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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Keimzeit – Salzwedel 27.05.2005



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30.05.2005, 12:48
Weiß hier jemand nicht, wo Salzwedel liegt? Er tröste sich, auch ich war mir über die genaue Lage nicht im Klaren, als ich vor ein paar Monaten einer Freundin zusagte, mit ihr eben genau dorthin aufs Keimzeitkonzert zu fahren. Einen Tag vorher schlug ich die Autobahnkarte in meinem Atlas auf und stellte fest, dass es zwischen A24, A2, A7 und Berliner Ring ein riesengroßes Nichts gibt. Mitten in diesem Nichts liegt Salzwedel. Angeblich ist Salzwedel die Stadt Deutschlands, die am weitesten von Autobahnen entfernt liegt. Ob das tatsächlich so ist, weiß ich nicht, aber egal von welcher Autobahn man kommt, bis Salzwedel sind es stets mindestens gute 100 km über Land. Ebenso verhält es sich mit den Entfernungen zu den größeren Städten wie Hamburg, Schwerin, Magdeburg oder Hannover. Das Nichts ist übrigens keine ganz zutreffende Wortwahl. Wenn es im Wendland bzw. in der Altmark eines gibt, dann ist es Landschaft bis zum Horizont. Dem Interessierten sei von Hamburg aus die Fahrt über die Elbuferstraße mit einem Zwischenstopp auf dem Aussichtsturm kurz vor Hitzacker empfohlen, aber das nur nebenbei.

Einmal in Salzwedel angekommen, ergibt sich ein Bild, das so leider auf viele ostdeutsche Städte zutrifft. Einst wohlhabende Hansestadt, kam Salzwedel im WK II zwar mit blauem Auge davon, wie’s scheint, aber 40 Jahre sozialistische Planwirtschaft hätten für die Bausubstanz auch nicht verheerender sein können. Nach der Wende hat sich indes viel getan. Die altertümliche Innenstadt mit ihren restaurierten Gassen wirkt sehr atmosphärisch, doch so manche Seitenstraße gibt noch immer ein erbärmliches Bild ab. In genau einer solchen Seitenstraße liegt das „Hanseat“ und dort sollte das Konzert stattfinden. Ich war mehr als skeptisch. Der Laden wirkte von außen wie eine kleine Kneipe und davor befand sich ein Plakatständer als wohl einziger Konzerthinweis in der gesamten Stadt. Insgeheim befürchtete ich bereits, die Band würde jeden Zuschauer/Zuhörer mit Handschlag begrüßen können. Im Hanseat jedoch eine positive Überraschung. Es tat sich ein wenn auch kleiner, so doch durchaus professioneller Konzertraum mit einem Fassungsvermögen von vielleicht 200 Leuten auf. Die waren dann auch da. Das Bier war bezahlbar (3,50 der halbe Liter vom Fass), die Musiker geisterten vor Konzertbeginn durchs Publikum und irgendwie schien hier jeder jeden zu kennen. Alles sehr familiär und freundlich. Selten wurde ich so oft und in so vertrauter Weise nach Feuer gefragt. Um kurz nach 21 Uhr stand die Band dann auf der Bühne und schaffte das kleine Wunder, den Songs des enttäuschenden aktuellen Albums live gehörig Leben einzuhauchen. Wie bereits auf der letztjährigen Tour begeisterte mich, wie sie die oft so bemühten, aufgesetzt rockigen Songs ihrer Alben nach „Primeln und Elefanten“ live durch mitreißende Jams in Lässigkeit auflösten. Mitunter sah ich mundoffenstaunend zur Bühne und dachte bei Songs wie „Im elektromagnetischen Feld“ mehr als einmal an den damals bitteren Verriss des gleichnamigen Albums im RS. Zwischendurch unterhielt sich ein bestens gelaunter Sänger mit dem Publikum und gab so manche Anekdote von sich. Höhepunkte waren wie immer „Natalie“ – Keimzeits deutschsprachiges Cover des bekannten französischen Songs, der seinen Weg nie auf ein Album fand, aber auf jedem Konzert einfach dazu gehört – und Singapur: nur Piano und Stimme, im Publikum kein Laut und ein Kellner, der hinterm Tresen ergriffen mitsang. Nach einem Ausflug durch Songs von fast allen Alben – nur „Smart und gelassen warten“ blieb aus unerfindlichen Gründen komplett außen vor, dafür hatten sie „Bunte Scherben“ aus der Versenkung geholt – war das Konzert nach 2 ½ Stunden zu Ende. Mir stand noch der Ritt über Land nach Hause bevor. Ich hätte mal ein Hotel nehmen sollen. Sicher gab’s am Tresen noch das ein- oder andere Glas Rotwein mit den Herren Leisegang und Co.

klienicum
30.05.2005, 13:43
du schreibst, was ich gut kenne.
man geht sehr zufrieden aus einem keimzeit konzert nach hause!
es handelt sich um freundliche menschen mit respekt gegenüber
dem konzertbesucher (im sinne einer hervorragenden dienstleistungsqualität).

