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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Luchino Visconti



Napoleon Dynamite
16.12.2004, 16:08
Visconti ist ein sehr strenger Ästhetiker und vermutlich der beste und talentierteste italienische Filmemacher überhaupt. In seinen Filmen geht es eigentlich immer um die Bruchstelle zwischen einer alten, vergehenden Welt und dem Neuen, Heraufdämmernden.


Zu den Filmen im Einzelnen:
"Ossessione" gilt vielerorten als die Geburtsstunde des Neorealismus, ist aber eigentlich eher eine klassische Film Noir Geschichte über einen Mann, der einen Mord für eine Frau begeht. Hat zwischenzeitlich einige, wenige Längen, aber die melodramatischen Emotionen zwischen dem Paar hauen einen um. Es kocht soviel hoch, es brodelt, es explodiert. Liebe hatte selten so viel Expressivität.

"La Terra Trema" ist sein, vermutlich, bester Film und das Kernstück des reinen Neorealismus. Ursprünglich in einer 10 Stunden Fassung angedacht, wurde nur die Episode in einem Fischerdorf abgefilmt (immerhin gut 3 Stunden). Ein sehr dichter, sehr emotionaler aber in er Führung nüchterner Film über die Ausweglosigkeit der Armut, die Einfältigkeit einer abgeschlossenen Gemeinschaft, Rebellion und Liebe. Durch einen Off-Kommentar, von Visconti selber eingesprochen, wird das Leben armer Fischer bis zur Heiligsprechung hochstilisiert. Die Szene, wie die Frauen des Dorfes auf dem Felsen stehen, und auf ihre Männer warten, lässt einen wochenlang nicht mehr los.

„Bellissima“ ist eine recht stimmige Satire auf den Neorealismus-Kult, mit Anna Magnani als Mutter, die ihr Kind in der Cinecitta zum Star machen will. Allerdings ist das ganze etwas arg gealtert, und nicht mehr wirklich von Belang. Alessandro Blasetti übrigens als Regisseur im Film.

„Senso“ ist Viscontis erster Farbfilm und bis dato opulentester. Hier beginnt das atypische Werk. Zwei Stunden Bad in sehr starken, übermannenden Emotionen. Liebe, Verrat, Liebe, Verrat, Liebe, Verrat. Vergisst man nicht.

„Le Notti Bianche“ ist die Verfilmung der gleichnamigen Dostojewskij Novelle. Sehr schöne Aussen-und Nachtaufnahmen zwischen Mastroianni und Schell, wird allerdings stark von den überkandidelten Rückblenden gestört. Lieber Robert Bressons Stoffbearbeitung namens „Quatre Nuits d´un Reveur“ anschauen.

„Rocco e i suoi fratelli“ müsste ich nochmals sehen. Visconti spielt ein bisschen zu sehr mit einer Form, für die er kein Interesse mehr hatte. Die Stilisierung der Stände ist deswegen etwas arg klischee-siert. Einige schöne Einzelszenen, und ein sehr gut spielender Alain Delon.

„Il Gattopardo“. Opulent und lang. Habe ich vor Jahren nach der ersten, nicht so tollen, halben Stunde ausgeschalten. Demnächst läuft er wieder in der kompletten Fassung. Dürfte sehr gut sein. Wird aber zu Unrecht als sein Hauptwerk gesehen. Eine lange Laufzeit, strenge Dekors, ernste Mienen, schon hat jeder sein Meisterwerk.

„Sandra“. Nicht gesehen.

„L'Etranger“. Verfilmung des Albert Camus Buches. Habe ich leider bisher nicht gesehen. Hat den jemand? Gibt es eine europäische Fassung?

„Götterdämmerung / The Damned“. Hmm. Der Film beeinflusste Fassbinder wie kein Zweiter. Und trotzdem ist er ein sehr unausgewogenes merkwürdiges Ding. Der Niedergang einer dt. Industriellenfamilie, die mit den Nationalsozialisten kooperierte. Die Emotionen kochen bis zur Kälte stilisiert hoch, alles ist exquisit ausgeleuchtet, alle sind gepudert, und versuchen in jeder Nahaufnahme die anderen Schauspieler zu überbieten. Am Ende ist alles ein wagnerianischer Reigen aus grossen Lieben, Feuern und Blut. Erster Teil einer dt. Trilogie.

