Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Birdseys Rezensionen
Dominick Birdsey
06.04.2006, 10:47
Ab und an werde ich hier Buchtipps oder auch Kritiken zum Besten geben.
(Zu irgendwas muss das Studium schließlich nützlich gewesen sein.)
http://www.reviewmirror.de/text/page2/big/truong.jpg
Das Buch vom Salz | Monique Truong
(Beck. 2004)
"Und glauben Sie mir, GertrudeSteins Französisch ist furchtbar. Wie ein Schuh, der eine Treppe runterfällt. Der Rhythmus stimmt überhaupt nicht. Je näher es kommt, desto lauter und disharmonischer klingt es. Ihr breiter amerikanischer Akzent gefällt ihr jedoch ungemein. Sie betrachtet ihn als notwendige Verzierung, ganz wie eine ihrer beeindruckenden Mosaikbroschen, die sie so gerne trägt."
Die Geschichte des vietnamesischen Kochs von Gertrude Stein und ihrer Geliebten Alice B. Toklas spielt Ende der Zwanziger Jahre in Paris. In wundervoll metaphorischer Sprache legt Monique Truong in ihrem Debütroman uns die Vergangenheit ihres Protagonisten dar. Einer Salzgewinnung nicht unähnlich, trägt sie nach und nach tief aus dem Verborgenen der Vergangenheit Versatzstücke aus dem Leben von Binh (so der Name des Kochs) zusammen und skizziert so die spannende Biographie eines aufgrund seiner (homo-)sexuellen Neigung aus der Heimat Vertriebenen. Truong enthüllt die innersten Gefühle einer Person - die verletzt wurde und sich selbst verletzt - anhand von Rückblenden und parabelhaften Binnengeschichten. Transparent werden neben seinen familiären Umständen (der innigen Beziehung zu seiner Mutter, den Hass auf seinen Stiefvater), seinen ersten sexuellen Erfahrungen mit einem jungen französischen Koch, auch die Charaktere seiner späteren Arbeitgeberinnen, GertrudeStein (in einem Wort) und Miss Toklas. Häufig verfällt die Autorin dabei in die Perspektive des Kochs, dem es sowohl in der englischen als auch in der französischen Sprache an Vokabeln mangelt und der sich sinnlicher Vergleiche lukullischer Genüsse bedient, um seine Empfindungen und sein Seelenleben - und das seiner Herrinnen - zu beschreiben. Dadurch, dass das Herrschaftsverhältnis der Schriftstellerin Gertrude Stein und Binh dargestellt wird, verdeutlicht Truong auch auf einer anderen Ebene die Kolonialzeit Indochinas. Dies ermöglicht einen Cameo-Auftritt von Ho-Chi-Minh, dessen rätselhaftes Bild(nis) eines vielwissenden vielgereisten Mannes nicht nur den Leser aufmerksam werden lässt, sondern auch Binh so beeindruckt, dass er es gegen das Foto seines Liebhabers eintauschen würde. Der Autorin ist ein großartiges Buch gelungen, gleichwohl die Sprache manchmal über das Ziel hinausschießt und die Wendungen und Windungen viel Konzentration erfordern, das zu den besten der letzten Jahre gehört und aufgrund seiner Doppelbödigkeit durchaus mehrere Male Leselust bereiten wird.
DR.Nihil
06.04.2006, 15:34
(Zu irgendwas muss das Studium schließlich nützlich gewesen sein.)
(Erzähl mir doch keinen Scheiß! ;-))
Schöner Thread!
Herr Rossi
06.04.2006, 20:53
Gute Idee und interessanter Einstieg!
Dominick Birdsey
20.04.2006, 15:29
http://www.reviewmirror.de/text/page2/big/krauss.jpg
Die Geschichte der Liebe | Nicole Krauss
(Rowohlt. 2005)
"Einmal verpasste ich sechs Züge, weil ich nicht herausbekam, wie man nach dem Fahrschein fragt. Ein anderer wäre vielleicht einfach eingestiegen. Aber nicht ein Jude aus Polen, der deportiert zu werden fürchtet, wenn er auch nur vergisst, die Klospülung zu ziehen."
"Die Geschichte der Liebe" ist ein Buch im Buch. Leo Gursky hat es vor Jahrzehnten in Polen für seine große Liebe geschrieben. In Kriegszeiten hat er es einem Freund zur Aufbewahrung gegeben, der es aber später durch eine Art geistigen Diebstahl missbrauchte, um die Liebe und Gunst einer Frau für sich zu gewinnen. Die Geschichte des Buches und verschiedener Personen, die es gelesen haben und die es berührt hat, wird hier erzählt. Hauptsächlich bezogen auf den mittlerweile achtzigjährigen Autor desselben, Leo Gursky, und des jungen vierzehnjährigen Backfisches Alma, die ihren Namen aufgrund eben dieses Buches erhalten hat. Ihre Suche nach dem Urheber der "Geschichte der Liebe" wird mit der Biographie Leo Gurskys eng verwoben. Was anfangs noch unbekümmert und unbeschwert erzählt einen Spannungsbogen aufbaut, fällt jedoch am Ende des Romans der gewollten und zu gekünstelten Konstruktion zum Opfer. Als ob Nicole Krauss selbst nicht wusste, wie sich ihr Roman entwickeln würde, scheint sie während des Schreibens plötzlich von der Idee besessen gewesen zu sein, ein plausibler Plot müsse die Handlungsstränge zusammenführen und abrunden. Nicole Krauss will zuviel und das ist ein weiteres Manko. Getrost hätte sie das Figurenpersonal reduzieren und auf Geschichten verzichten können, ja, müssen. Gleichwohl muss man der Autorin zu Gute halten, gelingt es ihr, wunderbare Charaktere zu entwerfen. Glaubhaft und mitunter wunderbar komisch schildert sie die Marotten des alten polnischen Protagonisten, so dass es leicht fällt sich in die Figur reinzuversetzen. Die Gegenüberstellung eines lebensmüden und vom Leben gezeichneten Überlebenden des Holocausts mit den alltäglichen Kleinigkeiten und Banalitäten, wie der Kauf von Turnschuhen oder das Fallenlassen von Münzen in einem Geschäft, stellt ebenfalls einen Reiz dieses Buch dar. Auch Alma und ihr jüngerer (autistisch wirkender) Bruder sind liebevoll gezeichnete Figuren. Ebenfalls sehr gelungen sind Krauss' Ideen, die sich in der Rückübersetzung der "Geschichte der Liebe" widerspiegeln. Sprachlich immer niveauvoll, nuanciert, pointiert und sehr gewitzt. Ein Buch, in dem die Chronologie nicht eingehalten wird und zu viele Figuren den (Spannungs-)Bogen überspannen, erfordert vom Leser oft hohe Konzentration. Letztlich aber wird er dafür mit einer vielschichtigen, manchmal melancholischen, teils ironischen Erzählung belohnt.
Wie wurden eigentlich im Deutschen die ganzen "but"s übersetzt? Schlicht und einfach mit "aber"? (Leo verwendet das "but" ja sehr häufig in seinen Sätze, im Sinne von "trotzdem", genauso "yet")
Mir hat vor allem das Bild von Leos Wohnung gefallen mit Bett, Küche und Wohnzimmer als (Baseball)plates, die er umrunden muss, wenn der Lieferant vom China-Imbiss klingelt.
Dominick Birdsey
20.04.2006, 19:16
Wie wurden eigentlich im Deutschen die ganzen "but"s übersetzt?
"Dann doch". Ein sehr prägnantes Mittel, um gerade auf den letzten Seiten zu verdeutlichen, wer überhaupt spricht.
Die Geschichte der Liebe habe ich auch gelesen, und bewerte es ähnlich, wie Du.
Schöner Thread, ausserdem.
Edit: es wurde mal bei LESEN! von Elke Heidenreich besprochen und gelobt.
Dominick Birdsey
29.04.2006, 16:49
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Die Klavierspielerin | Elfriede Jelinek
(Rowohlt. 1983)
"Die Lichter tappen kurz mit den Fingern nach Erika, finden keinen Halt, wischen ihr fahrig übers Haar, das mit einem Seidentuch zugedeckt ist, rutschen ab, ziehen eine bedauernde nasse Farbspur ihren Mantel entlang und fallen dann hinter ihr zu Boden, wo sie im Schmutz sterben."
Elfriede Jelineks Roman ist die Charakterstudie einer Professorin am Wiener Konservatorium für Musik. Der Focus liegt insbesondere auf der Beziehung Erikas, der Klavierspielerin, zum "Inquisitor und Erschießungskommando in einer Person, in Staat und Familie einstimmig als Mutter anerkannt". Dieses Verhältnis ist ein außergewöhnliches (und angedeutet inzestuöses), teilen doch Mutter und Tochter nicht nur die Wohnung sondern auch das Bett miteinander. Erika hat zwar ein eigenes Zimmer, doch fehlt der Tür ein Schloss, denn "kein Kind hat Geheimnisse". Wie bereits Ester Greenwood in Sylvia Plaths Roman bleibt die Klavierspielerin Zeit ihres Lebens unter einer "Glasglocke" gefangen. Der Überwachung ihrer Mutter kann sich Erika nur selten entziehen: "Sie weiß, diese mütterliche Umschlingung wird sie restlos auffressen und verdauen, und doch wird sie von ihr magisch angezogen." Und weil sie es nicht zur großen Klaviervirtuosin geschafft hat, verdient Erika jetzt das (gemeinsame) Geld als Lehrerin. Selbst also die Kunst kann sie nicht mehr trösten, im Gegenteil, manchmal "schafft sie [die Kunst] allerdings das Leid erst herbei". Gefühle lässt Erika nicht an sich heran, die Liebe (auch die körperliche) war für sie bisher nur mit Enttäuschungen verbunden, so dass ihr Ich nur ein "bodenlose Gefäß" bildet. "Sie ist nichts. Und nichts gibt es mehr für sie". Weder der Ausbruch in eine Peepshow, noch das nächtliche Spannen am Prater sind für Erikas Lustgewinn förderlich. Einzig Selbstbestrafung in Form von Selbstverstümmelung durch Rasierklingen scheinen für Erika Mittel zum Zweck. Und so setzt sie ihre Hoffnung auf einen zehn Jahre jüngeren Schüler: Walter Klemmer. Dieser würde selbst gerne die ältere Klavierlehrerin in seine Frauen-Trophäensammlung einreihen. Auf diese von vornherein zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung liegt ein weiterer Schwerpunkt des Romans, der aber letztlich nicht (wie in der Verfilmung von Michael Haneke zu sehen) das Hauptaugenmerk sein will.
Das Ende soll hier nicht verraten werden, nur soviel, dass der Leser sich wie auch in anderen Romanen Jelineks mit (äußerster) Gewalt konfrontiert sieht. "Die Klavierspielerin" ist eine sprachliche Metaphernkanonade, die in der Nachkriegsliteratur sicherlich Ihresgleichen sucht. Selten wurde eine Charakterisierung einer einzigen Figur mit einer derartigen Wucht an Sprache beschrieben, ein Buch so derart hervorragend bis in die kleinsten Details durchkomponiert- und strukturiert, wie es Jelinek hier gelingt. Das beginnt mit einem Perspektivwechsel, der durch Anonymisierung das Aufheben des mütterlichen Einflusses in der Außenwelt (also außerhalb der gemeinsamen Wohnung) verdeutlicht, über die Desavouierung herrschender Klischees mittels Sprache und auch ihrer Übertreibung, bis hin zu Jelineks wunderbarem (österreichischen) Humor. Eingebettet in sowohl literarische (Bernhard, Plath, Kafka etc.) als auch musikalische Intertextualität (Schubert, Schumann, Bach, Beethoven). Niemals driften die Allegorien und Metaphern ins Banale, niemals wird es zur Phrase oder Plattitüde. Auch wenn mitunter das Gefühl entsteht, dass Jelinek sich ihres Könnens (zu selbst-)sicher ist und sie sich lieber an ihrer eigenen Sprache ergötzt als die Handlung des Romans voranzutreiben, möchte man keinen einzigen Satz, kein einziges Wort missen. Einer der lesenswertesten und mehr als empfehlenswertesten Romane, der allein den Nobelpreis verdient gehabt hätte.
