich habe es letztens wieder gehört und im Gegensatz zu manch anderer Platte aus den 1990er, ist es aus meiner Sicht gut gealtert. Musikalisch hast Du es sehr gut beschrieben, da habe ich nichts hinzuzufügen, allerdings würde ich vom Vergleich mit Radiohead Abstand nehmen. Ein viel besserer Vergleich wären entweder die Stones Roses oder Primal Scream - Screamadelica. Die teilen nämlich mit Spiritualized das Konzept des erhabenen, drogendurchflutenden, Dance-beeinflusten Britpop. Radiohead kommen aus einer ganz anderen Ecke.

Mikko
01.01.2011, 16:04
Auf den Radiohead Vergleich kam ich durch die britische Musikpresse im Jahr 1997. Da war "Ladies and Gentlemen..." beim NME Album des Jahres, während die meisten anderen Blätter "Ok Computer" zum Spitzenreiter kürten.

nail75
01.01.2011, 16:05
Auf den Radiohead Vergleich kam ich durch die britische Musikpresse im Jahr 1997. Da war "Ladies and Gentlemen..." beim NME Album des Jahres, während die meisten anderen Blätter "Ok Computer" zum Spitzenreiter kürten.

Ok. Zu Recht natürlich, aber da werden wir uns nicht einigen. ;-)

Mikko
01.01.2011, 16:07
Ok. Zu Recht natürlich, aber da werden wir uns nicht einigen. ;-)Ich hab' nichts gegen "Ok Computer". Allerdings ist es m.E. weder das beste Radiohead Album noch überhaupt ein so herausragendes Album. Damals war jedoch auch ich beeindruckt, das gebe ich zu.

Mikko
10.03.2011, 12:47
http://www.twang-tone.de/LP22PKingsneu.jpgaktuelles Cover

http://www.twang-tone.de/LP22PKingsalt.jpgOriginalcover

22 Pistepirkko – The Kings Of Hong Kong (LP, Bone Voyage, www.22-pistepirkko.net (http://www.22-pistepirkko.net))

Die drei Burschen aus dem nordfinnischen Utajärvi gehören ja schon seit bald 25 Jahren zu meinen Lieblingsfinnen. Vor längerer Zeit angekündigt, machen sie nun ernst mit der Wiederveröffentlichung ihres Back-Katalogs auf Vinyl. Die erste Langspielplatte der Marienkäfer erschien zwar bereits 1983 in finnischer Sprache, aber die zählt hier in diesem Zusammenhang nicht. 1986 hatten sie ein erstes Lebenszeichen von sich gegeben, nachdem sie monatelang in der Klausur einer einsamen Waldhütte, mit Sauna und Scheune zum Proben, die Werke der Ramones, Beach Boys sowie unzählige Pebbles Sampler studiert und verinnerlicht hatten. Die 7“ EP „Ou Wee“ erschien auf dem kleinen Pygmi Label in Helsinki. Dorthin waren die Jungs inzwischen auch gezogen, weil man da doch wenigstens ein bisschen näher am musikalischen Geschehen ist, und sei es auch nur am finnischen. Schon bald nach dem Erscheinen der EP und ersten positiven Reaktionen in der einschlägigen finnischen Musikpresse und sogar aus dem Ausland ging die Band daran, ihre Debüt LP aufzunehmen, ihre englischsprachige Debüt LP wie gesagt. Pygmi Records war eine kleine Firma und auch bereits so gut wie pleite, als die ersten Studio Sessions anstanden. Dementsprechend chaotisch ging es zunächst zu. Man stand ständig unter Zeitdruck und musste Studio Zeit nutzen, wenn gerade welche günstig zur Verfügung stand. Etwas entspannte sich die Situation, als Euros Records in die Bresche sprang und Riku Mattila, ein damals bereits erfahrener finnischer Musiker und Produzent, für die Zusammenarbeit gewonnen werden konnte. Und so wurde die Produktion der Platte im Frühjahr 1987 erfolgreich abgeschlossen. Die drei Musiker, die Brüder P.K. (Gitarre, Gesang) und Asko (Bass, Keyboards) sowie ihr Schulfreund Espe (Schlagzeug, Gesang), machten während dieser Zeit enorme Fortschritte, d.h. sie lernten ständig hinzu, probten zum Teil wie die Besessenen, und sie entdeckten andauernd neue Klänge und Spielweisen. Die LP „The Kings Of Hong Kong“ ist einerseits noch stark von Sixties Garage Beat geprägt. Asko war gerade dabei, die käsigen Töne seiner Farfisa Orgel voll auszukosten. Andererseits weist die Platte aber bereits weit über den Garage Horizont hinaus. Mit „Don’t Try To Tease Me“ findet sich eine gelungene Hommage an Hank Williams Senior, dessen Platten P.K. gerade erst kennen gelernt hatte, am Ende der ersten LP Seite. Und Espes „Motorcycle Man“ kann den Einfluss der Velvet Underground nicht leugnen. Was die LP zu etwas Besonderem macht, das ist die unglaubliche Spiel- und Entdeckungsfreude der drei Musiker, die von Anfang an begierig waren, neue Dinge zu probieren, unbekannte Wege zu beschreiten und dabei ständig Musikhistorie auf- und abzuarbeiten. Der LP Titel ist übrigens der Tatsache geschuldet, dass damals in Finnland (und vermutlich nicht nur dort) viele Dinge des täglichen Gebrauchs „Made in Hong Kong“ waren. Die Band fand das lustig. Und sie selbst waren demzufolge „The Kings Of Hong Kong“. ****