Neilwho?
30.05.2005, 14:02
Hatte ganz ähnliche Eindrücke beim Konzert im April in Erfurt, mit der Ausnahme dass ich die letzten und das allerletzte Album besser fand als in den Kritiken rüber kam.

Das Konzert selbst war ganz und gar schön, freundliche Menschen auf und vor der Bühne und eine musikalisch auf hohem Niveau musizierende Band.

Im Unterschied zu früheren Konzerten ( bei denen z.B. Live Klassiker wie Natalie und Singapur nicht zu hören waren) gab es diesmal alles was das Herz des Keimzeit-Anhängers begehrt. Und durchweg in mich begeisternden Versionen.

Die Begeisterung der mehrheitlich wohl aus Ostdeutschland stammenden Besucher ( zu denen ich nicht gehörte ) hatte was für Rock-Konzerte ungewöhnlich freundschaftliches und vertrautes, was aber bei allen von mir bisher besuchten Keimzeit-Konzerten (3) vorhanden war.

Eine sympathische Band!

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30.05.2005, 14:27
Hab sie letztes Jahr zweimal Open Air gesehen. Insbesondere in Potsdam vor wesentlich mehr Publikum waren sie allerdings ziemlich unnahbar. Ein Konzert in Clubatmosphäre, wie jetzt in Salzwedel, ist schon ein ganz anderes Erlebnis. Ansonsten stimme ich euch durchweg zu: Sie spielen sich stets den A... ab und selbst bei "Natalie", die sie inzwischen wohl einige hundert mal auf die Bühne "gebeten" haben dürften, kommt nicht der Anflug von Routine auf. Unter 2 Stunden gehen ihre Konzerte selten ab. Plus der Zugaben ist man am Ende wirklich erschlagen und das Grinsen weicht ne ganze Weile nicht aus dem Gesicht.

Insgeheim zwar irgendwie schön, dass Ihnen der große Durchbruch nie gelungen ist. So bleibt Keimzeit ne familäre Angelegenheit. Schade jedoch, dass ihnen auch die Anerkennung der "Fachwelt" in weiten Teilen verwehrt blieb. Zu Unrecht, denn Norbert Leisegang hat wirklich einige große, berührende Texte abgeliefert, die innerhalb der deutschsprachigen Musikszene keinen Vergleich zu scheuen brauchen.

Neilwho?
30.05.2005, 14:39
Schade jedoch, dass ihnen auch die Anerkennung der "Fachwelt" in weiten Teilen verwehrt blieb. Zu Unrecht, denn Norbert Leisegang hat wirklich einige große, berührende Texte abgeliefert, die innerhalb der deutschsprachigen Musikszene keinen Vergleich zu scheuen brauchen.

Ja !!!! Ich hatte schon im "Privaten Kino" Thread die Meinung vertreten, dass Norbert Leisegang zu den besten deutschsprachigen Textern gehört. Für mich neben Rio Reiser einer der Allerbesten!

klienicum
30.05.2005, 15:56
auch jaaa!!!
gerade die texte der ersten scheiben sind eine wohltat,
sie geben der oberflächlichen betrachtung einen bezug und
irritieren unterm bunten gewand. viel freiraum für
assoziationen, aber eben nicht unbegrenzt.
auf den späteren alben wurden die reime leider
etwas holperig und zum teil an den haaren herbeigezogen.
da war herr leisegang früher konsequenter.
aber ich befürworte den stilwechsel. er war mutig und hierfür
zolle ich respekt, wenngleich mir die "lieder" mehr liegen als
die "electrosongs".

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30.05.2005, 16:21
@Neilwho?: Oops, hatte da doch noch wer drauf geantwortet? Sorry, ich hatte den Privates Kino-Thread bereits aufgegeben und nicht mehr nachgeschaut. Ich gebe dir dahingehend Recht, dass die Songs vom letzten Album live einen besseren Eindruck machen. Der neue Gitarrist hat einiges auf dem Kasten, was auf dem Album leider zu statisch und steril wirkt. Aber live kommt da gerade bei den Stücken nach ihrem musikalischen Wandel (ab Im Elektromagnetischen Feld) eine Soundwand rüber, dass ich auch letzten Freitag einfach nur denken konnte: Mann, ist das gut!