Bei Plath ist es allerdings eher eine selbstauferlegte (bzw selbstaufgesetzte) Glasglocke, oder? Nichtsdestotrotz eine sehr gute Rezension. Das Ergötzen an der eigenen Sprache wird ja vor allem bei "Gier" ganz unangenehm deutlich - mir gefällt "Die Ausgesperrten" am besten.
Sonic Juice
29.04.2006, 17:18
"Die Klavierspielerin" ist eine sprachliche Metaphernkanonade, die in der Nachkriegsliteratur sicherlich Ihresgleichen sucht. Selten wurde eine Charakterisierung einer einzigen Figur mit einer derartigen Wucht an Sprache beschrieben, ein Buch so derart hervorragend bis in die kleinsten Details durchkomponiert- und strukturiert, wie es Jelinek hier gelingt.
Kann ich so unterschreiben. Beeindruckend ist das, keine Frage. Nobelpreiswürdig auch. Für ein Leservergnügen halte ich es allerdings nur bedingt, weil in der Tat die stilistische Selbstverliebtheit ab und an überhand nimmt. Ein Sprachdickicht, durch das man erstmal durch wollen will, um die Handlung nicht aus Versehen zu verpassen. (Der Bezug zu Sylvia Plath erschließt sich mir allerdings weder in Sprache noch Inhalt so auf die Schnelle; aber das muss ja nichts heißen.)
Schöne Rezension, Herr Birdsey!
Dominick Birdsey
29.04.2006, 18:55
Bei Plath ist es allerdings eher eine selbstauferlegte (bzw selbstaufgesetzte) Glasglocke, oder?
Nein, würde ich nicht sagen. Es ist ja eine Depression, die sich wie eine Glasglocke über die Protagonistin stülpt.
@SJ:
Die Intertextualität auf "Die Glasglocke" ist u.a. an diesem Zitat nachzuvollziehen (allerdings gibt auch Jelinek Plath als Referenz in Interviews an):
"Die Zeit vergeht, und wir vergehen in ihr. Unter einer gläsernen Käseglocke sind sie miteinander eingeschlossen, Erika, ihre feinen Schutzhüllen, ihre Mama. Die Glocke lässt sich nur heben, wenn jemand von außen den Glasknopf oben ergreift und ihn in die Höhe zieht."
Fraglos ist der Roman nicht einfach (runter) zu lesen. Es erfordert Aufmerksamkeit. Aber wenn man sich den Zeilen widmet und sich damit auseinandersetzt ist es ein großer Genuss.
Nein, würde ich nicht sagen. Es ist ja eine Depression, die sich wie eine Glasglocke über die Protagonistin stülpt.
Aber ist es nicht so, dass die Glocke bei Plath selbstauferlegt ist und Erika durch ihre Mutter zurückgehalten wird?
Dominick Birdsey
29.04.2006, 20:33
Aber ist es nicht so, dass die Glocke bei Plath selbstauferlegt ist und Erika durch ihre Mutter zurückgehalten wird?
Bei Plath ist es ja eine Krankheit. Die wird sich Esther gewiss nicht selbst auferlegt bzw. ausgesucht haben. Es wird ja zunächst auch mit fragwürdigen Mitteln versucht, die "Glasglocke" zu lichten. Sicherlich verhält es sich bei Erika anders, doch ist der hauptsächliche Faktor ihrer Hassliebe und (ja auch) Hörigkeit sicherlich in ihrer Erziehung zu suchen. Im Gegensatz aber zur Protagonistin entkommt Erika der Glasglocke ja nicht (wobei die Heilung von Esthers Krankheit ja auch möglicherweise nur eine zeitweilige und vermeintliche zu sein scheint, legt man Plaths Biografie zugrunde). Walter Klemmer vermag sie auch nicht darunter wegzuholen. Im Gegenteil: denn so wie das Buch anfängt (Erika stürzt wie ein Wirbelwind in die Wohnung), so endet es auch (Erika beschleunigt ihren Schritt und geht nach Hause). Der Kreis schließt sich.
Dominick Birdsey
11.05.2006, 16:01
http://www.reviewmirror.de/text/page2/big/plath.jpg
Die Glasglocke | Sylvia Plath
(Suhrkamp. 2005)
"Für ein Mädchen, das fünfzehn Jahre lang immer nur glatte A's nach Hause gebracht hatte, schien das ein trostloses Leben zu sein, aber ich wusste, so war es, wenn man heiratete, denn Kochen und Putzen und Waschen war genau das, was Buddy Willards Mutter von morgens bis abends tat, und sie war mit einem Universitätsprofessor verheiratet und war selbst Lehrerin an einer Privatschule gewesen."
Literatur muss immer im Kontext der Zeit betrachtet werden, in der sie geschrieben wurde. So zum Beispiel lässt sich der Nachahmungseffekt auf Werthers Suizid nachvollziehen. Sylvia Plaths Roman "Die Glasglocke" wurde im Jahr 1963 veröffentlich, also in dem Jahr, als sie Selbstmord beging. Der Roman spielt knapp zehn Jahre vorher, in den fünfziger Jahren, in den USA. Esther Greenwood hat ein Stipendium bei einer New Yorker Modezeitung gewonnen. Schnell scheint sie den Reizen der Stadt - in Form von Partys und Männerbekanntschaften - zu erliegen, doch in Wirklichkeit beginnt bereits hier eine tiefe Depression sich wie eine Glasglocke über ihr Leben zu wölben. Dieser erste Teil des Romans zeigt eine (sogar aus heutiger Sicht noch) sehr emanzipatorische Einstellung einer jungen Frau, die eben nicht wie ein petticoattragendes Heimchen im Schatten ihres Ehemannes verkümmern (und ihm "dienstbar" sein) möchte, sondern sich gegen herrschende Konventionen und Konformismen stellt. Der zweite Teil des Romans beschreibt den pathologischen Verlauf einer sich stetig verschlimmernden Depression, mit dem Selbstmordversuch Esthers und den Möglichkeiten damaliger Heilungsmethoden. Durch die detaillierte Darstellung der Krankheit wird auch der autobiographische Charakter des Romans augenscheinlich: wie auch ihre Protagonistin versuchte Sylvia Plath selbst sich mittels Schlaftabletten umzubringen. Sie versteckt sich im Keller, wo sie aber noch rechtzeitig gefunden wird. Dies war einer der Gründe, warum der Roman erst unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde (auch Goethe veröffentlichte seinen Werther zuerst anonym). Das Ende des Romans, die vermeintliche Heilung der Krankheit (das Öffnen ihrer Glasglocke) und die Entscheidung der Ärztekommission darüber, dass sie die Nervenheilanstalt verlassen kann, muten rückblickend wie ein Treppenwitz der Geschichte an: Sylvia Plath brachte sich kurz nach der Veröffentlichung des Romans um. Plaths Sprache ist simpel und sowohl metaphorisch (ihr Leben in New York kommt ihr vor wie ein verästelter Feigenbaum) und ironisch/sarkastisch als auch präzise und trocken. Im Suhrkamp Verlag erschien "Die Glasglocke" in der Reihe der Jahrhundertromane. Und das völlig zu recht.
Sehr schön, Dominick! Eines meiner liebsten Bücher. Wie schätzt du "Ariel" ein (kenne ich nocht nicht)?
Dominick Birdsey
12.05.2006, 09:19
Wie schätzt du "Ariel" ein (kenne ich nocht nicht)?
Ich auch nicht. Lyrik ist nicht mein Spezialgebiet ;-)
Napoleon Dynamite
12.05.2006, 10:40
Wie schätzt du "Ariel" ein Wenn ich stellvertretend antworten darf: Sehr hoch, wie ebenfalls auch die Gedichte von Ted Hughes.
Sonic Juice
12.05.2006, 10:50
Hallo Dominick,
mich würde ja - da ich das Buch auch schon kenne - eher die wertende Rezension interessieren, nicht ein Klappentext mit Inhaltsangabe und Autorenbiographie. Die (persönliche) Würdigung kommt hier für meinen Geschmack deutlich zu kurz (eigentlich ja nur in den letzten 3 Sätzen angedeutet). Bitte etwas mehr Säbelrasseln, Wortwüten und In-den-Himmel-Heben!;-)
Bei Deinen Plattenrezensionen bist Du leidenschaftlicher, oder?
Dominick Birdsey
12.05.2006, 11:06
Bei Deinen Plattenrezensionen bist Du leidenschaftlicher, oder?
Klar. Literatur ist erlerntes Handwerk; Musik leidenschaftliches Hobby, bei dem es eher nach Gefühl geht.
Klar. Literatur ist erlerntes Handwerk; Musik leidenschaftliches Hobby, bei dem es eher nach Gefühl geht.
Ach, das klingt jetzt so nach Exegese. Literatur ist für mich - jenseits aller Ansätze und Auslegungen, auch vor allem Leidenschaft. Das, was die Germanisten betreiben, die gerade kein Taxi fahren, empfinde ich hingegen als kalt und herzlos.
@Napoleon
Hast du die Gedichte im Original gelesen oder taugt die Übersetzung etwas (fast schon unverschämt, das zu fragen, ich weiss)
Dominick Birdsey
27.07.2006, 11:32
http://www.reviewmirror.de/text/page3/big/hrabal.jpg
Ich habe den englischen König bedient | Bohumil Hrabal
(Suhrkamp. 1990)
"So wurde das Unglaubliche Wirklichkeit, und ich musste mich in Eger einer Untersuchung beim Obersten Gericht unterziehen, vor einem Richter und einem Arzt der Waffen-SS, und in einem Ersuchen, das ich schriftlich eingereicht und in dem ich meine ganze Familie bis zurück zu dem Friedhof in Cvikov, dort, wo Opa Johann Ditie lag, aufgeführt hatte, bat ich unter Berufung auf seine arische und germanische Herkunft ehrerbietig, mit Lisa Elisabeth Papanek, die Ehe eingehen zu dürfen, und beantragte entsprechend den Gesetzen des Reiches, in physischer Hinsicht untersucht zu werden, ob ich nach Maßgabe der Nürnberger Gesetze als Angehöriger einer anderen Nationalität auch befähigt sei, nicht nur den Beischlaf auszuüben, sondern auch arisch-germanisches Blut zu befruchten."
Passen Sie auf oder geben Sie acht. So beginnen die fünf Kapitel des Ich-Erzählers auf seinem Weg vom Pikkolo - vom Kellner - zum Millionär und Hotelbesitzer: einem naiven, aber durchaus scharfsinnigen Kleinwüchsigen, dem wiederholt „das Unglaubliche Wirklichkeit“ wird. Der Weg dorthin und darüber hinaus ist lang. Der namenlose wie auch alterslose Protagonist, der sich später während der NS-Zeit aufgrund seines Großvaters den Namen Ditie gibt, ist zunächst ein Opportunist, der sich daran hält, was ihm der Chef des Hotels „Goldenes Prag“ anfangs lehrte:
Als ich ins Hotel Goldenes Prag kam, nahm mich der Chef am linken Ohr und zog daran und sagte: Du bist hier Pikkolo, merk Dir das. Du hast nichts gesehen, nichts gehört. Sprichs mir nach. Und so sagte ich, ich hätte im Hause nichts gesehen und nichts gehört. Und der Chef zog mich am rechten Ohr und sagte: Und merk Dir aber auch, dass Du alles sehen und alles hören musst. Sprichs mir nach. Ich wiederholte verwundert, das ich alles sehen und alles hören wolle, und so fing alles an.