http://www.twang-tone.de/LP22PBareneu.jpgaktuelles Cover

http://www.twang-tone.de/LP22PBarealt.jpgOriginalcover

22 Pistepirkko – Bare Bone Nest (LP, Bone Voyage)

Auf ihrer zweiten internationalen LP waren die Marienkäfer zur Blues Combo mutiert. Aber natürlich nicht im traditionellen Sinn Blues wie bei Muddy Waters, Lightnin’ Hopkins oder Captain Beefheart. Die Jungs übernahmen jedoch diese hypnotische, vorwärts drängende Spielweise, dieses sich wiegende Auf und Ab solcher Songs wie „I Wish You Would“. Mit der Blues Adaption der britischen Musiker in den 1960er Jahren hat das hier auch recht wenig zu tun. Nach eigener Aussage konnten die Finnen das Spartanische, die archaischen Geschichten der alten Blues Songs und diese raue Melancholie, zuweilen Tristesse, aufgrund ihrer Herkunft aus der einsamen Kargheit des finnischen Nordens gut nachvollziehen. Obwohl diese Songs von einem anderen Kontinent stammen, waren sie rein gefühlsmäßig gar nicht so weit weg, sagt P.K. Beim Spielen der Blues Gitarre fühlt sich P.K. ausgesprochen wohl, wie man hört. Doch treten bei ihm diverse andere Elemente hinzu. Das Sir Douglas Quintett hatte in den 1980er Jahren mal in Oulu gespielt, und Asko war dort und fasziniert von Sound und Spieltechnik der Band. Speziell sein Orgel und Synthesizer Spiel auf dieser LP hier ist vom Cajun und Texmex Sound zumindest inspiriert. Die LP entstand im Winter 1988/89 wieder in enger Zusammenarbeit mit Riku Mattila, der auch bei dem einen oder anderen Track an der Gitarre aushalf. Wieder ist eine sehr vielschichtige, vielseitige Platte entstanden. Neben dem Blues gehört Country zum Repertoire dieser Platte, sowie allerlei exotische Klänge von Tablas, Congas und vorproduzierten Tape-Loops. Der Opener „Frankenstein“ wurde damals zu einem richtigen kleinen „Indie“ Hit – auch hier in Berlin dank Radio 100. Die ätherische Country Ballade „Shot Bayou“ ist überirdisch schön. Und die wilde Entschlossenheit solcher Tracks wie „Save My Soul“ erinnert in der Tat an die Kompromisslosigkeit des leider kürzlich verstorbenen Captain Beefheart. Höhepunkt dieser Kompromisslosigkeit ist der Titelsong „Bare Bone Nest“ am Ende der LP. Eine an Sonic Youth geschulte Klangcollage aus Feedback und Fuzz Kaskaden. Alles mit Gitarren und ihren Verstärkern und Effektgeräten erzeugt. Lediglich die Marseillaise und das Star Spangled Banner wurden vom Band zugespielt. Grandios! Die LP erschien 1989 auf dem eigens von Universal Finnland für solche Zwecke gegründeten Label Spirit. Die Re-Issues auf Bone Voyage wurden übrigens von den analogen Originalbändern gemastert. Covergestaltung und Liner Notes sind neu, die originalen Cover als Faksimile beigefügt. Bare Bone Nest LP ****1/2

Mikko
12.04.2011, 12:52
http://www.twang-tone.de/LPCalifone.jpg

Califone – Roots & Crowns (LP, Thrill Jockey Records, www.myspace.com/califonemusic (http://www.myspace.com/califonemusic))

Auf diese Band und diese LP bin ich durch einen Film gestoßen. Jack Ketchums „The Lost“ ist ein anti-Woodstock Horror Thriller, der einen psychopathischen fast noch jugendlichen Killer in einer Kleinstadt in New Jersey im Jahr 1969 porträtiert. Der Film ist wirklich sehenswert. Aber darum geht es hier nicht. Die Musik in diesem Film ist nämlich ebenfalls durchweg hörenswert. Und während der Abspann läuft hört man ein melancholisch folkiges Stück, das ganz vorzüglich die Leere widerspiegelt, die man nach dem Ende des Films empfindet. Dieses Stück Musik konnte ich schließlich als „3 Legged Animals“ identifizieren von der LP „Roots & Crowns“ der Band Califone aus Chicago. Califone ist die Band des Musikers und Filmkomponisten Tim Rutili. Eigentlich ist es mehr oder weniger sein Solo Projekt, auch wenn es inzwischen wohl eine richtige Band gibt, die auch live auftritt. Es gibt eine ganze Reihe Veröffentlichungen unter dem Namen Califone auf verschiedenen Labels seit 1998. Die LP „Roots & Crowns“ ist die bislang vorletzte LP der Gruppe um Tim Rutili. Das Album erschien 2006, im gleichen Jahr wie der Film „The Lost“. Rutilis erste Band war Red Red Meat, eine alternative Punk Blues Rock Band, die wohl nicht sonderlich erfolgreich wurde. Mit Califone bemüht sich Rutili, an traditionelle amerikanische Musik wie Blues und Folk anzuknüpfen, sie mit modernen Mitteln von Elektronik und Collage zu bearbeiten. Außerdem nimmt er Einflüsse solcher Bands wie Current 93 oder Psychic TV auf. „The Orchids“ auf dieser LP hier ist ein Psychic TV Cover. Aus all dem entsteht eine wirklich seltsame Atmosphäre, die einen beim Hören auf eine absurde Weise beruhigt und mit Befriedigung erfüllt, obwohl die besungenen Inhalte eigentlich viel mehr beunruhigen und erschrecken sollten. Andererseits sind die Songs aber auch zum Teil recht esoterisch und ziemlich surreal. Die Melodien sind mitunter wirklich Pop von der Art, die auch Brian Wilson hätte schreiben können. Ich bin weit davon entfernt zu verstehen, was Tim Rutili und seine Band hier wirklich mitteilen wollen. Doch die Melodien, diese verfremdete Folk Musik üben einen eigentümlichen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen kann. Ich kenne bisher nur diese LP der Band. Und ich weiß nicht, ob ich noch weitere Platten der gleichen Art unbedingt hören will. Diese Platte jedoch ist wirklich schön auf eine ganz eigene Art. ***1/2

