Antwort auf: Ich höre gerade … Jazz!

#12565889  | PERMALINK

friedrich

Registriert seit: 28.06.2008

Beiträge: 5,495

SML – How You Been (2025)

Im Los Angeles des Jahres 2049 irrt Officer K auf der Jagd nach Replikanten im Dauernieselregen umher. Rick Deckard, Bladerunner im Ruhestand, hingegen versteckt sich seit Jahrzehnten in einem alten Casino. Im Zebulon Café in Sektor E auf der unterirdischen Ebene 7 interessiert es aber keinen, ob man Mensch oder Replikant ist und ob und wie man aus Korea, Äthiopien oder Kolumbien eingewandert ist. Ein Vertreter der sowieso brüchigen Staatsmacht hat sich schon lange nicht mehr hierher gewagt.

Die Band auf der kleinen Bühne, die sich SML nennt, wirkt auch wie zusammengewürfelt. Drummer Booker Stardrum könnte mal in einer Afro Beat-Band gespielt haben, Synthesist Jeremiah Chiu hat seine Geräte aus Elektroschrott von der riesigen Deponie in San Diego zusammengelötet und -gestöpselt, der Gitarrist Gregory Uhlman kommt vom Rock, Saxofonist Josh Johnson und Bassistin Anna Butters sind vom Jazz. Wer hier leader ist, soliert oder begleitet ist nicht auszumachen. Überhaupt scheint hier vieles kollektiv improvisiert, klingt meist wie ein komprimiertes polyrhythmisches Gewebe, halb synthetisch, halb organisch, nervös, nicht immer harmonisch und schon mal gar nicht perfekt, aber immer spannend. Oft ist nicht mal zu erkennen, wer da was und wie auf welchem Instrument spielt. Dazwischen mischen sich aber auch immer wieder dazu völlig gegensätzlich wirkende Stücke mit flächigen Synthesizer Sounds. Post Genre.

Das Publikum schlürft dazu im flackernden Neonlicht die von Barfrau Rachael gemixten synthetischen Drinks. Einige lassen sich von den kantigen grooves zu zuckenden Tanzbewegungen hinreißen, andere treiben auf den Synthie-Sounds durch den Raum. Kurz vor Ende des Sets fragt Jeremiah Chiu „Okay, is there a way to dim the lights a little bit more?“

Später basteln SML am PC die Aufnahmen aus dem Zebulon mit Aufnahmen aus New York und Seattle zusammen, schnippeln dieses raus, kopieren jenes rein, schieben die Regler hoch und runter, speichern das vorläufige Ergebnis auf der Festplatte und laden es in die Cloud. Rasant verbreitet sich die Musik übers Internet und dringt ins Gehör von Menschen und Replikanten auf dem gesamten Globus.

Chicago Four

--

“There are legends of people born with the gift of making music so true it can pierce the veil between life and death. Conjuring spirits from the past and the future. This gift can bring healing—but it can also attract demons.”                                                                                                                                          (From the movie Sinners by Ryan Coogler)