Zwar muss er auf seinem Weg manche Rückschläge einstecken, aber sein Ziel, Millionär zu werden, verliert er niemals aus den Augen. Behilflich seinen Beruf zu erlernen und zu perfektionieren, sind ihm verschieden Oberkellner, wie Zdenek, der großzügig sein ganzes Geld unter die Leute bringt oder der allwissende Skrivanek, der sogar den englischen König bedient hat. Höhepunkt aber in der Karriere des Kellners ist der Tag, an dem er den abessinischen Kaiser, Haile Selassi, bedienen darf. Im weiteren Verlauf wird der Ich-Erzähler seine Sokolbewegung zugunsten einer Sudetendeutschen verraten und sich den deutschen Besatzern anbiedern. Nachdem er zunächst in einem Lebensborn-Heim kellnert, zeugt er dort nach seiner Arisierung und Hochzeit seinen Sohn Siegfried. Mit einer Briefmarkensammlung, die seine Frau wahrscheinlich von deportierten Juden entwendet hatte, kann sich der Ich-Erzähler letztlich seinen Traum erfüllen und selbst Hotelier werden. Aber auch das wird ihn nicht glücklich machen. Erst in der Einöde als Straßenarbeiter findet er seinen Seelenfrieden.
Hrabals Sprache ist simpel und schnörkellos, dennoch schafft er großartige Bilder und nachhaltige Metaphern. Dass der Ich-Erzähler selbst ein Sonderling ist wird ihm selbst nach und nach bewusst. Und so ändert sich mit der Reflexion über sein Leben und den daraus resultierenden Erkenntnissen auch die Erzählsprache vom Umgangssprachlichen bis hin zum Philosophischen:
[...] erst jetzt kam ich dahinter, was gesetzmäßig die Ursache dafür war: die Möglichkeit nämlich, dass sich zwei Menschen nie mehr wiedersehen könnten... ja, diese Möglichkeit machte diese Menschen zu schönen Menschen, das war der neue Mensch, nicht der siegesbewusste und heiser gebrüllte und hochfahrende, sondern im Gegenteil: der demütige und nachdenkliche Mensch mit den schönen Augen eines verschreckten Tierchens...
Nicht selten liegt die Spannung der kleinen Episoden, die der Ich-Erzähler erlebt, an der Skurrilität der Charaktere und Personen, die ihm begegnen: vom fetten Hotelier mit Trillerpfeife, über einen Professor für Literatur und Ästhetik, „der sich im Schimpfen geradezu überbot“, bis hin zu einem Diener, der einen Kater brutal hinrichtet, weil er seiner Katze nachstellte. Ebenfalls entpuppt sich Hrabal als meisterhafter Schriftsteller, wenn es um die Erzählung erotischer Szenen geht. Ist es eine Komödie oder ist es eine Tragödie, fragte einst Thomas Bernhard. Auf Hrabals Roman trifft beides zu: Komik setzt er subtil und sensibel ein, selbst in den tragischsten Situation.
Leider wird die plötzlich auftretende Sympathie des Ich-Erzählers für die Deutschen lapidar in einem Satz abgehandelt und bleibt letztlich nicht ganz nachvollziehbar, was der Erzählung aber weder Reiz noch die Spannung raubt.
So gelingt Hrabal, dass auch bei ihm das Unglaubliche Wirklichkeit wird: „Ich bediente den englischen König“ ist ein großartiger (Schelmen-) Roman mit einem Protagonisten in der Tradition von Hašeks (allerdings ohne dessen Sarkasmus) Schwejk, humorvoll und hintergründig, poetisch und possenhaft, teilweise autobiographisch, spannend und ja, sexy. Genügt das?
(Der Roman wird derzeit von Hrabals Freund Jirí Menzel in Prag verfilmt.)
Dominick Birdsey
29.08.2006, 09:19
http://www.reviewmirror.de/text/page3/big/trojanow.jpg
Der Weltensammler |Ilija Trojanow
(Hanser. 2006)
"Sie mögen ungewöhnliche Worte? Sie müssen Sanskrit lernen. Die Welt ist erschaffen aus den einzelnen Silben dieser Sprache. Alles stammt von Sanskrit ab, nehmen Sie das Wort Elefant, aus Sanskrit Pilu, wo besteht denn die Ähnlichkeit, werden Sie fragen, folgen Sie mir, nach Iran, dort wurde daraus Pil, weil die Perser kurze Endvokale ignorierten; im Arabischen wurde aus dem Wort Pil ein Fil, denn das Arabische kennt kein P, wie Sie bestimmt wissen, und die Griechen, die hängten gerne ein –as an alle arabischen Begriffe, gekoppelt mit einer Konsonantenverschiebung haben wir schon ein elephas, und von dem ist es nur noch ein etymologischer Katzensprung zum Elefanten, wie Sie ihn kennen."
„Ein packender Abenteuerroman“ wirbt der Klappentext, was ebenso einen trivialen Beigeschmack hinterlässt wie die Umschreibung „historischer Roman“. Auch wenn beides zutrifft, ist Ilija Trojanows „Der Weltensammler“ weit mehr als das: nämlich großartige Literatur. Eingespannt in den Rahmen des Todes Sir Richard (Francis) Burtons, werden dessen Entdeckungsreisen im Zeitalter des Kolonialismus in Indien, Arabien und Ostafrika dargelegt (dazu sei die Edition Erdmann (http://www.edition-erdmann.de/) empfohlen, die neben anderen Reiseberichten auch den von Richard Francis Burton verlegt: Richard Francis Burton: Persönlicher Bericht einer Pilgerreise nach Mekka und Medina 1853. Edition Erdmann, Lenningen 2005. 356 Seiten.)
Die Kunst Trojanows besteht darin, dass er größtenteils auf eine Chronologie und eine stringente Erzählerperspektive. Der Autor selbst ist auf den Spuren Burtons nachgefahren (davon zeugt auch sein Bericht Ilija Trojanow: Zu den heiligen Quellen des Islam. Als Pilger nach Mekka und Medina. Piper Verlag GmbH. München 2004. 172 Seiten) um sich polyperspektivisch seinem Protagonisten zu nähern. Burton ist ein Phänomen, ein Chamäleon, ein Gestaltenwandler, der sich in der jeweiligen Landestracht kleidet und die jeweilige Landessprache versucht so gut es geht zu lernen.
So erzählt Burtons ehemaliger Diener Naukaram, wie sein Herr als Mirza Abdullah verkleidet in Gefangenschaft gerät und selbst zunächst unter Folter nicht bereit ist, seine Rolle aufzugeben, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre, sich als englischer Offizier zu erkennen zu geben. Wie es ihm gelingen konnte, als Pilger nach Mekka zu gelangen, wird wie ein Theaterstück inszeniert. Burton ist sowohl Arzt in Ägypten als auch Anführer einer Afrikareise, zur Entdeckung der Quellen des Nils.
Dabei läuft Trojanow niemals Gefahr zu langweilen. Durchaus gelingen ihm wunderbare Szenen mit Humor, wenn z.B. ein Ölsack mit seinen Aufzeichnungen und Notizbüchern ausgerechnet in die Hände einer Horde Affen gerät. Auch erotische Szenen gelingen dem Autor meisterhaft: erfährt man doch sogar, dass Burton in England das Kamasutra übersetzt und verlegt hat. Das Erstaunlichste jedoch ist die Aktualität, die der Roman aufweist. Eine Aussage wie
[…] Er sagte, dass es niemand mit unserem Glauben aufnehmen könne, aber leider hätten die Farandjah [die Franken, womit alle Westeuropäer gemeint sind – C.V.] starke Waffen entwickelt, als Entschädigung für ihren schwachen Glauben, und wenn wir das Schlachtfeld siegreich verlassen wollten, müssten wir soviel wie nur möglich über diese Waffen lernen, in ihren Besitz gelangen und sie eines Tages selber herstellen. Dann – im Glauben stark und bestens ausgerüstet – wären wir unschlagbar.
ist geradezu ein modernes politisches Statement. Trojanow gelingt mit „Der Weltensammler“ ein vielschichtiges und dabei sehr unterhaltsames Werk, das zu den besten Büchern dieses Jahres gezählt werden darf.
Daniel_Belsazar
01.09.2006, 21:26
Klar. Literatur ist erlerntes Handwerk; Musik leidenschaftliches Hobby, bei dem es eher nach Gefühl geht.
Meinst Du das persönlich - also Literatur ist Dein erlerntes Handwerk und Musik das leidenschaftliche Hobby - oder allgemein?
Ersteres wäre natürlich ok.
Letzteres würde ich glattweg bestreiten, weil handwerklich gute Literatur auch durchaus leidenschaftlich sein kann, und leidenschaftliche Musik auch auf der Basis erlernten Handwerks gemacht werden kann. Das eine ist nicht das Gegenteil des anderen. Und außerdem gibt es ausgebildete Musiker, was ist daran prinzipiell anders als ausgebildete Schreiber?
Dominick Birdsey
01.09.2006, 22:12
Meinst Du das persönlich - also Literatur ist Dein erlerntes Handwerk und Musik das leidenschaftliche Hobby - oder allgemein?
Persönlich, da studierter Literaturwissenschaftler. Musik ist lediglich ein Hobby.
Daniel_Belsazar
01.09.2006, 22:23
Persönlich, da studierter Literaturwissenschaftler. Musik ist lediglich ein Hobby.
Ja, dann (können wir uns ja fast die Hand reichen ...)
Dominick Birdsey
05.10.2006, 13:02
http://www.reviewmirror.de/text/page2/big/genazino.jpg
Die Liebesblödigkeit | Wilhelm Genazino
(Hanser. 2005)
"Ich kann die dauerhafte Liebe zu zwei Frauen nur empfehlen. Sie wirkt wie eine wunderbare Doppelverankerung in der Welt. Man wird mit Liebe gemästet, und das ist genau das, was ich brauche."
Der Ich-Erzähler in dem neuen Roman des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino, "Die Liebesblödigkeit", lebt zufrieden in einer Ménage à trois. Das fortschreitende Alter (er ist 52) veranlasst den (beruflichen) Zivilisationsapokalyptiker über seine Situation nachzudenken
"Es gibt jemanden, mit dem ich abrechnen muss, und das bin ich selbst. Mich plagt das Gefühl, dass ich rasch altere und meine Verhältnisse klären muss. Damit meine ich meine Liebesverhältnisse."
und sich für eine der beiden Frauen zu entscheiden: Sandra (42), die für Sicherheit steht, die ihm einen Heiratsantrag macht und die sich ihm zu Liebe auf eine Kiste zwischen den Türrahmen stellt, damit er besser von hinten in sie eindringen kann (um dabei seine Knie zu schonen); Judith (51), Pianstin und Klavierlehrerin, die für das Kulturelle steht, für Unabhängigkeit und für Sex im Freien. Einhergehend mit genazinotypischen Alltagsbeobachtungen wie z.B. Altersphänomenen (Krampfadern, zuckende Augenlider, Ekzeme an der Hand, bräunlich-rötlicher oder schaumig-weißer Urin) wird nun das Pro und Contra beider Lebenssituationen erörtert bzw. ausgelotet. Dabei ist es vor allem die Sprache Genazinos, seine (beinahe berhardesken) Neologismen und Komposita, die kleine Anekdoten zu unvergessenen Bildern geraten lässt. Witzig, ironisch, intelligent. Die Figuren, wie dem Postfeind, dem Empörten-Beauftragten, der Staub-Forscherin, dem Ekel-Professor, wie der Ex-Frau des Ich-Erzählers, die die absurdesten Ideen entwickelt, um Geld zu verdienen, vermag er mit wenig Worten so plastisch zu charakterisieren wie kaum ein anderer deutscher Schriftsteller derzeit. Doch steckt hinter der vorgeschobenen Komik und der vorgeschobenen Handlung immer auch Gesellschaftskritik, die am deutlichsten bei den Seminarvorbereitungen und beim Seminar in der Schweiz sichtbar wird. Das Leiden der Welt und das Leiden an der Welt. Melancholisch, zynisch, weise.