Mikko
12.04.2011, 12:56
http://www.twang-tone.de/LPMatadors69.jpg original LP

http://www.twang-tone.de/LPMatadors2011.jpg Re-Issue 2011

The Matadors – s/t (LP, Supraphon, CSSR 1969) The Matadors – Get Down From The Tree (DoLP, Munster Records, 2011)

Als jemand, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist, bin ich natürlich auch von den Auswirkungen westlicher Beatmusik in den Ländern des real existierenden Sozialismus nicht verschont geblieben. Und ich muss sagen, nicht alles dort war peinlich oder vollkommen indiskutabel. 1969 bekam ich von einer in Ostberlin lebenden Tante die LP der führenden tschechischen Beat Band The Matadors geschenkt. Es ist ihre einzige LP geblieben. Aber für mich war diese LP damals eine Offenbarung. Durch sie lernte ich das wunderbare „My Girl“ kennen. Für das Original von The Temptations war ich entscheidende 2-3 Jahre zu jung. Und auch „It’s All Over Now, Baby Blue“ im Arrangement von Them hörte ich hier zum ersten Mal. Neben einer John Mayall Nummer und zwei Howlin’ Wolf Cover sind das dann aber auch schon alle Fremdkompositionen auf der Platte. Die anderen sieben der insgesamt zwölf Titel sind eigene Werke der Prager Band. Und was für welche! Komposition, Arrangement und Spieltechnik stehen den angloamerikanischen Zeitgenossen nicht nach. Und im Vergleich zu den deutschen Beat Bands der Sixties sind The Matadors ganz weit vorne. Der Opener „Get Down From The Tree“ ist eine großartige R&B Nummer, deren Sound man heute mit Freakbeat assoziiert. „Extraction“ ist ein fast avantgardistischen Instrumental von sechs Minuten, das an Soft Machine und The Doors zugleich denken lässt. In den Liner Notes der LP werden Them mit Van Morrison, Eric Clapton und Jimi Hendrix als Vorbilder genannt. Man hört das auch deutlich, ohne dass man je das Gefühl hat, hier wären reine Kopisten am Werk. Viktor Sodoma hat eine wirklich tolle, ausdrucksstarke Stimme. Und auch wenn er nicht immer völlig akzentfrei Englisch singt, so klingt seine Stimme doch erstaunlich nach so großen Vorbildern wie Stevie Winwood, Otis Redding oder Eric Burdon. Das Zusammenspiel von Piano, Orgel und Gitarren ist wirklich unglaublich auf dieser Platte. Eben noch ganz traditionell im Blues verhaftet, und im nächsten Moment experimentell aber auch poppig. Die trotzig melancholischen Balladen überwiegen auf der Platte. Und ihre „Baby Blue“ Version ist für mich die ultimative. Vielleicht weil ich Them erst danach kennen lernte. So sehr unterscheiden sich die beiden Versionen auch gar nicht. Bei The Matadors klingt das Ganze etwas weicher und versöhnlicher, nicht zuletzt durch ein dezentes Streicherarrangement, das zwar in der Them Version auch da ist, aber so dezent, dass es kaum auffällt. Was ich damals nicht wusste, als die LP 1969 in der DDR und anderswo außerhalb der CSSR erschien, existierte die Band, die das Album im Mai 1968 innerhalb einer Woche aufgenommen hatte, schon nicht mehr. Schließlich hatten die Bruderarmeen im August 1968 Prag besetzt. Das bedeutete auch für die Popmusik einen heftigen Einschnitt. Der größte Teil der Band lebte inzwischen in München und bildete das musikalische Rückgrat der deutschen Version des Musicals „Hair“. Um die Mitte der 1970er Jahre dann bereicherten sie unter dem Namen Emergency die bundesrepublikanische Jazz Rock Szene. Dass die Platte von The Matadors dennoch im Ostblock weite Verbreitung fand, gehört zu den vielen Widersprüchlichkeiten des dialektischen Materialismus. Die LP war für mich immer ein Meilenstein vor allem auch meiner ganz persönlichen musikalischen Entwicklung. Und wenn ich sie heute wieder höre, dann kommen nicht nur jede Menge Erinnerungen hoch, ich freue mich auch über die nuancenreiche und erfrischende Wirkung dieser Musik. Das spanische Label Munster Records hat nun eine Doppel-LP veröffentlicht, die neben der LP auch sämtliche Aufnahmen, die unter dem Namen The Matadors damals gemacht wurden, enthält. Alles wurde von den originalen analogen Bändern remastert. Allerdings wurden in zwei Fällen die besseren Mixe einer früheren EP den Album Versionen vorgezogen. Die zusätzlichen Tracks von verschiedenen Singles, EPs und Samplern bieten eine interessante Bereicherung und machen die Entwicklung der Band in den zwei Jahren ihres Bestehens gut deutlich. Ausführliche Liner Notes in englischer Sprache liefern die ganze Geschichte und Vorgeschichte der Band. Ich kann die Anschaffung dieser Doppel LP wirklich empfehlen, würde mich aber von der originalen LP trotzdem niemals trennen. Diese bekommt ****1/2

Mikko
12.04.2011, 13:00
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Psychotic Waltz – A Social Grace (DoLP, Century Media, www.psychoticwaltz.com (http://www.psychoticwaltz.com))