„Death in Venice“.Bekannter Stoff, schlechter Haupdarsteller, exzellente, einzigartige Atmosphärenzeichung. Trotz Schwächen sehr gut.

„Ludwig“. Helmut Berger in 4 Stunden, ne. Toll.

„Gruppo di Famiglia in un Interno“ Nach längerer Zeit wieder ein komplett realisiertes, grosses Meisterwerk über den Einbruch der Emotionen und der jahrelangen Verdrängung in ein stillstehendes Leben. Helmut Berger ist exzellent, die assoziativ auftauchenden Rückblenden mit Dominique Sanda wunderschön. Am Ende hört Lancaster die Schritte des Todes über sich. Solche Filme wurden eigentlich in den 70ern nicht gemacht.

„L´Innocente“ Einer meiner 10 Lieblingsfilme, und das grosse Werk der europäischen 70er (und ein unbekannter Film ohne jeglichen Ruf). Schon halb tot drehte Visconti „nur“ diesen Rohschnitt fertig, und trieb die Überstilisierunng auf einen Endpunkt, wie es sonst nie wieder (oder vorher jemand) gelungen ist. In toten, roten Räumen bewegt sich ein Mann zwischen zwei Frauen, kann nicht die Gefühle der einen erwidern, und zerstört die Gefühle der anderen. Am Ende ist es Kindsmord und eine Kugel, die ihn selbst umbringt. Jede Bewegung, jede kalte Emotion schreit nach dem Stillstand des Bildes. Der Film ist nicht beachtlich für die 70er, der Film wäre für alle Zeiten undrehbar gewesen. Ein besserer wurde danach in Europa nicht mehr gedreht.

Napoleon Dynamite
16.12.2004, 16:10
http://emmanuel.denis.free.fr/images/visconti172.JPG

candycolouredclown
16.12.2004, 16:14
Ich kenn nur "Il Gattopardo", der aus 2 Stunden Leerlauf besteht, um dann im letzten Drittel endlich seiner Intention gerecht zu werden, und dann auch unglaublich intensiv wird.
Dieser Ball!!! :wub:

Napoleon Dynamite
16.12.2004, 16:16
Originally posted by candycolouredclown@16 Dec 2004, 16:14
Ich kenn nur "Il Gattopardo", der aus 2 Stunden Leerlauf besteht, um dann im letzten Drittel endlich seiner Intention gerecht zu werden, und dann auch unglaublich intensiv wird.

So stelle ich mir den Film auch vor, ja. Zumindest wird da eine zeitlich den Gefühlen autosuggestiv vorgemacht, bis dann endlich das kommt, was Visconti wirklich kann.

candycolouredclown
16.12.2004, 16:18
Würde ich auch gern nochmal kucken....

Napoleon Dynamite
16.12.2004, 16:22
Ein Bild noch, dann ist Feierabend (Das links, das ist die Alida Valli):
http://www.bfi.org.uk/gallery/visconti/images/senso1.jpg

candycolouredclown
16.12.2004, 16:30
Visconti hat auch gern mit seinen Darstellerinnen getanzt...
(hier wird der letzte Walzer vorbereitet; Burt Lancaster scheint sehr entschlossen)

http://emmanuel.denis.free.fr/images/visconti195.JPG

Hat and beard
16.12.2004, 16:31
Ich mag Mann und liebe Mahler. Welchen Film soll ich mir anschauen?

Napoleon Dynamite
16.12.2004, 16:37
Originally posted by candycolouredclown@16 Dec 2004, 16:30
Visconti hat auch gern mit seinen Darstellerinnen getanzt...

Aber geschlafen hat er nur mit den Hauptdarstellern.

@Hat:
"Gruppo di Famiglia in un Interno"/"Gewalt und Leidenschaft".

Hat and beard
16.12.2004, 16:39
Danke. Wird gemacht.

candycolouredclown
16.12.2004, 16:41
Originally posted by Napoleon Dynamite@16 Dec 2004, 16:37
Aber geschlafen hat er nur mit den Hauptdarstellern.


Und sogar eingesperrt, und nur zum Drehen rausgelassen!

River
16.12.2004, 19:56
Sehr schön :wub: Macht sehr neugierig auf seine Filme.