Also wieder alles richtig gemacht? Nicht ganz: "Die Liebesblödigkeit" ist aus der Sicht eines Mannes auf einen Mann geschrieben. Die zahlreichen Sexszenen, die Alterssex und Alltagssex mit geradezu "ekelhafter" Präzision beschreiben, scheinen in den Vordergrund, ja sogar als Entscheidungshilfe für eine der beiden Frauen, zu rücken, die eigentliche Auflösung und tatsächliche Entscheidung (die hier nicht verraten wird) gerät zu kurz und kaum nachvollziehbar. Die Rückblicke auf das Familienleben, den furzenden Vater und die Mutter, deren Fensterputzen er als den "Gipfel der Lebensleere" diagnostiziert, sind zwar amüsant erzählt, wirken aber deplaziert. Schließlich ist der Ich-Erzähler selbst alles andere als eine sympathische Figur: Ein Besserwisser, der mit Halbwissen prahlt, selten Verantwortung für sich oder andere übernimmt und letztlich seine Situation und - hauptsächlich damit konnotiert - die beiden geliebten Frauen ausnutzt. Eine Identifikation will da gar nicht gelingen. Aber man darf mich in zwanzig Jahren noch einmal an diesen Satz erinnern.
Zu hoffen bleibt, dass Genazino nicht von "wirrer Schweigelust" befallen wird und deswegen "öffentliche Belanglosigkeit" erleiden muss, sondern uns weiterhin so komische und geistreiche Roman vorlegt.
dagobert
05.10.2006, 13:32
sei mir nicht böse, aber ich würde gern mal auf trojanow zurückkommen, birdsey, da ich deine besprechung zu "weltensammler" gerade erst sehe. es scheint tatsächlich ein lesenswertes buch zu sein, dessen titel ich mir notiert habe. danke schonmal dafür.
mir hat trojanows roman "die welt ist gross und rettung lautert überall" gefallen und mich würde daher interessieren, ob du es kennst und wie du es einschätst. um den kontext nicht zu verflälschen auch gerne über PN.
Dominick Birdsey
05.10.2006, 14:24
Die Reihenfolge spielt hier keine Rolle. Bin ja froh, wenn es zur Diskussion kommt. Leider aber kenne ich "Die Welt ist groß..." nicht, sondern lediglich den erwähnten Reisebericht über seine Mekka- und Medina-Fahrt.
dagobert
05.10.2006, 14:46
wenn du überdurchschnittlich gerne backgammon spielst und auf einem fahrrad aus bulgarien nach deutschland ausgewandert bist, wird es dir ganz sicher gefallen.
Dominick Birdsey
20.12.2007, 18:06
Wegen Zeitmangels:
Martin Mosebach ∙ Der Mond und das Mädchen (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/Verhexte_Mainmetropole.html)
Alexander Gorkow ∙ Mona (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/Gorkows_rasanter_RomanKrimi_um_Kuehlketten.html)
Dominick Birdsey
08.01.2008, 18:06
Und noch mal Buchrezensionen:
Wilhelm Busch Biografien (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/Max_und_Moritz_auf_MTV_Neues_ueber_Wilhelm_Busch.h tml)
Gudrun Schurys Buch "Ich wollt, ich wär ein Eskimo" ist wärmstens zu empfehlen.
Alex Capus ∙ Eine Frage der Zeit (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/Abenteuerroman_in_Afrika_Wilhelminische_Werftarbei t.html)
Herr Rossi
08.01.2008, 19:38
Wilhelm Busch Biografien (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/Max_und_Moritz_auf_MTV_Neues_ueber_Wilhelm_Busch.h tml)
Gudrun Schurys Buch "Ich wollt, ich wär ein Eskimo" ist wärmstens zu empfehlen.
Das klingt wirklich vielversprechend, werde ich mir holen.
Dominick Birdsey
08.01.2008, 19:50
Das klingt wirklich vielversprechend, werde ich mir holen.
Wenn du noch etwas wartest, kannst du es dir in der Stadtbücherei abholen ;-)
Herr Rossi
08.01.2008, 20:17
Wenn du noch etwas wartest, kannst du es dir in der Stadtbücherei abholen ;-)
Kaufen die nach WN-Empfehlung? Dann hätte ich ein paar Bücher, die Du mal besprechen solltest.;-)
Wenn du noch etwas wartest, kannst du es dir in der Stadtbücherei abholen ;-)
Ich bin mir gar nicht sicher ob Roland mittlerweile im Besitz eines Büchereiausweises ist. Dabei ist ja auch die CD-Bestückung nicht zu verachten ( wenn auch mittlerweile 1 € für die aktuellen genommen wird )
Herr Rossi
08.01.2008, 21:07
Unsere Kleine hat inzwischen einen Ausweis für die Stadtbücherei. Ich bin ja schon froh, wenn ich es gelegentlich in die UB schaffe.:-)
Dominick Birdsey
09.01.2008, 09:18
Kaufen die nach WN-Empfehlung?
Ich habe eine ellenlange Liste... Vielleicht sollte ich das mal austesten ;-)
Dominick Birdsey
12.07.2008, 20:53
http://www.westfaelische-nachrichten.de/_em_daten/_wna/teaser/75E5B677_teaser.jpg
Johann Wolfgang von Goethe ist ein liebender Mann. Mit seinen 74 Jahren verliebt sich der Geheimrat in die 55 Jahre jüngere Ulrike von Levetzow. In Marienbad erliegt er dem Charme der „Contresse“, wie die Älteste der drei Levetzow-Schwestern scherzhaft genannt wird. Goethe ist sich der Problematik des Altersunterschiedes durchaus bewusst, dennoch sieht er über gesellschaftliche Bedenken hinweg und erwägt eine Hochzeit.
Martin Walser vermischt in seinem neuen Roman, ähnlich wie der oscarpreisgekrönte Film „Shakespeare in Love“, sowohl historische Wirklichkeit mit Goethes Werken als auch mit eigener Fiktion – und bleibt dabei dennoch aktuell. Ein ähnliches Thema hat zuletzt Philip Roth in seinem Roman „Exit: Ghost“ aufgegriffen: die Liebe eines älteren Mannes zu einer deutlich jüngeren Frau. Während dies bei Roth nur ein Teilaspekt bleibt, fußt Walsers komplette Erzählung auf dem Sujet. Dass das funktioniert, liegt an der Sprache Walsers, der glücklicherweise gar nicht erst versucht, Goethe nachzuahmen.
Gerade die Gratwanderung zwischen Humor und Tragik zieht den Leser in den Bann: Auf der einen Seite ist es komisch, wenn Goethes Diener Stadelmann dessen Haare verkauft, während auf der andere Seite die Verzweiflung an seinem Verliebtsein Goethe dazu führt, seine berühmte „Marienbader Elegie“ zu schreiben. Ihre Spannung erlangt die Handlung durch die Frage, ob Ulrike nicht doch dem namenlosen Nebenbuhler erliegt. Die Erzählung gelingt solange, bis sich der Autor entschließt, die Werther-Anleihen zu überstrapazieren und zum Stilmittel des Briefromans zu greifen. Aber auch der zotige letzte Absatz des Buches ändert nichts daran, dass „Ein liebender Mann“ einer der besten Romane von Martin Walser ist.
Dominick Birdsey
01.09.2008, 21:17
Sven Regeners neuer Roman -
„Wie bei Luis Trenker im Rucksack“
Weil er vergessen hat zu verweigern, ist Frank Lehmann bei der Bundeswehr gelandet. Und genauso ungeplant steht er plötzlich inmitten des Berliner Mauerfalls. Eine Konstante, die sich durch Lehmanns Leben zieht: Plötzlich ist er unfreiwillig mittendrin. Dass zwischen den beiden Ereignissen noch die Erzählung fehlt, wie es Herrn Lehmann nach Berlin verschlagen hat und wie er sich dort einlebt, ist der Veröffentlichungspolitik seines Autors Sven Regener geschuldet. „Der kleine Bruder“ ist der Mittelteil der nun vollständigen Trilogie um „Neue Vahr Süd“ und „Herr Lehmann“.
November 1980: Nachdem Lehmann seine Entlassung vom Wehrdienst erwirkt hat, fährt er mit seinem Punk-Freund Wolli über die Transit-Strecke nach West-Berlin, um seinen Bruder zu besuchen. Den findet er zwar nicht vor, dafür aber dessen Wohngemeinschaft: Ein skurriles Sammelsurium an Typen, die umziehen müssen, weil ihr Vermieter Eigenbedarf angemeldet hat. Zwischen Kunstszene, Kneipengesprächen und Kreuzberger Lokalkolorit entwickelt sich die komische Suche nach Lehmanns älterem Bruder Manni, den in Kreuzberg alle Freddie nennen. Und ebenso unfreiwillig findet sich Frank Lehmann plötzlich arbeitend in der Kreuzberger Kneipe (deren Name er ständig vergisst) namens „Einfall“ wieder, hinter deren Tresen es aussieht „wie bei Luis Trenker im Rucksack“.
Auf knapp 300 Seiten widmet sich der Sänger und Schriftsteller Sven Regener einer Erzählzeit von zweieinhalb Tagen. „Der kleine Bruder“ bietet all das, was Regeners Romane auszeichnet: Eine Handlung, die in wenigen Sätzen zusammenzufassen ist und amüsante Dialoge, die auf der Stelle treten und die Erzählung überhaupt nicht vorantreiben. Regners Schreibstil ist eine Mischung aus Thomas Bernhard und Frank Schulz. „Kaum hat man eine Meinung, schon ist man in die Falle gegangen“, denkt Frank Lehmann und greift damit ein typisches Motiv des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard auf.
Auch wenn der dritte Teil der Trilogie der schwächste ist, ist Regeners Roman dank der Dialoge, der wunderbar komischen Einfälle („Hausbesetzungssimulation“) und Namensgebungen („ArschArt“, „H.R. Ledigt und E.D.K. Markt“), sowohl literarisch ansprechend als auch unterhaltend. Wohl nur dem zeitgenössischen hamburger Schriftsteller Frank Schulz gelingen die Kneipengespräche noch pointierter und authentischer.
(Nachzulesen auch hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/kultur/657333_Sven_Regeners_neuer_Roman_Wie_bei_Luis_Tren ker_im_Rucksack.html) und dpa-Interview auch noch unten dran)
Das Buch von Regner ist schon für meinen nächsten Urlaub Ende September fest eingeplant und freu mich schon.
Hab heute dank 2,5 Stunden Zugfahrt ( Sitzung in Bielefeld + zurück ) Vermessung der Welt von Kehlmann zuende gebracht. Hat mich jetzt nicht so vom Hocker gerissen ....
Dominick Birdsey
12.11.2008, 17:45
Peter Careys neuer Roman: Knochige Kunstfarce
Der Australier Michael Boone, genannt „Butcher Bones“, ist Maler. Früher in den Siebzigern war er erfolgreich. Dann wurde er geschieden, landete im Gefängnis und musste sich fortan in der australischen Pampa um seinen Bruder, ein tumbes Riesenbaby, kümmern. Und genau dort stakst eine blonde Schönheit in Stöckelschuhen, Marlene Leibovitz, durch den Matsch in sein Leben. Es folgt eine Tour de Force durch Australien, Tokio und New York. Michael und Marlene werden zu Bonnie und Clyde der bildenden Künste: im Kampf zwischen Kunstmarkt und Kuratoren.
Peter Carey erzählt die Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zum einen aus der Sicht der Hauptfigur, des cholerischen Malers Michael. Zum anderen benutzt er dessen Bruder Hugh, der aufgrund seiner Langsamkeit „Slow Bones“ genannt wird, um das furiose Erzähltempo zu drosseln. Aber gerade die Position des unwissenden, allenfalls erahnenden Bruders sorgt für Spannung und beleuchtet die Ereignisse und insbesondere skurrilen Charaktere von mehreren Seiten. Mit viel Sprachwitz legt der Autor dabei dem geistig leicht zurückgeblieben Bruder bewusst schräge Metaphern und falsche Namen in den Mund.
Da rast sein Herz wie „eine kaputte Billiguhr“ oder blühen Pläne wie „Natternköpfe“. Careys Roman liest sich wie das Drehbuch zu einem Film der Coen-Brüder und ist nicht minder stilisiert. Die Seitenhiebe sowohl auf sein Geburtsland Australien als auch auf New York, die Stadt in der lebt, sind witzig, böse und sprachlich alles andere als politisch korrekt. Anspielungen auf reale Künstler (u.a. de Kooning) und bewusste Namensgebungen (beispielsweise heißt ein deutscher Lehrer Bauhaus) gaukeln dem Leser zudem einen Schlüsselroman vor. Ein großartiges Lesevergnügen, das beweist, warum Peter Carey den renommierten Booker-Preis bereits zweimal verliehen bekam.