Die Bekanntschaft mit Psychotic Waltz aus Kalifornien verdanke ich dem Leserforum des deutschen Rolling Stone. Zwar war ich nie ein Fan von Heavy Metal, aber manche Randbereiche des Genres fand ich immer schon interessant und hörenswert. Und Psychotic Waltz sind auch keine typische Metal Band sondern nach eigener Einschätzung eine „progressive hippie metal band“. Nun, Hippie war ich vor langer Zeit auch mal. Und eine Ader für Progrock hatte ich in den frühen 1970er Jahren schon und in letzter Zeit wieder. „A Social Grace“ ist das Debütalbum der Band aus dem Jahr 1990. Unter dem Namen Aslan begann die Gruppe als High School Band in den 1980er Jahren im Südkalifornischen El Cajon bei San Diego. Da es bereits eine andere Band namens Aslan gab, nannte man sich ab der ersten offiziellen Veröffentlichung nun Psychotic Waltz. Eine Besonderheit der Band, der Leadgitarrist Brian McAlpin war infolge eines Autounfalls seit 1984 querschnittsgelähmt. Dennoch trat er regelmäßig mit der Band auf und war reguläres Bandmitglied bis zum Schluß 1997. Die Band hat sich dieses Jahr in ihrer Ur-Besetzung reformiert und wird live auftreten sowie wohl auch eine neue Platte machen. Aus diesem Anlass hat Century Media jetzt eine limitierte Box mit allen regulären LPs und den Aslan Demos veröffentlicht. Aber zurück zum Debüt. Die CD (kein Vinyl) erschien damals in Europa auf dem deutschen Label Rising Sun und erhielt positive Kritiken in einschlägigen Zeitschriften. Obwohl das Album also recht erfolgreich war, sah die Band außer einem Vorschuß kaum etwas von den Erlösen. Wie auch immer, reden wir über die Musik. Wie ich schon sagte bin ich kein Metal Fan und also auch kein Kenner des Genres. Was mir an dieser Platte gefällt, das ist ihre Vielschichtigkeit. Natürlich erinnert da Manches an die frühen 1970er Jahre. King Crimson fällt mir ein, Black Sabbath, Uriah Heep, sogar Jethro Tull. Aber andererseits sind einige Gitarrenriffs typisch Metal. Bei Iron Maiden oder auch bei den deutschen Helloween hab’ ich Ähnliches schon gehört. Dazu gesellt sich der typische Falsettgesang und hier und da auch eine unzweifelhaft an Jimi Hendrix geschulte Gitarre. Ich erinnere mich dunkel, dass diese Art Prog Metal vor gut 20 Jahren recht angesagt war. Damals habe ich ja schließlich neben Guns’n’Roses auch Mekong Delta und Celtic Frost Platten in meinem Laden verkauft. Seltsam, dass mir Psychotic Waltz nicht da schon untergekommen sind. Vermutlich lag es daran, dass es kein Vinyl gab. Nun ja, besser spät als nie. Diese Platte wächst mit jedem Hören. ***1/2

Mikko
15.09.2011, 21:48
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Caravan – In The Land Of Grey And Pink (LP, 1971)

Wenn ich diese LP heute höre, kann ich gar nicht verstehen, dass sie damals so völlig an mir vorbei gegangen ist. Von der Canterbury Szene hatte ich zwar mal gehört, aber ich kannte nur die Platten von Soft Machine, und die waren mir eher zu anstrengend. Caravan waren aber neben der Soft Machine die führende Band aus Canterbury. „In The Land Of Grey And Pink“ gilt heute als ihr Meisterwerk. Es ist ihre dritte LP und auch in meinen Ohren ihre beste. Auch wenn die LP aus heutiger Sicht als der Durchbruch der Band betrachtet wird, so war sie damals doch nur mäßig erfolgreich und konnte sich nicht in den britischen oder gar anderen Charts platzieren. Die LP entwickelte sich aber wohl über die Jahre zum Aushängeschild der Band, und sie war immer in print, also lieferbar. Das von Tolkiens Hobbit Geschichten inspirierte Cover fiel mir schon lange bevor ich die Musik kennen lernte auf. Und als ich dann endlich mal die LP erstand und auflegte, da merkte ich, dass ich mindestens zwei der Tracks längst kannte. Sowohl das „Golf Girl“ als auch den Titeltrack der LP hatte ich schon früher gehört. Ob im Radio oder bei Freunden, ich weiß es nicht mehr. Die erste LP Seite ist eigentlich recht poppig, die Melodien absolut eingängig und die Tracks relativ kurz. Nur „Winter Wine“ ist mit etwas über sieben Minuten und seinen schon leicht verschachtelten Mellotron Passagen ein zeittypischer Prog Titel. „Golf Girl“ dagegen ist zwar in gewisser Weise auch zeittypisch, aber doch locker und beschwingt und mit seinem seltsamen Aufbau fast so eine Art Kinderlied. Der Song hätte wohl auch von Syd Barrett sein können. Ähnlich „In The Land Of Grey And Pink“, das mit seinen fünf Minuten vielleicht für eine Radiosingle ein Quäntchen zu lang ist. Aber es hätte gut und gerne ein Radiohit sein können anno 1971. Da war so etwas durchaus möglich. „Love To Love You“ ist der dritte von vier Tracks auf der ersten LP Seite. Die Nummer wird von Progfans meist als zu poppig oder zu seicht abgelehnt. Dabei ist es ein wunderbarer Popsong, der vor Lust und guter Laune nur so strahlt! Überhaupt ist Caravan eher eine fröhliche und manchmal auch ironische Band, will mir scheinen. Selbst dem von besagten Progfans sehr geschätzten 23-minütigen Kernstück der LP „Nine Feet Underground“, das die gesamte zweite LP Seite einnimmt, fehlt der heilige Ernst und erst recht der Schwulst, der viele LPs beliebter Prog Bands auszeichnet. Vor allem David Sinclairs einfallsreiches Keyboardspiel sowie hier und da passende Einsprengsel von Saxophon und Flöte machen dieses locker dahinfließende Stück zu einem progressiven Meisterwerk. Es gibt zum 40. Jahrestag der Platte ein limitiertes Vinyl Doppelalbum mit Bonustracks und einem neuen Mix von „Nine Feet Underground“, den Steven Wilson (Porcupine Tree) hergestellt hat. Ob man das braucht, muss man selbst entscheiden. Mir reicht im Grunde die Original LP. ****1/2