Heute kommt zur Erinnerung der 2.Teil von Ludwig II. auf arte.

Napoleon Dynamite
04.05.2005, 13:27
Entwarnung: Der Thread ist wieder nutzbar. Die Kinder aus den Lutschutzkellern.

Mark Oliver Everett
22.09.2005, 16:45
holen wird doch den thread wieder nach oben. heute abend gibts "Gattopardo" scheint ja ein verdammt langer film zu sein. hoffentlich lohnt sich das. die gut 2 stunden von tod in venedig vergingen jedenfalls wie im fluge. auf dvd gibts noch die verdammten und ludwig II. weiss jemand, ob die sehenswert sind? die verdammten wollte ich eigentlich schon immer mal schauen. bei ludwig II. hingegen bezweifle ich hingegen, dass er mich interessieren würde. aber wer weiss.

Mark Oliver Everett
22.09.2005, 16:58
weiss jemand warum der godard und der fellini- thread geschlossen sind?

River
22.09.2005, 17:20
Für mich ist Visconti neben Ingmar Bergman mittlerweile einer der größten überhaupt. Also, wenn möglich einfach alles kaufen und ansehen (allerdings darauf achten, dass es keine gekürzten Fassungen sind).

Napoleon Dynamite
22.09.2005, 17:41
Na, "Sandra" kann man sich aber getrost sparen, oder "Weiße Nächte".

pinch
22.09.2005, 18:21
die verdammten wollte ich eigentlich schon immer mal schauen.
unbedingt anschauen! das ist für mich der beste viscontifilm. erinnert an die buddenbrooks. thomas mann'scher untergangswahn, götterdämmerung...

Mark Oliver Everett
22.09.2005, 18:23
thomas mann'scher untergangswahn, götterdämmerung...

klingt gut.

Napoleon Dynamite
22.09.2005, 18:26
Mich erinnern Thulin und Bogarde in "Die Verdammten" doch eher an Ortrud und Friedrich aus Wagners "Lohengrin".

Mark Oliver Everett
22.09.2005, 18:28
Bogarde

wieso hast du eigentlich irgendwo mal geschrieben, dass dich bogarde in tod in venedig nicht überzeugt? mir gefällt er da nämlich sehr gut. was genau hat dir missfallen?

pinch
22.09.2005, 20:02
Mich erinnern Thulin und Bogarde in "Die Verdammten" doch eher an Ortrud und Friedrich aus Wagners "Lohengrin".
mich erinnert ortrud gerade an eine meiner früheren vermieterinnen :lol:
im ernst: dieser untergang der stahlwerksfamilie, der wertezerfall, das hat von thyssen & krupp ebensoviel, wie von thomas m. und richard w. und überhaupt von der ganzen deutschen untergangsromantik. viscontis blick auf die deutsche epoche und deren mitläufer, aussenseiter und gescheiterten zweifler ist eine einzige große geste. und das üppige saufgelage der nazis ist besonders gut getroffen. diese girlanden...

deadflowers
22.09.2005, 20:27
Wagners "Lohengrin".

Hast du die Sache mit Gottfried verstanden?

NiteOwl
22.09.2005, 20:41
bei "Tod in Venedig" bin ich aus dem Kino gegangen.

Wilhelm Furtwängler
22.09.2005, 22:33
Bei Thulin in "Die Verdammten" muss ich immer an Elisabeth Schwarzkopf denken. Rrrrrr, Elisabeth Schwarzkopf!


http://www.cs.princeton.edu/~san/schwarzkopf3.jpg

Da da da dam!

latho
25.09.2005, 11:44
Mich erinnern Thulin und Bogarde in "Die Verdammten" doch eher an Ortrud und Friedrich aus Wagners "Lohengrin".
Und Helmut Berger erinnert nicht an Marlene.

http://www.vivaluchino.com/visconti/gallery/damned/02.jpg

Die Verdammten haben mir nichts gesagt, der Film berührt nicht, vielleicht ist es das Personal, vielleicht etwas anderes, genau erklären kann ich es nicht.

latho
18.10.2005, 20:46
Nochmal überlegt: vielleicht weil Visconti diese deutsche Untergangstodessehnsucht zu gern zu mögen scheint.