Nachzulesen natürlich hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/805912_Peter_Careys_neuer_Roman_Knochige_Kunstfarc e.html).
Dominick Birdsey
09.02.2009, 20:50
Daniel Kehlmanns misslungener „Ruhm“: Vermessenes Spiel
Eigentlich ist alles wie immer: „Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“ Das ist Daniel Kehlmanns Art zu schreiben. Daraus kann ein großartiger Roman wie die „Vermessung der Welt“ entstehen. Ein Bestseller, der mit dem historischen Roman kokettiert und dessen Figuren die Handlung mit anachronistischen Dialogen vorantragen. Vier Jahre später erscheint das als „Roman in neun Geschichten“ titulierte neue Werk „Ruhm“. Wieder ein Experiment: diesmal ein missratenes.
Worum es geht: In neun Kurzgeschichten versucht der Autor, Handlungsstränge zu verbinden. Ein Techniker kauft sich ein Handy und stellt fest, dass die Telefonnummer doppelt vergeben wurde. Er nutzt die Möglichkeit, seiner wenig glamourösen Wirklichkeit zu entkommen. Dem Schauspieler, dem die Telefonnummer ursprünglich gehörte, widmet Kehlmann genauso eine Episode wie dem TelekommunikationsAbteilungsleiter, der die Nummernvergabe zu verantworten hat. Daneben gibt es einen Schriftsteller, der dazu neigt, seine Bekanntschaften in seine Geschichten einzupflegen. Zweimal lässt Kehlmann zudem eine mysteriöse Figur auftauchen, die als allwissender Erzähler zu identifizieren ist. Suspekt? Ja, aber unspannend.
In der Musik würde „Ruhm“ als Konzeptalbum kategorisiert, im Kino wäre es ein Episodenfilm. In der Literatur allerdings ist es ein Konstrukt. Dass Kehlmanns Reigen scheitert, liegt nicht nur an den farblosen Figuren. So verpufft die klischeehafte Kritik an der Kommunikationsgesellschaft. Da, wo Raffinesse und Subtilität vonnöten gewesen wären, setzt Kehlmann auf den Holzhammer. Der Leser wird gegängelt, ihm wird kein Freiraum geboten. Was bleibt, ist ein böse ironisches Kapitel über einen esoterischen Schriftsteller (in dem sich unschwer Paulo Coelho erkennen lässt), dessen Metaphysik und Spiritualität Wellness für die Massen bieten. Ein peinlich berührender Plot und letztlich ein Vexierspiel voller Vorhersehbarkeit: vermessen.
Nachzulesen: hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/962061_Daniel_Kehlmanns_misslungener_Ruhm_Vermesse nes_Spiel.html).
Declan MacManus
09.02.2009, 22:35
Harte Worte, Herr Birdsey!
Ich halte "Ruhm" auch nicht für Kehlmanns bestes Werk. Aber missraten fand ich das Buch ganz und gar nicht (mal abgesehen von der schrecklichen Geschichte, die kläglich daran scheitert, den Schreibstil in Internetforen zu kopieren).
Gegängelt habe ich mich keineswegs gefühlt. Kehlmann lässt durchaus Freiräume, reichlich Interpretationsspielraum und offene Fragen.
Das Experiment, einen Episodenfilm in Romanform zu gießen, ist meiner Meinung nach im Großen und Ganzen gut geglückt.
Sonic Juice
09.02.2009, 22:44
Ich habe bisher nur die Episode über die Frau gelesen, die spontan für einen Kollegen eine Reise ins ferne Asien antritt und dort wider Erwarten strandet (war in der FAZ vorabgedruckt). Die hat mir gut gefallen.
Weniger gut gefallen hat mir Kehlmanns eitel-heiteres Gepose mit Handy am Ohr im "Heute Journal" und an weiteren Orten der Öffentlichkeit. Was natürlich nichts über sein Schreiben aussagen muss. Bis auf "Die Vermessung der Welt", die nicht übel war, aber mir etwas zu bildungsbürgerdünkelig daherkam (also Leute adressiert, die sich z.B. an "Strizz" erbauen und erfreuen können) und wohlig, aber spurlos an mir vorbeizog, kenne ich noch nichts von Kehlmann. Beeindruckendes Handwerk, gute Lesbarkeit und niveauvolle Unterhaltsamkeit würde ich ihm auf dieser Grundlage immerhin attestieren. Wenn mir jemand "Ruhm" schenken würde, würde ich mich jedenfalls nicht wehren oder ärgern.
Sonic Juice
09.02.2009, 22:52
...Was bleibt, ist ein böse ironisches Kapitel über einen esoterischen Schriftsteller (in dem sich unschwer Paulo Coelho erkennen lässt), dessen Metaphysik und Spiritualität Wellness für die Massen bieten. Ein peinlich berührender Plot und letztlich ein Vexierspiel voller Vorhersehbarkeit: vermessen.
Das liest sich aufgrund der Absatzlosigkeit für mich so, als beziehe sich die Kritik des letzten Satzes auf die Coelho-Episode. Nehme aber an, dass diese im Gegenteil das einzig Gute am Buch sein soll und der Rest Dich peinlich berührt?
Dominick Birdsey
10.02.2009, 08:02
Nehme aber, an dass diese im Gegenteil das einzig Gute am Buch sein soll und der Rest Dich peinlich berührt?
So sieht es aus. Dass Kehlmann gut schreiben kann, steht außer Frage. Nur ein Konglomerat aus Kurzgeschichten Roman zu nennen, ist vermessen.
@Declan: Wo siehst du Interpretationsbedarf, der seitens des Autors nicht erklärt wird?
Declan MacManus
11.02.2009, 19:46
So sieht es aus. Dass Kehlmann gut schreiben kann, steht außer Frage. Nur ein Konglomerat aus Kurzgeschichten Roman zu nennen, ist vermessen.
Ob "Ruhm" sich an der Definition der Textsorte Roman messen kann, ist sicherlich diskutabel. Aber ich sehe das durchaus auch als Spielerei des Autors. "Ein Roman in neun Geschichten" klingt zunächst paradox, aber er nähert sich diesem Anspruch, indem er die Geschichten miteinander verknüpft - auf eine Art und Weise, wie ich das noch nirgendwo gelesen habe (Kennt jemand Beispiele aus der Literatur?). Kehlmanns Vorbild scheinen eher Filme wie "Short Cuts" zu sein. Oder sieht jemand das anders?
@Declan: Wo siehst du Interpretationsbedarf, der seitens des Autors nicht erklärt wird?
Sind für dich alle Fragen beantwortet? Ich hatte nach dem Lesen einige Fragen oder zumindest Überlegungen / Anregungen im Kopf: Was etwa das Spiel mit den verschiedenen Ebenen von Realität und Fiktion angeht, ist doch längst nicht alles beantwortet.
Dominick Birdsey
13.02.2009, 19:43
@Declan: "Short Cuts" stand in der ursprünglichen Version des Artikels auch als Referenz, musste ich aber kürzen und dann fiel das raus. In dem Zusammenhang fällt mir Murakamis "Nach dem Beben" ein - sicherlich ohne Verknüpfung der Figuren. Allerdings halte ich gerade das bei Kehlmann für bemüht und missraten. Wie ein Künstler, der noch einen Roman beim Verlag abgeben muss, um aus seinem Vertrag zu kommen. Weil er aber nur ein paar Kurzgeschichten hat, werden diese bemüht und rasch verknüpft und als Roman verkauft.
Zum anderen Punkt: Es geht nicht darum, dass ein paar Fragen offenbleiben. Es geht darum, dass Kehlmann zu viele beantwortet. Und leider oft mit dem Holzhammer. Das mag ich nicht. Das letzte Mal, dass mich etwas derart geärgert hat, war bei Khaled Hosseinis "Drachenläufer": Trivialliteratur.
Wer es deutlich besser macht:
Thomas Bernhard - Meine Preise
Plötzlich ist alles wieder da. Die langen Sätze, die absatzlos aneinandergereiht werden. Die zusammengesetzten Wörter, das Granteln und Übertreiben: Der „völlig durchinstrumentierte Wahnsinn“.
Thomas Bernhard, einer der berühmtesten österreichischen Schriftsteller, hat in seinem Testament verfügt, dass nach seinem Tod 1989 weder Stücke von ihm aufgeführt noch publiziert werden dürfen. 20 Jahre lang ist kein Werk veröffentlicht worden. Seinem Halbbruder Dr. Peter Fabjan gelang es durch die Gründung einer Privatstiftung, das Testament zu umgehen.
Nun ist also mit „Meine Preise“ das erste Buch aus dem Nachlass erschienen. Entstanden sind die neun Prosa-Texte 1980. Ergänzt wurden sie um drei Reden, die der in den Niederlanden geborene österreichische Schriftsteller anlässlich der Preisverleihungen gehalten hat.
Prosa von Thomas Bernhard zu lesen, ist für Bernhard-Liebhaber wie nach Hause kommen: Alles ist bekannt und hat seinen richtigen Platz. Die Themen haben sich nie geändert. Der Staat und seine Minister sind ihm verhasst. Preise und deren Verleihungen sind ihm zuwider: Wäre nicht das Preisgeld, nähme er sie gar nicht erst entgegen. Soviel Selbstkritik muss sein. „Wir wissen nicht, handelt es sich um die Tragödie um der Komödie willen, oder um die Komödie um der Tragödie willen“: Die Balance aus Humor und Ernsthaftigkeit, aus Fiktion und Biografie, aus Parodie und Dialektik ist es einmal mehr, die der „Übertreibungskünstler“ Bernhard meisterhaft und virtuos beherrscht.
Der Österreicher schafft es, anzuecken und „vor den Kopf zu stoßen“, aber auch zu unterhalten. Wenn bereits Filmschauspieler wie Heath Ledger posthum geehrt werden, dann sollte das Nobelpreis-Komitee darüber nachdenken, Thomas Bernhard für sein Lebenswerk zu ehren. Auch wenn wir nicht in den Genuss einer gewiss skandalträchtigen Preisrede kämen: Verdient wäre es allemal. Naturgemäß.
Thomas Bernhard: Meine Preise. Eine Bilanz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 2009, 144 Seiten, 15.80 Euro.
Nachzulesen auch hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/972255_Thomas_Bernhards_Meine_Preise_Niemals_nachg elassen.html).
Ebenfalls dazu ein Artikelchen (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/972252_Die_totale_Weltkomoedie_Bernhard_zum_20._To destag.html)über Bernhard zum 20. Todestag.