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XTC – Skylarking (DoLP, 1986 / 2010)

XTC gehören eigentlich seit ihrer ersten Single „Science Friction“ im Jahr 1977 zu meinen favorisierten britischen Bands der New Wave Ära und dann vor allem der 1980er Jahre. Die LP „Skylarking“ aus dem Jahr 1986 ist meiner Aufmerksamkeit damals dennoch entgangen. Lediglich die erste Single des Albums „Grass“ hatte es mir angetan mit ihrer sehr relaxten hippiesken Atmosphäre. Knüpfte die Band damit doch direkt an die ein Jahr zuvor unter dem Pseudonym The Dukes Of Stratosphear erschienene LP „25 O’Clock“ an. Die LP „Skylarking“ ist zwar vordergründig weit weniger psychedelisch und Sixties orientiert, aber Inspirationen und Einflüsse solcher Sixties Ikonen wie The Kinks, Beach Boys und The Beatles sind unverkennbar. „Skylarking“ ist gewissermaßen ein Konzeptalbum unter dem Motto „A Day In The Life“. Aufgenommen und produziert wurde die Platte von Todd Rundgren in seinem Studio in Woodstock nördlich von New York. Und Rundgren hat einen wohl nicht unwesentlichen Anteil an Sound und Arrangementideen. Er ist ja als genialer Studio Zauberer bekannt. Entstanden ist so eine zwar von Ansatz und den Songs her sehr britische Platte, aber die überbordenden Sunshine Pop Klänge, die Streichersätze, das ist wiederum sehr amerikanisch. Beach Boys eben. Wie zu Zeiten des mythischen „Smile“. Nachdem ich nun das ganze Album, so wie es ursprünglich von Andy Partridge intendiert war, gehört habe, muss ich sagen, es ist großartig. „Grass“ ist nicht mal der beste Track. Eine wundervoll entspannte Atmosphäre zeichnet die gesamte Platte aus. Doch gibt es auch immer wieder Momente der Überraschung, der Exaltiertheit. „Dear God“ ist einer der Höhepunkte der DoLP. Auf der Original LP fehlte der Titel, weil die Plattenfirma Proteste befürchtete. Handelt es sich doch um einen ziemlich kritischen Song, der Gott letztlich stark anzweifelt. Und ausgerechnet dieser Track wurde dann in den USA zur erfolgreichsten Single aus dem Album, weil die Radio DJs ihn von der B-Seite der Single „Grass“ pickten. Die im Jahr 2010 erschienene Doppel-LP ist die ultimative Version des Albums. Sie enthält nicht nur alle Tracks wie ursprünglich vorgesehen, sie hat auch zum ersten Mal die korrekte Sound Polarität der Aufnahmen, die beim ersten Mix im Jahr 1986 versehentlich vertauscht wurde. Und das Album Cover ist nun auch das ursprünglich von der Band intendierte, das Virgin damals ablehnte. ****

Sonic Juice
15.09.2011, 23:33
Schöne Würdigung von PW, die ich jetzt erst sehe. Ich finde ja die beiden nachfolgenden Alben noch spannender und gelungener. Hast die auch schon erschlossen?

Und XTC ist bei mir noch terra incognita. Bei "Skylarking" dachte ich bisher immer nur an eine Reggae-LP gleichen Namens. Insofern Danke für einladende Vorstellung.

otis
15.09.2011, 23:41
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Caravan – In The Land Of Grey And Pink (LP, 1971)

Wenn ich diese LP heute höre, kann ich gar nicht verstehen, dass sie damals so völlig an mir vorbei gegangen ist.

Mikko, zufällig habe ich in diese Platte vor einiger Zeit mal wieder reingehört, wollte sie eigentlich ganz hören. Nicht geschafft. Schöne Musik, zweifellos, aber mir war es dann doch zu ausufernd und gefällig verspielt. Aus dem Prog-Bereich sicher eine der angenehmeren Erscheinungen.
Habe sie dann verkauft.

Norbert
16.09.2011, 11:43
Danke für die Rezension dieser zwei tollen LPs, die auch zu meinen Faves gehören, Mikko!
Ich überlege noch, ob ich mir XTC – Skylarking auch noch als Doppel-LP zulege.

Mikko
16.09.2011, 12:32
@Sonic

Nein, ich bin immer noch nicht dazu gekommen, die anderen LPs von Psychotic Waltz in Ruhe zu hören.

Ich glaube, ich muss mal für einige Zeit aufhören, Platten zu kaufen. Sonst komme ich nie nach mit dem Hören.

@otis

Schade, aber so ist das dann eben. Ich bin ja durchaus Prog affin, wie Du weißt. Doch auch mir gefällt Seite 1 der LP viel besser als Seite 2, die ich deshalb keineswegs schlecht finde. "gefällig verspielt" trifft es ganz gut. Das mag ich ja gerade.

Mikko
13.04.2012, 12:38
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Blink 182 – Enema Of The State (LP, Mightier Than Sword, 1999/2009)

„Enema Of The State“ war das dritte Album des kalifornischen Pop Punk Trios. Und nach meiner Meinung ist es das beste und das einzige Album der Band, das man haben oder mindestens kennen sollte. Zum 10-jährigen Jubiläum seiner Veröffentlichung erschien das Album 2009 erstmals als Vinyl LP. Zwölf mal voll auf die Zwölf. Zwölf grandiose kurze schnelle Punk Pop Hymnen. Drei Singles wurden damals aus der LP ausgekoppelt. Alle drei wurden Hits. Und alle drei haben noch mehr Pop Appeal und noch mehr Ohrwurmchacharakter als das ganze Album sowieso. Das ist schlichte aber effektive gute Laune Musik. Fast alle Tracks haben wie gesagt so ein leicht hymnisches Flair. Das liegt vor allem daran, dass Mark Hoppus in den Refrains die Vokale so schön dehnt. Dabei spielt die Band eigentlich durchgängig in einem unglaublichen Tempo. Buzzcocks und Undertones nennen die Jungs selbst als Einflüsse. Aber auch andere britische Bands der Punk Ära haben ihre Spuren hinterlassen wie z.B. The Boys oder The Members. Die Singles sind damals leider nicht als 7“45s erschienen. Lediglich in Italien gab es „What’s My Age Again“ und „All The Small Things“ als 12“ Singles mit 33 UpM. Die LP erschien limitiert auf blauem Vinyl, und sie ist inzwischen schon wieder relativ teuer. ****

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Madrugada – The Nightly Disease (DoLP, Virgin Records, 2001/2011)

Meine erste Begegnung mit Madrugada war Ende 1999, als sie ihr Debütalbum live im Berliner Knaack Club vorstellten. Die Ausstrahlung, die Präsenz dieser Band und ihres Frontmanns und Sängers Sivert Hoyem war absolut überwältigend. Gänsehaut pur! Im Rahmen der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „The Nightly Disease“ spielte die Band dann ein special Showcase im Planetarium am Insulaner in Berlin Steglitz. Auch das wieder ein großartiges Eindruck hinterlassendes Erlebnis! „The Nightly Disease“ beeindruckte mich schon damals noch stärker als das bereits phantastische Debüt „Industrial Silence“. Leider war die nur in Norwegen erschienene Vinylversion damals so schnell vergriffen, dass ich keine Chance hatte, ein Exemplar zu einem halbwegs erträglichen Preis zu ergattern. Letztes Jahr ist nun ein remastertes Reissue erschienen, das zudem noch zwei weitere LPs mit Bonustracks und Outtakes enthält. Eine vierfache LP also. Obwohl das Bonusmaterial durchaus hörenswert ist, beschränke ich mich hier bei der Beurteilung lediglich auf die ursprünglich veröffentlichten zwölf Tracks. Die Musik auf dieser LP wirkt vor allem durch ihre Spannung. Melancholie bis hin zu Verzweiflung, aber auch immer wieder Hoffnung, warme Geborgenheit. Das vermitteln sowohl die kraftvolle, angenehm dunkle Stimme Siverts, als auch die geheimnisvollen und zugleich vertrauten Gitarrenlicks gespielt vom inzwischen leider verstorbenen Robert Buras. Was der Mann mit seinem Instrument da anstellt, das ist für mich das Größte nach Jimi Hendrix und Hank Marvin. Eben noch leise mit viel Hall wie aus einer Gruft hervorklingend, im nächsten Moment aggressiv und mit Reverb und Distortion bis zum Anschlag, jedoch niemals unkontrolliert oder wüst ekstatisch. Gravitätisch klingen die Tracks, oft gehalten von einem exakten Rhythmus Gerüst aus präzisen Drums und mal treibendem mal sanft schwebendem Bass. Aber das phantastischste an dieser Platte – neben den wunderbaren Songs – sind und bleiben die Gitarren. Flirrend und sirrend hier, transzendierend an- und abschwellend dort. Siverts Gesang erinnert tatsächlich – wie man immer wieder lesen kann – bisweilen an Jim Morrisons. Und die Grundstimmung dieser Platte hat ja auch durchaus etwas, das man bei The Doors ebenso hören kann. Dennoch möchte ich da keinen Vergleich ziehen. Es sind Siverts – und Roberts – ganz eigene Erfahrungen, Gefühle und vermutlich auch Albträume, die hier zum Ausdruck gebracht werden. Für mich ist diese LP das Album des Jahres 2001 und bis heute eines der besten Alben des neuen Jahrtausends. *****

dying-stereo
13.04.2012, 12:40
[QUOTE=Mikko;2693721]http://www.twang-tone.de/LPBlink182.jpg

Blink 182 – Enema Of The State (LP, Mightier Than Sword, 1999/2009)

Fünf Sterne Cover.

Mikko
13.04.2012, 12:40
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Mazzy Star – She Hangs Brightly (LP, Rough Trade, 1990)

David Roback und Hope Sandoval sind Mazzy Star. Und “She Hangs Brightly” war ihr Debütalbum unter diesem Namen. David gründete Anfang der 80er mit seinem Bruder Steven und anderen die Band Rain Parade in San Francisco. Die Gruppe gehörte zum so genannten Paisley Underground und orientierte sich stark an Sixties Psychedelia. Nach dem zweiten Album stieg David aus, um mit anderen Musikern und Musikerinnen des Paisley Underground seine musikalischen Vorstellungen umzusetzen. Die neue Band hieß Clay Allison, wurde aber schon nach kurzer Zeit in Opal umbenannt. Als die Sängerin und Bassistin Kendra Smith 1989 die Gruppe verließ, holte Roback seine Freundin Hope Sandoval in die Band, die sich aber bald darauf ganz auflöste. Also machten die beiden als Duo unter dem neuen Namen Mazzy Star weiter. So weit der geschichtliche Hintergrund. Diese Debüt LP gilt als typisches Dreampop Album. Nun ja, mit diesen Schubladen ist das immer so eine Sache. Ich höre hier eigentlich nichts, was es nicht schon vorher gegeben hätte. Folkrock und Folkpop vor allem. Ein bisschen Psychedelia hat sich aus Rain Parade Zeiten erhalten. Hin und wieder gibt es Feedback Gitarren unter schönen Melodien, ganz wie bei The Jesus And Mary Chain. Aber auch eine Slide Gitarre ist gelegentlich zu hören, was dem Ganzen so ein wenig Country Feeling und Americana Touch verleiht. Vor allem aber ist es Hopes engelsgleiche Stimme, die der Platte ihren verträumten Charakter verleiht. Und weil die Musik zum Teil dann doch noch recht spröde oder sagen wir bluesig, ja sogar rockig erscheint, ist das meines Erachtens das beste Album der Band. Das Reissue auf Plain Recordings ist nicht schwer zu bekommen. ****