Mark Oliver Everett
16.02.2009, 15:56
Kehlmanns Vorbild scheinen eher Filme wie "Short Cuts" zu sein. Oder sieht jemand das anders?
ja, hat was. erinnert mich auch, wie ich das kürzlich igendwo gehört habe, an bunuels "das gespenst der freiheit." wer zuvor nur eine nebenfigur war, wird plötzlich zum hauptprotagonisten und umgekehrt.
trotzdem, das buch hat mich nicht vollständig überzeugt. das mag vielleicht auch an meiner hohen erwartungshaltung liegen, die ich an das buch hatte. von den neun geschichten haben mich aber nur 2 1/2 so richtig überzeugt. die über kehlmanns alter ego leo richter und die andere mit dem titel "osten." die beiden geschichten hängen ja auch eng miteinander zusammen. beide haben mich gut unterhalten (wie eigentlich das ganze buch), amüsiert und auch sprachlich überzeugt. hinzu kommt die geschichte um rosalie, die in die schweiz kommt um zu sterben. diese geschichte gefällt mir allerdings auch nur zur hälfte. einerseits hat sie mich sehr berührt, andererseits hat sie, wie fast alle anderen geschichten, einfach für meinen geschmack etwas, ich sags mal so: wenig fleisch am knochen. obwohl ich oft die ausgangssituationen von kehlmanns geschichten interessant finde (speziell auch bei der ersten geschichte mit der telefonverwechslung), verpasst es kehlmann finde ich, daraus mehr zu machen als nur einen guten ansatz. häufig bricht er die geschichten auch an der interessantesten stelle einfach ab, wie etwas bei der geschichte des fremdgehers. meiner meinung nach völlig unnötig. er könnte doch auch mal etwas zu ende führen und den leser nicht jedesmal im unklaren lassen. hinzukommt, dass ich dieses konzept von kurzgeschichten, die irgendwie ineinander verwoben sind und ein grosses ganzes bilden, schon in der anderer form (z.b. eben auch in filmen) schon wesentlich besser präsentiert bekommen habe.
trotzdem war das buch für zwei tage eine ganz nette unterhaltung. mir wurde es jedenfalls nie langweilig beim lesen. ich würd jetzt mal 75-78 von 100 punkten vergeben.:-)
Dominick Birdsey
08.04.2009, 13:35
Philip Roth ⋅ Empörung
Anfangs führt der Autor seine Leser in die Irre. Dann lässt er sie knapp 200 Seiten lang zappeln. Philip Roth bedient sich bei Thornton Wilders „Unsere kleine Stadt“: Er lässt seinen Ich-Erzähler zwar nicht aus der Perspektive eines Toten berichten, aber aus der eines jungen Studenten, der unter Morphium im Lazarett liegt.
Der Korea-Krieg geht in sein zweites Jahr, als der jüdische Student Marcus Messner sein Studium im entlegenen Ohio aufnimmt. Messner ist ehrgeizig, seine erste sexuelle Erfahrung verwirrt ihn, er legt sich mit seinen Zimmergenossen an. Als Einzelkämpfer gegen die Normen des Colleges lebt er mit der Angst, von der Hochschule zu fliegen und in den Koreakrieg eingezogen zu werden.
Nachdem seine letzten Romane vom Altern und den damit einhergehenden Problemen handelten, kehrt Roth zurück zu den Themen Kindheit und Krieg. Roth hält Amerika den Spiegel vor: Messner ist dabei pars pro toto der amerikanischen Gesellschaft. Trotz der Einbettung in die 50er Jahre ist der Roman Kritik an der repressiven Politik des George W. Bush. Geschichte wiederholt sich.
Kaum einem anderen Autor gelingt es, auf wenigen Seiten so viele Themen zu verdichten und mit einem doppelten Boden zu versehen. Bereits der Titel deutet es an: Er vereint sowohl die persönliche Entwürdigung des Helden als auch die Entrüstung der Gesellschaft gegenüber der Kriegs-Heuchelei. Leider trübt die Rede des College-Direktors Lentz wie einst die Friedensrede des jüdischen Friseurs am Ende von Chaplins „Der große Dikator“ den Gesamteindruck: Auch ohne diesen moralinsaueren Holzhammer steht die Geschichte für sich. Dennoch ist Philip Roth wieder ein zeitloses Meisterwerk gelungen.
Rezension wie immer auch hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/buch/1019983_College_Krieg_und_Kritik.html).
Dominick Birdsey
03.06.2009, 11:08
Wenn der Frieden flucht
Shalom Auslander: Eine Vorhaut klagt an. Erinnerungen. Berlin Verlag, 2008, 352 Seiten, 19,90 Euro
Als Shalom Auslander mit acht Jahren erfährt, dass Gott auch „Vater im Himmel“ genannt wird, erschaudert er: „Es gibt noch einen? Im Himmel? Ist er in Unterhosen rumgeschlurft? Wie groß war seine Faust?“ Shalom Auslander ist ein ultraorthodox erzogener Jude. Er glaubt an Gott, und das wird ihm zum Problem.
Die Erziehung durch seine Eltern und durch die Schule lehrt ihn einen aufbrausenden und rachsüchtigen Gott. Ohne Barmherzigkeit straft dieser Gott alle Sünden rigoros ab und treibt seine persönlichen Spiele mit dem jungen Juden.
So entsteht eine nicht chronologische Sammlung an Schilderungen, die die Adoleszenz Auslanders als zusammenhängende Erzählung skizziert. Das Infragestellen von Autoritäten beginnt früh: Bei einem Segenswettbewerb schwört er einen Konflikt herauf, um auf die Ungerechtigkeit hinzuweisen, dass sein Kontrahent mit leichten Fragen bevorzugt wird.
Aber auch während der College-Zeit kommt Auslander immer in Versuchung, nichtkoscher zu leben, und wird zur Festigung seines Glaubens nach Jerusalem geschickt. Letztlich wird er vor die Frage gestellt, wann, wie und vor allem von wem sein Sohn beschnitten werden soll.
Autor und Figur tragen den gleichen Namen. Daraus zu schließen, dass sie auch identisch sind, wäre falsch. Vielmehr handelt es sich um ein alter Ego, das der Autor als Allzweckwaffe gebraucht, um seine Anekdoten zu veranschaulichen. Sowohl seine Sprache als auch der Inhalt sind überspitzt und provokant. Die Dialoge sind pointiert wie in guten Woody-Allen-Filmen. Nicht umsonst schreibt Auslander Kolumnen für das New York Times Magazine.
Der Autor setzt bewusst auf Effekthascherei, um die Absurdität und die Komik der jeweiligen Situationen zu verdeutlichen. Dennoch bleibt ein tragischer Unterton: Neben dem nicht immer politisch korrekten Humor ist es der innere Konflikt zwischen der Abkehr von Familie und Gesellschaft, der sich Auslander nicht mehr zugehörig fühlt, und dem Aufrechterhalten seines Glaubens, der das Buch lesenswert macht.
Auch hier zu finden. (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1068415_Shalom_Auslanders_Erinnerungen_Wenn_der_Fr ieden_flucht.html)
Dominick Birdsey
03.06.2009, 11:10
Taumelnd wie eine Wespe
Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten. Hanser, 2009, 160 Seiten, 17,90 Euro
Gerhard Warlich ist 41 Jahre alt. Er hat Philosophie studiert. Etwas antriebsarm arbeitet er als Organisationsleiter einer Großwäscherei und gibt sich damit zufrieden. Als „stiller Kommunikator“ lebt er in den Tag und träumt davon, ein Konzeptkünstler zu sein.
Trotz seiner Freundin Traudel, der bodenständigen Leiterin einer Bankfiliale, beschleicht Warlich das Gefühl, der Einzige zu sein, der auf sich Rücksicht nimmt. Und obwohl er „nicht zu zweit allein sein“ will, bringt er nichts in die Beziehung ein. Und so gerät sein Leben komplett aus den Fugen, als Traudel ihm erklärt, dass es an der Zeit sei, langsam Kinder zu bekommen.
Wilhelm Genazino erzählt den schleichenden Prozess des Scheiterns anhand kleiner Skurrilitäten. Seiner tragischen Figur nähert er sich leise und lakonisch. Genazinos Sprache ist unaufgeregt und unprätentiös, dafür pointiert und präzise.
Wenn Warlich den taumelnden Flug eine Wespe beobachtet und darin ein vorweggenommenes Bild seiner Zukunft sieht, dann ist er ganz der pessimistische Phänomenologe, den alle Protagonisten in Genazinos Romanen verkörpern: Aus alltäglichen Erscheinungen ziehen sie ihren Erkenntnisgewinn. Nicht umsonst ließ der Autor seinen Helden diesmal über Heidegger promovieren.
Warlich ist ein Wiedergänger. Er ist ein „Beinahekünstler“ wie der Held der gleichnamigen Romantrilogie Abschaffel, dessen Tagträume die Realität verdrängen. Man ertappt ihn wie den freischaffenden Apolyptiker in „Die Liebesblödigkeit“ in Gedanken an die Eltern und bei Rückblicken auf seine Kindheit. Seine Wunschvorstellung, einmal eine „Schule der Besänftigung“ zu eröffnen, reiht sich in Genazinos absurde Berufsbezeichnungen ein.
Scheinbar nichts Neues im Mikrokosmos des Büchner-Preisträgers? Sicher: Die Balance von dezenter Tragik und feiner Komik ist wie immer austariert. Während aber noch im letzten Roman „Mittelmäßiges Heimweh“ die Surrealität das Geschehen betonte, vermengen sich das Reale und das Surreale aufgrund der Grenzüberschreitungen des Ich-Erzählers. Warlich gelingt es nicht mehr, sich den Malaisen des Alltags anzupassen.
Er schaut zu, wie seine Hose auf dem Balkon verwittert, und begrüßt eine alte Freundin mit einer Brotscheibe beim Handschlag. „Übergangspeinlichkeit“ oder „Peinlichkeitsverdichtung“ nennt das der Autor. Oder neudeutsch: Fremdschämen. Und was bei Sitcoms wie „Stromberg“ funktioniert, gelingt auf hohem literarischem Niveau auch dem „Glück in glücksfernen Zeiten“. Lesenswert.
Auch hier zu finden (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1068416_Wilhelm_Genazinos_neuer_Roman_Taumelnd_wie _eine_Wespe.html)
Dominick Birdsey
17.06.2009, 11:23
Judith Hermann: Alice. S. Fischer-Verlag, Frankfurt, 192 Seiten, 18.95 Euro.
Spinnennetze sind kleine Kunstwerke unterschiedlichster Formen und Funktionsweisen. Verwoben, versponnen und wunderschön anzusehen. In Judith Hermanns drittem Erzählband „Alice“ haben Spinnennetze in jeder der fünf Kurzgeschichten eine Funktion.
In der ersten erzählt Alice von ihrer Trennung von Micha. An ihrem letzten gemeinsamen Abend webt eine kleine Spinne zwischen zwei Bierflaschenhälsen ihr Netz. „Ihm tats leid, sagte Alice. Es tat ihm leid, ihr Werk zerstören zu müssen“. Andeutungen, Ambiguität, Ambivalenz: hintergründig mit Netz und doppeltem Boden.
„Alice“ ist der dritte Erzählband der Berlinerin Judith Hermann. Im Gegensatz zu „Sommerhaus, später“ und „Nichts als Gespenster“ hängen die Geschichten diesmal unmittelbar zusammen: Sie erzählen fünf Stationen aus dem Leben von Alice, einer Frau in den Vierzigern. Jede Episode ist mit einem Männernamen betitelt und handelt vom Tod dieser Person. Ob Selbstmord oder kurze Krankheit: Alice ist mit dem Sterben konfrontiert. Die Toten evozieren Erinnerungen an Alice eigenes Leben.
Jedes Kapitel dient als Baustein zur Charakterisierung der Hauptfigur. Alice hinterfragt: Wie sind sie gewesen, die Toten? Meistens aber bleibt die Erinnerung genauso blass wie die Protagonistin farblos. Fahl sind fast alle Charaktere und das hat bei Hermann Methode. In der Namensgebung wählt sie anonyme Varianten. Die Figuren heißen „der Rumäne“ oder bleiben wie das Kind von Maja und Micha ganz namenlos. Wie die Erzählerin sagt, sind ihre Figuren wie „Astronauten, es gibt nirgends einen Halt“. Sie bleiben schemenhaft und skizziert. Dazu passt Hermanns minimalistische Sprache.
Wenig Adjektive, dominierende Substantive. In den Kurzgeschichten ist viel Traurigkeit, viel Leere und viel Schweigen. Mitunter wirken sie kalt, karg, aber kunstvoll. Leider sind die Erzählungen von unterschiedlicher Dichte und Atmosphäre. Und gerade das letzte Kapitel missrät aufgrund seiner bemühten Konstruktion. Schlecht ist das Buch dennoch nicht. Denn in Judith Hermanns Erzählungen verfangen sich die Leser schnell. Wie in Spinnennetzen.
Nachzulesen wie immer auch hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1074817_Judith_Hermanns_Erzaehlband_Alice_Kein_Wun derland.html).
Dominick Birdsey
17.07.2009, 08:05
Martin Kluger: Der Vogel, der spazieren ging. Dumont: Köln, 2008, 318 Seiten, 19.90 Euro.