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Nirvana – Nevermind (LP, Geffen Records, 1991/2011)

Letztes Jahr erschien eine Jubiläumsausgabe von Nirvanas „Nevermind“. Eine 4-fach LP-Box mit diversen Bonustracks und natürlich wie üblich remastert. Das Bonusmaterial ist m.E. vor allem für absolute Fans und vielleich auch für Archivare und Forscher interessant. Aber ich hab’ mal die Neuauflage mit der Originalpressung von 1991 verglichen. Und siehe da, selbst die remasterte Vinylversion klingt weniger transparent und insgesamt flacher als meine UK Pressung aus dem Jahr 1991. Ich meine auch damals war die Platte ja in Teilen ein ganz schönes Brett. Aber die Dynamik zwischen laut und leise bei Tracks wie „In Bloom“ oder „Lithium“ war und ist eine der Stärken dieser LP. Bei der neuen Version ist diese Dynamik zwar andeutungsweise noch erkennbar, aber man spürt sie nicht mehr auf die gleiche Weise, wenn man direkt im Schnittpunkt der rechten und linken Lautsprecherbox sitzt. Auch eine gewisse Wärme der Originalpressung von 1991 ist nun nicht mehr spürbar. Schon erstaunlich wie so ein guter Klang zunichte gemacht wird, ohne Not und ohne Sinn und Verstand. Ich hatte die LP in den letzten Jahren nicht mehr aufgelegt. Lediglich die Singles hatte ich ab und zu gespielt bzw. hab’ ich sie bei diversen Gelegenheiten im Radio oder anderswo gehört. Ich muss zugeben, die Hits habe ich mir inzwischen fast ein bisschen übergehört. Aber natürlich sind „Smells Like Teen Spirit“, Lithium“ oder „Come As You Are“ nach wie vor tolle Songs und großartige Tracks. Auch im Albumzusammenhang. Diese Unbedingtheit, das kompromisslose Leiden, das aus Kurts Stimme klingt, überzeugt mich nach wie vor. Über Nirvana und über diese LP ist eigentlich schon alles gesagt und geschrieben worden. Mich beeindruckt nach wie vor diese grandiose Mischung aus Punk und Pop. Diese in Teilen brachialen Gitarren, die LMAA Attitüde und der absolut präzise satte Drumsound auf der einen Seite, die immer wieder aufscheinende Popsensibilität und die fast schon zarte Intonation in den leiseren Passagen andererseits. Die Platte ist durchgängig gut, keine Frage. Sie hat ihre Bedeutung im Pop Kosmos sowieso. Dennoch hat sie in meiner persönlichen Wertschätzung ein wenig verloren. Eine zeitlang war ich geneigt, ihre Bedeutung zu überhöhen. Das ist unnötig. Ich mag diese LP immer noch. Und in der richtigen Stimmung gehört verschafft sie mir nach wie vor einen Kick, löst gar Gänsehaut aus. Aber es gibt doch eine ganze Reihe LPs, die mir deutlich mehr bedeuten. Die ***** erreicht Nevermind nur noch knapp.

Natsume
13.04.2012, 14:24
Mazzy Star – She Hangs Brightly (LP, Rough Trade, 1990)

[...]
Und weil die Musik zum Teil dann doch noch recht spröde oder sagen wir bluesig, ja sogar rockig erscheint, ist das meines Erachtens das beste Album der Band. [...]

Genau aus diesem Gründen ist es für mich das schwächste
Mazzy-Star-Album.

Irrlicht
17.04.2012, 20:44
Madrugada – The Nightly Disease (DoLP, Virgin Records, 2001/2011)

Eine sehr schöne, treffende Würdigung.

Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass Madrugada, seit ich sie einst, vor etwa sieben Jahren, kennenlernte, zu meinen Lieblingsbands zählt - vieler der Gründe dafür hast Du bereits aufgeführt: Die Schwere und enorm intensive Gefühlsstärke ihrer Songs, der melodische Reichtum, der dennoch von peitschenden, sehr klar eingesetzten Anteilen geerdet wird, in denen sich die Band darauf besinnt, dem Schönklang den Atem zu nehmen - mal bleiben Songs über Minuten hinweg in der Schwebe, manchmal beginnen sie wie ein Lauffeuer zu brennen; den Tod Burås habe ich betrauert, denn der Mann war wahrlich ein Unikum und selbst wenn nach derartigen Schlägen mancher Song noch unterbewusst an Tiefe und Mehrdeutigkeit gewinnt, ist es schon erstaunlich, wie beeindruckend die Songs schon zur frühsten Bandphase klangen - das Verständnis war da, Akzente zu setzen, sehr markante und solche, die man nie vergessen wird, aber sich dennoch im Kontext nie in den Vordergrund zu stellen. Aber alles in allem war Madrugada eine brillant aufeinander eingespielte Band als solche, es ist gut, dass mit dem Tod auch in Norwegen die Sonne untergegangen ist und Hoyem seither seinen eigenen Projekten nachgeht.

Eine wunderbare Band, bei der man praktisch jedes Album empfehlen kann, auch wenn "Grit", wie ich finde, etwas abfällt. Danke Dir, Mikko, dass Du daran erinnerst; "The nightly disease" war das letzte Werk, das ich kennenlernte, ich werde es direkt für die nächsten Tage wieder rauslegen.

Und noch eine Frage an die, die meinen Präferenzen etwas einschätzen können: Wäre Mazzy Star was für mich? Die Beschreibung hat mich recht neugierig gemacht.

Mikko
17.04.2012, 21:08
Freut mich, Irrlicht, dass ich auch Deinen Nerv getroffen habe.

Mazzy Star ist definitiv auch was für Dich, vermutlich am ehesten das letzte Album "Among My Swan".

Irrlicht
17.04.2012, 21:24
Freut mich, Irrlicht, dass ich auch Deinen Nerv getroffen habe.

Mazzy Star ist definitiv auch was für Dich, vermutlich am ehesten das letzte Album "Among My Swan".

Werde ich die Tage direkt mal in Angriff nehmen.

Mikko, wo Du diese große norwegische Band würdigest: Ist Dir eigentlich das Werk des Midnight choirs vertraut?

Mikko
17.04.2012, 21:33
Mikko, wo Du diese große norwegische Band würdigest: Ist Dir eigentlich das Werk des Midnight Choirs vertraut?Richtig vertraut eher nicht. Aber ich kenne die Band. Was ich hörte war mir bisher etwas zu ruhig und - wie soll ich sagen - einschläfernd?

Irrlicht
17.04.2012, 21:59
Richtig vertraut eher nicht. Aber ich kenne die Band. Was ich hörte war mir bisher etwas zu ruhig und - wie soll ich sagen - einschläfernd?

Da würde ich den Eindruck durchaus nochmal überprüfen, gerade wo Du "The nightly disease" unter den Studiowerken gewählt hast, das ja eher das Werk Madrugadas ist, das in sich ruht oder vielmehr die Dynamik, die nachfolgend immer deutlicher erkennbar wurde, hier vielfach noch im Kleinen und Feinen erprobte. Für mich sind die Alben von Midnight choir große Werke der zeitgenössischen Kunst, fragil gestaltet, durchaus auch mit harschen Tönen, aber zu keiner Zeit plump oder flach, sondern sehr songdienlich. Sehr ruhig ist die Musik der Band zwar zuweilen durchaus, aber einschläfernd zu keiner Zeit, dafür ist vieles, was hier an Klängen verarbeitet wird unterschwellig zu passioniert, die Stimme Flaatas zu innbrünstig - zudem kommt es wohl wirklich darauf an, in welcher Phase man diese Band zu Gehör bekommt. Aber ein Album wie "Olsen's lot" solltest Du auf jeden Fall mal aus der Nähe betrachten.

Ein Anspieltipp: Jeff Bridges (http://www.youtube.com/watch?v=dLsOBHMHnFs)

Mikko
17.04.2012, 22:01
Aber ein Album wie "Olsen's lot" solltest Du auf jeden Fall mal aus der Nähe betrachten.Na gut. Mach ich.

Reimarius
17.04.2012, 23:08
Richtig vertraut eher nicht. Aber ich kenne die Band. Was ich hörte war mir bisher etwas zu ruhig und - wie soll ich sagen - einschläfernd?

Verstehe ich, geht mir bei den Alben davor (Amsterdam Stranded) und danach, nur bei "unsung heroine" hält sich die Spannung für mich. Großartige Platte, großartige Songs!

Mikko
15.03.2013, 13:00
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22 Pistepirkko – Big Lupu (LP, Bone Voyage, 1992/2013)

„Big Lupu“ ist das vierte Album der drei Finnen aus Utajärvi. 1991 gingen sie wieder mit Riku Mattila, der sie schon bei den beiden LPs davor als Produzent unterstützt hatte, ins Studio in Helsinki. Sie wollten diesmal das beste Pop Album der Welt machen. Espe Haverinen, der Drummer der Band, hatte schon zuvor immer mal Beiträge zum Songwriting geleistet. Jetzt aber stammten fünf der 13 Songs auf dem Album von ihm. Und dabei hält er sich noch nicht mal für einen guten Rock’n’Roll Komponisten. Seine Songs sind eher nachdenklich, expressionistisch. Nun ja, Pop darf auch nachdenklich und expressionistisch sein. Jedenfalls wurden die Studio Sessions zunächst für ein halbes Jahr unterbrochen. Einerseits war P.K. nicht zufrieden mit seiner Stimme, seinem Gesang. Andererseits stand eine Tournee an, und die neuen Stücke wurden erstmal live erprobt. Und dennoch dauerte es noch ein weiteres halbes Jahr im Studio, bis die vier Musiker (drei Bandmitglieder und ihr Produzent) endlich zu Potte kamen. Aber es hat sich gelohnt. „Big Lupu“ ist tatsächlich eine – wenn auch ungewöhnliche und ziemlich verschrobene – großartige Pop Platte geworden. Mit „Birdy“ enthält sie die bis dahin erfolgreichste Single der Band. P.K. hatte mit einer Akkordfolge aus Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ rumexperimentiert. Und aus „Evil in my Room“ wurde auf wundersame Weise eine leichte luftige Sommer Pop Nummer, die im finnischen Radio bis heute ein Evergreen ist. Genial ist Askos Idee, in der Mitte des Tracks tatsächlich 20 Sekunden lang nur Vogelstimmen erklingen zu lassen. Der Garage Pop und der urwüchsige Blues des vorigen Albums sind jedoch nicht völlig verschwunden. Allerdings klingt das nun nicht mehr so geerdet und bodenständig. Wo Espe expressionistisch ist, sind die beiden Brüder Keränen nun geradezu exaltiert und mitunter richtig überdreht. Da wird mit Tape Loops gearbeitet und Jimi Tenor darf Saxophon und andere Bläser Parts beisteuern. Im „All Night Cafe“ klingt die Band dann tatsächlich wie eine völlig abgehobene im siebten Himmel oder auf Wolke Neun schwebende Version von Link Wray. Alles in allem ist „Big Lupu“ eine grandiose Mixtur von Pop, Blues und Psychedelia und die bis dahin beste Platte der Marienkäfer. *****