Samuel Leiser wohnt in Paris. Er lebt getrennt von Letitia, der Mutter seiner pubertierenden Tochter Ashley, und weit weg von seinem Vater, dem Schriftsteller Jonathan Still. Samuel übersetzt die Abenteuer des Detektivs Paul Perrone ins Deutsche, die Yehuda Leiser - so hieß sein Vater vor der Emigration - ersonnen hat.
Im Sommer Anfang der 70er Jahre flüchtet Sams Tochter zu ihm nach Paris. Sein Versuch, ein paar Wochen ungestört mit ihr zu verbringen, scheitert zum einen an dem seltsamen Kind, das im Traum alte Frauen umbringt. Zum anderen daran, dass sich die gesammelte „Mischpoke“, vom Mafia-Onkel Meyer über Letitia und ihren schauspielernden Freund, ihren Vater bis zu Samuels eigenen Vater samt neuer Freundin, in seiner Wohnung zusammenfindet.
Zu allem Überfluss verliebt sich Samuel auch noch in seine Spanischlehrerin. Oder kurz mit den Worten des Protagonisten zusammengefasst: „Meine Tochter macht mir Sorgen. Meine Geliebte versteht mich nicht. Mein Vater ist ein Sadist. Meine Mutter ist verschollen. Dafür ist die Mutter meiner Tochter in der Stadt und zeigt sich nicht. Habe ich was vergessen? Ach ja, ich hinke meiner Arbeit hinterher.“
Mit seinem vierten Roman gelingt Martin Kluger eine jüdische Familien-Farce im Stile von Woody-Allen-Komödien. Geschickt konstruiert der Autor eine Melange mit Motiven aus unterschiedlichen Genres: Kriminal- und Trivialliteratur sowie Filmelementen. Der gebürtige Berliner ist auch Drehbuchautor. Gerade die Dialoge gelingen ihm ausgesprochen gut. Ein weiteres Vergnügen bereitet Klugers bildreiche und präzise Sprache. Da wird der Himmel über Paris schon mal als „wehrmachtsgraue Felddecke“ bezeichnet.
Einziges Manko des Romans sind die mitunter zu intelligenten Einwürfe, Reminiszenzen und Zitate, die zwar nicht den Lesefluss stören, aber die Prosa unnötig aufplustern und etwas die Leichtigkeit nimmt. Dennoch hat Martin Kluger völlig zu Recht den Literaturpreis der Stadt Bremen bekommen. Empfehlenswert.
Auch hier zu finden. (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1091062_Martin_Klugers_neuer_Roman_Muntere_Mischpo ke.html)
Sonic Juice
17.07.2009, 09:11
Der Besprechung kann ich mich anschließen. Freut mich, dass das Buch Euch eine Kritik in den WN wert war!
Dominick Birdsey
18.07.2009, 11:07
Freut mich, dass das Buch Euch eine Kritik in den WN wert war!
Und sogar in der 20 Zeilen zu langen Fassung! Next to come: Verena Roßbacher.
Dominick Birdsey
10.09.2009, 10:22
Verena Roßbacher: Verlangen nach Drachen.
Der Debütroman von Verena Roßbacher ist eine moderne Rittersaga: ohne Ritter, ohne Drachen, dafür aber mit Dinosaurierfossilien und dem Verlangen nach einem mythologischen Mischwesen. Und mit einer Prinzessin - im übertragenen Sinne.
Denn Klara ist eine leicht nymphomanische Studentin, die sich nach der großen Liebe sehnt und dabei Männer reihenweise verschleißt. Es ist eben keiner dabei, der für sie wie ein Ritter kämpft. Nicht der Gemüsehändler Kron, der Schläge von ihrem Vater einsteckt und nicht der Alchemist und Esoteriker Lenau, der Klara selbst verprügelt.
Der moderne Mann in Roßbachers Roman kämpft zwar nach wie vor um die Gunst seiner Angebeteten. Wer aber nicht in der Lage ist, sich zu ändern und Kompromisse einzugehen, der versagt und verliert. Denn: „Wer dem Drachen ins Auge schaut, sieht sich selbst ins Innere, wer den Drachen bezwingt, bezwingt auch sich selbst.“
Schwungvoll beginnt dieser Roman, der rein gar nichts mit dem Fantasy-Genre zu tun hat, auch wenn es der Umschlag suggeriert. Vielmehr handelt es sich um einen Porträt-Reigen, der in einem furiosen Screwball-Finale enttäuschter Figuren mündet.
Was zunächst mit viel Tempo und skurrilem Humor beginnt, flacht im Laufe der zu langen Erzählung ab. Sicherlich ist die Prosa für ein Erstlingswerk beachtlich: absurd, grotesk und surreal - gut konstruiert und an Doderers Drachenmotiv angelehnt. Aber in den zahlreichen Dialogen tritt die Handlung auf der Stelle, bleiben die Charaktere oberflächlich. Unterhaltsam ist der Roman dennoch.
Verena Roßbacher: Verlangen nach Drachen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 442 Seiten, 19.95 Euro.
Oder auch hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1120927_Verena_Rossbachers_Debuetroman_Klaras_Ange legenheiten.html).
Dominick Birdsey
10.09.2009, 10:24
Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott.
Josef Hader ist die österreichische Antwort auf Bruce Willis. Wenn er in die Rolle des Simon Brenner schlüpft, sieht Hader nach kürzester Zeit aus, als habe er eine Schar von Schurken erlegt.
Während es Bruce Willis in der „Stirb langsam“-Reihe auf vier Teile gebracht hat, ist Brenner bereits in seinen siebten Fall verstrickt. Und weil drei Folgen erfolgreich verfilmt worden sind, hat der Leser Josef Hader als Brenner stets vor Augen. So gut passen seine Lakonie und Melancholie zur literarischen Vorlage.
Auch dieses Mal greift der Autor Wolfgang Haas zu dem bekannten Trick, einen nahezu allwissenden Erzähler über die Geschehnisse jovial berichten zu lassen. Dieser weiß vieles, aber nicht alles, und einiges gibt er nicht preis. Das macht den Reiz und die Spannung aus.
Dass der Leser direkt angesprochen und sogar geduzt wird, zieht ihn direkt in die Geschehnisse und verbrüdert ihn mit der knapp 50-jährigen Hauptperson Brenner. Der Ex-Polizist und Ex-Privatdetektiv ist seit zwei Jahren Chauffeur und kutschiert die Tochter eines Baulöwen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie entführt wird: „Aber wenn du als Chauffeur ohne Auto im Regen stehst, ist das natürlich der Moment, wo du begreifst, dass du eine Krise hast.“
Was folgt, ist eine hanebüchen humorvolle Story über Abtreibung, Schmier*geld und insgesamt sieben Morde. Und einer Begegnung mit Gott an einem außergewöhnlichen Ort. Am Ende steht die Erkenntnis, dass der größte Fehler unserer Welt sei, „dass es nicht wenigstens ein paar Dinge gibt, die es nicht gibt“. Und ob du es glaubst oder nicht: Der neue Haas-Krimi ist dringend zu empfehlen. Aber auf die Verfilmung mit Josef Hader musst du noch warten.
Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott. 224 Seiten, Hoffmann und Campe, Hamburg, 18.99 Euro.
Nachzulesen natürlich auch hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1120917_Wolf_Haas_neuer_Brenner_Krimi_Seltsame_Beg egnung.html).
Dominick Birdsey
02.12.2009, 11:05
Siegfried Lenz: Landesbühne
Clemens heißt der Ich-Erzähler des neuen Buches von Siegfried Lenz. „Der Sanftmütige“ ist Professor für Literatur und sitzt im Gefängnis, weil er seinen Studentinnen geholfen hat, ihre Prüfungen zu bestehen. Natürlich nicht ohne Gegenleistung. Mit ihm in der Zelle sitzt Hannes. Er hat sich als Polizist ausgegeben und auf diese Art Bußgelder kassiert. Leider irgendwann von der Polizei selbst.
Mit anderen Gaunern sitzen sie in Isenbüttel ein. Bis eines Tages ein Bus mit Schauspielern vorbeikommt. Die sogenannte „Landesbühne“. Während der Aufführung des Stückes „Labyrinth“ fliehen die Gefängnisinsassen mit dem Bus in das Örtchen Grünau, wo sie in kurzer Zeit sich als Personen des öffentlichen Lebens eine gewichtige Rolle erarbeiten.
Zwar gelingt die Lenz-Erzählung in einigen Punkten: Doppelbödigkeit, gekonnte literarische Anspielungen und schräger Humor. Die Flucht aus dem Gefängnis als Normenbruch und der resultierende Konflikt sind novellenspezifisch - genauso wie die kleinen Geschichten in der Geschichte.
Lenz kann mit wenigen Worten sein Figurenpersonal präzise umschreiben. Es ist schrullig, schräg und schelmisch. Wie überhaupt die ganze Novelle einer Posse gleicht. Plädoyer für den Ausbruch aus dem Alltag, für Verrücktheiten und Fantasien. Dabei erhebt Lenz niemals den Zeigefinger und erspart dem Leser jegliche Form von Moral.
Aber leider ist die Sprache des Autors konservativ, überraschungsarm und altbacken. Das Ende mit der Erkenntnis, dass „manchmal die Wahrheit nur erfunden werden kann“, ist bemüht und wirkt aufgesetzt. Letztlich ist die „Landesbühne“ nicht mehr als eine intelligente, aber leicht langweilige Fingerübung.
Dominick Birdsey
04.12.2009, 14:53
Kazuo Ishiguro: Bei Anbruch der Nacht.
Es gibt Schriftsteller, die beherrschen die Kunst der Komprimierung meisterhaft. Andere breiten sich dagegen episch aus. Dann gibt es aber welche, die beherrschen beides. Kazuo Ishiguro wurde bekannt durch seinen Romanerfolg „Was vom Tage übrig blieb“. Dafür bekam er vor 20 Jahren den Booker-Preis. Sein neuestes Buch ist eine Sammlung von fünf Kurzgeschichten, die allesamt um das Thema Musik kreisen.
So lernen wir den berühmten Sänger kennen, der sich von seiner Frau trennen muss, weil er ein Comeback plant. Ob ihm das gelingt, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen, wie vieles andere, was Ishiguro lediglich anreißt. Der Leser erfährt nicht, ob das ambitionierte Karrierepärchen zusammenbleibt.
Ob der junge Singer-Songwriter mit seiner Musik Erfolg hat, bleibt genauso nebulös wie die Zukunft des Saxofonisten, der sein Gesicht operieren lässt. Wer hässlich ist, hat im Musikbusiness keinen Erfolg. Das alles bleibt im Verborgenen, ist aber auch nicht relevant. Wichtig allein sind die Beziehungen, die aufgrund von Musik entstehen. Sie können jahrelang andauern, Eifersucht hervorrufen, flüchtig sein oder zu Trennungen führen: Musik ist ein großer Bestandteil menschlichen Lebens.
Geschickt lässt der britische Autor japanischer Herkunft seine Figuren in mehreren Geschichten auftreten (und sei es nur andeutungsweise). Seine Sprache ist geradlinig, simpel und unterliegt einer eigenen Melodik, der man sich nicht entziehen kann. Das einzige Manko des Buches liegt in seiner Kürze. Wenn das mal keine Ironie ist.
Gibts natürlich auch hier (http://www.westfaelische-nachrichten.de/aktuelles/kultur/nachrichten/1227898_Musik_ist_Trumpf.html).
Declan MacManus
24.01.2010, 22:38
Verena Roßbacher: Verlangen nach Drachen.
Ich habe heute einer kurzen Lesung der Dame beigewohnt und jetzt überhaupt keine Lust mehr das Buch zu lesen. Auf mich machten die vorgetragenen Auszüge einen entsetzlich schwurbelverliebten Eindruck. Nur ab und zu blitzte mal Witz auf. Noch schlimmer war allerdings ihr peinlicher Vortragsstil.
Sonic Juice
24.01.2010, 22:44
Ich finde die Dame sehr sympathisch. "verschwurbelt", "peinlich"... ts, ts, ts.
Ich finde die Dame sehr sympathisch. "verschwurbelt", "peinlich"... ts, ts, ts.Mir gehts bei ihr genauso. "Verschwurbelt" passt wunderbar, "Schrecklich" ginge auch.
Declan MacManus
25.01.2010, 12:10
Ich finde die Dame sehr sympathisch.
Die Dame als solche machte auf mich auch einen sympathischen Eindruck, auch während sie über ihr Buch sprach. Als sie anfing, unglaublich gestelzt aus ihrem angestrengten Roman vorzulesen, schlug meine Sympathie um.
Dominick Birdsey
15.05.2010, 14:21
Philip Roth ∙ Die Demütigung
Simon Axler ist ein berühmter Schauspieler. Im Alter von sechzig Jahren stellt er fest, dass er sein Talent verloren hat, und stürzt in eine tiefe Depression. Die verschärft sich noch, als seine Frau ihn verlässt. Axler hegt Selbstmordgedanken. Dann beginnt er eine Affäre mit Pegeen, der 20 Jahre jüngeren Tochter eines befreundeten Schauspielerehepaares. Pegeen gibt ihre lesbische Lebensart für den älteren Mann auf und versucht mit ihm einen Neubeginn. Ein Scheitern, so weiß auch Axler, würde für ihn den Untergang bedeuten.
Philip Roth bleibt fleißig. Nahezu jedes Jahr beglückt er seine Leser mit einem neuen Roman. Thematisch betritt Roth kein Neuland: Wie zuletzt oft kreist er um Sex, Alter und Vergänglichkeit. „Die Demütigung“ ist (in drei Akten) nicht nur aufgebaut wie ein Drama, sondern funktioniert selbst als solches. Das verdeutlichen auch die Anspielungen auf Dramen, in denen sich die Hauptpersonen das Leben nehmen.
Verdichtung ist das Prinzip, das sich Roth in den vergangenen Jahren angeeignet und bis zur Perfektion getrieben hat. Allein die komprimierte Geschichte über eine Frau, die ihren Mann erschießt, weil dieser ihre Tochter missbraucht hat, ergäbe einen kompletten Handlungsstrang. Wie immer trifft bei Roth der Romantitel „Die Demütigung“ auf jede Figur zu. Sowohl auf Pegeen, die von ihrer Freundin verlassen wurde, weil diese ein Mann werden wollte. Als auch auf Axler selbst. Trotz der Vielschichtigkeit ist „Die Demütigung“ nicht Roths bester Roman. Ungewöhnlich distanziert schreibt der Autor über seine Figuren. Während sonst die Charakterisierungen seine Stärke sind (wie in „Der menschliche Makel“ oder in „Exit Ghost“), bleibt er diesmal vage und an der Oberfläche. Eine routinierte und auch souveräne Arbeit, mehr nicht.
Dominick Birdsey
15.05.2010, 14:23
Ferdinand von Schirach ∙ Verbrechen
Nach 40 Jahren Ehe zerlegt ein Arzt seine Frau mit einer Axt. Das Verschwinden einer alten japanischen Teeschale führt zu einem Massaker in Hamburgs Unterwelt. Ein verwirrter Schafsmörder sieht grün, und ein dicker Politiker kommt bei einer Prostituierten ums Leben. Ein Geschwistermord, ein Bankraub aus Liebe und zwei Neonazis, die an den Falschen geraten: Das Debüt von Ferdinand von Schirach heißt nicht umsonst schlicht „Verbrechen“.
In elf Kurzgeschichten erzählt der gelernte Anwalt und Strafverteidiger von wahren Fällen. Natürlich von spektakulären, keinen alltäglichen. Dabei spielt auch das Milieu keine Rolle: Vom Arbeitslosen bis zum wirtschaftlichen Berater der Regierung ist das gesamte Spektrum menschlichen Seins vertreten. Der Reiz der Erzählungen liegt im Kokettieren mit dem Skurrilen und der Realität. Die Geschichten sollen sich tatsächlich so zugetragen haben.
Schirach gestaltet den Aufbau der Verbrechergeschichten simpel und spannend. Erst wird der Fall kurz dargestellt, bevor er sich über die handelnden Personen langsam der Lösung nähert. Vor allem aber ist es der Sprache des Autors zu verdanken, dass die Erzählungen unterhaltsam geraten. Von Schirachs Sprache ist konzis und fernab der Beamtensprache, die er in den Akten der Kriminalfälle vorgefunden haben dürfte. Simpel und präzise werden die Figuren charakterisiert. Keine überflüssigen Ausschweifungen, die den Lesefluss stören und die Geschichten unnötig in die Länge ziehen.
Leider sind nicht alle Erzählungen von gleicher Intensität. „Summertime“ zum Beispiel ist wie eine Kriminalstory in einer Illustrierten, bei der die Lösung seitenver-kehrt und kursiv am Rand steht oder spätestens am Ende des Hefts nachzulesen ist. Langweilig. Mitunter nervt auch das Besserwisserische, das dem Leser eine Überheblichkeit des Autors vermittelt, die er aber gar nicht nötig hätte.
Gleichsam verhält es sich mit der Unvoreingenommenheit für das gesamte Figurenpersonal, denn ob „der Anwalt glaubt, dass sein Mandant unschuldig ist, spielt dabei keine Rolle“.
Dem Enkel des Reichsjugendführers Baldur von Schirach ist dennoch eine kurz-weilige Lektüre gelungen. Keine hohe Prosa, dafür spannende Unterhaltungsliteratur.
Dominick Birdsey
15.05.2010, 14:28
Monika Maron ∙ Bitterfelder Bogen
In ihrem Debütroman schrieb Monika Marons Alter Ego Josefa Nadler einen Bericht über die dreckigste Stadt der Welt: Bitterfeld. Aufgrund seiner tendenziösen Sicht wird der Artikel nie veröffentlicht.
„Flugasche“ ist mehr als ein Zeitdo-kument der DDR. Vieles, was Maron damals beschrieb, ist aktuell geblieben. Knapp 30 Jahre später nun kehrt sie nach Bitterfeld zurück und beschreibt in ihrem Bericht die Veränderungen, die die 30 Kilometer von Leipzig entfernte Stadt seit Ende des 19. Jahrhunderts erlebt hat. Insbesondere aber die Zeit nach der Wende, als aus einer kleinen Solarzellenfabrik der größte Solarzellenhersteller der Welt entstand.
Der gebürtigen Berlinerin Maron gelingt es mühelos, die zuweilen doch drögen physikalischen Beschreibungen und historischen Hintergründe, sprachlich bildhaft und verständlich zu machen.
Mit viel Humor schildert sie beispielsweise, wie der Unternehmer Jürgen Preiss-Daimler sich in Bitterfeld niedergelassen hat und wie dessen Lieblingsfarbe Türkis mit ihm in die Stadt einzog. Zäune, Schilder, Brücken: alles wurde Türkis gestrichen. Und als sich erwies, dass das Türkis der Skulptur einer Chemiearbeiterin Grünspan und keine besitzanzeigende Farbe war, heißt es bei Maron schelmisch: „Sie hat sich freiwillig eingefärbt“.
Das kleine Puzzle-Teil in den großen Kontext zu stellen, ist eine Kunstform, die Maron beherrscht. So gipfelt die Problematik des ORWO Net AG - Vorstandsvorsitzenden Gerhard Köhler, mit seinen westdeutschen Kollegen Doppelkopf zu spielen, in der Frage: „Können Sie sich das Chaos vorstellen, wenn die Ossis die Wessis übernommen hätten?“
Es ist die Herangehensweise von Monika Maron, Leute zu befragen und anhand dieser persönlichen Erfahrungen zu verdeutlichen, wie sich eine Stadt innerhalb von Jahrzehnten gewandelt hat. Und auch mit Kritik an Kollegen spart Maron nicht. All das lässt erahnen, wie Josefa Nadlers Bericht einst zu lesen gewesen wäre. Hervorragend.
Dominick Birdsey
15.05.2010, 14:40
Hm. Atemschaukel-Rezension finde ich gerade nicht wieder. Reiche ich aber nach.
Danke.
Roth mag ich eh nicht gern lesen, mit Frau Maron kann ich mich Dank Dir zu 100% anfreunden und den Herrn Schirach werde ich mir ebenso gönnen.
Dominick Birdsey
21.08.2010, 18:38
Ferdinand von Schirach ∙ Schuld
Ein minderjähriges Mädchen beschuldigt einen Mann, sie unsittlich berührt zu haben. Der mutmaßliche Täter, zum Opfer einer falschen Anschuldigung geworden, schweigt und wird zu Unrecht verurteilt. Nach der Massenvergewaltigung einer jungen Frau schweigen die Täter und gehen straffrei aus. Das sind nur zwei Extreme, die das Spektrum der neuen Kurzgeschichten des Berliner Strafverteidigers verdeutlichen.
Ferdinand von Schirach ist im vergangenen Jahr mit seinem Debüt „Verbrechen“ nicht nur zum Liebling des Feuilletons geworden: Seine Kurzgeschichten verkauften sich in über 30 Ländern.
So viel Erfolg verpflichtet. Der zweite Band nach dem gleichen Erfolgsrezept ist schnell nachgelegt. Wieder sind es Kriminalfälle, die dem Anwalt in irgendeiner Form begegnet sind. Die kurzen Sätze, die ohne schmückende Adjektive auskommen, unterstützen das Lakonische der Texte. Die meisten Fälle, die von Schirach erzählt, sind spannend aufgebaut. Im Gegensatz zum Debüt sind sie aber noch verdichteter und schlanker.
Ein ums andere Mal aber missrät eine Geschichte völlig, gerät ein Plot vorhersehbar oder erweist sich die Pointe als platt. Auch wenn Ferdinand von Schirach erneut zum großen Literaten hochstilisiert wird, mehr als kurzweilige Unterhaltung für zwei Stunden bietet „Schuld“ nicht.
Dominick Birdsey
27.08.2010, 17:31
(Nachgereicht wie versprochen)
Herta Müller ∙ Atemschaukel
Stets wiederkehrende Fragen nach der Verleihung des Literaturnobelpreises sind: Wer ist das? Ist die Auszeichnung für ein oder für das gesamte Werk? Ist der Autor gut? Als im vergangenen Jahr die Kommission Herta Müller aus dem Hut zauberte, war es nicht anders. Einigen wenigen war die gebürtige Rumänin ein Begriff. Kurz vor der Bekanntgabe war ihr jüngster Roman „Atemschaukel“ erschienen.
1944 kapitulierte Rumänien und verbündete sich mit Russland gegen Hitlers Deutsches Reich. Ein Jahr später forderte Stalin für den „Wiederaufbau“ der Sowjetunion, dass alle in Rumänien lebenden Deutschen ausgeliefert würden.
Leo Auberg heißt die an Oskar Pastior orientierte Hauptfigur. Auch der rumänische Lyriker wurde als 17-Jähriger deportiert und musste als Zwangsarbeiter um sein Leben im Lager kämpfen.
Eindringlich und mit großer sprachlicher Intensität zeigt Herta Müller die fünf Jahre Kriegsgefangenschaft im ukrainischen Lager Nowo-Gorlowka.
Gerade die lyrische Sprache ist es, die die Ausweglosigkeit, Krankheit und den Willen zu überleben so plastisch darstellt, wie es kein Spielfilm jemals vermag. Bilder, die im Kopf des Lesers entstehen und sich dort einbrennen. Müller gelingt die Kunst, eine Sprache für etwas zu finden, das eigentlich unbeschreiblich ist: Poetische Worte und Motivik, die den Leser sprachlos und bewundernd zurücklassen. Dabei verdeutlichen doppeldeutige Begriffe wie „Atemschaukel“, „Herzschaufel“ und insbesondere der „Hungerengel“ den Arbeitsalltag der Häftlinge.
Herta Müller hat die Auszeichnung für ihr gesamtes Werk bekommen. Und was die eingangs aufgeworfene Frage nach der Qualität angeht, ist allein „Atemschaukel“ mindestens einen Literaturnobelpreis wert.
pink-nice
27.08.2010, 18:36
Danke.:-)
Ja, Danke!....gleich mal zur Bücherei.
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